Andis Vater und die Befreiungsaktion

Andis VaterAndis Vater

Es war schon merkwürdig. Alle drei Freunde Andis hatten bekannte Väter.

Alexanders Vater war Chirurg. Einer von den Ärzten, zu denen reiche und bedeutende Leute kamen, um sich den Blinddarm herausnehmen zu lassen.

Raffaels Vater spielte Geige. Aber nicht nur so zum Vergnügen. Er gab überall in der Welt Konzerte und war ziemlich berühmt.

Ginos Vater war Film-Regisseur. „Er sagt den Schauspielern, was sie tun sollen“, erklärte Gino den Beruf seines Vaters mit beiläufigem Stolz.

Andis Vater war Verkäufer in einem Geschäft für Herrenmoden. Er war ziemlich klein, trug eine goldgefasste Brille und war gar nicht berühmt. Andi sah ihn nur am Wochenende, weil seine Eltern geschieden waren. Wenn seine Freunde über ihre Väter redeten, blieb Andi still. Was hätte er auch sagen sollen? „Letzten Dienstag hat mein Vater einen grauen Flanell-Anzug verkauft“?

In den großen Ferien fuhr Alexander nach Afrika, weil sein Vater Löwen fotografieren wollte.

Raffael flog nach New York, wo sein Vater gerade ein Konzert gab.

Und Gino durfte nach Jugoslawien, wo sein Vater einen Wildwest-Film drehte. Mit Renzo Romano — dem bekannten Filmschauspieler.

Andis Vater wollte in die Toscana. Wegen der schönen Landschaft und weil er gerne alte Kirchen besichtigte. Andi war nicht sicher, ob er das auch wollte, aber ein gemeinsamer Urlaub pro Jahr war vorgesehen. Und so fuhr Andi mit seinem Vater nach Italien. Es gefiel ihm eigentlich ganz gut. Sie wohnten auf einem Weingut, machten Ausflüge und betrachteten alte Kirchen. Aber nicht zu viele.

An einem Tag, der ein besonderer werden sollte, spazierten sie in einem kleinen Ort über den Marktplatz. Sie kauften Tomaten und Knoblauch für die Spaghetti-Sauce. Dann noch Pfirsiche und Weintrauben als Nachtisch. In einer kleinen Bar trank Andis Vater Kaffee, und Andi bekam einen Orangensaft, der in Italien Aranciata heißt. Dann gingen sie langsam in die Richtung, wo das Auto geparkt war.

Andi sah die Vögel zuerst.

Er blieb entsetzt stehen. An einer sonnenbeschienenen Wand hingen ungefähr zwanzig winzige Vogelkäfige. In jedem Käfig war ein Vogel eingesperrt. Spatzen, Buchfinken, eine Amsel. In unverkennbarer Verzweiflung hüpften sie in ihren engen Behausungen auf und ab, auf und ab.

„So eine Gemeinheit“, sagte Andi.

Andis Vater schaute nachdenklich und sagte nichts.

Niemand sonst schien sich über die eingesperrten Vögel aufzuregen. Die Leute gingen vorbei, redeten, lachten und beachteten das verzweifelte Hüpfen und Tschilpen überhaupt nicht.

Andis Vater ging ganz nahe an einen der Käfige heran. Der eingesperrte Spatz versuchte in Panik zu flattern. Aber der Käfig war so klein, dass seine Flügel gegen die Gitterstäbe stießen. Mit ein paar raschen, entschlossenen Handgriffen öffnete Andis Vater die Käfigtür. Man musste den Wasserbehälter aus dem Käfig ziehen, dann erst ließ sich die Drahttür öffnen. Der Spatz purzelte mehr in die Freiheit, als er flog. Einen Augenblick saß er verdutzt auf der Straße, dann flatterte er auf und war verschwunden. Andis Vater öffnete einen Käfig nach dem anderen.

„Sie sehen uns“, sagte Andi drängend. „Mach schnell.“

Erst als der letzte Käfig offen war, nahm Andis Vater seine Papiertüte, die er abgestellt hatte, und Andis Hand.

„Sie werden uns nicht vorbeilassen“, sagte Andi ängstlich.

Ein Stück vor ihnen standen Leute auf der Straße, redeten leise miteinander und machten finstere Gesichter.

Jetzt würden wir Renzo Romano brauchen, dachte Andi und warf einen besorgten Seitenblick auf seinen Vater. Sonderbar — war er in der kurzen Zeit gewachsen? Er wirkte viel größer als sonst, sehr entschlossen und machte ein Gesicht — ja genau wie Renzo Romano vor einem Zweikampf auf Leben und Tod.

Widerstrebend, aber ohne etwas zu unternehmen, machten die Leute auf der Straße Platz und gaben den Weg frei für Andi und seinen Vater. Als sie um die Ecke gebogen waren, gingen sie rascher und erreichten mit einigen Schritten das Auto. Andi sah noch einmal prüfend seinen Vater an. Konnte denn jemand in seinem Alter überhaupt noch wachsen? Und so schnell? Es war wohl eine Täuschung gewesen.

Sie ließen den kleinen Ort hinter sich. Keiner von beiden sagte etwas. Andi schaute mehrmals unauffällig in den Rückspiegel. Keine Verfolger. Vor ihnen lagen blaugraue, zartviolette, rosa bestrahlte Hügel. Zypressen hoben sich dunkel gegen das milchige Blau des Sommerhimmels ab. Noch immer schwiegen sie beide.

Später saßen sie dann unter einem Olivenbaum und aßen saftige Pfirsiche. Über ihnen, in den silbrig belaubten Ästen, sang ein Vogel.

„Einer aus deinem Fan-Club“, sagte Andi.

Er war schon jetzt neugierig, was Alexander, Raffael und Gino zu dieser Befreiungsaktion sagen würden.

Edith Schreiber-Wicker

Brigitte und Wilhelm Meissel (Hrsg.):Fernweh.
Wien: Herder Verlag, 1980

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