Der Mann mit der Pfeife

Der Mann mit der Pfeife

»Wie lange noch?«, fragte Laura und öffnete das siebte Türchen ihres Adventskalenders. Auf dem Bild waren zwei Nüsse zu sehen. Laura lächelte und schlüpfte in ihr Bett.
»Wie oft muss ich noch schlafen?«, fragte Laura und kuschelte sich in ihre Kissen.
»Bis es Weihnachten ist, musst du noch siebzehnmal schlafen«, sagte Lauras Mutter.
»Was?«, schrie Laura. »So lange kann ich nicht warten.«
Lauras Mutter lachte.
»Warte mal ab«, sagte sie. »Ich erzähle dir eine Geschichte, dann vergeht die Zeit wie von selbst.«
Und Lauras Mutter begann zu erzählen.

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Laura. Laura konnte nicht gut warten. Eines Tages wurde es richtig kalt. Vergessene Blumentöpfe, gestern noch gefüllt mit Regenwasser, waren plötzlich voller Eis und gesprungen. Jetzt war man froh, wenn man seine Handschuhe fand und sich seine Mütze über die Ohren ziehen konnte.

Laura saß mit Tim auf der Fensterbank, knackte eine Walnuss und teilte sich den Inhalt mit Tim. Er hatte seinen Stutenkerl in der Hand und zählte die Rosinenknöpfe. Tim und Laura wollten heute mit Lauras Mutter Plätzchen backen, aber diese suchte noch nach den Plätzchenformen. Obwohl man aus der Küche einen Riesenlärm hörte, schien sie nichts zu finden. Laura und Tim seufzten und mussten weiter warten. Tim hatte eine Idee.

»Lass uns spielen, welcher unserer Stutenkerle der schönste der Welt ist!«, rief er.

Laura schaute sich ihren Stutenkerl an und war einverstanden.

Der Gewinner sollte jeweils zwei Walnüsse bekommen, sie vorsichtig knacken, damit man aus den Nussschalenhälften noch Schiffchen basteln konnte, und durfte dann den Kern alleine aufessen.

»Mein Stutenkerl hat sieben Knöpfe«, sagte Tim.

Laura zählte bei ihrem Leckermann die Rosinen auf dem Bauch. Es waren nur sechs. Schmollend gab sie Tim zwei Nüsse ab, der sie vorsichtig aufknackte und laut schmatzend aufaß. Laura schaute Tim dabei zu und hatte wenig Spaß daran. Wer verliert schon gerne in einem Wartespiel, wenn man eigentlich Plätzchen backen will. Laura gab aber nicht auf. Sie schaute sich Tims Stutenkerl genau an, dann lachte sie.

»Mein Stutenkerl hat zwar nicht so viele Knöpfe wie deiner, aber dafür trägt er eine Pfeife«, sagte Laura.

Sie hatte Recht, auf Tims Stutenkerl pappte keine Pfeife. Tim hatte verloren. Laura bekam diesmal zwei Walnüsse, knabberte sie auf wie ein Eichhörnchen und legte die vier Nussschalenhälften vor sich hin. Gleichstand. Tim musste sich etwas einfallen lassen. Die Kinder waren so ins Spiel vertieft, dass sie das Warten auf das Plätzchenbacken völlig vergessen hatten.

Tim zeigte plötzlich auf den Kopf seines Stutenkerls.

»Mein Stutenkerl hat zwar keine Pfeife«, sagte er, »dafür hat er Schokoladenhaare.«

Tatsächlich, der Bäcker, der Tims Stutenkerl gebacken hatte, hatte dessen Kopf in Schokolade getaucht. Tim hatte gewonnen. Laura gab ihm zwei Walnüsse von ihrem Adventsteller. Ungeduldig wartete sie ab, bis Tim seine Nüsse aufgefuttert hatte. Laura spielte weiter.

»O.k.«, sagte sie, »mein Stutenkerl hat zwar keine Schokoladenhaare, aber dafür weiß ich, dass man ihn woanders Weckmann oder Hirze nennt!«

Tim lachte und sagte: »Das kann ja jeder sagen.«

Laura rief in die Küche: »Mama, das stimmt doch, oder?«

Lauras Mutter suchte noch immer ihre Backförmchen und rief: »Ach Kinder, lasst mich doch weitersuchen. Natürlich nennt man unseren Stutenkerl woanders anders.«

Laura grinste und nahm sich zwei Nüsse, als ihre Mutter aus der Küche rief: »Tut mir Leid, Kinder, wir können heute keine Plätzchen backen. Ich finde die Backformen nicht.«

Laura und Tim waren enttäuscht. Sollten sie umsonst gewartet haben? Traurig blickten sie auf die Nussschalen, die aussahen wie kleine Boote. Laura hatte eine Idee.

»Ich weiß, was wir machen können«, rief sie der Mutter zu. »Wir nehmen einfach unsere Nussschalen als Ausstechformen, dann haben wir nachher ganz viele kleine Plätzchen, die wie ganz kleine Boote aussehen.«

Tim klatschte begeistert in die Hände. »Da mache ich mit. Alleine Nussaufessen ist zwar toll, aber gemeinsam Plätzchenbacken ist besser.«

Lauras Mutter seufzte erleichtert auf. Die Kinder stürmten mit den Nussschalen in die Küche und fingen an, den Teig damit auszustechen. Es klappte. Schon bald lag eine ganze Flotte Nikolausboote auf dem Backblech.

Die Mutter hatte den Ofen vorgeheizt und schob nun die Plätzchen in den Ofen.

Wie wunderbar!

Erwin Grosche: Weiss, Weisser, Weihnachten! – 24 Geschichten vom Warten.
München, Omnibus, 2006

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