Die Geschichte von der Kuh Gloria

Die Geschichte von der Kuh Gloria

Die Kuh Gloria war schon als Kind dicker als alle anderen Kühe. Und das steigerte sich noch, je älter sie wurde. Ihre Lippen waren fleischig, ihre Nase breit, der Kopf war riesig wie ein Kürbis, eigentlich noch größer, und dazu hatte sie sehr starke Beine, einen dicken Bauch, grobe, borstige Haare und plumpe Füße.

Weil es keine Kleider in ihrer Größe zu kaufen gab, musste sie alles selber nähen, und das tat sie ohne guten Geschmack und ohne großes Geschick. Darum sah sie auch in ihren handgeschneiderten Kleidern noch mässiger aus, als sie in Wirklichkeit war. Sie hatte einen Gang wie ein Trampeltier, und wenn sie sprach, klang es, als ob man in ein leeres Regenfass brüllte.

Diese Kuh dachte nicht daran, bescheiden zu sein wie alle anderen Kühe ihres Jahrgangs und eine gute Milchkuh zu werden. Nein, sie war ehrgeizig und wollte etwas Höheres! Irgendein Spaßvogel, ich nehme an, es war der Fuchs, hatte ihr gesagt, sie habe so eine schöne Stimme, sie solle sich doch als Sängerin ausbilden lassen. Und da sie einen reichen Vater hatte, der alles bezahlte, nahm sie Musikstunden und gab dann auch ein Konzert. Alle Kühe kamen, um Gloria singen zu hören. Sie sang zuerst das Lied vom Veilchen am Wegesrand, und das war auch zugleich das letzte Lied, das sie bei ihrem Konzert sang.

Denn wenn ihre Stimme beim Reden klang, als käme sie aus der Regentonne, so klang sie beim Singen, als wenn zwei Elefanten mit dem Rüssel in eine Gießkanne trompeten, während eine Säge gleichzeitig dünnes Blech zerschneidet. Die Zuhörer hielten sich die Ohren zu, pfiffen, schrien und trampelten, um den fürchterlichen Gesang nicht hören zu müssen, oder rannten scharenweise von der Wiese, wo das Konzert stattfand.

Die Kuh Gloria hörte auf zu singen und begann zu weinen.

Alle Kühe dachten: Jetzt wird sie eine brave Milchkuh werden!

Aber nein – sie nahm Tanzstunden und wollte nun ihr Glück als Tänzerin versuchen!

Als sie zum ersten Mal vor den anderen Kühen tanzte, waren noch mehr gekommen, um Gloria zu sehen, als vorher zu ihrem Konzert.

Sie kam auf die Bühne in einem Tanzröckchen, so groß, dass man daraus bequem sieben Tischtücher hätte machen können, stolperte schon beim ersten Schritt und fiel über ihre eigenen Füße. Die Zuschauerkühe lachten, aber Gloria ließ sich nicht beirren und machte einen Tanzsprung. Dabei brachen die Bühnenbretter unter ihrem Gewicht, und sie sank bis an die Arme ein. Die Zuschauer lachten wieder, aber fünf starke Ochsen stiegen auf die Bühne und halfen ihr aus dem Loch, worauf sie weitertanzte. Allerdings tanzte sie zu nahe an den Bühnenrand, verlor das Gleichgewicht und stürzte von der Bühne direkt auf die Musiker, die im Orchesterraum saßen und zu ihrem Tanz aufspielten.

Als sie sich mühsam wieder erhob, war die Bassgeige zerbrochen, die Trompete flach gedrückt, das Trommelfell zerplatzt, die Handharmonika war entzweigerissen, und den Dirigentenstock hatte der Musikdirektor vor Schreck verschluckt. Man kann sich denken, wie die Zuschauer lachten, als die Tänzerin hinter dem Vorhang verschwand. Daraufhin wanderte die Kuh Gloria, die sich sehr schämte, ins Nilpferdland aus, zu den dicken Nilpferden. Dort tanzte sie vor den plumpen Tieren und sang dazu ihre Lieder.

Und am nächsten Tag las man in der Nilpferdzeitung: »Die Künstlerin Gloria, ein zartes, zerbrechliches Persönchen, gab gestern Abend ein Konzert und tanzte dazu. Noch nie hat man hier so eine reine und helle Stimme bewundern dürfen, noch nie hat man so schönen Gesang gehört. Dazu tanzte, oder besser gesagt, schwebte die Künstlerin wie eine Elfe über die Bühne, und alle unsere Nilpferdmädchen im Saal waren hingerissen von ihrer Leichtigkeit. Hoffentlich tanzt und singt die Künstlerin Gloria noch oft bei uns im Nilpferdland!«

Paul Maar

Reinhard Michl (Hrsg.):Wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen.
Hildesheim: Gerstenber Verlag, 2002

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