Zen-Geschichten für Kinder : Eine schwere Last – Drei kleine Weisheiten

Ein Pandabär im Garten – Drei kleine Weisheiten

Am darauffolgenden Tag kam Karl Stilles Wasser besuchen.
»Max hat gesagt, ich darf unsere Schwimmsachen nicht mitbringen. Ich bin böse auf Max. Immer sagt er mir, was ich tun soll. Dafür habe ich jetzt alles mitgebracht!«
»Hmmm«, brummte Stilles Wasser. »Es ist ein kleines Becken. Ich weiß nicht, ob alles darin Platz hat.«
»Sehen wir nach«, sagte Karl.
»Ja, tun wir das«, antwortete Stilles Wasser.
Stilles Wasser betrachtete das Planschbecken.
»Deine Spielsachen können baden, aber wir nicht«, sagte er.
»Ich habe zu viel Zeug mitgebracht« murmelte Karl.
»Das macht nichts«, sagte Stilles Wasser. »Später helfe ich dir, es wieder nach Hause zu tragen. «
»Warum muss Max mir immer vorschreiben, was ich tun soll?«, fragte Karl.
»Wenn er jetzt hier wäre, würde ich ganz hoch hinaufklettern …
… und ich würde so auf ihm herumhüpfen
… und dann würde ich ins Wasser springen, mit einem großen PLATSCH!«
Später tranken Karl und Stilles Wasser zusammen Tee.
»Karl«, sagte Stilles Wasser. »Du warst den ganzen Tag lang auf Max böse. Hast du bemerkt, wie viel Spaß wir hatten?«
Karl sah dem Dampf zu, der von seiner Tasse aufstieg.
»Es tut mir leid, dass ich so viel Zeug mitgebracht habe«, sagte Karl.
»Es muss dir nicht leidtun«, sagte Stilles Wasser. »Jetzt musst du es nur tragen. Halte dich fest. Ich erzähle dir eine Geschichte.«

 

Eine schwere Last

Zwei Mönche auf Wanderschaft kamen in eine Stadt, wo eine junge Frau in ihrer Sänfte darauf wartete, aussteigen zu können. Der Regen hatte tiefe Pfützen hinterlassen und sie konnte sie nicht überqueren, ohne ihre Seidengewänder zu beschmutzen. Sie machte ein sehr ärgerliches Gesicht und war ungehalten.

Sie schalt ihre Diener. Diese waren jedoch mit Paketen beladen und konnten sie nirgends abstellen. Also konnten sie ihr auch nicht über die Pfütze helfen.

Der jüngere Mönch bemerkte die Frau, sagte nichts und ging weiter. Der ältere Mönch hob sie rasch von der Sänfte, packte sie auf seinen Rücken, trug sie über das Wasser und setzte sie auf der anderen Seite wieder ab.

Ohne sich bei dem älteren Mönch zu bedanken, stieß sie ihn aus dem Weg und ging davon.

Als die beiden sich wieder auf den Weg machten, war der junge Mönch nachdenklich und brütete vor sich hin. Nach ein paar Stunden konnte er nicht länger schweigen und sagte: »Diese Frau war sehr egoistisch und unhöflich, aber du hast sie auf den Rücken genommen und getragen! Dann hat sie sich nicht einmal bei dir bedankt!«

»Es ist Stunden her, dass ich die Frau abgesetzt habe«, antwortete der ältere Mönch. »Warum trägst du sie immer noch mit dir herum?«

»Glaubst du, dass du es lange genug mit dir herumgetragen hast?«, fragte Stilles Wasser.
»Ja«, sagte Karl.
»Gut«, sagte Stilles Wasser.
Und so wurden Edda, Max, Karl und Stilles Wasser Freunde.

 Jon J. Muth: Ein Pandabär im Garten.
Sauerländer, Düsseldorf 2007

 Anmerkung des Autors

Was ist Zen?

Zen ist ein japanisches Wort und heißt einfach nur Meditation. Im Zen wurden die Lehren des Buddha seit jeher vom Lehrer an den Schüler weitergegeben.
Beim Meditieren, so sagte der Buddha, soll man ganz still dasitzen, dabei jedoch hellwach bleiben und zuerst einen Gedanken zulassen und dann den nächsten, ohne an ihnen festzuhalten.
Wenn man auf einen Teich schaut und das Wasser ist still, kann man das Spiegelbild des Mondes sehen. Wenn das Wasser aufgewühlt ist, zerfällt und zersplittert der Mond. Es wird schwieriger, den wahren Mond zu sehen. Unser Denken ist genauso. Wenn wir aufgewühlt sind, können wir die wirkliche Welt nicht sehen.
Daher kommt auch der Name von Stilles Wasser. Sein Charakter ist teilweise an den Zen-Künstler/Lehrer SENGAI GIBBON  angelehnt, dessen Zeichnungen als Vorbild dienten. Er war für seinen Humor bekannt und für seine unübliche Art zu lehren. Onkel Ry erinnert an RYOKAN TAIGU (1758-1831), einen der meistgeliebten Dichter Japans. »Zen-Weisheiten« sind kurze Betrachtungen — Geschichten, über die man rätseln kann — und eigentlich sind sie dazu da, unsere Fähigkeit zu schärfen, intuitiv zu handeln. Am Ende bleiben sie offen, aber sie laden dazu ein, unsere Gewohnheiten, Wünsche, Vorstellungen und Ängste zu hinterfragen.
Die Geschichten »Onkel Ry und der Mond« und »Eine schwere Last« stammen aus der seit Jahrhunderten überlieferten zen-buddhistischen Literatur. »Der Bauer im Glück« geht auf den Taoismus zurück, der mehrere Tausend Jahre alt ist. Von diesen Geschichten gibt es viele verschiedene Versionen. Ich habe diejenigen ausgesucht, von denen ich glaube, dass sie Kinder am ehesten ansprechen.

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Über kindg

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