Der Grüne Ritter

Der Grüne Ritter

Es waren einmal ein König und eine Königin, denen wurde eine Prinzessin geboren. Doch kurz nach ihrer Geburt wurde die Königin sehr krank. Sie wusste, dass sie bald sterben würde, und so ließ sie den König zu sich kommen und nahm ihm das Versprechen ab, dass er ihrer kleinen Tochter jederzeit jeden Wunsch erfüllen würde. Dann starb sie in Frieden.

Der König trauerte sehr um seine Frau und glaubte, das Herz müsse ihm brechen. Doch er fand Trost in seiner Tochter. Sie war ein Kind von traurigem und sanftem Gemüt, und am liebsten wanderte sie allein durch die Gärten und den Wald, sprach zu den Tieren und pflückte Blumen.

Eines Morgens, während sie den Wald durchstreifte, traf sie auf eine arme Witwe und deren Tochter. Die beiden sammelten Feuerholz. Die Frau war ein verschlagenes Weib und die Tochter war eitel und selbstsüchtig. Das junge Mädchen blieb stehen, um sich mit den beiden zu unterhalten, und als die Witwe und ihre Tochter entdeckten, dass sie eine Prinzessin war, legten sie es darauf an, der Prinzessin ihre Gesellschaft so angenehm wie möglich erscheinen zu lassen. Von nun an traf die Prinzessin jedes Mal, wenn sie in den Wald ging, die Witwe und ihre Tochter, die immer sehr freundlich mit ihr sprachen. Nach einigen Wochen genoss die Prinzessin die Gesellschaft der beiden so sehr, dass sie sich von Mal zu Mal mehr auf das Treffen freute. Doch eines Tages erzählte ihr die Witwe, sie besäßen kaum noch Geld und müssten deshalb in eine weit entfernte Stadt gehen und dort Arbeit suchen. Die Prinzessin war sehr traurig, dass sie ihre neu gewonnenen Freunde schon wieder verlieren sollte, und sie bat sie, mit ihr zu kommen und bei ihr im Palast zu leben. Die Witwe tat so, als ob sie darüber nachdächte, und dann rief sie: »Nun, ich bin allein mit einer Tochter und dein Vater ist ebenfalls allein mit einer Tochter. Vielleicht könnten wir ja alle glücklich miteinander leben und füreinander sorgen?«

Die Prinzessin war überglücklich und lief sofort nach Hause zu ihrem Vater, um ihn zu bitten, die Witwe zu heiraten, so dass die beiden Mädchen zusammen aufwachsen könnten. »Sie ist die einzige Freundin, die ich habe«, bettelte sie, »und die Frau ist immer freundlich zu mir, genau wie eine Mutter.« Und obwohl er große Bedenken hatte, konnte der König ihre Bitte nicht abschlagen und erklärte sich bereit, die Witwe zu heiraten. Es gab eine prächtige Hochzeit, und dann lebten sie alle zusammen im Palast. Zunächst ging alles sehr gut. Doch nachdem ein paar Monate vergangen waren, begann die Stiefmutter, die Prinzessin schlecht zu behandeln und ihre eigene Tochter vorzuziehen.

Der König war zutiefst betrübt, als er sah, was vor sich ging. »Ach mein geliebtes Kind«, sagte er traurig, »ich kann es nicht ertragen mit anzusehen, wie man dich so schlecht behandelt. Ich hätte deinem Wunsch nicht nachgeben sollen. Doch nun ist es zu spät und die Witwe ist meine Frau.« Daraufhin beschloss er, seine Tochter wegzuschicken, um sie vor den Quälereien ihrer Stiefmutter zu bewahren. »Du wirst zusammen mit zwei Hofdamen in meinem Sommerpalast auf der Insel im See leben. Dort bist du in Sicherheit, und ich werde dich oft besuchen«, versprach der König.

Die Aussicht, von ihrem geliebten Vater getrennt zu sein, betrübte die Prinzessin sehr, doch es gab keinen anderen Weg, um der boshaften Witwe und ihrer neidischen Tochter zu entkommen.

Also zog die Prinzessin mit ihren Hofdamen auf die Insel. Es war ein einsames Leben, das sie da führte, doch war sie es soweit zufrieden, in den Gärten umherwandern und dem Vogelgezwitscher zuhören zu können. Damit verbrachte sie ihre Tage und wuchs schließlich zu einer wunderschönen jungen Frau heran. Doch ihr Herz wurde häufig von einer sonderbaren Sehnsucht erfüllt; wonach, das konnte sie selbst nicht genau sagen – vielleicht nach einem Ritter so grün wie das Gras.

Als der Vater sie eines Tages wieder besuchte, erschien er ihr sehr viel trauriger als sonst. »Meine geliebte Tochter, ich muss eine weite Reise machen und werde dich vielleicht für sehr lange Zeit nicht sehen können«, seufzte er, als er sie zum Abschied küsste.

Auch die Prinzessin war traurig, und als sich die beiden trennten, sagte sie: »Vater, falls du auf deinen Reisen auf einen grünen Ritter triffst, dann sag ihm, dass ich ihn grüßen lasse und dass ich mich danach sehne, ihn kennen zu lernen, denn nur er allein kann mich von meiner Traurigkeit erlösen.«

»Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen«, versprach der Vater, als er von der Insel wegruderte.

Der König war viele Monate unterwegs, und obwohl er viele Ritter und viele Könige traf, hörte er nirgendwo etwas von einem grünen Ritter, und er war sehr traurig, dass er den Wunsch seiner Tochter nicht erfüllen konnte. Schließlich trat er seine Heimreise an. Er überquerte Berge und Flüsse und kam schließlich in einen tiefen, dunklen Wald. Sein Weg führte ihn zwischen dichten Bäumen hindurch, bis er plötzlich eine Lichtung erreichte, auf der eine Herde wilder Eber graste. Ein junger Hirte saß in ihrer Mitte und spielte auf einer Flöte, deren Klang die Tiere besänftigte, so dass sie friedlich fraßen.

»Wem gehören diese Tiere und wer ist dein Herr?«, fragte der König.

»Sie gehören dem Grünen Ritter, der viele Tagesreisen von hier in Richtung Osten lebt«, antwortete der Hirte und wandte sich dann wieder seiner Flöte zu.

Der König war hocherfreut, Kunde von dem Grünen Ritter zu erhalten, und er eilte drei Tage lang Richtung Osten, bis er schließlich zu einer Weide voller Elche und wilder Ochsen kam, die ebenfalls zu den Klängen einer Hirtenflöte friedlich weideten.

»Wem gehören diese Tiere«, fragte der König, »und wer ist dein Herr?«

»Ich diene dem Grünen Ritter, und ihm gehören auch diese Tiere«, antwortete der Hirte.

»Ich muss deinen Herrn sprechen«, sagte der König, denn er hoffte, jenen Ritter gefunden zu haben, nach dem sich seine Tochter sehnte. »Bitte sag mir, wo ich ihn finden kann.«

Als der König hörte, dass er noch eine weitere Tagesreise nach Osten reiten müsse, machte er sich eilends auf den Weg. Dieser führte ihn über grüne Felder und durch grüne Wälder, und nachdem der Tag um war, erreichte er tatsächlich ein großes Schloss, das mit grünem Efeu bewachsen war. Als er zum Schloss hinaufritt, kam ihm der Grüne Ritter entgegen, um ihn zu begrüßen.

»Ich bin sehr weit gereist, um Euch zu finden«, sagte der König, »denn meine Tochter hat mich gebeten, Euch in ihrem Namen zu grüßen.«

Der Ritter war sehr verwundert über diese Worte und sprach: »Nicht ich bin es, auf den Eure Tochter wartet. Sie ist voller Trauer und sehnt sich nach Ruhe, und so dachte sie an den Tod und ihre letzte Ruhestätte in der grünen Erde, als sie Euch diese Botschaft auftrug. Doch ich werde ihr ein Geschenk senden, in dem sie Trost finden wird.«

Dann gab er dem König ein grünes Buch. »Sagt Eurer Tochter, dass sie jedes Mal, wenn sie sich unglücklich fühlt, das Fenster öffnen soll, das nach Osten geht. An diesem Fenster soll sie sitzen und in dem grünen Buch lesen.«

Der König dankte dem Ritter für seine Güte, und nachdem er die Nacht als sein Gast verbracht hatte, machte er sich auf den Heimweg. Er begab sich geradewegs zu der Insel, auf der seine Tochter wohnte, um ihr zu erzählen, was sich zugetragen hatte, und ihr das grüne Buch zu bringen.

Als es Abend war, setzte sich die Prinzessin an das Fenster, das nach Osten ging, und öffnete das sonderbare Buch, das der Grüne Ritter ihr geschickt hatte. Es war in einer ihr unbekannten Sprache geschrieben, und doch begann sie die seltsamen Verse zu verstehen. Laut las sie die erste Strophe:

Der Wind streicht ruhelos über das Land,
Über die Erde, das Meer und den Sand.
Wird Liebe versprochen, tief und wahr,
Bevor die Welt versinkt im Schlaf?

Während sie diese Worte sprach, erhob sich draußen auf dem See ein Wind; beim zweiten Vers strich der Wind über die Bäume am Ufer; und beim dritten fielen ihre Hofdamen in tiefen Schlaf. Dann flog ein Vogel zum Fenster herein.

Der Vogel nahm sogleich menschliche Gestalt an und sprach zu ihr: »Fürchte dich nicht. Ich bin der Grüne Ritter und ich bin gekommen, damit du mir von deinem Kummer berichten kannst.«
Die Prinzessin war überglücklich und unterhielt sich ohne Scheu mit dem Grünen Ritter, als ob sie ihn schon ihr ganzes Leben lang gekannt hätte.

»Immer wenn du mich brauchst, werde ich in Gestalt des Vogels zu dir kommen«, sagte der Ritter, nachdem sie viele Stunden lang miteinander gesprochen hatten. »Wenn du aber schlafen gehen willst, so schließe nur das Buch, und ich werde so leise, wie ich gekommen bin, in mein Schloss zurückkehren.«

Die Prinzessin klappte das Buch zu und fiel in einen traumerfüllten Schlaf. Sie träumte von dem Grünen Ritter, und das Glücksgefühl, das sie verspürte, begleitete sie auch durch die Tage, so dass sie ganz lebhaft und gesund wurde und anfing, mit ihren Hofdamen zu lachen und zu scherzen.

Der König war sehr erfreut, seine Tochter wieder glücklich zu sehen, und dachte bei sich, dass die Weisheit des grünen Buches sie geheilt haben müsse. Aber niemand wusste von ihren Gesprächen mit dem Grünen Ritter.

Bei seinem dritten Besuch schenkte der Ritter der Prinzessin einen goldenen Ring und sie verlobten sich heimlich miteinander. Sie mussten aber drei Monate warten, bevor der Ritter beim König um die Hand seiner Tochter anhalten konnte.

Mittlerweile war die Stiefmutter sehr misstrauisch geworden, als sie von dem blühenden Glück des Mädchens hörte, denn sie hatte gehofft, die Prinzessin würde in ihrer Einsamkeit auf der Insel vor Gram vergehen und schließlich sterben, so dass ihre eigene Tochter die Zuneigung des Königs gewinnen könne. Also schickte sie Kundschafterinnen aus, um die Prinzessin zu beobachten, zuerst ihre Hofdamen und dann ihre eigene Tochter. Sie berichteten jedoch immer nur dasselbe, nämlich dass abends alle in tiefen Schlaf fielen, während die Prinzessin an ihrem Fenster saß. Schließlich begab sich die Königin selbst auf die Insel, um herauszufinden, warum ihre Stieftochter so glücklich war. Sie vermutete, es müsse jemand zum offenen Fenster hereinkommen, und so legte sie eine vergiftete Schere auf das Fenstersims und hielt Wache. Doch auch sie fiel in einen tiefen Schlaf und sah nicht, wie der Vogel zum Fenster hereingeflogen kam. Auch das Gespräch zwischen den Liebenden entging ihr.

»Wie glücklich bin ich, dass wir nun nur noch eine einzige Woche warten müssen, bis du bei dem Vater um meine Hand anhalten kannst«, sagte die Prinzessin voller Freude zum Grünen Ritter.

»Und dann wirst du mit mir in meinem grünen Schloss inmitten der grünen Wälder und Felder leben«, antwortete dieser.

Als die Prinzessin müde wurde und das Buch zuklappte, nahm der Ritter wieder seine Vogelgestalt an, um wegzufliegen, doch er flog zu niedrig über das Fenstersims und streifte mit einem Bein die vergiftete Schere. Er flog mit einem Schrei davon, wodurch die Prinzessin erwachte. Und von diesem Augenblick an war sie so unglücklich wie zuvor.

Die Königin nahm am nächsten Morgen ihre Schere wieder an sich und frohlockte, als sie die Blutstropfen daran erblickte. Mit sich und ihrer List zufrieden machte sie sich auf den Heimweg in ihren Palast.

Am nächsten Abend fühlte sich die Prinzessin so schwach, dass sie kaum ihr Buch aufschlagen konnte, und als es ihr schließlich gelang, kam kein Vogel geflogen, obwohl der Wind wie sonst über den See und durch die Bäume fegte. Voller Verzweiflung versuchte sie auch an den folgenden Abenden, den Ritter zu sich zu rufen. Doch der Vogel blieb aus.

Eines Tages, als sie in ihrem Garten spazieren ging, hörte sie, wie sich zwei Raben über sie und den Grünen Ritter unterhielten. Der erste Rabe sagte: »Ach, wie traurig ist es, dass der Ritter krank da niederliegt und nur die Prinzessin ihn heilen kann. Und doch weiß sie gar nichts von der Wunde, die er durch die vergiftete Schere der Königin davongetragen hat.«

Der zweite Rabe fragte: »Wie kann der Grüne Ritter geheilt werden, wenn die Prinzessin doch gar nichts von seinem Schicksal weiß?«

Der erste Rabe antwortete: »Im Schlosshof des Königs befindet sich ein Nest von Kreuzottern. Wenn es der Prinzessin gelingt, sie zu fangen, zu kochen und sie dem Ritter zu essen zu geben, dann wird er geheilt werden. Andernfalls muss er sterben.«

Als die Prinzessin diese Worte gehört hatte, war sie entschlossen, dem Ritter zu helfen. Sobald es Nacht geworden war, bestieg sie das Boot und ruderte im Licht des Mondes und der Sterne über den See. Leise schlich sie sich in den Schlosshof. Dort fand sie ein Nest mit neun Kreuzottern, die sie fing und in ihre Schürze wickelte. Dann machte sie sich auf die Suche nach dem Schloss des Grünen Ritters. Es war ein weiter Weg, und als sie das Schloss endlich erreichte, waren ihre Kleider zerrissen und schmutzig, und niemand hätte ihr geglaubt, dass sie eine Prinzessin war. Sie betrat das Schloss, als die Ärzte gerade erklärten, für den Ritter gäbe es keine Hoffnung mehr auf Genesung.

Die Prinzessin bat um Arbeit in der Küche, und dort bereitete sie aus drei Kreuzottern eine Suppe. Nachdem der Ritter diese getrunken hatte, ging sein Fieber sofort zurück und er schickte nach der Köchin und verlangte mehr Suppe. Am nächsten Tag bereitete die Prinzessin erneut eine Suppe aus drei Kreuzottern, und daraufhin konnte sich der Ritter schon im Bett aufrichten. Am dritten Tag bereitete die Prinzessin die Suppe aus den letzten drei Kreuzottern. Als der Ritter sie getrunken hatte, fühlte er sich so gut, dass er in die Küche hinunterlief, um dem Küchenmädchen zu danken.

Sobald er die Küche betreten hatte, erkannte der Grüne Ritter in dem Küchenmädchen seine Braut, und tatsächlich trug sie den goldenen Ring am Finger, so dass kein Zweifel mehr bestehen konnte.

Die beiden fielen sich in die Arme, sie weinten vor Freude und beschlossen, sofort zu heiraten. Sie schickten eine Botschaft an den König, um ihn um seinen Segen zu bitten und ihn zur Hochzeit einzuladen. Der König war glücklich, dass seine Tochter ihren Grünen Ritter gefunden hatte. Er machte sich gleich auf den Weg, um die Vermählung seiner Tochter zu feiern und fortan mit ihr zusammen auf dem Schloss des Grünen Ritters zu leben.

Josephine Evetts-Secker: Väter und Töchter – Märchen aus aller Welt
Stuttgard: Urachhaus 2000

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