Das Weihnachtswunderland

Das Weihnachtswunderland

»Wie lange noch?«, fragte Laura und öffnete das fünfte Türchen ihres Adventskalenders. Auf dem Bild war ein Kamel zu sehen. Laura lächelte und schlüpfte in ihr Bett.
»Wie oft muss ich noch schlafen?«, fragte Laura und kuschelte sich in ihre Kissen.
»Bis es Weihnachten ist, musst du noch neunzehn Mal schlafen«, sagte Lauras Mutter.
»Was?«, schrie Laura. »So lange kann ich nicht warten.«
Lauras Mutter lachte.
»Warte mal ab«, sagte sie. »Ich erzähle dir eine Geschichte, dann vergeht die Zeit wie von selbst.«
Und Lauras Mutter begann zu erzählen.

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Laura. Laura konnte nicht gut warten. Eines Tages schlenderte Laura mit ihrem Vater, dem Piloten, über den Weihnachtsmarkt. Es roch nach warmen Mandeln und Popcorn. Ein Mann hauchte seine Hände warm und schrie dabei: »Leckere Maroni. Kaufen Sie Maroni.« Laura knabberte an einem Riesenballen Zuckerwatte und hatte davon einen ganz klebrigen Mund. Am Anfang einer kleinen Gasse entdeckte sie ein Schild, auf das Kamele auf einem Karussell gemalt waren. »Zum Weihnachtswunderland« war auf dem Schild zu lesen.

Sofort lief Laura auf das Karussell zu, das genau vor einem McDonald’s aufgebaut war. Wie enttäuscht war Laura, als anstatt der Kamele nur Autos auf dem Karussell zu sehen waren.

»Ein Weihnachtswunderland habe ich mir anders vorgestellt«, sagte Lauras Vater, der als Pilot weit herumkam und so etwas wissen musste.

Laura seufzte.

»Vor allen Dingen ohne Autos«, sagte sie.

So ein Pech. Jetzt hatte Lauras Vater erlaubt, dass sie dreimal auf einem Karussell fahren durfte, und dann waren keine Kamele da, sondern nur blöde Autos.

Um das Karussell herum standen viele Väter und Mütter mit ihren Kindern, die ebenso enttäuscht waren.

»Wo sind denn die Kamele geblieben?«, fragten alle.

Aus dem kleinen Kassenhäuschen schaute ein kleiner dicker Mann mit einem weißen Bart und einer roten Mütze heraus und sagte: »Tut mir Leid. Wir haben die Tiere zum Ausbessern gebracht. Sie konnten mal wieder einen neuen Anstrich vertragen.« Der kleine dicke Mann mit der roten Mütze, der aussah wie der Nikolaus, zuckte mit den Schultern. »Nächste Woche sind die Kamele wieder da, bis dahin müssen Sie mit unseren Autos vorlieb nehmen.«

Warten, warten, warten, dachte Laura. Überall muss man warten.

»Aber mit Autos fährt man doch nicht durchein Weihnachtswunderland«, sagte ein Kind und schaute traurig auf seinen Luftballon.

Laura dachte nach.

»Vielleicht können wir die Autos an die Seite schieben?«, fragte sie den kleinen dicken Mann.

»Das geht schon, aber man müsste mir dabei helfen«, sagte er, ohne zu wissen, welchen Plan Laura hatte, und kam aus seinem Kassenhäuschen heraus.

»Was hast du vor?«, fragte Lauras Vater.

Laura ging in das Kassenhäuschen und setzte sich genau vor das Mikrofon, an dem sonst immer der kleine dicke Mann saß und Sachen sagte wie: »Nun geht es los. Vorsicht, das Karussell startet jetzt.«

Laura sprach in das Mikrofon: »Achtung, Achtung, wir brauchen Freiwillige, die uns helfen, die Autos aus den Halterungen zu lösen.«

Laura hatte noch eine Idee. Wieder ertönte ihre Stimme auf dem Platz.

»Achtung, Achtung. Das ist noch nicht alles«, rief sie, »wir suchen starke Erwachsene, die für uns Kinder die Kamele spielen, auf denen wir reiten können.«

Der kleine dicke Mann mit der roten Mütze lachte. So etwas hatte er noch nie gehört.

»Das klappt doch nie«, sagte er. Doch er hatte sich getäuscht. Ehe er sich’s versah, kamen Jugendliche aus dem McDonald’s gelaufen und hatten die kleinen Karussellautos an die Seite gestellt. Dann schauten sich die Erwachsenen an und nickten sich zu. Plötzlich standen ganz viele Mütter und Väter dort, wo sonst die Kamele standen, und spielten die Karusselltiere. Nun konnte es losgehen. Die Kinder holten sich bei dem kleinen dicken Mann Fahrchips und kletterten ihren Eltern auf die Schultern. Auch Laura ging zu ihrem Vater und kletterte auf seine Schultern. Das Warten hatte ein Ende.

»Du bist heute mein Lieblingskamel«, sagte Laura, und Lauras Vater tat so, als wäre er wild und wollte loslaufen.

Jetzt fehlte nur noch Weihnachtsmusik. Der kleine dicke Mann mit der roten Mütze schob eine Kassette in den Kassettenrekorder und stellte ihn an.

»Schneeflöckchen, Weißröckchen«, konnte man aus den Lautsprechern hören, obwohl es gar nicht schneite, aber das war nicht so schlimm, denn Kamele mögen keinen Schnee.

Der kleine dicke Mann ließ dann eine Glocke ertönen und sprach in das Mikrofon: »Achtung, Achtung. Es geht los.«

Sofort liefen die Erwachsenen mit den Kindern im Kreis und alle freuten sich. Lauras Vater lief mit Laura sogar drei Runden durch das Weihnachtswunderland, wie er es versprochen hatte. Das war ein Spaß.

Erwin Grosche: Weiss, Weisser, Weihnachten! – 24 Geschichten vom Warten.
München, Omnibus, 2006

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Ein Gedanke zu „Das Weihnachtswunderland

  1. Helm Brigitta

    Liebes Team,
    ich habe zwar gestern kurz geschrieben, dass ich weiterhin Geschichten erhalten möchte, habe aber etwas ganz Wichtiges vergessen:
    Was mir und uns in der Schule so gut tut – die Geschichten haben allesamt einen tollen Inhalt und Gehalt, weit weg vom Advent- und Weihnachtskitsch. Und den Kindern gefallen sie trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen?!

    Ein gesegnetes Weihnachtsfest
    Brigitta Helm, VD

    Antwort

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