II Nächtliche Gespräche – Rolf Krenzer

Micha und das Osterwunder – Rolf Krenzer

Nächtliche Gespräche

Es war spät geworden. In der kleinen Kammer wurden die Liegen so zusammengeschoben, dass alle Kinder darauf Platz hatten. Bald schon kuschelten sich die Kinder eng aneinander und genossen es, so warm und geborgen einzuschlafen. Natürlich tuschelten sie zunächst noch miteinander, alberten herum, quietschten und lachten, bis Rut durch ein energisches Wort für Ruhe sorgte. Nur Micha und Daniel flüsterten noch miteinander. Micha wollte noch viel mehr darüber erfahren, was Daniel in den letzten drei Monaten mit Jesus erlebt hatte. Und Daniel erzählte bereitwillig davon.

Die Jungen schraken zusammen, als erneut an die Haustür geklopft wurde. Wieder ging Jonatan hin und öffnete nach kurzem Zögern. Die Jungen hörten nur Geflüster. Sie konnten kaum etwas verstehen, aber immerhin erkannte Micha einige Stimmen.

»Es sind Nachbarn und Freunde meiner Eltern«, flüsterte er Daniel ins Ohr.

Die beiden lagen mit geschlossenen Augen nebeneinander, hielten den Atem an und lauschten den Gesprächen der Erwachsenen, die sich nebenan rund um den Tisch niedergelassen hatten.

»Hörst du, sie sprechen auch von Jesus«, sagte Daniel leise.

»Pst.« Micha fürchtete, dass die anderen wieder wach werden könnten. »Sie reden darüber, dass Jesus morgen früh wie ein König durch das Stadttor reiten wird.«

Daniel nickte.

Und dann erfuhren sie nach und nach, dass sich zwar viele Leute über das, was morgen geschehen würde, freuten. Andere aber, und das waren die Mächtigen in Jerusalem, die Hohen Priester und all diejenigen, die etwas zu sagen hatten, waren damit ganz und gar nicht einverstanden. Sie sahen in ihm einen Unruhestifter und wollten ihn so schnell wie möglich loswerden.

»Der Kaiser hat unser Land zu einem Teil des Römischen Reiches gemacht«, sagte einer. »Pilatus wird ihn sofort gefangen nehmen, wenn er erfährt, dass die Menschen Jesus zujubeln.«

»Wer ist das?«, fragte Daniel leise.

»Makkabäus, unser Nachbar«, antwortete Micha.

»Nein, Pilatus. Wer ist Pilatus?«

»Der Statthalter des römischen Kaisers. Sein Stellvertreter in Jerusalem.«

»Wir hatten bereits unsere Könige in Jerusalem«, sagte jetzt drüben ein anderer. »Etliche. Wenn sie auch wenig zu sagen hatten und den Römern gehorchen mussten.«

»Das sagt mein Vater auch immer«, flüsterte Micha.

»Und erst die Hohen Priester vom Tempel«, sagte nun eine Frau.

»Und die Rabbiner, die Gottes Gesetze lehren und aufpassen, dass sie nicht übertreten
werden«, fügte Michas Mutter hinzu. »Sie sind am schlimmsten.«

»Es sind nicht alles Gottes Gesetze.«

»Marta, wie kannst du das behaupten.« Micha spürte den Vorwurf in der Stimme seiner Mutter.

»Jesus sagt es.«

»Das ist wieder meine Mutter«, flüsterte Daniel stolz.

»Jesus sagt es«, wiederholte sie nachdrücklich. »Und er sagt es im Namen Gottes.«

»Woher willst du das wissen?«, fragten jetzt gleich mehrere Stimmen durcheinander.

»Ich war dabei«, antwortete Marta.

»Ich auch.« Daniel knuffte seinen Vetter in die Seite.

Hell und deutlich klang die Frauenstimme zu ihnen hinüber. Und die beiden Jungen lauschten ihr genauso aufmerksam wie die Frauen und Männer nebenan.

»Ich war dabei«, sagte sie, »als er Kranke heilte. Da konnten gelähmte Menschen plötzlich wieder gehen. Stumme konnten wieder sprechen. Blinde konnten wieder sehen. Ich bin selbst dabei gewesen, als er in Nain einen jungen Mann vom Tod auferweckt hat. Die Leute haben ihn umarmt. So glücklich waren sie. Aber Jesus sagte immer wieder: >Dankt nicht mir, sondern Gott. Er hat mich zu euch geschickt.<« Marta schwieg kurz. Dann fuhr sie fort. »Und Jesus vergibt den Menschen ihre Sünden. Das ist am allerwichtigsten.«

»Nein«, gab Michas Vater so laut zurück, dass Micha spürte, wie aufgebracht er war. »Sünden vergeben. Das kann wirklich nur einer ganz allein. Und das ist Gott.«

»Das sagen auch die Hohen Priester und die Gesetzeslehrer«, sagte Daniel zu Micha und vergaß dabei ganz zu flüstern. »Sie behaupten, er lästert Gott. Deshalb würden sie ihn am liebsten umbringen.«

Schon standen ihre Mütter mit einer Öllampe am Bett. »Ihr solltet doch längst schlafen«, sagte Rut leise. »Weckt ja die Kleinen nicht auf«, fügte Marta hinzu.

»Gute Nacht«, antwortete Micha so leise, dass er kaum zu hören war.

»Gute Nacht«, kam es ebenso leise von Daniel.

»Schlaft gut«, sagten die beiden Frauen beim Hinausgehen.

Doch Micha lag noch lange wach, als sein Vetter neben ihm bereits tief und fest schlief. Ihm ging das, was er heute gehört hatte, einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Weiter:  Bei den Großeltern 

Rolf Krenzer: Micha und das Osterwunder.
Gabriel Verlag: Stuttgart 2003

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