Der Tag, an dem ich meine Schularbeiten nicht mehr gemacht habe

 »Ich bin da immer ganz vorsichtig«, sagte mir einen Tag später der Türke, der im Schnellimbiss »Adana« in der Schützenstraße in Barmen arbeitete.

Manchmal unterhielten wir uns ein bisschen, wenn ich nach der Schule mal rasch bei ihm hereinschaute, weil ich Hunger hatte und er ganz nett war. Das Mädchen, das nie etwas sagte und meistens Fett von den Platten wischte oder neue Würste auf den Grill legte, war vermutlich seine Tochter. Oder Nichte, wer weiß. Vielleicht gehörte ihm damals der Laden, vielleicht war er nur angestellt. Das kann man bei Türken nicht immer wissen. Meistens gehören sie alle zu einer großen Familie und passen auf, dass sie hier bei uns nicht anecken. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, ihn solche privateren Dinge zu fragen, weil er seinen Imbiss geschlossen hat.

»Mit den Kunden sollte man sich sowieso nicht anlegen«, sagte er, »ich jedenfalls will keinen Ärger. Man weiß ja nie, wen man da vor sich hat.«

 

Es war so zwischen 18 und 19 Uhr, eine Zeit also, wenn Leute sich vor dem Kino noch rasch Pommes oder eine Currywurst genehmigen. Und Familienväter große Mengen bestellten und den Betrieb mit ihren Sonderwünschen aufhielten. Wenn man es eilig hatte, wurde man wütend auf diese Väter. Wenn man sowieso nichts vorhatte, war es egal. Ich hatte nichts vor, stand ganz hinten in der Schlange und guckte auf den Fernsehschirm oben in der Ecke. Verstehen konnte man nicht viel, aber wenn man wartet, ist einem das egal. Mir geht das wenigstens so. Auf dem Bildschirm liefen Männer hin und her, und auf dem Boden lag ein Mann, angeschossen oder tot, das konnte man nicht unterscheiden. Ich wusste überhaupt nicht, ob sie einen Film zeigten oder Nachrichten. In Filmen liegen oft Tote auf der Straße und alle rennen herum. Die Schlange rückte ein Stück weiter, ich hörte undeutlich den Namen Martin Luther King.

 

Vor mir stand ein ziemlich starker Kerl, älter als ich und einen halben Kopf größer. Wenn man in der Schlange im Imbiss steht, ist es einem egal, wer vor einem steht. Man unterhält sich sowieso nicht, wenn man die Leute nicht kennt. Oder selten. Hauptsache, der vor einem steht, hat nicht eine ganze Latte von Wünschen und man ist fast an der Reihe, aber es kann trotzdem noch lange dauern. Ich hatte nichts vor, nur noch ein bisschen Schularbeiten machen. Nichts Wichtiges.

Ich war noch lange nicht dran, mindestens sieben Personen vor mir, Frauen und Männer. Hoffentlich viele von ihnen Einzelesser, dachte ich, die sind schneller fertig mit ihrer Bestellung. Solche Hoffnungen sind nutzlos, denn man weiß es ja nicht. An den Tischen saßen ein paar Leute und aßen, auch ein altes Ehepaar. Vermutlich hatten sie keine Lust, selber zu kochen, diese Alten. Ich hatte es nicht eilig an dem Tag, aber man will trotzdem nicht eine Ewigkeit da herumstehen. Schon weil Fett und Pommes nicht so toll riechen, wenn man sie zu lange riechen muss. Egal.

Der Kerl vor mir sah auch auf den Bildschirm, seiner Kopfhaltung nach. Und dann sagte er laut:

»Wieder ein Drecksack von Neger weniger!« Er sah sich um, mit einem Grinsen, als erwarte er eine Anerkennung oder wenigstens Zustimmung.

Keiner sagte etwas. Aber es war plötzlich so still geworden, dass man das Brutzeln von Fett hörte und das Rascheln von Papier, weil der Türke gerade wieder eine Bestellung einpackte. Ein paar Leute guckten starr vor sich hin, eine Frau weiter vorne drehte sich um, um zu sehen, wer das gesagt hatte, aber sie sagte nichts. Ich hätte am liebsten etwas gesagt, aber ich wusste nicht, was. Es kam einfach zu überraschend, glaube ich. Die Schlange rückte vor.

 

Der Mann ganz vorne bezahlte. Als er sich umdrehte, erkannte ich ihn. Er arbeitet auf der Baustelle vor unserer Schule. Er fährt die Walze immer langsam vor und zurück. Ich erkannte ihn an seiner Schirmmütze, auf der vorne ein roter Ochse drauf war. Und außerdem an seiner ganzen Figur. Er war nicht gerade klein, aber auch kein Riese. Er nahm sein Schälchen mit Pommes in die Hand und ging ganz langsam die Reihe der Wartenden entlang. Er steckte sich ein Pommesstück in den Mund und kaute ganz gemächlich. Alles an ihm war irgendwie langsam wie seine mächtige Walze, die auch immer langsam fuhr, wenn ich aus dem Klassenfenster heraus zuguckte. Er blieb ganz ruhig neben dem Kerl vor mir stehen und sagte: »Ich hab das nicht verstanden, was du da gesagt hast. Sag das noch mal!« Er aß ruhig weiter, aber seine Augen waren auf den Großen vor mir gerichtet, der sicher fünfzehn Jahre jünger war als er selbst und größer. Der Walzenmann war nicht viel kleiner, aber vielleicht kräftiger in den Schultern.

»Was ich gesagt hab, hat jeder gehört«, sagte er herausfordernd, aber seine Augen flatterten dabei ein bisschen, »das ist jedenfalls meine Meinung.«

Der Walzenfahrer sah ihn ruhig an und aß weiter.

»Ich hab es nicht richtig verstanden«, sagte er, »deshalb habe ich dich gebeten, es noch einmal zu sagen.«

Der Kerl vor mir trampelte von einem Bein auf das andere und schielte auf den Mann, der neben ihm stand.

»Sperr deine Ohren auf! Alle haben es gehört! Ich lass mir nicht vorschreiben, wann ich etwas sage.« Seine Stimme war trotzig, er reckte sich in den Schultern und guckte in eine andere Richtung, und man merkte, dass es ihm irgendwie unangenehm war.

Da sagte eine Frauenstimme von weiter vorne ziemlich laut: »Dass sie in Amerika den schwarzen Pastor umgelegt haben, findet er ganz toll. Er sollte sich was schämen!«

Es war die Frau, die sich vorher schon einmal umgedreht hatte. Das letzte Gemurmel verstummte. Es war ein angespanntes Schweigen, bevor der Walzenmann, den Blick immer noch auf den Kerl vor mir gerichtet, etwas sagte. »Jetzt habe ich es endlich verstanden. Das findet so einer wie du also gut… Du bist wohl viel herumgekommen und kennst wohl eine Menge Schwarzer und hast deine Erfahrungen mit ihnen, oder?«, fragte er ganz freundlich.

»Das geht niemanden etwas an«, sagte heftig der Kerl vor mir, »lassen Sie mich endlich in Ruhe.«

Seine Stimme schepperte irgendwie. Der Türke flüsterte nur noch, wenn er nach den Wünschen des nächsten Kunden fragte. Das Mädchen hinter der Theke, ihr Putztuch in der Hand, sah ängstlich auf die beiden Männer, auch die meisten der Kunden hatten sich umgedreht.

»Wenn du hier so offen deine Meinung sagst, geht das mich wohl etwas an. Jemanden mit so viel Courage bewundere ich eigentlich. Wirklich…! Wenn er nicht gerade Stuss… oder sogar Scheiße redet.«

»Wer redet hier Stuss?« Der Große vor mir tat empört, aber es hörte sich ziemlich blechern an. Auf seiner Stirne stand Schweiß. Ich dachte, vielleicht hat er Angst vor dem Walzenfahrer, weil der nicht gerade ein Kind ist. Und ein bisschen älter und vermutlich stärker. Aber der Walzenmann sah nicht aus, als wollte er sich schlagen.

»Wer hier Stuss redet? Na, dann fragen wir doch einfach mal nach der Meinung der Leute hier!« Er drehte sich langsam im Kreis und blickte sich um.

Ein paar lachten unsicher, andere murmelten zustimmend. Ich war fast sicher, dass die meisten auf der Seite des Walzenmannes standen. Auch wenn einige nichts sagten.

Die vielleicht nicht so denken, halten jetzt erst recht den Mund, dachte ich und sagte dem Mann, dass er auf mich rechnen könnte, ich wäre auch seiner Meinung, dass der Kerl Scheiße geredet hätte. Ich wurde rot dabei, fühlte mich aber hinterher besser. Auch wenn der Kerl direkt vor mir stand. Der Türke schwitzte gewaltig und fuhr sich mit seinem Taschentuch immer häufiger über die Stirn, damit die Tropfen nicht auf das Essen fielen. Der Walzenfahrer war ganz ruhig geblieben und aß weiter. Wenn die Schlange vorrückte, ging er ein Stück, weil er neben dem großen Kerl bleiben wollte.

»Guck mal«, sagte er ganz sanft, aber so deutlich, dass jeder es hören könnte, »ich sehe keinen, der das in Ordnung findet… Oder?« Er wandte sich auch an den Alten, der mit seiner Frau am Tisch saß und, ohne einmal aufzublicken, an seiner Currywurst herumgestochert hatte. Der Mann blickte auch jetzt nicht auf, senkte den Kopf noch tiefer und murmelte: »Wir sind nicht von hier…«

Der Walzenmann sah irgendwie mitleidig auf ihn herab, aber er sagte nichts dazu. Er setzte sich an einen Tisch, streckte seine Beine aus, in den Händen hielt er immer noch seine Schale, und sein Blick war auf den Kerl vor mir gerichtet.

»Du stehst ziemlich allein mit deiner Meinung. Warum wohl? Vielleicht denkst du noch mal darüber nach. Ein junger Kerl wie du… Wäre doch schade.«

 

Der Mann vor mir hatte sich nervös hin und her bewegt, sein Nacken war rot angelaufen, das sah ich ganz deutlich, und dass er nicht wusste, wohin mit seinen Händen. Er guckte sich um, aber alle Blicke wichen ihm aus.

Er ging plötzlich aus der Reihe heraus zur Tür, stieß beinahe mit neuen Kunden zusammen und wollte die Türe hinter sich zuknallen, aber sie schloss sich ganz langsam und leise. Alle sahen schweigend durch die Scheiben, wie er da am Straßenrand an der Haltestelle stand, ein bisschen einsam, mit dem Rücken zum Fenster, und jeder dachte sich seinen Teil. Der Türke war erleichtert, das konnte man sehen. Seine Tochter oder Nichte lächelte jetzt ganz freundlich, mit ihrem Putztuch in der Hand.

 

 

Das war am 4. April 1968, zwischen 18 und 19 Uhr. Ich vergesse es nicht, weil man es nicht so oft erlebt. Datum und Jahreszahl hatte ich vergessen und im Lexikon unter King, Martin Luther, nachgesehen. Es passierte in der Schützenstraße in Barmen, als zwischen dem Postamt und der Kneipe, die früher »Schützeneck« hieß, noch dieser türkische Imbiss war, und ich hatte damals meine Schularbeiten noch nicht fertig. Ich habe sie an dem Tag auch nicht mehr gemacht.

 

Hermann Schulz

Karlhans Frank (Hrsg.): Menschen sind Menschen. Überall.
München, C. Bertelsmann Taschenbuch 2002

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