Micha und das Osterwunder – Rolf Krenzer

Micha und das Osterwunder – Rolf Krenzer

 

Später Besuch

Rut deckte gerade den Tisch fürs Abendessen und hatte ihren Sohn Micha in die Küche geschickt, um noch das Brot zu holen. Da klopfte es draußen an die Haustür aus schwerem Holz. Der Junge hielt kurz inne und wollte gleich zur Tür laufen. Doch ein donnerndes »Halt!« seines Vaters hielt ihn zurück.

»Wenn es draußen schon dunkel geworden ist, lass lieber mich die Tür öffnen«, sagte der Vater und stand vom Tisch auf. Er griff nach der Öllampe und ging ohne jede Eile durch den schmalen Flur zur Tür.

»Wer weiß, wer sich jetzt so kurz vor dem Passahfest noch alles auf den Gassen herumtreibt«, meinte die Mutter und beobachtete ihren Mann Jonatan, der ein Brettchen an der Tür etwas zur Seite schob. So konnte er durch einen schmalen Spalt nach draußen sehen.

»Öffne besser nicht«, flüsterte sie ihm zu und stellte sich hinter ihn. »Wer etwas von uns will, kann auch morgen noch zu uns kommen. Morgen, wenn es hell ist.«

Rebekka und Ariel, Michas jüngere Geschwister, waren nicht vom Tisch aufgestanden. Sie beobachteten ihren Vater mit großen Augen.

Jonatan schob das kleine Brett wieder zurück und machte sich nun daran, den schweren Riegel zurückzuschieben.

»Jonatan«, rief Rut ängstlich und griff nach seinem Arm. Doch Jonatan wandte sich nur kurz um, lächelte viel sagend und nickte dann allen beruhigend zu.

»Ist das zu glauben, ihr seid es wirklich schon«, rief er nach draußen und öffnete die Tür so weit, dass eine Frau und zwei Kinder hereinkommen konnten. »Ihr wolltet doch erst morgen oder übermorgen kommen. Was treibt euch denn heute noch so spät nach Jerusalem?«

»Zum Passahfest wollten wir auf jeden Fall bei euch sein«, sagte die Frau. »Die andern haben noch ein Lager vor der Stadt aufgeschlagen. Aber wir wollten unbedingt heute noch zu euch.«

»Marta«, rief Rut aus und lief mit schnellen Schritten auf die Frau zu und umarmte sie. Dann begrüßte sie die beiden Kinder, die sich ein wenig ängstlich und verschüchtert an die Frau drückten. »Du bist bestimmt Ester«, sagte Rut mit warmer Stimme. »Und du musst Daniel sein.« Und als die beiden zustimmend nickten, fragte sie lachend: »Dann wisst ihr sicher auch, wer ich bin.«

»Die Tante Rut«, riefen Ester und Daniel wie aus einem Mund.

»Ihr kommt gerade richtig zum Abendessen.« Rut schob alle drei zum Tisch. Dort war noch genug Platz.

Jonatan hatte inzwischen die Tür wieder geschlossen und verriegelt und kam nun dazu. »Micha, Rebekka.« Die Kinder wussten genau, was der Vater meinte, als er kurz zu ihnen hinüberblickte und auf den Besuch zeigte. Sie liefen los und brachten zwei mit Wasser gefüllte Schüsseln, die sie vor die Kindern hinstellten.

»So viel Zeit haben wir immer«, meinte Rut. Sie hockte sich zu Daniel und Ester und löste die Sandalen von ihren Füßen. Sofort steckten die Kinder ihre Füße in die Schüssel.

Micha beobachtete verstohlen, wie sich die Frau nun selbst ihre Sandalen auszog und den Staub von den Füßen wusch. Sie sah seiner Mutter wirklich sehr ähnlich.

»Deine Kinder sind ja auch schon groß, Rut«, sagte sie gerade. Und als Rebekka ihr ein Tuch zum Abtrocknen reichte, strich sie ihr übers Haar. »Du warst noch nicht geboren, als ich nach Kana gegangen bin«, sagte sie leise. »Und Micha war gerade mal zwei Jahre alt.« Sie lächelte ihn mit ihren schwarzen Augen an, und Micha sah, dass sie wunderschön war. »Du kannst dich bestimmt nicht mehr an mich erinnern.«

Das war sie also. Tante Marta, Mutters Schwester, von der sie ihnen so viel erzählt hatte. Vor vielen Jahren war Tante Marta mit Tomas, ihrem Mann, nach Kana gezogen. Tomas war damals zum Passahfest nach Jerusalem gekommen. Marta und Tomas hatten sich kennen gelernt und sofort ineinander verliebt. Doch nach dem Passahfest musste er wieder zurück nach Kana. Dort wohnten seine Eltern und dort hatte er seine Arbeit. Aber ein halbes Jahr später war er wieder da und sprach mit Martas Eltern. Und Martas Vater stimmte schließlich zu, dass er Marta heiraten durfte. Seit ihrer Hochzeit lebten Marta und Tomas in Kana. Michas Großeltern waren zur Hochzeit nach Kana gereist, aber normalerweise wohnten sie mit Michas Onkel David nur ein paar Straßen von Michas Familie entfernt.

Seit damals hatten sich die Schwestern nicht mehr gesehen. Der Weg nach Jerusalem war weit. Und Rut war auch nicht aus Jerusalem herausgekommen. Inzwischen war Mi-cha bereits zehn Jahre alt und Rebekka schon acht.

»Du musst ein bisschen jünger als Ester sein«, meinte Tante Marta. »Sie wird nächste Woche neun.«

»Ich bin schon lange acht«, antwortete Rebekka stolz. »Mindestens seit zwei Wochen.« Sie schaute sich verwundert um, als alle lachten. Sie war sich sicher, dass sie keinen Witz gemacht hatte.

»Und Daniel ist genauso alt wie ich«, rief Ester und nickte dankend, als die Mutter Gemüse in ihren Teller schöpfte.

»Das geht doch gar nicht«, platzte Rebekka heraus.

»Doch«, antwortete Daniel. Es war das erste Mal, dass er überhaupt etwas sagte. »Natürlich geht das. Wir sind Zwillinge.«

Jetzt lachten alle, weil Rebekka so verdutzt guckte.

»Ich habe noch eine Überraschung für uns alle.« Die Mutter brachte eine Schüssel herein und stellte sie mitten auf den Tisch. Als sie den Deckel hochhob, sagte Daniel glücklich: »Fisch!«

»Fisch ist sein Lieblingsessen«, erklärte Marta.

Dann machten sie sich schnell daran, den Fisch aufzuteilen, denn er schmeckte nur gut, wenn er heiß gegessen wurde. Sie griffen begeistert zu und es reichte für alle.

»Wo habt ihr denn euren Vater gelassen?«, fragte Jonatan nach dem Essen. »Ihr seid doch bestimmt nicht den weiten Weg von Kana nach Jerusalem ganz allein gekommen.«

»Wann seid ihr denn losgegangen?«, fragte Rut dazwischen. »Wie lang wart ihr unterwegs?«

»Sie haben hier ganz in der Nähe ein Lager aufgebaut. Zwischen zwei Dörfern«, erzählte Marta. »Dort ist auch Tomas.«

»Wo?«, fragte Rut nach.

»Zwischen Betfage und Betanien.« Marta lächelte. »Aber ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich wollte unbedingt meine Schwester wieder sehen.«

Gleich legte Rut den Arm um sie.

»Betanien kenne ich«, sagte Jonatan. »Da war ich schon. Aber warum ist Tomas nicht mitgekommen? Wenn er schon so nah bei uns ist, dann braucht er doch nicht in einem Lager zu schlafen. Wir haben doch Platz genug.«

»Er wollte bei dem Meister bleiben«, antwortete Marta leise. »Sie wollen auch noch einen Esel für den Meister besorgen. Und morgen kommt Tomas ja ganz bestimmt.«

»Wir sind schon lange unterwegs«, berichtete nun Daniel.

Marta nickte. »Länger als drei Monate.«

»Drei Monate? « Micha konnte es nicht glauben. »Braucht man so lang von Kana nach Jerusalem? «

»Wir sind doch Jesus gefolgt«, antwortete Ester leise. »Überall musste er anhalten, weil so viele Leute mit ihm sprechen wollten. Deshalb hat es so lang gedauert.«

»Ihr habt doch meine Nachricht bekommen?«, wollte Marta jetzt wissen.

Jonatan nickte. »Natürlich. Wir haben auch deinen Eltern gleich Bescheid gesagt. Sie erwarten euch morgen und freuen sich schon sehr auf euch alle.«

Jonatan schaute Marta nachdenklich an. »Ihr seid mit diesem Jesus von Nazaret herumgezogen?«, fragte er etwas ungläubig. Und als die Kinder nickten, sagte er: »Ich habe von ihm gehört.«

»Wer ist das?«, fragte Micha gleich. »Was ist das für einer?«

»Jesus ist Jesus«, antwortete Daniel kurz.

»Und ihr seid schon länger als drei Monate mit ihm unterwegs?« Ruf schüttelte verwundert den Kopf. »Und dein Mann hat einfach seine Arbeit hingeschmissen?«
Ihre Schwester nickte. »Nicht nur Tomas. Andere auch.«

»Und euer Haus? Die Wohnung? Die Hühner und die Gänse? Er hat einfach alles im Stich gelassen?«

»Ich auch, Rut.«

»Wir alle vier«, bestätigten Ester und Daniel. »Jetzt müssen Großvater und Großmutter auf alles zu Hause aufpassen.«

»Josef, Tomas‘ Bruder, hat versprochen, sich um alles zu kümmern«, fügte Marta hinzu. »Er wäre auch gern mitgekommen. Aber dann ist er schließlich doch in Kana geblieben.«

»Einer muss ja schließlich auch noch einen klaren Kopf behalten«, brummte Jonatan. »Überhaupt. Das verstehe ich nicht.« Er wiegte seinen Kopf zweifelnd hin und her. »Das geht doch nicht so ohne weiteres. Da kann doch nicht einer einfach so daherkommen, und schon lasst ihr alles stehen und liegen und geht mit ihm. Du, dein Mann und die Kinder.«

»Du siehst, dass es genauso gewesen ist«, antwortete seine Schwägerin schlicht.

»Und wovon habt ihr gelebt? Habt ihr Ersparnisse? Ist jetzt alles aufgebraucht?«

»Bitte, Jonatan!« Rut brachte ihn gleich zum Schweigen. »Das geht dich nun wirklich nichts an.«

»Wir haben alle zusammengelegt. Alle, die mit Jesus mitgezogen sind.« Marta sagte das so natürlich, als gäbe es überhaupt keine Schwierigkeiten oder Bedenken. »Und es hat immer für uns alle gereicht.«

»Wie viele sind das denn gewesen?«, fragte Jonatan.

»Manchmal zwanzig, manchmal dreißig und mehr. Männer, Frauen und Kinder«, berichtete sie. »Der Judas führt die Kasse. Der schafft es immer, dass wir genug zu essen und zu trinken haben.«

»Und wenn das Geld alle ist?« Jonatan konnte es nicht lassen.

»Dann hat uns Jesus versorgt«, antwortete Daniel darauf.

»Jesus. Hat der noch eine Extrakasse?«

»Nein«, antwortete diesmal Ester und lachte. Sie wunderte sich, wie dumm doch Erwachsene manchmal fragen konnten. »Er sprach ein Dankgebet. Dann teilten wir das Brot aus und es reichte für alle.«

»Und es waren zuerst nur fünf Brote«, ergänzte Daniel. »Ich hab es genau gesehen.«

»Fünf Brote und zwei Fische«, sagte Ester.

»Und nachher waren alle satt?«, fragte Rebekka staunend.

»Es waren viele Leute, die mitgegessen haben«, erzählte nun Marta. »Man sagt, mehr als fünftausend.«

»Und alle sind satt geworden?« Micha konnte es nicht fassen.

»Ja, alle«, sagte Tante Marta. »Schließlich ist er der Messias.«

»Der Messias?«, fragte Rebekka zögernd.

»Der Erlöser.« Tante Marta nickte. »Messias, so nennen ihn viele. Auf diesen Erlöser warten wir seit langer Zeit. In den alten Büchern wird bereits auf ihn hingewiesen.«

»Der Messias ist einer, der gesalbt ist«, versuchte Ester ihrer Cousine zu erklären. »Wenn einer König wird, salbt man ihn mit kostbarem heiligen Öl.«

»Ist Jesus dieser Erlöser?«, fragte Micha. »Hat Gott ihn zum König gesalbt?«

»Ja«, antwortete Marta.

»Aber er will nicht, dass wir ihn so nennen«, warf Daniel ein.

»Und wie sagt ihr dann zu ihm?«, wollte nun Rebekka wissen.

»Die Erwachsenen nennen ihn Meister oder Herr«, antwortete Daniel.
Rut wandte sich an ihren Mann. »Wusstest du von diesem Messias?«, fragte sie.

»Nur wenig«, sagte Jonatan leise.

»Warum hast du nie etwas erzählt?«

»Ich habe das alles nicht so ernst genommen.«

»Morgen kommt er nach Jerusalem«, rief Ester. »Heute besorgen ihm die Freunde noch einen Esel.«

»Er wird auf einem Esel durch das Stadttor von Jerusalem einreiten.« Daniels Augen leuchteten. »Wie ein richtiger König wird er durch das Tor reiten.«

»Vielleicht werden ihn gar nicht viele bemerken«, dämpfte Marta seine Begeisterung. »Er wird so unauffällig sein wie sonst auch. In dem schlichten Mann wird kaum einer den König vermuten.«

Ester blickte sie mit großen Augen an. »Aber seine Freunde hier in Jerusalem werden ihn bestimmt bejubeln.«

Marta strich ihr über die Wange und sagte dann zu Jonatan: »Jesus möchte am Abend mit seinen Freunden in Jerusalem zusammensitzen und das Passahfest feiern.« Sie überlegte kurz. »Da gibt es doch oben in der Stadt diesen schönen Raum?«

Jonatan tat so, als wüsste er nicht, was sie meinte.

»Natürlich kennst du den Raum«, stieß ihn Rut an.

»Ach, den Raum meinst du«, sagte Jonatan schließlich.

»Könntest du dich darum kümmern, dass wir ihn morgen bekommen können?«

»Hm«, antwortete Jonatan nur. Und das hieß nicht ja, aber auch nicht nein.

 

Weiter:  Nächtliche Gespräche

Rolf Krenzer: Micha und das Osterwunder.
Gabriel Verlag: Stuttgart 2003

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