Renn, Rolfi, renn!

Renn, Rolfi, renn!

»Wie lange noch?«, fragte Laura und öffnete das vierte Türchen ihres Adventskalenders. Auf dem Bild war eine Schildkröte zu sehen. Laura lächelte und schlüpfte in ihr Bett.
»Wie oft muss ich noch schlafen?«, fragte Laura und kuschelte sich in ihre Kissen.
»Bis es Weihnachten ist, musst du noch zwanzigmal schlafen«, sagte Lauras Mutter.
»Was?«, schrie Laura. »So lange kann ich nicht warten.«
Lauras Mutter lachte.
»Warte mal ab«, sagte sie. »Ich erzähle dir eine Geschichte, dann vergeht die Zeit wie von selbst.«
Und Lauras Mutter begann zu erzählen.

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Laura. Laura konnte nicht gut warten. Eines Tages war es wieder so weit. Das große Schildkrötenrennen auf dem Weihnachtsmarkt sollte stattfinden. Während die anderen Schildkröten ihren Winterschlaf hielten, durften die jüngsten Schildkröten zeigen, was sie konnten.

Lauras Schildkröte Rolfi war genau so alt, dass sie bei diesem Rennen mitmachen durfte. Rolfi konnte den Kopf ganz schnell in den Panzer ziehen, wenn man ihn daran berührte. Ansonsten war Rolfi eher langsam und trotzdem Lauras ganzer Schatz.

Rolfi soll die Weihnachtsschildkröte des Jahres werden, dachte Laura und ging mit ihm zur Rennhütte auf den Weihnachtsmarkt.

Es hatte immer noch nicht geschneit. Aber es war so kalt, dass man seinen eigenen Atem sehen konnte.

In der Hütte war es zum Glück warm. Lauras Vater war mitgekommen und fror. Er hatte nur seine Pilotenuniform an und zitterte darin wie ein Schneider. Erst in der warmen Rennhütte bekam er wieder Farbe im Gesicht und holte sich sofort einen Glühwein. In der Hütte konnte man Weihnachtslieder hören, die vom Kettenkarussell nebenan herüberschallten. Sieben andere Kinder standen neben Laura und hielten ebenfalls ihre Schildkröten in den Händen. Vor ihnen war der Start der Rennstrecke, die in acht Einzelbahnen aufgeteilt war. Die Bahnen mündeten am anderen Ende der Hütte ins Ziel. Laura konnte kaum erwarten, dass das Rennen losging. Sie hatte ihre Schildkröte extra für das Rennen herausgeputzt und den Panzer mit einem Tuch zum Glänzen gebracht.

»Oh, Rolfi, was bist du schön«, flüsterte Laura und gab Rolfi einen Kuss.

Sie fand, wenn es einen Preis für die schönste Schildkröte geben würde, dann hätte Rolfi diesen Preis verdient. Neben der Rennstrecke stand ein Mann mit einer roten Nikolausmütze und achtete darauf, dass beim Rennen alles mit rechten Dingen zuging.

Lauras Vater hatte vom Glühwein ganz rote Wangen bekommen und hatte endlich wieder gute Laune. »Wie soll denn Rolfi ein Rennen gewinnen?«, lachte er. »Rolfi ist doch so langsam wie eine Schnecke.«

Laura guckte ihren Vater böse an und murmelte: »Pssst, du musst Rolfi Mut machen, sonst bekommt er Angst.« Rolfi war die kleinste Schildkröte von allen und bewegte sich so wenig, als wäre sie aus Marzipan.

Der Mann mit der roten Mütze bat alle Kinder, die Schildkröten auf den Start zu setzen. Dann hob er eine Fahne und begann, mächtig damit zu winken. Das Ren¬nen begann. Sofort feuerten alle ihre Schildkröten an und die Schildkröten krabbelten los.

»Renn, Rolfi, renn!«, schrie auch Laura, aber Rolfi blieb genau da stehen, wo Laura ihn abgesetzt hatte.

Laura wurde ungeduldig. Sie wollte, dass Rolfi endlich loskrabbelte und alle anderen Schildkröten hinter sich ließ.

»Renn, Rolfi, renn!«, schrie Laura, aber Rolfi hatte beschlossen, erst mal stehen zu bleiben und den anderen Schildkröten beim Wegkrabbeln zuzugucken.

Lauras Vater lachte.

»Typisch Rolfi«, sagte er, »der ist genauso langsam wie du beim Zimmeraufräumen.«

»Lass Rolfi in Ruhe«, sagte Laura und pustete ihre Schildkröte an, doch auch dadurch ließ er sich nicht bewegen loszukrabbeln.

»Wenn Rolfi gewinnt«, sagte ihr Vater, »dann darfst du dreimal mit dem Weihnachtskarussell fahren.«

»Ist das eine Wette?«, fragte Laura. »Dann mache ich mit.«

Fast alle Schildkröten hatten schon das Ziel erreicht und trotzdem kam bei den Besitzern kein Jubel auf. Wieso denn bloß?

Laura wartete darauf, dass das Rennen abgebrochen wurde, aber alle schauten gespannt auf Rolfi und eine Schildkröte auf Bahn 7, die fast genauso langsam war. Laura schaute sich ungeduldig um. Jetzt galt es nicht nur, die Weihnachtsschildkröte des Jahres zu werden, sondern auch noch die Wette mit dem Vater zu gewinnen. Inzwischen standen alle übrigen Teilnehmer um Rolfi herum, und Lauras Vater schrie: »Renn, Rolfi, renn!« Doch Rolfi schaute von einem zum ändern und ließ sich nicht beirren. Er blieb, wo er war.

»Er ist halt kein Renn-Tier«, sagte Laura und glaubte schon, Rennen und Wette verloren zu haben. Plötzlich hob der Mann mit der roten Mütze seine Fahne und wedelte damit heftig hin und her. Aus den Lautsprechern draußen erklang festliche Musik, und der Schiedsrichter in der Hütte verkündete: »Wir haben einen Gewinner. Die Weihnachtsschildkröte des Jahres heißt in diesem Jahr Rolfi und ihre Besitzerin Laura Leininger lebe hoch.«

Alle klatschten und jubelten. Laura verstand die Welt nicht mehr. Jetzt hatte sie so lange gewartet, dass ihre Schildkröte gewinnen würde, und dann hatte sie tatsächlich gewonnen.

»Warum hat Rolfi gewonnen?«, fragte Lauras Vater ganz entgeistert den Schiedsrichter.

Der Mann mit der roten Mütze lachte. »Bei diesem Schildkrötenrennen gewinnt nicht das Tier, das als Erstes durchs Ziel kommt, sondern das Tier, das als Letztes durchs Ziel kommt.«
Lauras Vater nickte. Er hatte verstanden. So hatte Lauras Schildkröte nicht nur den Preis gewonnen, sondern Laura auch noch ihre Wette.

»Das hab ich gar nicht gewusst«, frohlockte sie, »dass dies ein Rennen ist, wo der Letzte gewinnt.«
Was war das eine Freude. Laura nahm Rolfi in die Hände und gab ihm einen dicken Kuss. Rolfi aber schaute weiter erstaunt von einem zum ändern.
»Warten ist gar nicht so schwer«, sagte Laura zu ihrem Vater. »Es ist aber einfacher, wenn man weiß, worauf man wartet.«
Und jetzt konnte sie sich auf drei Fahrten mit dem Weihnachtskarussell freuen.

Erwin Grosche: Weiss, Weisser, Weihnachten! – 24 Geschichten vom Warten.
München, Omnibus, 2006

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