Ein Stern ging auf

Ein Stern ging auf

Mitten auf dem Schulhof lag er im Schmutz. Gegen Ende der großen Pause hob Regina ihn vom Boden auf. Es war ein Weihnachtsstern, aus braunem Lebkuchenteig gebacken und mit Zuckerguss dick überzogen.

In der Klasse legte Regina den Stern auf Frau Tiltfuchs‘ Tisch.

»Den habe ich auf dem Schulhof gefunden«, sagte sie.

»Den hat jemand weggeworfen«, sagte Karolin.

»Der ist schmutzig. Den kann niemand mehr essen«, sagte Ferdi.

»Wenn einer richtig Hunger hat, dann würd er ihn doch essen«, behauptete Regina.

»Bieh! Ich würde ihn nie in den Mund stecken«, sagte Ferdi. Frau Tiltfuchs hörte den Kindern eine Weile schweigend zu.

»Wer hat denn von euch schon einmal einen richtigen, großen Hunger verspürt?« fragte sie schließlich.

Einige Finger fuhren in die Luft.

»Ich musste mal ganz ohne Abendessen ins Bett.«

»Wir haben im Sommer beim Ausflug unseren Picknickkorb vergessen.«

»Wir haben Tante Emmi besucht. Aber sie hat uns nichts zu essen angeboten.«

»War euer Hunger so groß, dass ihr den Stern gegessen hättet?« wollte Frau Tiltfuchs wissen.

»Nö, so groß war er nicht«, gestand Paula ein. »Davon wird man ja krank, wenn man so etwas isst.«

Da erzählte Frau Tiltfuchs die Geschichte vom kleinen Sindra Singh, der im fernen Indien lebt und der ungefähr so alt ist wie die Kinder aus der Klasse 3b. Jeden Tag bekommt Sindra in der Station eine Hand voll Reis. Das sind ungefähr 350 Reiskörner. Sindra hat sie gezählt. 150 isst er, sobald er den Reis von dem Mann in der Station bekommen hat. 100 Körner steckt er in den Mund, wenn die Sonne ganz hoch steht. Den Rest hebt er auf, bis der Sonnenball die Erde berührt. Manchmal pfuscht er ein wenig und beginnt zu essen, wenn die Sonne noch hoch in den Bäumen hängt.

»Was meint ihr«, fragte Frau Tiltfuchs die Kinder. »Ob Sindra Singh den Lebkuchenstern wohl essen würde?«

»Ich glaube, ja«, gab Regina zu.

»Und hier liegt der Stern auf dem Schulhof. Im Dreck liegt er, auf dem Boden!«

Mathilde sagte: »Mein Opa hat erzählt, Brot darf man gar nicht wegwerfen. Er sagt, das hat er in Russland gelernt. Da war er nach dem Weltkrieg in Gefangenschaft.«

»In Afrika auch Hunger«, sagte Ferdi.

»Und in Brasilien auch. Da hat es in einer Gegend zwei Jahre lang nicht geregnet«, wusste Karolin.

»Mein Onkel hat aus der Türkei geschrieben. Die Erde hat dort gebebt. Viele Häuser sind eingestürzt«, berichtete Petra. »Da sind auch viele Nahrungsmittel knapp.«

Marie hatte bislang gar nichts gesagt. Jetzt hob sie ihren Finger.

»Ja, Marie, was gibt es?», fragte Frau Tiltfuchs.

»Wir haben doch gestern Abend bei der Adventsfeier für die Eltern gesungen, geflötet und gespielt«, sagte Marie. »Wir haben Geld gesammelt. Davon könnten wir doch ein Paket packen.«

Marie stockte und setzte sich wieder.

»Ein Weihnachtspaket!« rief Ferdi.

Karolin schrie: »Übermorgen fährt ein Lastwagen von der Kirche aus in die Türkei. Der nimmt unser Paket sicher mit.«

Die Kinder waren begeistert. Sie schrieben an die Tafel, was alles in das Paket packen hinein sollte: Schokolade und Marzipan, Kaffee und Apfelsinen, Dauerwurst und Konserven und und und. Bis zur nächsten großen Pause hat es gedauert. Dann wusste jedes Kind in der Klasse, was es am Nachmittag für das Paket einkaufen sollte. Das war die einzige Hausaufgabe an diesem Tag.

Zum Schluss hob Frau Tiltfuchs den Lebkuchenstern in die Luft und sagte: »Irre ich mich, Kinder, oder leuchtet er jetzt wirklich ein bisschen?« Die Kinder meinten auch, dass er ein wenig heller aussehe.

Die Lehrerin ging ziemlich müde, aber zufrieden nach Hause. Aber das Glück dauerte bis kurz nach sechs Uhr Das Telefon schrillte. Herr Semmelweid, der Vater von Ferdi, beschwerte sich. Das Geld sei für die Klasse gesammelt worden. Das Geld sei für Papier gedacht und für Farbstifte. Es solle den Kindern der Klasse 3b zugutekommen. Das Geld solle nicht zum Fenster hinausgeworfen werden.

Frau Tiltfuchs wandte ein, dass die Kinder in dieser Adventszeit etwas Gutes tun wollten uns selber auf die Idee mit dem Paket gekommen seien. Herr Semmelweid sagte, dass die Schule dazu nicht da sei.

»Aber der Stern, Herr Semmelweid, hat Ferdi denn nichts von dem Stern erzählt?«

»Stern?« fragte Herr Semmelweid, »Was für ein Stern?«

»Na«, stotterte Frau Tiltfuchs, »der Lebkuchenstern. Der fing auf einmal an zu leuchten, als die Kinder auf den Gedanken mit dem Paket kamen. Ich meine…«

»Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, wie?« schimpfte Herr Semmelweid. »Ich werde andere Schritte unternehmen. Den Direktor werde ich…«

Bevor er den Telefonhörer auflegte, konnte Frau Tiltfuchs noch sagen: »Fragen Sie doch Ihren Ferdi mal nach dem Stern. Der hat es auch gesehen!«

Frau Tiltfuchs ging am nächsten Morgen bedrückt zur Schule. Ihr Mann hatte sie zwar getröstet und vorgeschlagen: »Notfalls zahlen wir das Paket allein.« Aber Frau Tiltfuchs fand, es sei nicht dasselbe.

Auf dem Schulhof rannte Ferdi ihr gleich entgegen. Er steckte ihr einen Brief hin und sagte: »Von meinem Vater.«

Sie riss hastig den Umschlag auf. Fast wäre der Zehneuroschein, der darin steckte, auf den Boden geflattert. Ein paar Zeilen hatte Herr Semmelweid dazugeschrieben.

»Sehr geehrte Frau Tiltfuchs«, stand da. »Ich habe meinen Sohn Ferdi genau befragt. Ich weiß zwar immer noch nicht, ob es richtig ist, was Sie vorhaben, aber es kam mir so vor, als ob das Leuchten des Sternes noch in Ferdis Augen zu sehen war. Entschuldigen Sie bitte meinen Anruf von gestern. Meine Frau sagt es häufig, ich sei ein hitziger Typ.

Ihr Egon Semmelweid. «

Am Tag darauf fuhr der Lastwagen mit vielen Paketen los. In dem Paket der Klasse 3b lag ein Brief.

»Frohe Weihnachten!« stand darin. Alle 26 Kinder hatten ihren Namen daruntergeschrieben.

»Irgendwo in der Türkei wird ein Stern aufgehen«, sagte Frau Tiltfuchs zu ihren Kindern.

Nach Willi Fährmann

Willi Fährmann (Hrsg.): Folget dem Stern.
OMNIBUS, München 2004

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