Jakob geht in die Wüste

Jakob geht in die Wüste

Der Religionslehrer erzählt den Kindern, warum die Propheten und warum Jesus so gern in die Wüste gegangen sind: »In der Wüste ist der Mensch allein. Er kann still werden und nachdenken. Er kann ausprobieren, ob er ohne die gewohnten Dinge auskommt – ohne gutes Essen und gemütliche Wohnung, ohne Unterhaltung und ohne Freunde. Nichts lenkt ihn ab, wenn er mit Gott sprechen will.«

»Waren Sie schon in der Wüste?« fragt Jakob.

»Ja«, sagt der Lehrer. »Von Jerusalem aus bin ich hingefahren. Ich war so gern dort, dass ich es kaum beschreiben kann.«

Ich möchte auch in die Wüste, denkt Jakob. Schade, dass es in seiner Nähe keine Wüste gibt, keinen Platz zum Stillwerden und Nachdenken.

Oder gibt es ihn doch?

Nach dem Mittagessen ist es in Jakobs Zimmer nicht laut. Er hört nur leise die Ö 3-Musik aus der Nachbarwohnung herüber und wie die Mutter in der Küche mit dem Geschirr klappert. Im Hof wirft ein Kind einen Ball immer wieder gegen die Mauer, von weitem brummt der Autobus. Zum Stillwerden ist es hier zu wenig still, aber vielleicht gelingt es Jakob, einfach wegzuhören, wenn er sich Mühe gibt.

Er fragt die Mutter, ob er einen kleinen Spaziergang machen darf.

Es ist nicht leicht, in der Stadt ein Stück Wüste zu finden. Der Beserlpark könnte eine sein, aber daneben wird die Straße aufgerissen, die Maschinen dröhnen so laut, dass man nicht einmal die Spatzen in den Sträuchern zetern hört.

Drei Häuserblöcke weiter, hinter der Schuhfabrik, liegt eine Schutthalde. Sie ist mit Stacheldraht eingezäunt, aber Jakob weiß eine Lücke, durch die man schlüpfen kann. Die Schutthalde ist eine wüste Landschaft aus alten Ofenröhren, Geröll, Gehäusen von Waschmaschinen und Autoteilen. Ein alter Mann stapft gebückt zwischen den Gerümpelhügeln. Er sammelt altes Metall. »Suchst was?« fragt der Mann und schaut Jakob an.

Jakob schlüpft auf die Straße zurück und geht und geht, bis er vor Kathis Haustor steht. Er steigt die Stiegen hinauf und läutet.

»Ich such einen Platz zum Nachdenken«, sagt er zu Kathi.

Sie führt ihn ins Wohnzimmer, schiebt mit dem Fuß Bücher und Spielzeug beiseite und legt ihren gehäkelten Polster in den Winkel zwischen Kasten und Wand. »Da setz dich her«, sagt sie. »Werd ich halt still sein, damit du nachdenken kannst.«

Sie setzt sich an den Tisch, zu den Aufgaben. Sie redet kein Wort, sie schaut Jakob nicht einmal an. Es ist so still im Zimmer, dass er ihre Füllfeder über das Papier kratzen hört. Und das leise Geräusch, das entsteht, wenn Kathis weicher Hausschuh am Sesselbein wetzt. Denn ganz ruhig hat die Kathi noch nie sitzen können.

Jakob macht die Augen zu. Er hört sich atmen. Er staunt, wie langsam er atmet. Er spürt, wie sein Bauch sich beim Atmen hebt und senkt. Hebt und senkt. In seinen Ohren pocht das Blut, ganz leicht. Auch im Hals.

Es ist schön von der Kathi, dass sie ihn hier sein lässt. Aber das sagt er nicht. Er sagt: »Es ist schön da. Fast wie in der Wüste.«

»Du musst auf die Schutthalde gehen, wenn du hierherum eine Wüste suchst«, sagt Kathi.

»Dort war ich schon«, sagt Jakob.

»Und?«

»Es war nichts«, sagt Jakob.

»Du muss über die ganze Schutthalde gehen, langsam und ruhig«, sagt Kathi. »Nicht nur den Rand entlang.«

Auf dem Heimweg schlüpft Jakob noch einmal durch die Lücke im Stacheldrahtzaun.

»Na, was brauchst denn?« fragt der alte Mann. »Was fürs Fahrrad? Vielleicht könnt’ ich dir helfen.«

»Ich geh nur so herum«, sagt Jakob. Er steigt zwischen dem Gerumpel höher. Die Steine kollern unter seinen Schuhen, er rutscht, geht weiter. Der Wind pfeift. Irgendwo bellt ein Hund. Am Himmel kreisen Krähenschwärme. Jakob staunt. Er hätte nicht gedacht, dass es hier doch so still ist.

Nichts lenkt ihn ab.

Jesus, denkt er. Wie gefällt dir meine Wüste?

Lene Mayer-Skumanz

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.):Hoffentlich bald.
Herder Verlag: Wien 1986

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