Pia sieht »grau«

Pia sieht »grau«

Es regnet schon wieder. Wie so oft hockt Pia am Fenster und starrt auf die nasse Stadtlandschaft hinunter. Nichts als Häuser und Straßen! Pia sieht nur grau, und sie fühlt sich auch so. Grau und düster und allein. Zu nichts hat sie Lust. Lachen kann sie schon lange nicht mehr. Seit Papa zu seiner Freundin gezogen ist. Das ist schlimm gewesen. Mutti hat nur noch dagesessen, gegrübelt und geweint. Auch Pia hat immer wieder gefragt: »Warum hat Papa das getan?«

»Wir müssen weg von hier«, hat Mutti eines Tages gesagt. »Weit weg. Zum Vergessen! Und ich muss wieder arbeiten gehen. Dann habe ich keine Zeit mehr zum Grübeln!«

So sind Pia und Mutti in die Stadt gezogen. Mutti hat Arbeit bei einer Zeitung gefunden und arbeitet sehr hart. Zum Grübeln und Weinen ist sie nun zu müde, wenn sie abends zu Pia in die kleine Hochhauswohnung kommt. Sie ist aber auch zu müde, um sich mit Pia zu unterhalten, mit ihr zu spielen oder etwas zu unternehmen.

Manchmal aber kann Mutti wieder lächeln. »Siehst du«, sagt sie dann, »es war eine gute Idee; abzuhauen, nicht wahr?«

Und Pia nickt. Sie zwingt sich auch zu einem Lächeln. Aber ihr Lächeln ist grau. Pia hat nämlich Zeit zum Grübeln. Und sie hat Heimweh: nach Papa, nach Klosterbach, nach Oma, Opa und nach ihren Freunden. Wie ein grauer Geist schleicht es sich immer wieder heran, dieses Heimweh, und umschlingt Pia wie eine Schlange, die sie zu ersticken droht. So sitzt sie jeden Tag am Fenster, grübelt und starrt auf die große fremde Stadt.

Sie hasst diese Stadt. Und das Hochhaus, und die Mitschüler in ihrer neuen Schule, die sie »Landei« nennen und gemein zu ihr sind. Aber das kann sie Mutti doch nicht sagen!

Pia ist verzweifelt. Manchmal wünscht sie sich, tot zu sein. Auch jetzt denkt sie darüber nach. In der Schule haben sie wieder wegen ihres Dialekts gespottet. Pia hat sich sehr einsam gefühlt, und dieses Gefühl hat sie auch nach Hause begleitet und sitzt jetzt mit ihr am Fenster.

Sie beugt sich aus dem Fenster hinaus. Es ist ein weiter Weg zur Straße hinunter. Die Menschen sehen von hier oben wie Zwerge aus, die Autos wie Spielzeug. Ob es zum Totsein reicht, wenn man hier hinunterfällt?

Pia beugt sich noch ein Stück vor. Wie lange das Fallen wohl dauert? Eine halbe Minute? Nur ein paar Sekunden? Und was würde dann sein?

Pia klettert auf das Fensterbrett. Sie beugt sich noch weiter vor, und noch ein Stück, und noch … Hu, ist das hoch! Sie kriegt einen Schreck. Schnell springt sie ins Zimmer zurück. Ihr Herz klopft laut, und sie schämt sich.

»So ein Quatsch!«, knurrt sie und denkt an Mutti. »Hoffentlich hat mich niemand gesehen!«

Da klingelt es an der Tür. Pia erschrickt wieder. Vorsichtig linst sie durch den Türspion. Sie sieht niemanden.

»Mach auf!«, sagt auf einmal eine fremde Kinderstimme. »Ich weiß, dass du da bist!«

Pia schweigt.

»Los, hörst du? Mach die Tür auf!«, ruft die Stimme.

»Ich darf fremden Leuten nicht die Tür offen!«, ruft Pia zurück. »Lass mich in Ruhe!«

»Ich bin kein fremder Leut!«, tönt es von draußen. »Ich heiße Patrick, und ich sehe dich oft am Fenster hocken und in die Luft starren. Scheint dein Hobby zu sein, was?«

Oje! Der Seitenflügel des Hochhauses. Ob dieser Patrick sie auch eben beobachtet hat? Pia wird ärgerlich. »Und dein Hobby ist wohl, Leute am Fenster anzustarren!«, schimpft sie los und reißt die Tür auf, doch die Worte bleiben ihr im Hals stecken.

Dieser Patrick mit der frechen Stimme sitzt nämlich neben einem Zottelmonster von Hund vor ihr und grinst. Er sitzt! In einem Rollstuhl.

»E-e-entschuldige!«, stammelt Pia, und tausend Gedanken kreisen durch ihren Kopf. Der arme Patrick! Sitzt im Rollstuhl, kann nicht laufen und lacht trotzdem! Und sie hat sich gerade eben noch gewünscht, tot zu sein – wegen eines bisschen Heimwehs! Verlegen stottert sie: »K-k-komm doch rein!«

»Krieg dich wieder ein!«, grinst Patrick und rollt in den Flur. »Das ist übrigens Rambo, mein Partner«, stellt er den Hund vor. »Und bilde dir nicht ein, mich wie Zucker behandeln zu müssen. Musst auch nicht stottern. Mitleid brauche ich keins. Mir geht’s gut, und wenn ich Glück habe, bin ich den Rollstuhl bald wieder los. War ein Unfall, weißt du. Allerdings kein Sturz aus dem Fenster. Wolltest du etwas sagen …?«

»I-i-ich …«, Pia kriegt kein Wort heraus vor Scham. Patrick scheint ihre Gedanken zu erraten. »Vergiss es!«, sagt er und reicht Pia die Hand. »Okay?«

»Okay!« Erleichtert atmet Pia auf.

Patrick grinst wieder. »Tust du mir einen Gefallen?«, fragt er. »Rambo müsste mal Gassi gehen. Ich hab da zurzeit Probleme. Würdest du vielleicht…? Und wenn ihr zurück seid, könnten wir eine Runde quatschen. Mir ist dieses Aus-dem-Fenster-Starren nämlich öde. Dir nicht auch?«

»Und wie!«, ruft Pia. »Komm, Rambo! Wir beeilen uns!« Schnell saust sie mit Rambo hinunter in das Regengrau, das auf einmal gar nicht mehr so grau aussieht. Und wieder klopft ihr Herz laut. Vor Freude diesmal…

Elke Bräunling
Da wird die Angst ganz klein – Mutmachgeschichten
Limburg: Lahn-Verlag 1998

Advertisements

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
Dieser Beitrag wurde unter Angst, Einsamkeit, Familie, Kinder, Tod veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s