Es riecht nach Schnee

»Wie lange noch?«, fragte Laura und öffnete das dreizehnte Türchen ihres Adventskalenders. Auf dem Bild waren viele kleine Schneeflocken zu sehen. Laura lächelte und schlüpfte in ihr Bett.
»Wie oft muss ich noch schlafen?«, fragte Laura und kuschelte sich in ihre Kissen.
»Bis es Weihnachten ist, musst du noch elfmal schlafen«, sagte Lauras Mutter.
»Was?«, schrie Laura. »So lange kann ich nicht warten.« Lauras Mutter lachte.
»Warte mal ab«, sagte sie. »Ich erzähle dir eine Geschichte, dann vergeht die Zeit wie von selbst.«
Und Lauras Mutter begann zu erzählen.

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Laura. Laura konnte nicht gut warten. Eines Tages beschlossen die Schneeflocken, auf die Erde zu fallen.

»Ich zähle bis 358«, sagte die älteste Schneeflocke auf ihrer Wolke, »dann stürzen wir uns auf die Erde und machen alles weiß.«

»Wann kommt denn 358?«, fragte eine kleine Schneeflocke, die nur bis elf zählen konnte und nicht wusste, wann sie springen sollte.

»358 kommt nach 357« sagte die älteste Schneeflocke und begann zu zählen.

Unten auf der Erde saß Laura am Küchenfenster und schaute in den Himmel. Sie zupfte dabei von einem Riesenwattebausch kleine Flocken ab und wollte daraus ein Schneeflockenmobile basteln. Lauras Mutter wollte die Schneeflocken an eine Schnur binden und dann als Mobile ins Fenster hängen.

Draußen roch es nach Schnee, und Laura war sich sicher, dass es heute schneien würde. Sie hatte schon so lange auf den Schnee gewartet, dass er heute bestimmt zu ihr kommen würde. Ihr Vater, der Pilot, war zu Hause. Er saß oben in seinem Arbeitszimmer und machte seine Steuererklärung. Dafür klebte er Quittungen auf viele weiße Blätter und lochte sie mit einem Locher, damit er sie in einem Aktenordner abheften konnte.

Auf den Wolken machten sich inzwischen die Schneeflocken zum Absprung bereit.

»283, 284, 285«, zählte die älteste Schneeflocke vor.

»Muss ich jetzt springen?«, fragte die kleine Schneeflocke von der Nachbarwolke.

»Nein«, stöhnte die älteste Schneeflocke auf, »wir sind noch nicht so weit. Du musst erst springen, wenn ich bis 358 gezählt habe.«

Die kleine Schneeflocke nickte, plapperte zur Sicherheit die Zahl 358 nach und wartete weiter.

»Oje«, murmelte die älteste Schneeflocke, »jetzt habe ich mich verzählt. Wir müssen noch mal von vorne anfangen.«

Auf der Erde stürmte Lauras Vater gerade in die Küche und wusch sich die Hände.

»Ich habe schon drei Aktenordner mit meinen gelochten Blättern gefüllt. Ich habe bestimmt schon mindestens 358 Löcher für das Finanzamt gelocht.«

»Lass uns doch Schneeflocken zählen«, sagte Laura und zupfte ein neues Watteflöckchen für ihr Schneeflockenmobile ab.

Lauras Vater schaute aus dem Fenster. »Es schneit doch noch gar nicht.«

»Noch nicht«, lachte Laura, »aber es riecht nach Schnee. Bestimmt wird heute der Schnee kommen und dann muss ich nicht mehr auf ihn warten.«

Im Himmel wurde fleißig weitergezählt. Alle Schneeflocken standen sprungbereit am Wolkenrand und warteten auf ein Zeichen.

»353, 354, 355«, zählte die älteste Schneeflocke und wurde dabei immer lauter.

»Gleich kommt 358«, schrie die kleine Schneeflocke aufgeregt und zog den Riemen ihres Sturzhelmes nach.

»Was?«, schrie die älteste Schneeflocke verwirrt.

»Ich sagte nur, dass gleich 358 kommt und wir dann springen müssen«, sagte die kleine Schneeflocke ängstlich.

Die älteste Schneeflocke trat vom Wolkenrand zurück und kratzte sich am Kopf. »Entschuldigt, Schneeflocken«, sagte sie schließlich, »die kleine Dazwischenquatscherin hat mich völlig durcheinander gebracht. Wir blasen unser Erdeweißmachen für heute ab und suchen uns einen anderen Tag dafür aus.«

Inzwischen war es fast dunkel geworden. Laura schaute noch immer in den Himmel und wartete auf den Schnee. Ach, wenn es doch schneien würde, hoffte sie. Ihre Mutter war nach Hause gekommen und half Laura, aus den weißen Watteflocken ein Schneemobile zu basteln. Traurig schaute Laura zu, wie ihre Mutter es in das Fenster hängte.

»Sei nicht traurig«, sagte Lauras Mutter, »wir fahren doch im Januar auf jeden Fall in die Ferien und dort liegt um diese Zeit immer Schnee.«

Laura schmollte. Sie wollte keinen Schnee in den Ferien haben, sie wollte jetzt sofort Schnee.

Plötzlich fielen weiße kleine Flocken vor dem Fenster herab. Laura strahlte und rief: »Schau mal, Mama. Es schneit.«

Draußen auf dem Balkon stand ihr Vater und ließ aus seinem Locher all die kleinen weißen Papierkreise he-runterrieseln, die er gestanzt hatte.

»Hurra!«, rief Laura. Sie klatschte in die Hände und freute sich über den ersten Schnee des Jahres. Natürlich war dies kein echter Schnee, aber es war Traumschnee, und der war so gut wie echt, wenn man träumen konnte. Jetzt ging es Laura wieder besser, und übermütig pustete sie auf das Schneeflockenmobile, bis es sich ganz wild hin und her bewegte.

Erwin Grosche: Weiss, Weisser, Weihnachten! – 24 Geschichten vom Warten.
München, Omnibus, 2006

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