IV Für oder gegen Jesus – Rolf Krenzer

Micha und das Osterwunder – Rolf Krenzer

Für oder gegen Jesus

Während der Mahlzeit war nur wenig gesprochen worden. Doch Micha spürte nur zu deutlich, dass diese Ruhe trog. Es war eine Stimmung wie vor einem schweren Gewitter.

Als die Frauen den Tisch abgeräumt hatten, war die Stille fast unerträglich. Joschija sah sich lange schweigend um, sah einen nach dem anderen an und wandte sich schließlich an Tomas, seinen Schwiegersohn. »Wir freuen uns sehr, dass wir euch endlich bei uns haben«, sagte er bedächtig. »Dich und Marta und eure beiden Kinder.« Er räusperte sich. »Ich habe gehört, dass ihr in Kana überstürzt aufgebrochen seid und alles zurückgelassen habt.«

»Mein Bruder und meine Eltern kümmern sich um unseren Besitz«, gab Tomas ruhig zur Antwort.

»Ihr seid tatsächlich mit diesem Sohn eines Zimmermanns aus Nazaret herumgezogen?«, fuhr Joschija fort.

»Ja, mit Jesus«, antwortete Marta.

Nun konnte auch David nicht mehr länger ruhig sein. »Dieser Jesus ist ein falscher Prophet, Tomas«, rief er und beugte sich vor. »Er lästert Gott.«

»Gott hat ihn zu uns geschickt. Er führt nur das aus, was Gott von ihm verlangt«, antwortete Tomas.

Mit schneidender Stimme unterbrach ihn Joschija: »Und Gott verlangt von ihm, dass er wie ein König in Jerusalem einzieht? Gerade so, als wäre er der Messias, auf den wir seit vielen Jahren warten.«

»Er ist der Messias.«

»Wer sagt das?« Joschija war erregt aufgestanden.

»Er selbst«, gab nun Marta zurück.

»Er lästert Gott.« Schwer ließ sich der alte Mann wieder zurück auf seinen Platz fallen.
Er atmete heftig. »Der Messias wird uns alle einmal erlösen und befreien. Gott selbst wird ihn zu uns schicken. Marta, glaubst du unseren alten Schriften nicht?«

»Ich glaube und vertraue Jesus«, antwortete Marta und blickte ihrem Vater fest in die Augen.

»Ich auch«, sagte Daniel.

»Er lästert Gott. Er bricht die Gesetze. Es ist ein falscher Prophet«, jammerte Joschija und vergrub seinen Kopf in den Händen.

»Er ist der König des Himmels und der Erde«, sagte Tomas laut. »Er ist jetzt zum Passahfest nach Jerusalem gekommen. Und wir alle werden es erleben, dass er sich uns als König und Messias zeigt.«

»Er wird uns alle ins Verderben stürzen«, sagte Joschija und stand auf. »Lass mich los«, wehrte er Marta ab, die ihn festhalten wollte.

»Vater.«

»Lass ihn gehen«, sagte Mara ruhig und hielt Marta zurück. Joschija hatte bereits den Raum verlassen. »Er will allein sein. Er wird darüber nachdenken, was ihr gesagt habt.«

»Was will uns Jesus hier in Jerusalem beweisen?«, fragte Jonatan.

»Er hat auch davon gesprochen, dass er sterben muss.« Micha hörte deutlich, wie die Stimme seiner Tante zitterte.

»Muss meine Schwester auf solch einen falschen Propheten hereinfallen.« David schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Kinder.« Maras ängstliche Stimme rief dazwischen. »Wir wollen uns doch deshalb nicht streiten. Heute, wo wir euch alle zusammen nach so langer Zeit wieder daheim haben.« Sie begann zu weinen. Rut nahm sie in den Arm.

»Wie will er denn beweisen, dass er der Messias ist?«, überlegte Rut laut.

»Man müsste ihn dazu zwingen«, warf Jonatan ein. »Jedenfalls hat das einer der Jünger auch gesagt, den ich vorhin getroffen habe.«

»Wen hast du getroffen?«, fragte Tomas.

»Er zog mit dir heute Morgen hinter Jesus her. Ich glaube, Judas heißt er.«

»Den kenne ich auch.« Rut blickte hinüber zu Marta: »War das nicht der mit der Kasse, den wir heute Morgen getroffen haben?«

Marta nickte. Dann sprang sie plötzlich auf. »Oh weh. Ich hab ja versprochen mitzuhel¬fen. Wir müssen doch das Festmahl für heute Abend vorbereiten.«

Jetzt war der richtige Augenblick für die Kinder gekommen. »Nimmst du uns mit?«, bettelten sie. Nach kurzem Zögern willigte Marta ein.

»Ich komme auch mit«, rief Jonatan. »Die Tische müssen aufgestellt werden. Und es gibt bestimmt noch viel zu tun. Da wird jede Hand gebraucht. Und zwei Männerhände auf jeden Fall.« Er nickte seiner Frau zu. »Ich bringe die drei dann wieder mit, wenn ich heimkomme. Auf geht’s.« Michas Vater ging bereits zur Tür.

Da stand David auf und packte Jonatan fest am Arm. »Willst du wirklich mitgehen, Jonatan?«, fragte er ihn. »Läufst du jetzt diesem falschen Propheten auch hinterher? Hat er dich bereits dazu gebracht? Du hast doch bis gestern noch auf unserer Seite gestanden, hast laut gegen alle Gesetzesbrecher gewettert und unseren Gesetzeslehrern und dem Hohen Priester Recht gegeben.« Onkel David war immer lauter geworden.

Ärgerlich befreite sich Jonatan von seiner Hand. Er hatte plötzlich einen roten Kopf vor Zorn. »Ich will mir selbst ein Bild von diesem Jesus machen«, sagte er. »Das kann ich nur, wenn ich ihn näher kennen lerne und mehr von ihm erfahre. Vielleicht ist er ein falscher Prophet. Vielleicht aber auch wirklich der Messias. Ich will es selbst herausfinden.«

Erschrocken war Micha neben seinem Vater stehen geblieben. Noch nie hatte er erlebt, dass sich sein Vater und Onkel David stritten. Wie hing er doch an seinem Vater. Und wie sehr liebte er seinen Onkel. Und nun war es ausgerechnet wegen Jesus zum Streit gekommen. Er nahm seinen Vater an der Hand und wollte ihn fortziehen.

»Papa«, jammerte er fassungslos.

Da sah auch David, wie unglücklich Micha war. »Dein Vater hat Recht«, sagte er und seine Stimme klang so freundlich wie immer.

»Seht euch diesen Jesus genauer an. Und dann sprechen wir noch einmal über alles.«

»In Ordnung«, sagte jetzt auch Jonatan und versuchte so zu tun, als sei nichts gewesen.

»Bis später also.« Er ging mit Micha an der Hand schnell hinter den anderen her.

Weiter:   Ein neuer Tag 

Rolf Krenzer: Micha und das Osterwunder.
Gabriel Verlag: Stuttgart 2003

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