VI Der letzte Weg – Rolf Krenzer

Micha und das Osterwunder – Rolf Krenzer

Der letzte Weg

Zum Passahfest waren in diesem Jahr wieder viele Menschen nach Jerusalem gekommen. Sie feierten es jedes Jahr, um an ihren Auszug aus der Gefangenschaft in Ägypten zu erinnern und Gott immer wieder neu dafür zu danken. Für manche von ihnen war es eine gute Gelegenheit, Eltern und Verwandte zu besuchen. Und so waren zu dieser Zeit viel mehr Menschen in der Hauptstadt als sonst. Bevor das große Fest begann, sollten drei Menschen gekreuzigt werden, die zum Tod verurteilt worden waren. Zwei Verbrecher hatte man bereits zur Richtstätte hinausgebracht. Jesus trieben sie nun in seinen zerschlissenen Kleidern durch die Gassen der Stadt zur Richtstätte hin. Unendlich mühsam schleppte er sich vorwärts. Er musste das Kreuz, an dem er sterben sollte, selbst tragen.

Die Gassen waren von Menschen gesäumt. Da gab es Leute, die Jesus anpöbelten und ihn beschimpften. Andere machten sich über ihn lustig. Aber es gab auch Menschen, die dort standen und weinten. Sie waren gekommen, um Abschied von Jesus zu nehmen. Sie standen schüchtern im Hintergrund und hofften nur, dass niemand auf sie aufmerksam wurde. Männer, Frauen und Kinder blickten mit verweinten Augen auf den Menschen, der von den Soldaten weitergetrieben wurde und kaum noch gehen konnte. Das schwere Holzkreuz auf seinem Rücken drückte ihn fast zu Boden.

Micha stand zwischen seinen Eltern. Mirjam und ihre Mutter waren auch da. Schweigend und voller Trauer blickten sie auf Jesus, der mit seinem Kreuz langsam auf sie zukam.

»Onkel David ist auch gekommen«, flüsterte Micha und nickte Daniel kaum merklich zu, der mit seiner Familie und David auf der gegenüberliegenden Seite stand.

Als Jesus fast auf ihrer Höhe war, stolperte er und brach zusammen. Mühsam gelang es ihm noch, sich mit einer Hand etwas abzustützen. Laut polternd knallten die Balken des Kreuzes auf den Boden.

Jesus versuchte sich wieder aufzurichten. Es gelang ihm nicht. Hilflos und wehrlos lag er mitten in der Menschenmenge auf der Erde.

Jetzt hatten anscheinend auch die Soldaten begriffen, dass es nicht mehr weiterging, dass Jesus am Ende war. Sie richteten das Kreuz auf und sahen sich suchend um. Wenn Jesus das Kreuz nicht mehr tragen konnte, dann musste es ein anderer für ihn schleppen. Einer, der stark und kräftig war und es bis zur Hinrichtungsstätte schaffte. Zufällig stand ein kräftiger Mann in der Nähe. Sie liefen auf ihn zu und redeten dann auf ihn ein. Micha sah voller Schrecken, dass sie einen Mann ausgesucht hatten, der neben seinem Onkel David stand. Kurzerhand schleppten die Soldaten den Mann zu dem Ort, an dem Jesus zusammengebrochen war, und befahlen ihm, das Kreuz auf die Schulter zu nehmen. Ein paar Soldaten wandten sich nun wieder Jesus zu und zerrten ihn hoch. Aber sie mussten ihn von beiden Seiten stützen. Allein schaffte er es nicht mehr.

So schleppte sich der Zug mühselig und langsam zur Hinrichtungsstätte. Voran gingen die Soldaten mit Jesus zwischen ihnen. Es folgte der Mann mit dem Kreuz auf dem Rücken. Gleich hinter ihm ging David. Es sah so aus, als wäre er bereit, gleich zuzupacken, wenn der Mann das Kreuz absetzen müsste. Und hinter ihnen kamen mit langsamen und bedächtigen Schritten die Menschen, die Jesus auf seinem letzten Weg begleiteten.

Daniel, Ester und Micha hielten sich an den Händen. Als sie ankamen, war der Platz voller Menschen, sodass sie sich nur ganz hinten hinstellen konnten. Die Kreuze für die beiden anderen Verurteilten waren bereits in die Erde gerammt. Jetzt kam das dritte Kreuz auch noch hinzu.

Aber zuerst wurde es auf die Erde gelegt und Jesus darauf. Nun wollten sie ihn mit Händen und Füßen an das Kreuz nageln. Die Menschen wichen zurück. Nur eine Frau am Arm eines Mannes bahnte sich einen Weg nach vorn.

»Das ist Maria«, sagte Marta leise. »Die Mutter Jesu.«

»Johannes stützt sie.« Ruts Stimme zitterte.

Erbarmungslose Hammerschläge. Laute, entsetzte Schreie. Es war bis zu ihnen zu hören. Micha schössen die Tränen in die Augen. Daniel griff nach seiner Hand. »Komm, wir gehen«, sagte er zu ihm.

Micha sah sich suchend nach seinem Vater um. Es war ein solches Gedränge um sie herum, dass er ihn verloren hatte.

Wenn sie sich jetzt umdrehten, würden sie hoch aufgerichtet das Kreuz sehen. Und den an das Kreuz genagelten Jesus. Doch sie blickten nicht zurück. Weinend gingen sie wieder in die Stadt. Sie konnten kaum den Weg vor sich erkennen.

Da war plötzlich David an ihrer Seite. »Kommt«, sagte er. »Gehen wir zusammen.« Da sahen sie, dass auch er weinte.

Rolf Krenzer: Micha und das Osterwunder.
Gabriel Verlag: Stuttgart 2003

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