Die neuen Herrscher der Welt – Jean Ziegler

Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt.
München: Goldmann Verlag, 2005
Auszüge

Die neuen Herrscher der Welt

Eine Ökonomie des Archipels

In den zehn Jahren seit 1990 hat sich die Welt abrupt verändert. Es geschah mit der Unvorhersehbarkeit eines Erdbebens, das die Experten erwarten, ohne doch im Voraus seine Stärke, seine Begleitumstände oder den Zeitpunkt seines Auftretens zu kennen. Das 20. Jahrhundert, dieses Jahrhundert des Völkerbunds und der Vereinten Nationen, wurde durch eine Unzahl von Kriegen verunstaltet: zwei schreckliche Weltkriege, in denen die Nationalstaaten miteinander um die Vorherrschaft und die Eroberung von Märkten rangen; eine größere Zahl von Konflikten zwischen den Gebietern der Kolonial- und Postkolonialreiche einerseits und den Kombattanten der nationalen Befreiungsbewegungen andererseits; dazu totalitäre Weltanschauungen, grauenhafte Völkermorde und blutige innerethnische Konflikte.

Gleichzeitig war das abgelaufene Jahrhundert beseelt vom Atem der Schöpfung; es gab naturwissenschaftliche Entdeckungen, demokratische und soziale Fortschritte, Friedensinitiativen und die Weiterentwicklung der Menschenrechte. Gewiss, die globalen Utopien, die es aufbauen wollte, sind letztlich gescheitert. Aber der Kolonialismus wurde besiegt, und die Diskriminierungen nach Maßgabe von »Rasse« und »Volk« sind in Misskredit geraten, weil sie jeder biologischen Grundlage entbehren. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind zwar noch überall ungleich, wurden aber zum Gegenstand von Kämpfen und Grundsatzdebatten um die Zukunft der Gesellschaften und die großen Schöpfungsmythen des Planeten. Die Beziehungen zwischen den Kulturen sind ebenfalls noch ungleich, aber auf dem Weg der gegenseitigen Anerkennung. Und nun, am Ende dieses »Zeitalters der Extreme«, wie eine Umwälzung die Globalisierung! Auf dem ganzen Globus hat dieses Erdbeben niemanden kalt gelassen.

Aber mit welchen Folgen für die schwächsten Länder?

In »Groß«-Rio de Janeiro leben sechs Millionen Menschen. Im südlichen Stadtgebiet, in Ipanema, Lebion, São Conrado, Tijuca, grenzen Villen und luxuriöse Grundstücke an den Atlantik. Bewacht werden sie von Privatmilizen und Sicherheitskräften, die mit modernster Kommunikationstechnik, Überwachungskameras, Patrouillenfahrzeugen und natürlich Schnellfeuerwaffen ausgerüstet sind. Unmittelbar hinter den Traumstränden, über den Steilhängen der morros – dieser für Rio so typischen Hügel –, in den Senken und bis an die Umfassungsmauern der vom Meer am weitesten entfernten Wohnungen erstreckt sich die favela de la Rocinha, ein Elendsviertel unter vielen anderen, in dem mehr als 350 000 Menschen zusammengepfercht leben.

Das weiße Johannesburg mit seiner schwarzen Vorstadt Soweto, Lima mit seinem Gürtel aus barilladas, die Festungen der Reichen in Karatschi, die sich in einem Meer von erbärmlichen Hütten verlieren, Manila mit seinen scharf bewachten Wohnvierteln und den von Ratten verseuchten Verschlagen, die sich zu Zehntausenden am Fuß der smokey mountains hinziehen, der Müllberge, von denen die Armen leben — sie alle bieten kein anderes Bild.

Die zu Beginn des 21. Jahrhunderts herrschenden Oligarchien, bekanntlich von der nördlichen Hemisphäre unseres Planeten stammend, verfügen über schier unbegrenzte finanzielle Mittel, während ihre Opfer häufig von allem entblößt sind, unfähig, Widerstand zu leisten. Wie ist diese Ungleichheit zu erklären? In ihren überseeischen Kolonien haben diese Herren seit Ende des 15. Jahrhunderts systematische Plünderung betrieben. Sie liegt der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals in den Ländern Europas zugrunde.

Hauptsächlich waren es die Afrikaner – Frauen, Männer und Kinder –, die seit dem frühen 16. Jahrhundert und unter Bedingungen von unsäglicher Grausamkeit mit ihrem Blut und ihrem Leben für die erste europäische Kapitalakkumulation bezahlten. Um den Rhythmus dieser Akkumulation zu veranschaulichen, will ich nur ein einziges Beispiel geben: 1773/74 zählte man auf Jamaika mehr als 200000 Sklaven auf 775 Plantagen. Eine einzige dieser mittelgroßen Plantagen beschäftigte 200 Schwarze auf 600 Hektar, davon 250 Hektar Zuckerrohr. Nach den sehr genauen Berechnungen von Marx zog England allein 1773 aus seinen Plantagen in Jamaika Nettogewinne von über 1,5 Millionen damaliger Pfund.

Im Laufe der vier Jahrhunderte zwischen dem Aufbruch des ersten Negerschiffes nach Kuba und der Abschaffung der Sklaverei im letzten Land des amerikanischen Kontinents wurden über 20 Millionen afrikanischer Männer, Frauen und Kinder aus ihrer Behausung verschleppt, über das Meer gescharrt und zur Sklavenarbeit gezwungen.

Dank des in den Kolonien akkumulierten Kapitals konnte Europa seit dem 18. Jahrhundert seine rasche Industrialisierung finanzieren. Es konnte der Landflucht begegnen und die friedliche Verwandlung seiner Bauern in Arbeiter herbeiführen. Edgar Pisani bemerkt, dass »das Ineinandergreifen von Landflucht und industriellem Wachstum« die Grundlage des Entwicklungsmodells bildet, das heute die Stärke Europas ausmacht.

Die Männer, Frauen und Kinder aus den Ländern der Peripherie sind sogar in doppelter Hinsicht Opfer. Aufgrund der in der Vergangenheit erlittenen Verwüstungen und der Ungleichheit der Entwicklung zwischen ihren Gesellschaften und denen der alten Kolonialmetropolen der nördlichen Hemisphäre sind sie heute – in der Zeit der Globalisierung als des alleinigen Wirtschafts- und Denkmodells – unfähig, den neuen Angriffen des transkontinentalen Kapitals zu widerstehen. Viele Länder Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und der Karibik wurden durch die von den Handelsniederlassungen praktizierten Dreiecksgeschäfte, Tauschhandel, Kolonialbesatzung, Ausbeutung und Plünderung ausgeblutet. Kurzum, die Globalisierung trifft mit voller Wucht einen bereits stark geschwächten und seiner Immunkräfte beraubten sozialen Körper.

Konstitutiv für die kapitalistische Produktionsweise ist die Tendenz zur Monopolisierung und Multinationalisierung des Kapitals: Von einem bestimmten Entwicklungsniveau der Produktivkräfte an wird diese Tendenz gebieterisch, sie drängt sich als unabweisbare Notwendigkeit auf.

In der Epoche, als die Welt in zwei antagonistische Blöcke zerfiel, standen der Globalisierung Hemmnisse entgegen.

Mit dem Fall der Berliner Mauer, dem Auseinanderbrechen der UdSSR und dem partiellen Abgleiten der chinesischen Bürokratie in die Kriminalität konnte die kapitalistische Wirtschaft ihren ungehemmten Aufschwung nehmen. Und mit ihr die Gefährdung der Arbeitsplätze und der Abbau der so mühsam errungenen sozialen Sicherungen. Viele sozialdemokratische Parteien, beispielsweise die Sozialistische Partei Italiens, haben sich aufgelöst. Andere sind furchtbar geschwächt oder haben jede Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die englische Labour Party hat sich in eine reaktionäre Partei verwandelt, die die Ideologie des Neoliberalismus hochhält und in allen Angelegenheiten um den Beifall der Gebieter des amerikanischen Imperiums buhlt. Alle bekamen die Zielstrebigkeit des globalisierten Markts mit voller Wucht zu spüren. Die Sozialistische Internationale ist implodiert. Die Gewerkschaften sind mit einem dramatischen Rückgang ihrer Mitgliederzahlen konfrontiert. Die kapitalistische Produktionsweise breitet sich über die ganze Erde aus, ohne auf ihrem Weg noch auf nennenswerte Gegenkräfte zu stoßen.

Das Gesetz der Verhältnismäßigkeit von Produktions- und Distributionskosten setzt sich überall durch. Jedes Gut, jede Dienstleistung wird dort produziert, wo die Kosten am geringsten sind. So wird der ganze Planet zu einem gigantischen Marktplatz, auf dem Völker, Klassen und Länder zueinander in Konkurrenz treten. Aber auf einem globalisierten Markt kommt das, was die einen verlieren – Stabilität des Arbeitsplatzes, Mindestlohn, Sozialleistungen, Kaufkraft -, nicht automatisch den anderen zugute. Die Familienmutter im südkoreanischen Pusan, die unterbezahlte Arbeit verrichtet, der indonesische Proletarier, der sich für einen Hungerlohn in einer Montagehalle in der Freizone von Djakarta abrackert, sie verbessern ihre Lage nur mäßig, wenn der Mechaniker in Lilie oder der Textilarbeiter in Sankt Gallen von Arbeitslosigkeit bedroht ist.

Die fortschreitende Verschmelzung der einzelnen nationalen Volkswirtschaften, die von einer gewissen Mentalität, einem kulturellen Erbe, besonderen Handlungs- und Vorstellungsweisen geprägt waren, zu einem einheidichen planetarischen Markt ist ein vielschichtiger Prozess.

Die beeindruckende Reihe von technologischen Revolutionen, die in den letzten dreißig Jahren auf dem Gebiet der Astrophysik, der Informatik und der optischen Elektronik eintraten, hat das Instrument für diese Wende geliefert: den »Cyberspace«, der den Planeten eint. Die ersten Satellitenkommunikationssysteme, Intelsat und Intersputnik, wurden Mitte der Sechzigerjahre installiert. Heute erfolgt die Kommunikation rund um die Welt mit Lichtgeschwindigkeit (300 000 km/s). Die Unternehmen wickeln ihre Angelegenheiten ohne Verzögerung ab, Sekunde für Sekunde und in absoluter Gleichzeitigkeit. Ihre Kampfplätze – das heißt die Orte der Preisbildung für Finanzkapital – sind die Wertpapierbörsen und, in geringerem Umfang, die Rohstoffbörsen. Diese Stätten sind Teilnehmer eines planetarischen Netzes, das ständig in Aktion ist: Wenn Tokio schließt, öffnen Frankfurt, Paris, Zürich und London, dann übernimmt New York. Die Geschwindigkeit des Informationsumlaufs lässt die Welt schrumpfen und beseitigt die einst für Zivilisationen charakteristische Bindung der Zeit an den Raum.

Wir wohnen also der Konstituierung einer virtuellen Welt bei, die an die herkömmliche geografisch-historische Welt nicht assimilierbar ist. Das zirkulierende Kapital selbst ist virtuell; derzeit übertrifft es um das Achtzehnfache den Wert sämtlicher Güter und Dienstleistungen, die während eines Jahres auf dem Planeten produziert werden und verfügbar sind. Die so entstehende Dynamik zeugt von einer ungeheuren Vitalität, verstärkt aber auch nachdrücklich die Ungleichheiten: Die Reichen werden im Nu immer reicher, die Armen sehr viel ärmer. In den USA ist das Vermögen von Bill Gates genauso groß wie das der 106 Millionen ärmsten Amerikaner zusammen. Es gibt inzwischen Einzelpersonen, die reicher sind als ganze Staaten: Der Besitz der fünfzehn vermögendsten Menschen der Welt übertrifft das Bruttoinlandsprodukt aller Länder des subsaharischen Afrika außer Südafrika.

Werfen wir kurz einen Blick auf die Entstehung der Terminologie!

»Globalisierung« (globalisation) ist ein Anglizismus, der in den Sechzigerjahren von dem kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan und dem amerikanischen Experten für »Probleme des Kommunismus« an der Universität Columbia, Zbigniew Brzezinski, lanciert wurde. McLuhan zog die Lehren aus dem Vietnamkrieg, dem ersten Krieg, der unmittelbar im Fernsehen zu verfolgen war, und glaubte, dass die Allgegenwart und Unbestechlichkeit der Fernsehbilder bewaffnete Auseinandersetzungen erschweren und die noch nicht industrialisierten Länder dem Fortschritt entgegenfuhren werde. Er prägte auch das Schlagwort vom »globalen Dorf«. Brzezinski sah in der Heraufkunft der elektronischen Revolution die Weihe der amerikanischen Supermacht zur »ersten globalen Gesellschaft der Geschichte« und führte die These vom »Ende der Ideologien« ein.

Die französische Entsprechung, mondialisation, ist ein Neologismus, der freilich schon alt ist. Bis 1992 gebrauchte man zur Bezeichnung dieser Tendenz die Begriffe »multinational«, »transnational«, Ausdrücke wie »Unternehmen ohne Grenzen«, »Globalisierung des Finanzsektors«, »mondialisation der Märkte«, »weltweiter Kapitalismus«. Um in der Erdbebenmetaphorik vom Anfang dieses Kapitels zu bleiben: Der erweiterte Gebrauch dieser Begriffe entsprach der geologischen Bewegung der Platten: Nach dem Golfkrieg von 1991 konnte Washington die Geburt einer »neuen Weltordnung« verkünden. Der Ausdruck bezeichnete bald die neue Ordnung der internationalen Angelegenheiten und harmonierte mit den neuen Begriffen »Globalisierung« und »mondialisation«, die nun allein, ohne ergänzendes Nomen, gebraucht wurden.

Philippe Zarifian, Verfasser eines hellsichtigen Essays über die »Entstehung des Eine-Welt-Volks«, konstatiert: »Die Globalisierung […] entspricht jenem Satellitenblick auf den Globus, den die Bosse der Großunternehmen begründet haben. […] Von oben gesehen, erscheint die Erde als eine: Nationen, Staaten, Grenzen, Regelungen, Volkscharaktere, Rassen, politische Regimes, alles verfließt ineinander, ohne doch zu verschwinden. […] Der große Traum vom All-Einen, der die platonischen Philosophen umgetrieben hat, ist endlich verwirklicht. Das All-Eine ist das Hoheitsgebiet des zeitgenössischen Kapitalismus.«

Die Globalisierung oder mondialisation ist weit davon entfernt, einer wahrhaft globalisierten wirtschaftlichen Entwicklung zu entsprechen. Vielmehr fuhrt sie zur streng lokalisierten Entwicklung von Geschäftsvierteln, wo die großen Unternehmen, Banken, Versicherungen, Vermarktungs- und Vertriebsdienstleister und Finanzmärkte angesiedelt sind. Pierre Veltz hat gezeigt, wie sich rund um diese Wirtschaftszentren riesige Bevölkerungszonen erstrecken, deren Menschen es zum Teil gelingt, unter Einsatz ihrer Intelligenz und ihrer Beziehungen von den vielen Kleinstaktivitäten zu leben, die bei den »globalisierten« Angelegenheiten in ihrer nächsten Umgebung abfallen. So überzieht die Globalisierung den Planeten mit einem gerippeartigen Netz, das einige große Agglomerationen miteinander verbindet, zwischen denen »die Wüste wächst«. Wir treten in die Epoche der »Ökonomie des Archipels« ein. Dieses Modell der »verschiedenen Geschwindigkeiten« treibt alle in der Vergangenheit bekannten Arten von Gesellschaften und Gemeinschaftsbildungen in den Untergang und markiert wohl auf lange Zeit das Ende des Traums von einer endlich geeinten, mit sich selbst versöhnten, in Frieden lebenden Welt.

Die Realität der globalisierten Welt besteht in einer Kette von Inseln des Wohlstands und des Reichtums, die aus einem Meer des Völkerelends herausragen.

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