Das Dattel-Nuss-Brot – Lene Mayer-Skumanz

Das Dattel-Nuss-Brot

Sebastian sitzt auf Papas Schoss und spielt mit ihm das „Wie-sehr-magst-du-mich“-Spiel.

„Wie sehr, Papa?“

„So!“ Der Papa drückt Sebastian fest an sich.

„Und die Hanna?“

„So!“ Wieder ein fester Druck.

„Und die Mama?“

„So!“

„Und uns alle zusammen?“

„So! So! So!“

Sebastian quietscht vor Vergnügen, weil der Papa ihn so fest drückt. Dann sagt er: „Und die Mama mag dich wie das tägliche Brot!“

„Wie bitte?“

„Hat sie gesagt. Oder so ähnlich. Sie mag dich so, weil du für uns da bist wie das tägliche Brot.“

„Na, auch nicht schlecht.“

Sebastian denkt nach. „Warum hat sie nicht ‚Kuchen’ gesagt?“

„Weil man Kuchen nicht alle Tage isst. Brot schon. Brot braucht man zum Leben.“ Er schlägt sich auf die Stirn. „Brot! Wollten wir nicht ein besonderes Brot für den Osterkorb backen?“

„Ja! Im Backofen vom Großvater!“

Als Papas Vater jung war, hat er auf Hof Hinteregg gelebt. Längst wohnt er unten im Tal, aber das kleine Bauernhaus auf dem Berg oben gehört noch immer ihm, die Apfelbäume und der alte Backofen. Zum Brotbacken fahren Sebastian und seine Eltern immer nach Hinteregg.

„Papa, back ein Brot, wie Jesus es damals gegessen hat!“

„Meinst du, beim letzten Abendmahl? Da hat er nach dem alten Brauch der Juden Mazzesbrot gegessen, trockene, dünne Fladen, die ohne Sauerteig gemacht werden. Meinst du so etwas?“

Sebastian runzelt die Stirn. „Nein. Was Saftiges wäre mir lieber. Ich frag noch einmal die Lena, gleich nach der Messe am Palmsonntag.“

Die Pastoralassistentin hat ein Kochbuch mit Rezepten aus der Zeit Jesu.

„Dein Papa hat Recht“, sagt sie zu Sebastian. „Während der Passah-Feiertage haben die Juden nichts aus Sauerteig gegessen. Sie haben aus Mazzenmehl und Eiern Gewürzkuchen gebacken. Aber zu anderen Festtagen haben sie Sauerteigbrote gehabt. Schau, da steht es: Rosinenbrot, Sesamzopf, Feigenbrot, Dattel-Nuss-Brot –“

„Dattel-Nuss-Brot klingt gut“, sagt Sebastian.

„Ich kopiere dir das Rezept“, sagt Lena. „Und vielleicht könnte dein Papa eure Kommuniongruppe zum Backen mitnehmen? Wär doch eine tolle Gruppenstunde, Brotbacken in Hinteregg! “

Der Papa studiert das Rezept. Er seufzt. „Mit Natursauerteig? Das dauert ja Tage!“

„Macht nichts“, sagt Sebastian. „Es ist ja noch Zeit. Kann ich den Kindern Bescheid sagen, dass wir am Gründonnerstag backen fahren?“

Der Papa seufzt noch einmal. „Na schön. Dann nehm ich mir den Gründonnerstag frei. Und jetzt zeig ich dir, wie man Sauerteig macht.“ In einer großen Keramikschüssel mischt er mit einem hölzernen Kochlöffel Vollkornmehl und lauwarmes Wasser. Dann stellt er den Mehlbrei hinaus auf die sonnige Terrasse. „Das Gemisch braucht Luft, damit es gären kann. In der Luft sind Hefepilze, so winzig klein, dass man sie nur unter dem Mikroskop erkennen kann. Die Hefen durchdringen den Teig und verändern ihn mit ihren Gasen, bis er klebrig ist und Bläschen wirft.“ Am Abend trägt Sebastian die große Schüssel ins Wohnzimmer herein, damit der Teig es warm hat. Am dritten Tag zeigen sich die ersten Bläschen. Der Brei riecht nun auch anders.

„Stimmt der so, Papa?“

„Ja, er riecht vergoren. In diesen Sauer-Ansatz rühren wir nun Mehl und Wasser hinein für den Grundsauerteig. Den lassen wir über Nacht stehen.“

Am Morgen des Gründonnerstags staunt Sebastian. Der Teig hat sich verdoppelt! Der Papa gibt einen kleinen Teil davon in eine Tasse und stellt sie in den Kühlschrank. „Für den nächsten Backtag! Und jetzt mischen wir den Teig für dein Dattel-Nuss-Brot. Dazu brauchen wir die größte Schüssel, die es in unserem Haushalt gibt!“

Wieder mengt der Papa Mehl und lauwarmes Wasser dazu, dann Honig, eine kleine Tasse Olivenöl, fein gehackte getrocknete Datteln und Walnüsse. Er knetet den Teig kräftig durch und deckt ihn mit einem Geschirrtuch ab.

Die Mama schüttelt den Kopf. „Brotbacken war damals Frauensache, oder? Ganz schön langwierig, diese Arbeit.“ Sie füllt einen Jausenkorb für Hinteregg, denn auch das Anheizen des Ofens und das Backen dauern Stunden.

Sebastian und sein Papa tragen die Teigschüssel zum Auto. Sie holen die Kinder an der Bushaltestelle ab, dann fahren sie den Berg hinauf. In der alten Küche des Bauernhofs formt jedes Kind auf einem Brett seinen eigenen Brotlaib. Die Laibe werden leicht mit Tüchern bedeckt und in die Sonne gestellt; nun müssen sie „aufgehen“, mindestens zwei Stunden lang. Viel Zeit bleibt den Kindern zum Jausnen und Herumtollen. Doch alle wollen beim Heizen helfen.

Der alte Backofen steht unter freiem Himmel am Rand der Obstwiese. Er hat Platz für neun Laibe Brot. Sebastians Papa schichtet die Holzscheiter nach einem Muster, das er als Kind von seiner Großmutter gelernt hat. Er wartet, bis das Holz zu Glut heruntergebrannt ist. Die Kinder tauchen Fichtenzweige in Eimer mit Wasser. Der Papa schiebt die Glut links und rechts an die Seitenwände und wischt mit den feuchten Zweigen den Boden sauber. Nun wird es aufregend! Jedes Kind ritzt die Oberfläche seines Laibes mit einem Messer ein und bepinselt es mit warmem Wasser. Dann werden die Brote „eingeschossen“: Der Papa schiebt sie mit einem langstieligen Schuber in den Ofen hinein und schließt die Tür.

„Jetzt hast du dir ein Bier verdient“, sagt Sebastian.

„Und ein Käseweckerl“, sagt Susanne.

Es ist schön, neben dem warmen Ofen zu sitzen und den Frühlingswind auf dem Gesicht zu spüren. Es ist schön sich vorzustellen, wie vor zweitausend Jahren Maria für ihren kleinen Jesus und für Josef Brot gebacken hat. Die getrockneten Datteln hat sie bei einem Händler gekauft.

„Erstklassige Ware aus Jericho“, wird der Händler geschworen haben. Hat Jesus beim Teigkneten geholfen? Ist er ungeduldig vor dem bauchigen kleinen Ofen aus gebranntem Ton gekniet? Oder hat er Dattel-Nuss-Brot erst später gekostet, auf seiner ersten Wallfahrt nach Jerusalem, mit zwölf Jahren? „Wartet hier im Schatten“, könnte Josef gesagt haben, „der Bäcker dort bietet Dattel-Nuss-Brot an, nach einem alten Rezept aus Jericho.“ Und hat sich durch das Menschengewühl gekämpft, um für seine zwei Lieben diese saftige Spezialität zu kaufen. Mit ein bisschen Kräuterfrischkäse, einer Handvoll Oliven und einem Becher Minzentee war das Brot eine komplette Mahlzeit…

Nach einer Stunde holt der Papa das warme Dattel-Nuss-Brot aus dem Backofen. Wie das duftet!

Sebastian läuft das Wasser im Mund zusammen. „Aber die Lena hat gesagt, es schmeckt erst nach zwei Tagen so richtig gut!“

„Gerade recht für den Osterkorb“, sagt der Papa.

Sebastian nickt. Den Osterkorb für die Speisensegnung in der Kirche zu füllen und zu schmücken, das ist sein Amt. Er freut sich jetzt schon darauf. Brot und Salz, Butter und Kren, gefärbte Eier und Fleisch kommen hinein und werden mit der rot gestickten Kreuzstichdecke zugedeckt. An den Henkel wird er zwei Narzissen binden.

Ob die Anna in der Stadt auch zur Speisensegnung geht? Er wird sie anrufen, diesen Abend noch.

Lene Mayer-Skumanz: Anna und Sebastian.
Herder Verlag, Wien 2003

Advertisements

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
Dieser Beitrag wurde unter Ostern, Religionsunterricht veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s