Das 12.- Dezember-Gespenst Franziskus von Assisi

DEZEMBER

Richtig grün nur noch der Kranz für den Advent,
Und richtig warm nur noch in Urlaubs-Katalogen,
Bunt allein der Neonlampen-Kreis im Fenster,
Und hell nur noch der Mond am Himmelshogen.

Aber Kindern wird mit jeder Kerze wärmer,
mit jedem Türchen am Adventskalender.
Für sie hat Weihnacht eine ganz besondre Farbe,
denn sie warten auf den großen Glücksvollender.

»Glaubst du, dass der Nikolaus echt war?«, fragte Malte.

»Nö!«, antwortete Jan-Hendrik, den alle Henni nannten. Er war der ältere Bruder und wusste schon genau Bescheid. »Hast du seine Armbanduhr nicht gesehen? Dieselbe hat Onkel Jürgen!«

Während Malte darüber nachdachte, steckte er sich einen dritten Kaugummi zu den beiden anderen in den Mund und blies eine Riesenkugel. »Du meinst echt, Onkel Jürgen war der Nikolaus-Freak?«

»Genau.«

Die beiden Brüder trotteten durch den schneematschigen Stadtpark nach Hause. Vorbei an den Laternen, die bereits ihr Licht auf den grauweißen Weg warfen – denn um vier Uhr war es jetzt schon dunkel.

»Was steht auf deinem Wunschzettel, Henni?«, fragte Malte, als ihm die Abendstille zu laut wurde.

»Weißt du doch!« Aber Jan-Hendrik ärgerte sich gar nicht über die Frage, sondern zählte auf: »Als Erstes Peng And Kill, Teil 2 für die Playstation.«

»Cool! Das ist ein richtiges Freakspiel, was?« Freak war im Moment Maltes Lieblingswort.

»Stimmt. Und dann ein Handy. Und ein Päckchen Pokemon-Karten. Und natürlich den neuen Beta-Extraschliff-Schmalschlitten.«

»Cool«, wiederholte Malte und deutete dann nach vorne. »Schau mal der da! Ist das ein Penner?«

Im Lichtkreis der nächsten Laterne stand ein alter Mann, der nur einen weißen Haarkranz um die Ohren trug und einen braunen, schmutzigen Kittel am dünnen Körper.

»Weiß nicht!« Etwas vorsichtiger ging Jan-Hendrik weiter, während es noch ein bisschen dunkler wurde.

Beim Näherkommen merkten sie, dass der Mann eine Hand ausgestreckt hatte, mit der Innenfläche nach oben. Ein Vogel saß darauf, sehr klein, aber dick aufgeplustert.

»Nö!«, meinte Henni erleichtert. »Der füttert nur Vögel.«

Als sie an dem alten Mann vorbeigehen wollten, schaute der zu ihnen herüber und sagte: »Guten Abend, Malte und Jan-Hendrik.«

Verwirrt blieben die Brüder stehen. Woher kannte der ihre Namen?

»Habt ihr zwei vielleicht ein paar Krümel für meinen Freund hier?«

»Piep!«, bestätigte der kleine Vogel.

»Leider nicht. Nur Kaugummi.« Malte ließ ihn ploppen.

Der Mann hob bedauernd die Schultern und machte einen Schritt auf sie zu. »Wisst ihr, das ist eine Tannenmeise«, sagte er. »Es gibt Kohlmeisen, Bart-, Hauben- und Schwanzmeisen, Blaumeisen und Beutelmeisen. Aber nur die Tannenmeise hier hat einen weißen Fleck am Nacken.«

Zögernd beugten sich die Brüder vor und schauten auf das Tier. Leise flüsterte Malte: »Das ist ein echter Vogel-Freak, was!«

Jan-Hendrik achtete nicht darauf, sondern blickte zwischen dem Vogel und dem Gesicht des Mannes hin und her. Was für eine Menge Falten der hatte! Rillen auf der Stirn, tiefe Furchen am Hals und große Runzeln an den Wangen.

Langsam fragte er: »Wer sind Sie? Und wie alt …«

Der Mann unterbrach ihn kichernd. »Ich heiße Franz. Und nach eurem Kalender zähle ich achthundertneunzehn Jahre.«

Malte sagte: »Cool«, aber Henni meinte: »Sie wollen uns wohl auf den Arm nehmen?«

Franz lachte. Er entgegnete nichts, sondern streichelte nur sanft die Tannenmeise – sie ließ es geschehen. Jan-Hendrik bemerkte erst jetzt, dass es für den Vogel dort gar nichts zu picken gab. Seltsam, warum saß er dann auf der Hand des Alten? Und da! Ein zweiter Vogel flatterte heran, umkreiste sie einmal und ließ sich ebenfalls auf der Hand nieder. Er war ein bisschen größer als der andere Vogel, schmutziggelb und hatte ein hellblaues Käppchen über der Stirn. »Eine Blaumeise«, erklärte Franz. »Sie ist klein, aber angriffslustig. Sie kann viel größere Vögel ver­scheuchen!«

»Plopp!«, machte Maltes Kaugummi. Dann meinte der Junge: »Vögel sind langweilig.«

Der Alte blickte die Brüder lange an. Seine Lippen lachten nicht mehr, aber die Augen dafür umso mehr. »Langweilig? Aber man kann sich doch so gut mit ihnen unterhalten«, sagte er dann.

»Quatsch!« Jan-Hendrik schüttelte den Kopf.

»Doch«, beharrte Franz. »Es sind so schöne Tiere. Schön in ihrem Federkleid und schön in ihrem silberhellen Singen.«

Sanft pustete er über die winzigen Federn der Blaumeise.

»Trotzdem langweilig«, beharrte Malte.

»Und mit Vögeln kann man nicht reden!« Jan-Hendrik wurde nicht schlau aus dem Kerl. Erst wollte der 800 Jahre alt sein, und jetzt das!

Franz betrachtete die Jungen und das Lachen war jetzt ganz verschwunden von Lippen und Augen. Stattdessen entzündete sich ein helles Licht in seinen Pupillen und brannte los wie ein Tischvulkan an Silvester.

»So?«, meinte er mit heiserer Stimme. »Dann hört mal genau hin.«

Behutsam umhüllte er die beiden Vögel mit seinen Händen, schwang sie hinauf in die Luft und ließ sie fliegen. Gleichzeitig streckte er seine dürren Finger aus, ein Vibrieren und Klirren ertönte, und dann – Jan-Hendrik schüttelte den Kopf – wuchs etwas aus seinen Fingerspitzen heraus. Ein rotes Licht. Ein warmer, heller Schein, der sich dehnte und streckte, bis er größer war als der Lichtkreis der Straßenlaterne. Bald standen die drei eingehüllt in rötliche Strahlen da und die Vögel über ihnen zwitscherten aufgeregt. Und dann, dann begannen Jan-Hendrik und Malte – ja, sie begannen zu hören.

Sie verstanden auf einmal das sehnsüchtige Flöten einer Amsel, die nach dem Frühling rief. Sie hörten das Keckem einer Elster, die von einem silbernen Löffel erzählte, den sie stibitzt hatte. Hörten, wie ein Buntspecht seinen Hunger in einen Baumstamm morste, wie die Spatzen sich tschilpend Witze erzählten und ein Rotkehlchen von seiner Freundin sang. Und sie hörten die kleine Blaumeise über sich zwitschern: Die machte sich Sorgen darüber, ob sie im Frühling einen schönen Nistplatz finden würde.

Malte vergaß seine drei Kaugummis zu kauen. Henni wackelte ungläubig mit den Ohren. Und Franz, der alte Mann in brauner Kutte, lächelte nur, legte schließlich seine Finger wieder ineinander und ließ die Arme herabsinken. Das Licht erlosch.

Die Gespräche der Vögel verwandelten sich wieder in ihren normalen Gesang.

»Cool«, flüsterte Malte. Jan-Hendrik zog ihn ein Stück nach hinten – er hatte ein bisschen Angst und war doch gleichzeitig erfüllt von dem Pfeifen und Trillern und Zwitschern ringsum.

»Ihr müsst jetzt nach Hause«, sagte Franz.

»Ja, genau! Komm, Malte, Beeilung!«

»Wieso denn so schnell, Henni?«

»Ich, … ich muss noch meinen Wunschzettel ändern. Auf Wiedersehen!«

Und die beiden Jungen rannten los, leuchteten noch zwei-, dreimal auf im Licht der nächsten Laternen, bis der Abend sie vollkommen verschluckte.

Franz von Assisi schaute ihnen nach und strich seine Mönchskutte glatt. Was sich der Junge wohl Neues wünschen würde? Ha! Franz kicherte – das hatte ihm gefallen. Er freute sich schon auf den nächsten 12. Dezember, wenn die Menschen seinen Namenstag feierten und er unter ihnen wandeln durfte.

Lächelnd winkte er seinen flatternden Freunden zum Abschied zu – und löste sich in Luft auf.

Zuhause nahm sich Jan-Hendrik seinen Wunschzettel vor, strich den Beta-Extraschliff-Schmalschlitten durch und schrieb darüber: »Vogelhäuschen für eine Blaumeise.«

Jonas Torsten Krüger

Brita Groiß; Gudrun Likar: Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender
Wien: Ueberreuter, 2001

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