Vor unserer Tür – Gert v. Paczensky

Vor rund 150 Jahren wurde die Kinderarbeitszeit in Preußen gesetzlich begrenzt. Ob aus Mitleid — das ist nicht sicher. Für 12-bis 14jährige galt nun: 12 Stunden am Tag.

Die 9- bis 11jährigen durften seit 1839 zehn Stunden täglich eingespannt werden. Die Zwölfstundenregelung von 1852 sagt nichts über diejenigen, die älter als vierzehn waren.

1891 bestand dann das »Deutsche Reich«. Nun wurde die Arbeitszeit für ganz Deutschland geregelt: 12- bis 16jährige zehn Stunden am Tag. Frauen elf. Ob sie auch Mütter waren, spielte keine Rolle.

Nun ja – es waren elende Zeiten, nicht nur in Preußen oder Deutschland, sondern in ganz Europa. Der Industriekapitalismus nahm seinen Aufschwung. Den Landarbeitern war es schon lange dreckig gegangen, den Arbeitslosen noch mehr — nun hofften sie, durch die neuen Fabriken besser leben zu können. Das erwies sich lange als schlimme Täuschung, wenn Fabrikarbeit auch besser war, als zu verhungern. Ein »soziales Netz«, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe gab es nicht. Also flüchteten viele dorthin, wo sie ein besseres Leben zu finden hofften.

Von 1834 bis 1845 wanderten fast eine viertel Million Deutsche aus, meist nach Amerika. Das wäre zweimal die gesamte damalige Einwohnerschaft Bremens. Von 1846 bis 1855: 1,1 Millionen. Fast doppelt so viel wie die damalige Bevölkerung Mecklenburgs.

Aus ganz Europa schwoll der Strom in Richtung Amerika an. Von den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts stieg er in den nächsten Jahrzehnten auf fast eine Million Menschen jährlich. Der deutsche Anteil blieb gewaltig. Von 1871 bis 1895 waren es 2,4 Millionen. Das waren etwa so viele, wie damals in ganz Sachsen lebten, mehr als in Baden und Württemberg zusammen.

Dann verbesserten sich allmählich die westeuropäischen Lebensbedingungen, also wanderten weniger Menschen aus. Die deutsche Zahl sank auf weniger als 30 000 im Jahr.

Der wachsende Lebensstandard war, von heute her betrachtet, gering genug. Doch Menschen anderswo hielten ihn schon für begehrenswert. Nun wanderten Arbeiter und Bauern aus anderen Ländern, in denen es ihnen dreckig ging, nach Deutschland ein. Seit 1896 übertrifft ihre Zahl die der Auswanderer.

Aber in den anderen Erdteilen, für die übergroße Mehrheit der Menschen, verbesserte sich nichts. Ihre Ernährung hat sich durch Jahrhunderte hindurch sogar verschlechtert, und das traurigerweise, seit sie mit uns Europäern Bekanntschaft gemacht haben. Für sie begann der Niedergang mit dem europäischen Griff nach Kolonien.

Abenteuerlust und Habsucht haben Europäer und später auch Nordamerikaner bewogen, sich große Teile der außereuropäischen Welt zu unterwerfen. Sie wollten die vermeintlichen oder wirklichen Reichtümer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas haben — Gewürze, Zucker, Kaffee, Tee, Bodenschätze und vieles andere, auch das fruchtbare Land. Dank großer Waffenüberlegenheit haben sie riesige Kolonialgebiete erobert und ausgeplündert, viele »Eingeborene«, wie man sie verächtlich nannte, von ihrem Ackerland vertrieben, viele fern von ihrer Heimat zu Sklaven und Zwangsarbeitern gemacht. Die mussten für die Besatzer schuften. So konnten sie, die bis dahin meist genug zu essen gehabt hatten, sich nicht mehr ausreichend um ihre eigenen Ernten kümmern.

So schädigte die Kolonialherrschaft ihre Gesundheit. Sie riss »eingeborene« Familien und Gruppen auseinander. Damit ruinierte sie die Möglichkeiten gegenseitiger Hilfe, das »Sozialsystem«. Ebenso schlimm: Sie bremste die Bildungsmöglichkeiten der »Kolonisierten«, verhinderte die Entstehung fähiger politischer Eliten, die eines Tages, nach Gewinn der Unabhängigkeit, diese Völker hätten verwalten und damit auf den Weg zu wirtschaftlicher Höherentwicklung bringen können.

Straßen und Häfen, die die Kolonialherren von »eingeborenen« Zwangsarbeitern bauen ließen und auf die sie heute noch stolz sind, dienten ausschließlich den wirtschaftlichen Interessen der Eroberer. Die Medizin, die sie brachten, diente dem Schutz der weißen Besatzer vor »Tropenkrankheiten«, die sich besonders in Afrika großenteils nur ausgebreitet hatten, weil die Kolonialherren die Unterworfenen als Lastenträger, zeitweise sogar als gepresste Hilfssoldaten, kreuz und quer auch durch die ungesündesten Gebiete marschieren ließen. Eine Folge der kolonialen Herrschaft war weit verbreiteter Hunger, durch den Millionen Menschen umkamen.

Die sogenannte Entkolonialisierung brachte den besetzten Gebieten mindestens formal die Unabhängigkeit. Sie zog sich von der Mitte des vergangenen Jahrhunderts (Indien) bis 1994 (Südafrika) hin. Aber die bisherigen Besatzer sorgten fast überall dafür, dass die wichtigsten Landwirtschafts- und Bodenschätze in den Händen europäischer und nordamerikanischer Besitzer blieben. Die »Befreiten« produzierten weiter für Europa und Nordamerika anstatt für die bitterarmen bisherigen Kolonien. Die nannte man nun mit schamloser Beschönigung »Entwicklungsländer«. Was dort entwickelt wurde, waren allenfalls die Exportanlagen im Dienst der Industrieländer, ohne Nutzen für die Einheimischen.

Dass Millionen in der sogenannten »Dritten Welt« noch heute hungern, ist hauptsächlich die Folge der Kolonialherrschaft. Das Elend der »Dritten Welt« trifft ja auch zum allergrößten Teil vormalige Kolonien. Nur ein Beispiel: Bei dem verbreiteten, durchs Fernsehen genährten Mitleid mit den Verhungernden in der Sahelzone konnte oder wollte man nicht sehen, dass die dortige Landwirtschaft in der Kolonialzeit auf Exporte nach Europa umgestellt worden war. Die Sahelzone hätte durchaus Möglichkeiten gehabt, ihre Menschen vor dem Verhungern zu bewahren. Aber unter den wirtschaftlichen Abhängigkeiten von den früheren Kolonialmächten lieferte sie auch während der Hungerkatastrophe große Mengen grüner Bohnen nach Frankreich, getrockneter Tomaten und Mangos nach England.

Andere Hungergebiete exportierten Getreide.

Das passte durchaus in eine historische Kette. Während der furchtbaren Hungersnöte in Indien unter britischer Kolonialherrschaft vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wurden Getreide und andere Lebensmittel nach England und anderswohin exportiert. Als Mitte des 19. Jahrhunderts rund eine Million Iren wegen der verdorbenen Kartoffelernte hungers starben und mehr als eine Million auswanderten, um dem Elend zu entfliehen, gehörten große Teile des Bodens britischen Grundbesitzern — es war ja eine britische Landwirtschaftskolonie, Industrialisierung nicht gewollt. Während der gesamten gewaltigen Notzeit wurden aus Irland Getreide und andere Nahrungsmittel exportiert.

Mit ihrem gewaltigen Übergewicht konnten sich die westlichen Industrieländer auch die nicht als Kolonien unterdrückten Länder der anderen Kontinente wirtschaftlich weitgehend Untertan machen und sie in ihr System einspannen, das rein auf den Profit Europas und Nordamerikas ausgerichtet war. Sie nennen es »Welt-Wirtschafts-Ordnung«. Dass diese die einzige mögliche sei, wird nicht mehr in Frage gestellt, schon gar nicht nach dem Zusammenbruch der Sowjetmacht. Die hatte zwar mit Worten den »Kapitalismus« und »Imperialismus« bekämpft, aber sich als Papiertiger erwiesen, der dem westlichen System keineswegs überlegen war. China steht auch nicht besser da. Seine Spielart des Kommunismus hat den Chinesen nicht ersparen können, dass vor nur einem halben Jahrhundert, 1959 bis 1961, etwa dreißig Millionen von ihnen einer Hungerkatastrophe zum Opfer fielen.

Bilanz der »Welt-Wirtschafts-Ordnung«: rund 800 Millionen Erwachsene, die chronisch unterernährt sind, und 185 Millionen Kinder, von denen fast die Hälfte noch in der Kindheit am Hunger und seinen Folgen sterben werden. Inder haben heute im Durchschnitt noch immer weniger zu essen als Westeuropäer vor 150 Jahren.

Die Ernährungsmängel in der Dritten Welt schädigen Körper und Gehirn ihrer Menschen. Durch Eisenmangel verursachte Anämie (Blutarmut) mit katastrophalen Folgen haben fast die Hälfte der Frauen und Kinder in »Entwicklungsländern«. Die Wirkungen sind: für immer beeinträchtigte Schädigung des Gehirns, verstärkte Krankheits- und Todesgefahr durch Infektionen, geringeres Körperwachstum.
Mangel an Protein (lebensnotwendige Eiweißstoffe) trifft nach Angaben der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) jedes zehnte Kind in Lateinamerika, zwei- bis dreimal so viel in Südostasien und Afrika und etwa die Hälfte aller Kinder in Südasien. Schlechte Ernährung während der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit erhöht Krankheitsrisiken und frühere Sterblichkeit auch bei Erwachsenen.

Vielen Menschen in den früheren Kolonien geht es also heute so dreckig wie damals den Unterschichten Europas beim Aufschwung des Industriekapitalismus. Die retteten sich durch die Flucht, die Auswanderung. Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner haben es schon deswegen schlechter, weil sie so viel mehr Menschen sind, viel zu viele für viel zu wenig Arbeit, und weil es bei ihnen kein Unterstützungssystem gibt. Das wäre nach jahrhundertelangem Elend auch längst pleite.

Auch sie möchten fliehen, um anderswo arbeiten und besser leben zu können. Natürlich kommen für sie nur Länder in Frage, in denen — wie bei uns — für viele unangenehme, schlechter bezahlte Jobs keine Arbeiter gefunden werden. Wenn kein Deutscher diese Arbeit tun will, sind Zuwanderer wohl kaum eine Konkurrenz. Und da hierzulande die arbeitsfähige Bevölkerung überhaupt schrumpft, werden auch immer bessere, für unsere Volkswirtschaft aber wichtige Stellen unbesetzt bleiben.

Die USA verdanken ihren enormen wirtschaftlichen Aufschwung im 18. und 19. Jahrhundert der massenhaften Einwanderung. Wir könnten einen solchen Aufschwung aus eigener Kraft gar nicht mehr schaffen. Wir können wahrscheinlich nicht einmal mehr auf Dauer verhindern, dass unsere Alten ins Elend zurückfallen, vielleicht gar wieder hungern. Es gibt ja immer weniger arbeitende Jüngere, deren Beiträge die Rentenkassen nachfüllen könnten. Wenn wir unseren Lebensstandard halten wollen, brauchen wir Einwanderer, und zwar bald.

In dieser Situation klopfen die Opfer der Kolonialisten an die Tür jener, deren Groß- und Urgroßväter sie arm und sich selbst reich gemacht haben. Sie abzuweisen, ist unmoralisch und dumm. Sie totzuschlagen, wie es Neonazis tun oder wollen, ist verbrecherisch und dumm. Es würde auch die Zukunft des eigenen Volkes zerschlagen. Deine.

Karlhans Frank (Hrsg.) : Menschen sind Menschen. Überall. – P.E.N.-Autoren schreiben gegen Gewalt.
München, C. Bertelsmann Taschenbuch, 2002

P.E.N. steht für »Poets, Essayists, Novelists«. Es ist kein gewöhnlicher Verein, in dem jeder Mitglied werden kann. Wer in den P.E.N. aufgenommen werden will, kann sich nicht selbst bewerben. Er muss vorgeschlagen und zugewählt werden, muss nicht nur als Autor anerkannt sein, sondern auch gegen Militarismus, Rassenhetze und Völkerhass sein, sich nachweislich für Frieden und Menschenrechte einsetzen. Es ist eine literarische Ehrung, Mitglied des P.E.N. zu werden.

Eine der wichtigen Aufgaben des P.E.N. ist der Einsatz für bedrohte Autoren in aller Welt — denn immer noch versuchen Mächtige überall, Aufklärung zu verhindern. Und selbstverständlich ist der P.E.N. mit allen seinen Mitgliedern gegen das neue Aufflammen der alten Nazi-Ideologie. Also ist dieses Buch der Aufruf namhafter Autoren an alle: Seid wachsam und wehrt euch!

Karlhans Frank

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Eine Antwort zu Vor unserer Tür – Gert v. Paczensky

  1. rotegraefin schreibt:

    Ein sehr guter Aufsatz von Herrn von Paczensky.

    Ich wäre gerne mit ihm in einen Dialog getreten. Schade!

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