Rudolf und Britta

Rudolf und Britta

Sani hörte ihn schon, als er noch im Treppenhaus war.

»War einst ein kleines Rentier …« Sie stöhnte auf und schrie ihrer Mutter, die in der Küche herumrumorte, zu: »Rudolf kommt!«

Rudolf hieß eigentlich Jakob und war Sanis jüngerer Bruder. Er ging in die erste Klasse und da hatten sie ihm dieses selten dämliche Lied beigebracht. Aber eigentlich war die Omilie schuld, die ihm schon letztes Jahr Rudolf als Stofftier geschenkt hatte. »… Rudolf wurde es genannt …« Jakob riss die Tür auf und sang ohne Unterbrechung weiter, während er sich auszog. »… und seine rote Nase …«

Sani presste beide Hände auf die Ohren. Das war ja zum Wahnsinnigwerden!

»Mamaaa!«, schrie sie um Hilfe. Aber die stand nur lachend in der Küchentür und trocknete sich die Hände ab.

Jakob gab sein Rudolf-Stofftier nie mehr aus der Hand, obwohl ihm Sani schon tausendmal erklärt hatte, es gelte nur für Weihnachten. An der Lautstärke des Gesangs erkannte sie, dass ihr brüderliches Rentier Kurs auf ihr Zimmer genommen hatte.

Als die Tür aufging, flog Jakob ein Polster an den Kopf und der eindeutige Befehl: »Halt die Klappe!!«

»Spinnst du?« Jakob gab dem Polster einen Tritt. »Immer noch besser als deine Britta Spieß!«, giftete Jakob zurück.

»Sie heißt Britney Spears!!« Das Maß war voll.

Vorsichtshalber schaltete sich Mama ein: »Schluss jetzt! Essen ist fertig.«

Kaum saßen alle am Tisch, begann Jakob zu plappern. Man ist ja schon froh, wenn er nicht singt!, dachte Sani zähneknirschend.

»Heute Morgen habe ich im Treppenhaus die Frau Seitz getroffen und heute Nachmittag schon wieder.« Jakob war nicht zu bremsen.

»Was du für tolle Erlebnisse hast!«, gratulierte Sani ironisch. Sie mochte die alte Frau Seitz nicht. Die wohnte im Erdgeschoss, war zwischen hundert und scheintot und pingelig. Wenn man sich die Schuhe nicht richtig abputzte, meckerte sie, und wenn man laut war, genauso, und als Sani die Haustür offen ließ, hatte sie fast Gift gespritzt. Na gut, es war Winter, aber ein bisschen frische Luft hatte noch keinem geschadet.

»Und?«, fragte Mama.

»Und ich habe ihr Rudolf geschenkt.«

»Waaaas?« Der Schrei von Sani kam so plötzlich, dass ihr ein Tortellini pfeilgerade aus dem Mund über den Tisch flog.

»Igitt!« sagte Jakob und erklärte dann Mama, die ihn mit offenem Mund anstarrte: »Heute Morgen hat sie mich angesprochen, weil sie mich schon so oft singen hören hat.«

»Sie hat gesagt, du sollst die Klappe halten«, war sich Sani sicher.

»Nein!! Überhaupt nicht! Sie fand es Klasse, und als ich nach Hause kam, hat sie mich nach Rudolf gefragt.«

»Und da hast du ihn ihr geschenkt?« Sani konnte es noch immer nicht fassen.

»Eigentlich nur geliehen.« Jakob zuckte mit den Achseln. »Sie fand ihn so süß und ist ganz allein und wir sollen mal bei ihr vorbeikommen und uns Kletzenbrot holen.«

»Wiiiiir?«

»Na ja sicher. Sie hat gesagt«, und dabei verzog Jakob angeekelt das Gesicht, »ich soll meine hübsche Schwester mitbringen. Ich hab ja nur die eine, oder?«, grinste er Mama an.

Diese kleine Kanalratte von einem Bruder! »Ich geh nicht!«, entschied Sani.

»Ach komm.« Mama kniff sie in die Wange. »Bald ist Weihnachten. Sieh es einfach als nette Geste. Ihr müsst ja nicht lange bleiben, aber sie wird nicht viel Besuch bekommen und freut sich sicher.«

»Ich geh nicht«, wiederholte Sani bestimmt. Aber dann ging sie doch, weil Jakob gesagt hatte, die Frau Seitz würde Sani sonst vermutlich für einen Hosenscheißer halten. »Wir machen es gleich morgen Nachmittag«, entschied sie.

Mama gab ihnen dann noch ein kleines Kerzengesteck mit und darüber war Sani ziemlich froh, weil sie gar nicht wusste, was sie zu Frau Seitz sagen sollte. Vor der Tür wurde ihr dann doch ein bisschen komisch. Wahrscheinlich fing die gleich wieder an zu meckern und ihr alberner Bruder hüpfte, nachdem er geklingelt hatte, von einem Bein auf das andere, als würden sie den Weihnachtsmann persönlich besuchen.

»Hallo! Das ist mal eine schöne Überraschung!«, strahlte Frau Seitz, als sie die Tür öffnete. »So bald hatte ich euch gar nicht erwartet. Gut, dass ich das Kletzenbrot schon gebacken habe.«

Jakob gab Sani einen Rempler und deutete auf das Paket in ihrer Hand. »Ach ja, äh, hier: von Mama für Weihnachten.«

»Nee, das ist von uns allen«, widersprach Jakob.

Dieser Schleimer! Sani warf ihm einen vernichtenden Blick zu, den er aber leider übersah, als sie hineingebeten wurden. »Das freut mich ganz besonders«, strahlte Frau Seitz Sani an. »Ich dachte schon, du bist mir vielleicht böse, weil ich letztens wegen der Haustür geschimpft habe.«

Jakob holte Luft, verkniff sich dann aber den Kommentar, als er Sanis Blick sah.

»Ach nee«, sagte die und wurde ein bisschen rot.

»Gehen wir in die Küche«, meinte die Gastgeberin. »Ich hab da wirklich etwas übertrieben. Aber erstens war ich schon krank und dann zieht es bei mir immer so. Schwamm drüber, einverstanden? Jetzt wohnen wir schon so lange im selben Haus und kennen uns eigentlich gar nicht. Aber dein Bruder hat mir schon viel von dir erzählt.«

»Waaas?«

Jakob verzog sich schleunigst in die Küche. Da war es warm und roch irgendwie durcheinander und unheimlich gut.

Jetzt mache ich mir einen Kaffee und euch eine heiße Schokolade und dann kostet ihr das Kletzenbrot. Ist meine Spezialität, aber deshalb muss es ja nicht jedem schmecken.«

Sie stellte Mamas Kerze auf den Tisch und dabei strahlten ihre Augen richtig.

Das Kletzenbrot schmeckte toll und die heiße Schokolade ganz anders als die, die Sani und Jakob kannten. Frau Seitz erzählte, wie sie als Kind Weihnachten gefeiert hatte, und Sani vergaß, dass das vermutlich vor etwa hundert Jahren gewesen war, und musste immer öfter lachen. Erst als sie Kerzen anzündeten, weil es schon dämmerte, fiel ihr auf, dass sie schon ziemlich lange hier waren. Aber Mama wusste ja Bescheid. Trotzdem sagte Frau Seitz irgendwann: »Ich glaube, ihr geht jetzt besser wieder nach oben. Vielleicht habt ihr ja Lust, mich wieder mal zu besuchen. Aber falls wir uns vor Weihnachten nicht mehr sehen, habe ich noch für jeden eine Kleinigkeit.«

Sie öffnete einen Schrank und zog Jakobs Rudolf heraus: »Deinen kleinen Freund hat der Puppendoktor runderneuert. Der war ja stellenweise schon ziemlich vernudelt.«

Und dann zu Sani gewandt: »Hoffentlich habe ich das Richtige getroffen. Jakob sagte, du seist ein so großer Fan von Britta Spieß.« Es fehlte nicht viel und Sani wäre rot angelaufen, aber bevor sie platzte, sagte Frau Seitz: »Dann hat er mir eins von den Liedern vorgesummt und ich glaube eher, dass das Britney Spears ist?«

Sani blieb der Mund offen stehen, aber zum Glück waren ja diesmal keine Tortellini drin. Frau Seitz kicherte, als sie ihr die CD in die Hand drückte. »Kannst du dir vorstellen, wie die geschaut haben, als so eine Oma wie ich nach Britney Spears verlangt hat?«

Jakob zog die Augenbrauen hoch und gab erst Rudolf und dann Frau Seitz einen Kuss auf die Nase.

Das tat Sani nicht, aber in der nächsten Zeit machte sie die Haustür immer ganz sorgfältig zu und ließ sich hin und wieder Kletzenbrot und heiße Schokolade schmecken.

Kerstin Dresing

Brita Groiß; Gudrun Likar
Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender
Wien: Ueberreuter, 2001

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Ein Gedanke zu „Rudolf und Britta

  1. Gerhard Baune

    Ganz tolle Geschichte, die einen hübschen Bogen schlägt von Weihnachten früher und Weihnachten heute. Kann man jedem Kind ab 6 Jahren mit Vergnügen vorlesen.

    Antwort

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