Das Mädchen aus dem Straußenei – Geschichte aus Afrika

Das Mädchen aus dem Straußenei

Seetetelane war ein armer Bursche. Er hatte kein Land, keine Kuh und keine Frau. Ganz allein lebte er im Grasland. Er jagte Feldmäuse und aß sie, und aus den kleinen Fellen machte er sich Kleider. Eines Tages, als er wieder Feldmäuse jagte, fand er ein Straußenei, größer als er jemals eines gesehen hatte. »Was für ein Gewinn!« rief Seetetelane voll Freude. »Endlich hat ein so armer Bursche wie ich auch einmal Glück! Ich werde das Ei in meine Hütte tragen. Dort soll es unter dem Dach liegen, bis die stürmischen und regnerischen Tage kommen!«

Er schleppte das Ei in seine Hütte und wünschte sich, das Glück möge anhalten und ihm noch weitere Freuden bescheren. »Hoffentlich!« rief er. »Hoffentlich bleibt das Glück bei mir!«

Er versteckte das Ei unter dem Strohdach und ging wieder auf Mäusejagd.

Als er spät am Abend heimkehrte, sah er zu seinem Erstaunen, dass die Hütte aufgeräumt war. Ein frischgebackenes Brot lag da, und daneben stand ein Krug mit frischgebrautem Bier.

»Wie kann das sein?« rief Seetetelane. »Das sieht ja aus, als habe eine Frau hier gewerkt? Wie in meinen schönsten Träumen!«

Weil er aber hungrig war, dachte er nicht länger nach. Er aß und trank und freute sich, dass es ihm gutging. Auch am zweiten und am dritten Tag geschah dasselbe: wenn Seetetelane am Abend in seine Hütte kam, schien es, als habe eine Frau voll Liebe alles für ihn hergerichtet. Am vierten Tag vergaß Seetetelane, als er zur Mäusejagd aufbrach, seine Pfeife in der Hütte. Er ging zurück, um die Pfeife zu holen, da bemerkte er, dass jemand in seiner Hütte war. Er schlich näher und spähte hinein. Ein schönes, fremdes Mädchen räumte auf, füllte den Krug mit Bier und legte frischgebackenes Brot in den Korb. Als alles hergerichtet war, wollte das Mädchen in das große Straußenei schlüpfen.

»Nein!« rief Seetetelane und fasste das Mädchen an der Hand. »Bleib hier! Bleib bei mir!«

»Du hast so sehr gehofft und gewünscht, dass das Glück bei dir einkehrt«, sagte das Mädchen. »Ich will gern bei dir bleiben. Aber du darfst mir nie vorwerfen, dass ich nur ein Mädchen aus einem Straußenei bin!«

Seetetelane versprach es.

Sie lebten glücklich miteinander. Eines Tages sagte Seetetelane: »Es ist schön mit dir. Aber ich habe auch Sehnsucht nach anderen Menschen, mit denen ich reden, essen und feiern kann.«

Das Mädchen nahm einen Dreschflegel, ging vor die Hütte und begann, einen Grashaufen zu dreschen. Aus dem Grashaufen kamen Menschen hervor, alte und junge, es kamen Kühe hervor, die brüllten, und Hunde, die bellten.

Seetetelane lief aus der Hütte, als er den Lärm hörte.

»Nun muss dir nicht mehr langweilig sein!« sagte das Mädchen. Die Leute aus dem Grashaufen umringten Seetetelane. »Glück und Heil, unser Häuptling!« riefen sie, und die Hunde wedelten mit ihren Schwänzen.

Nun war Seetetelane Häuptling geworden. Er trug keine Kleider aus Mäusefellen mehr, sondern aus weichen Schakalfellen, und er schlief auf einer schönen Matte. Er hatte genug zu essen und trinken, und er hatte Leute, die für ihn arbeiteten.

Er war sehr zufrieden mit seinem Leben.

Eines Abends hatte Seetetelane seinen Krug leergetrunken. Er blickte auf und wollte das Mädchen herbeiwinken, aber er sah es nicht. Da ärgerte er sich und schrie: »Wo steckst du, Mädchen aus dem Straußenei? Mein Krug ist leer!«

Das Mädchen kam und sah Seetetelane traurig an.

»Weißt du nicht mehr, was du mir versprochen hast, Seetetelane?«

»Ach was«, sagte er, trank den Krug leer und schlief ein. Als er am nächsten Morgen erwachte, wollte er seinen Augen nicht trauen: Er lag auf seiner alten Matte, in seinem alten Kleid aus Mäusefellen, und der Krug mit Bier, die schönen Becher, das Brot, das gute Essen, alles war verschwunden. Auch das Mädchen war verschwunden und mit ihm das Straußenei, aus dem es gekommen war. Vor der Hütte pfiff der Wind durch das Gras. Auch alle Leute, alle Kühe und Hunde, die das Mädchen ihm geschenkt hatte, waren verschwunden.

Traurig machte sich Seetetelane auf, um das Straußenei wieder zu finden. Aber so sehr er auch suchte, er fand es nicht mehr.

Wilhelm Meissel

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.): Hoffentlich bald
Wien: Herder Verlag 1986

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