König, Bauer und Knecht – Weihnachtsmärchen für Erwachsene

König, Bauer und Knecht

ein Weihnachtsmärchen für Erwachsene von Max Bolliger

In der Nähe Bethlehems lebten vor zweitausend Jahren ein König, ein Bauer und ein Knecht. Wenn der König auf seinem Pferd durch die Straßen ritt, fiel der Bauer vor ihm auf die Knie und küsste den Saum seines Gewandes. Wenn der Bauer auf seinem Esel über die Felder ritt, verneigte sich der Knecht und nahm seinen Hut vom Kopf. Wenn aber der Knecht jemandem begegnete, wurde er von niemand gegrüßt. Nur ein kleiner herrenloser Hund hängte sich eines Tages an ihn und wollte nicht mehr von ihm weichen.

Wenn der König schlechter Laune war, ließ er den Bauern für einen Tag ins Gefängnis werfen. Wenn der Bauer zu viel getrunken hatte, rief er den Knecht und ließ ihn am Feiertag Holz hacken. Wenn der Knecht unglücklich war, pfiff er den kleinen herrenlosen Hund und schlug ihn mit dem Stock. So fürchteten sich der Bauer vor dem König, der Knecht vor dem Bauern und der Hund vor dem Knecht. Aber auch der König fürchtete sich.

Er fürchtete sich vor dem Tod.

Der König verbot seinen Kindern, mit den Kindern des Bauern zu spielen. Der Bauer verbot seinen Kindern, mit den Kindern des Knechtes zu spielen. Der Knecht verbot seinen Kindern, mit dem kleinen herrenlosen Hund zu spielen. So fürchteten sich die Kinder des Königs, die Kinder des Bauern und die Kinder des Knechtes nicht vor dem Tod, nicht vor dem König, nicht vor einem Bauern und nicht vor einem Knecht. Sie fürchteten sich vor der Strafe. Die Kinder waren traurig, denn sie vermochten zwischen dem Kind eines Königs, dem Kind eines Bauern und dem Kind eines Knechtes keinen Unterschied zu erkennen.

Eines Tages aber stand über Bethlehem ein leuchtender Stern. In einem Stall mitten auf dem Feld war Christus geboren. Der König erfuhr es von den Weisen, der Bauer von den Hirten und der Knecht von einem Hütejungen. Die drei Weisen, die Hirten und der Hütejunge erzählten von den Begegnungen mit dem Kind, als ob sie ein großes Geschenk von ihm empfangen hätten. Ohne dass einer vom anderen wusste, machten sich der König, der Bauer und der Knecht auf, das Kind zu suchen. Als sie einander vor dem Stall mitten auf dem Feld trafen, waren sie verlegen. Aber Maria, die das Kind geboren hatte, lächelte ihnen zu und bat sie, näher zu treten. Und als sie das Kind in der Krippe erblickten, erfüllte sie plötzlich eine große Freude. Und sie taten, was auch die Weisen, die Hirten und der Hütejunge getan hatten. Sie knieten nieder und beteten es an.

„Nimm mir die Angst vor dem Tod“, bat der König.

„Nimm mir die Angst vor dem König“, bat der Bauer.

„Nimm mir die Angst vor dem Bauern“, bat der Knecht.

Da fing das Kind an zu weinen, weil es ahnte, dass es für den König, den Bauern und den Knecht einst am Kreuze sterben würde.

Am frühen Morgen kehrten die drei Männer gemeinsam nach Hause zurück, der König in sein Schloss, der Bauer auf seinen Hof und der Knecht in seine Hütte. Nun wusste einer um des anderen Angst, doch der Glaube an das Kind schenkte ihnen die Kraft, sie zu überwinden.

Am folgenden Tag aber spielten die Kinder des Königs, die Kinder des Bauern und die Kinder des Knechtes zusammen mit dem kleinen herrenlosen Hund. Auch er brauchte sich nicht mehr zu fürchten.

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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Eine Antwort zu König, Bauer und Knecht – Weihnachtsmärchen für Erwachsene

  1. Birgit schreibt:

    Hallo liebes Projektteam!

    Finde eure Idee und eure Geschichten sehr toll. Setze sie im Unterricht u. in der Bibliothek gerne ein.
    Bitte sendet mir weiterhin die „GeschichtenMails“!

    Tschüss
    Birgit

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