V Ein neuer Tag – Rolf Krenzer

Micha und das Osterwunder – Rolf Krenzer

Ein neuer Tag

Als Micha am nächsten Morgen erwachte, war es bereits heller Tag. Er rieb sich die Augen und setzte sich auf. Rebekka und Ariel waren längst aufgestanden, auch Mirjam und Ester. Nur Daniel neben ihm schlief noch tief und fest. Nach und nach erinnerte sich Micha an gestern und an die Nacht. Mit einem Mal war er hellwach, als ihm wieder einfiel, was mit Jesus passiert war. Jetzt erinnerte er sich auch wieder an die vielen Menschen, die bei ihnen gewesen waren. An ihre Sorgen und an ihre Angst. Und an Johannes musste er denken, der wieder in die Nacht davongelaufen war. Nichts hatte ihn mehr an den fröhlichen Johannes von gestern Vormittag erinnert. Micha schloss die Augen noch einmal. Jetzt müsste er wieder aufwachen und alles wäre nur ein böser Traum gewesen. Doch als er erneut die Augen öffnete, hatte sich nichts verändert. Es war kein Traum gewesen. Diese schlimme Nacht hatte er wirklich erlebt.

Neben ihm richtete sich Daniel auf. Er saß ganz still. Ganz plötzlich legte er beide Hände vor seine Augen und fing an zu weinen. Da kamen Rut und Marta zu ihnen herein. Marta drückte Daniel fest an sich und schaukelte ihn leicht hin und her. Auch Micha drückte sich an seine Mutter.

»Sie müssen Jesus wieder freilassen«, sagte Rut und versuchte, ganz viel Zuversicht und Hoffnung in ihre Stimme zu legen. »Er hat doch nichts Schlechtes getan.«

»Nur das gesagt und getan, was Gott von ihm wollte«, fügte Marta hinzu. »Jesus hat Kranke geheilt, Hungernden zu essen gegeben und den Menschen von Gottes großer Liebe erzählt.«

»Nein, sie können ihn nicht verurteilen und umbringen«, sagte Micha bestimmt.

»Sprich nicht so etwas Furchtbares aus«, wies ihn seine Mutter zurecht.

»Er hat aber selbst gesagt, dass er sterben muss«, antwortete Micha leise.

Als sie dann aufstanden und Rut ihnen Brot, Honig und Milch auftischte, stellten sie fest, dass die anderen alle nicht mehr da waren. Nur Mirjam und ihre Mutter Magdalena waren noch da.

»Sie haben alle Verwandte und Freunde in der Stadt«, erklärte Rut.» Bei ihnen werden sie in den nächsten Tagen unterkommen. Sie sind schon früh fortgegangen.«

»Und Mutter hat Mirjam und ihre Mutter eingeladen, bei uns zu bleiben«, rief Ester. Jeder sah ihr an, wie sehr sie sich darüber freute.

»Wenn Daniel fertig ist, werden wir auch aufbrechen«, meinte Tomas, der zusammen mit Jonatan am Tisch saß. Sie hatten die ganze Zeit leise miteinander gesprochen und gerade erst bemerkt, dass die beiden Jungen hereingekommen waren.

»Nein«, riefen Micha und Daniel zugleich.

»Das geht nicht«, sagte Micha. Und Daniel stimmte ein: »Ich will hier bleiben.«

»Eure Großeltern werden gekränkt sein, wenn ihre Enkelkinder nicht bei ihnen wohnen wollen.« Marta war richtig ärgerlich.

»Sie rechnen fest damit, dass wir jetzt alle bei ihnen wohnen«, bestätigte Tomas.

»Deine Eltern haben Recht«, sagte Jonatan zu Daniel.

»Ihr könnt einander doch jeden Tag besuchen«, meinte Rut.

»Sie haben alle Verwandte und Freunde in der Stadt«, erklärte Rut.

»Die Großeltern haben ja noch mehr Enkelkinder«, rief Micha plötzlich und musste über seinen eigenen Einfall lachen. »Vielleicht freuen sie sich noch mehr, wenn jetzt einmal drei Enkelkinder bei ihnen schlafen.«

»Wir brauchen auch nur ganz wenig Platz«, fügte Daniel hinzu. »Wir drücken uns ganz eng aneinander. Wie Löffelchen.«

Rut lachte. »Geh mit und frage, ob du auch noch bei ihnen schlafen kannst«, sagte sie zu Micha und strich ihm übers Haar. »Wir sind heute alle noch einmal bei ihnen zum Essen eingeladen. Dann werden wir die Großeltern fragen.« Sie drehte sich zu Mirjam und ihrer Mutter um: »Kommt doch einfach auch mit.«

Ob Großvater noch böse auf Onkel Tomas war? Micha erinnerte sich nicht gern an den Streit. Ob Onkel David sich wieder mit seinem Vater anlegen würde? Es war gut, dass Mirjam und ihre Mutter mitkamen. Wenn Fremde mit am Tisch saßen, würden sie sich bestimmt nicht streiten.

Weiter:  Der letzte Weg

Rolf Krenzer: Micha und das Osterwunder.
Gabriel Verlag: Stuttgart 2003

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