Das Christkind von Samoa

Er saß an dem offenen Fenster, den Kopf auf beide Fäuste gestützt, ganz nahe dem in den Fensterrahmen geklemmten feinmaschigen Moskitogitter, und starrte hinaus in den wegdämmernden Tag. Eine kurze Dämmerung war es, kein sachtes Hinübergleiten in die Nacht — der Himmel flammte noch einmal auf, als verbrenne die Unendlichkeit, dann sank das orangefarbene Feuer in sich zusammen, und die Dunkelheit fiel schnell über das Land.

Das Haus mit der rundum laufenden offenen Terrasse, von hölzernen rotbemalten Säulen gestützt, stand auf einem flachen Hügel. Von ihm aus konnte man über einen lichten Palmenwald bis zum meist glatten, tiefblauen Meer blicken, zu dem langen Strand aus weißem Muschelsand und zu den flachen Auslegerbooten der Fischer, die am frühen Morgen hinausruderten, ihre kleinen Netze auswarfen oder die langen, schmalen Reusen, Fischfallen aus Draht und Geflecht, ausleerten.

Zehn Häuser standen auf dem flachen Hügel, neu gebaut, aber im Stil der alten Kolonialzeit, in der es noch keine Klimaanlagen gab, sondern der Wind des Stillen Ozeans für ein erträgliches Leben sorgte.

Seit fast vierzehn Tagen saß er so am Fenster, blickte in die Weite, und seine Lippen bewegten sich in einem stummen Gespräch. Er war sechs Jahre alt, ein Junge mit blonden struppigen Haaren, etwas schmächtig und mit großen Augen, die in der Farbe des Meeres leuchten konnten. Als er vor sechs Monaten mit seinen Eltern nach Samoa gekommen war, verfiel er zunächst dem großen Abenteuer des Fremden, Geheimnisvollen und noch nicht Erfaßbaren. U‘Nukuva, der samoanische Boy, den sein Vater auf Empfehlung des Polizeichefs Bulder eingestellt hatte, und Mapula, die blitzäugige, dickwadige Köchin, deren Haut wie lichtbraune Seide glänzte, nannten ihn nicht Peterle, wie seine Eltern, sondern »Kind mit der Sonne im Haar« und liebten ihn vom ersten Tag an wie ein eigenes Kind.

Als Hans Doernberg mit neun anderen Ingenieuren von Garmisch nach Samoa geschickt wurde, um im Auftrag der Firma Brandwieser & Co. das Projekt eines Fluchthafens vor Taifunen auszuführen, hatte er in einem langen Gespräch zu Lisa, seiner Frau, gesagt:

»Gut. Du hast recht — Samoa ist weit weg. Aber es ist eine herrliche Insel, eine Art Südsee-Paradies, bewohnt von freundlichen Menschen, ein erträgliches Klima, bis zum Ersten Weltkrieg war es deutsche Kolonie, die Hauptstraße von Apia sieht aus, als sei die Zeit stehengeblieben, die Häuser, die Kirchen, die Gärten, viele sprechen Deutsch, haben es von ihren Groß- oder Urgroßeltern gelernt, man fühlt sich sofort wie zu Hause… Lisa, es ist die größte Chance meines Lebens: Projektleiter eines 25-Millionen-Auftrages.«

»Wie lange?« hatte Lisa kurz gefragt.

»Wenn alles nach Plan geht — ungefähr drei Jahre. Aber wer weiß das im voraus? Auf Samoa hat man sich noch einen Schatz bewahrt, den niemand den Samoanern rauben kann: Zeit! Also sagen wir: Vier Jahre.«

»Dann ist Peterle zehn.«

»Er wird sich rasch einleben. Er wird schneller Englisch lernen, als wir es taten. Es gibt dort eine High-School, er wird viele neue Freunde haben — bei Kindern ist das Einleben kein Problem.«

So schien es wirklich zu sein… das »Kind mit der Sonne im Haar« eroberte auf seine Weise das Märchen Samoa, lachte nicht mehr über die Polizisten, die blaue Röcke über nackten Beinen trugen, aber auf dem Kopf einen hochgewölbten runden Helm, und spielte mit den eingeborenen Kindern, als sei er schon immer in einer kleinen, selbstgebauten Palmhütte aufgewachsen und nie in Garmisch mit einer Seilbahn hinauf in die Berge gefahren. Und nach vier Monaten verständigte er sich schon mit seinen Spielgefährten in der aus Samoanisch und Englisch gemischten Inselsprache, während seine Freunde fleißig Deutsch lernten und vor allem mit breitem Grinsen in den braunen Gesichtern »Idiot«, »dummer Hund« oder sogar, besonders gern, weil es so schön zischte, »Scheiße« sagten.

Aber jetzt, seit zwei Wochen, jeden Abend, wenn die Hitze aus dem ewig blauen Himmel erlosch und eine samtwarme Nacht sich über die Insel deckte, saß er am Fenster und blickte über Palmenwald und Ozean in die Ferne.

»Er ist traurig, Misses«, sagte U‘Nukuva, der Boy, und verzog sein Gesicht, als spürte er innerlich große Schmerzen.

Und Mapula, die Köchin, begann zu weinen und klagte: »Nicht einmal Kokospudding mag er mehr! Sitzt immer nur da am Fenster. Er ist krank, Misses, wir müssen einen Doktor holen.«

Eines Abends setzte sich Doernberg neben Peterle ans Fenster, legte den Arm um seine Schulter und sah mit ihm hinaus auf den vom Sonnenuntergang golden leuchtenden Ozean. Davor standen die Palmen, schon schwarz gegen den glutenden Himmel, wie riesige fächerische Scherenschnitte.

»Was ist los mit dir?« fragte Doernberg.

Der Junge blickte zu seinem Vater auf, mit großen, fragenden Augen.

»Ich warte…«, sagte er endlich.

»Auf was?«

»Auf Schnee. Einmal muß es doch schneien, Papa…«

»Auf Samoa schneit es nie.«

»Nie…«

Doernberg nickte und strich Peterle über das Haar. Schnee… wer hätte daran gedacht. Er vermißt den Schnee.

»Wir leben nicht mehr in Garmisch«, sagte er und zog seinen Jungen an sich. »Auf Samoa ist alles anders, das hast du doch schon gemerkt…«

»Wann… wann ist dann Weihnachten, Papa…?«

»In genau zehn Tagen. Nur noch neunmal schlafen…«

»Kommt das Christkind nicht nach Samoa?«

»Warum sollte es nicht kommen?« Doernbergs Stimme war plötzlich belegt, ein innerer Druck auf den Kehlkopf veränderte sie. »Natürlich kommt das Christkind auch nach Samoa.«

»Ohne Schnee? Es war immer Schnee, Papa, wenn das Christkind gekommen ist. Und immer hat es einen Weihnachtsbaum mitgebracht. Mit bunten Kugeln und Engelchen und Kerzen. Glaubst du, daß es uns hier findet?«

»Natürlich findet es uns, Peterle.« Doernberg blickte hinüber zu Lisa. Sie saß in einem Rattansessel und sah ihren Mann mit einer Traurigkeit an, die zu ihm übersprang. Schnell wandte sich Doernberg wieder seinem Sohn zu.

»Und wenn das Christkind nicht kommen kann…?« fragte er stockend.

»Ich will nach Hause.« Peterle stützte den Kopf wieder auf seine Fäuste und starrte hinaus in die nun vom Mond und einem glitzernden Sternenhimmel erhellte Dunkelheit. »Ich will das Christkind sehen und den Baum und die Kugeln. Ich will Weihnachten haben. Papa, warum gehen wir nicht zurück nach Garmisch…?«

Eine Frage, auf die es viele Antworten gab… nur, ein sechsjähriger Junge würde sie nicht verstehen.

Seitdem die deutschen Ingenieure in Apia waren und in den neuen Häusern auf dem Hügel lebten, hatten sie im Hotel der schon zu Lebzeiten zur Sage gewordenen Aggi Gray einen Stammtisch eingerichtet, in einer Ecke des hölzernen Saales mit Blick auf die Blumenbeete, Palmen und Frangipanibüsche des großen Innenhofes. Ein kleines Paradies für sich, und Aggi mit ihren nun 86 Jahren thronte darin wie ein Erzengel. Samoa ohne Aggi, das war kaum noch denkbar.

»Ich habe ein Problem, Jungs«, sagte Doernberg, blickte über den Stammtisch seine Arbeitskameraden an und preßte beide Hände um das Bierglas. Bier aus Apia, gebraut von einem deutschen Braumeister aus Weihenstephan.

»Mein Sohn wartet auf Schnee und das Christkind…«

»Du solltest ihn aufklären, Hans.« Fritz Heimisch aus München lachte. »Oder häng ein Foto mit Garmisch im Schnee an die Wand.«

»Ihr seid alle allein, ihr habt keine Kinder, was wißt ihr, wie es in einer solchen kleinen Seele aussieht?!« Doernberg nahm einen großen Schluck Bier, seine Kehle war wie verledert. »Kein Schnee, ohne Schnee kein Christkind, ohne Christkind kein Weihnachtsbaum… erklär das mal dem Kleinen. Mit sechs Jahren kann man das nicht begreifen. Das Christkind kommt vom Himmel… und gerade über Samoa ist ein weiter, wunderbarer, strahlender Himmel…«

»Der Himmel!« Lothar Schmilz aus Köln hob sein Bierglas. Sein rundes Gesicht glänzte vor Schweiß. Die Rotorflügel der großen Ventilatoren an der Decke schleuderten wenig Kühlung in den Raum, sie quirlten die heiße Luft nur herum. »Jungs, es ist nur eine Idee, eine total verrückte Idee… aber warum soll man gerade auf Samoa der Verrücktheit ausweichen? Abwarten, Jungs, und Bier trinken!«

Schmitz tat sehr geheimnisvoll, wollte trotz Drängens nichts von seiner Idee verraten, trank sieben Bier und vier Ingwerschnäpse und ließ sich, kölsche Lieder singend, von Heimisch nach Hause bringen.

Am nächsten Tag — noch neun Tage bis Weihnachten — lief in der Zentrale von Brandwieser & Co. ein Telegramm mit dem seltsamen Text ein:

»Auf Samoa gibt‘s zwar deutsches Bier, aber keinen deutschen Weihnachtsbaum. Und das Christkind irrt umher und sucht uns. Wer kann ihm den Weg zeigen? Schmitz und neun vergessene Ingenieure.«

»Verstehen Sie das, Chef?« fragte die Sekretärin. Sie hatte das Telegramm aus dem Kuvert geholt und vorgelesen.

»Sie nicht, Gerda?«

Brandwieser wischte sich über die Augen und nahm dann das Telegramm in die Hand.

»Ich weiß nicht…« Die Sekretärin machte ein ratloses Gesicht.

»Aber ich weiß.« Brandwieser glättete das Papier des Telegramms mit dem Handrücken. »Auf Samoa gibt es keinen Tannenbaum, nur Palmen. Haben Sie schon mal Palmen mit Weihnachtskugeln und Kerzen gesehen?«

»Nein…« Die Sekretärin versuchte ein schiefes, hilfloses Lächeln. »Das gibt‘s doch nicht.«

»Eben!« Brandwieser griff zum Telefon, suchte im klappbaren Telefonverzeichnis eine Adresse und wählte dann die Rufzahlen. »Und wehe Ihnen, Gerda, wenn Sie über das, was Sie jetzt hören, auch nur einen Ton von sich geben…«

Am 24. Dezember, morgens gegen neun Uhr, erhielt Doernberg einen Anruf. Er saß in seinem Konstruktionsbüro in der Nähe des Hafens von Apia, es war schon ungewöhnlich heiß um diese Zeit, vom blaßblauen Himmel glutete die Sonne, das Meer lag fast unbeweglich unter einem flimmernden Schleier verdunstender Luft. Die Klimaanlage summte leise.
Weihnachten. Heiliger Abend.

Wenn in der unendlich weiten Heimat die Kerzen brannten, würde es gerade heute auf Samoa ein besonders drückender Abend werden.

Drückend vor Hitze und drückend vor Heimweh nach Schnee, Weihnachtsbaum, Christkind, Printen und Spekulatius, Zimtsternen und Lebkuchen. Und Peterle war noch stiller geworden in den vergangenen neun Tagen, war wie in sich hineingekrochen, saß wie in den Wochen zuvor am offenen Fenster, den Kopf an den Moskitodraht gedrückt, starrte hinaus auf Palmen und Ozean und bewegte lautlos die Lippen.

»Ja —«, sagte Doernberg. Sein Kopf zuckte vor, die Hand umklammerte den Hörer, als habe er plötzlich eine Stütze nötig. »Ja. Ich verstehe. Vor einer Stunde angekommen. Zehn vernähte Säcke aus Deutschland. Ich sause sofort zu euch zum Airport! Ja, mit einem Transporter. Zehn große Säcke? Ed, das ist der schönste Telefonanruf in meinem Leben. Wie lange sind Sie schon auf Samoa?«

»Ich bin hier geboren, Sir…«

»Dann können Sie es nicht verstehen, Ed.« Doernbergs Stimme kam ins Schwanken. »Heute ist wirklich Weihnachten. Weihnachten! Jetzt hat das Wort einen himmlischen Klang…«

Um die Mittagszeit fuhr Doernberg nicht wie immer vor das Haus und kam über die Terrasse herein, sondern er fuhr in die Garage, schloß die Tür ab und steckte den Schlüssel in die Hosentasche.

»Ich schlage vor«, sagte er während des Essens, »ihr geht am Abend in die Weihnachtsandacht. Diesmal ist es umgekehrt wie sonst, heute decke ich den Tisch und kümmere mich um den Braten. Keine Widerrede! Auch wenn es keinen Schnee gibt… Heiligabend ist überall, auch auf Samoa.«

Früher als sonst kam Doernberg am Nachmittag aus dem Konstruktionsbüro zurück und ging sofort in die Küche. Er war fröhlich wie selten, hatte mit seinen neun Kollegen auf die Säcke und die Idee von Schmitz zwei Whiskys getrunken und klatschte in die Hände. Lisa und Peterle trugen schon ihre Sonntagskleider, so wie zu Hause, wo der Heilige Abend der schönste Abend des Jahres ist. Der Abend, an dem die Großen wieder klein und Herz und Seele demütig und von tiefer Freude umklammert werden.

»Die Andacht beginnt um sieben in der deutschen Kirche«, sagte Doernberg und zog Lisa die Schürze vom Körper. »Fahrt schon los, damit ihr einen guten Platz bekommt. Es wird sehr voll werden…«

Als sie mit Lisas kleinem Geländewagen losfuhren nach Apia, zu der weiß und blau gestrichenen, mit einem eckigen Glockenturm verzierten ehemaligen deutschen Kirche, die man auf Samoa stolz »die Kathedrale« nannte, blickte er ihnen nach und hob winkend die Hand. Peterle hatte sich zu ihm umgedreht, aber seine traurigen Augen konnte er nicht mehr sehen.

Dann hatte es Doernberg eilig. Er rannte zum Holzschuppen, sägte dicke Bretter in Streifen, vernagelte sie zu einem Gestell und schleppte anschließend den schweren, länglichen Leinensack ins Haus. Als er ihn aufgeschnitten hatte, fiel ihm als erstes ein großer Zettel in die Hand.
»Leider war es unmöglich, Schnee aus Garmisch nach Samoa zu schicken. Bei uns liegt er heuer vierundsechzig Zentimeter hoch, und ihr schwitzt sicherlich. Trotzdem … frohe Weihnachten. Der Wald beim Pachnerkogel und Brand wieser.«

»Das vergess‘ ich Ihnen nie, Brandwieser…«, sagte Doernberg und ärgerte sich, daß seine Stimme dabei schwankte. »Nie!«

Dann begann er auszupacken, und das unerklärliche Gefühl, das Weihnachten in die Menschen senkt, ergriff auch ihn, als sei er wieder ein kleiner Junge wie Peterle.

Die Heilige Nacht war heller und wärmer als sonst. Die Ochsenfrösche quakten laut und herrisch, Nachtvögel lärmten in den Palmen und Blütenbüschen, die Frangipaniblüten durchsetzten mit ihrem betörenden süßen Duft die Abendluft. Das leise Rauschen des Ozeans klang bis hinauf zum Hügel, die Lampen in den runden, auf Pfählen stehenden und offenen Hütten der Samoaner zauberten flimmernde Tupfen über das Land, und der Rauch mit dem Geruch von bratendem Fleisch zog über die Gemüsefelder und die Papaya- und Mango-Plantagen.

Doernberg stand auf der Terrasse seines Hauses, gelehnt an eine der rotlackierten Holzsäulen, und wartete auf Lisa und seinen Sohn.

Er hatte alle Lichter gelöscht, nur der helle Nachthimmel gab noch Licht… der Mond, der hier in der Südsee auf dem Rücken liegt, und die Sterne, die nirgendwo so ergreifend glitzern wie an diesem Firmament — ein Gewölbe aus Diamanten.

Endlich kamen sie aus Apia zurück, er sah die vier eckigen Scheinwerfer des Wagens die Hügelstraße hinaufschwanken, und erlief ihnen entgegen, als sie vor dem Haus hielten» umarmte Lisa und küßte sie, was sie mit stummer Verwunderung erfüllte, hob Peterle hoch und trug ihn auf die Terrasse.

»Was ist passiert?« fragte Lisa und sah sich um. Sie hielt Doernberg am Ärmel fest. Er trug seinen schwarzen Festtagsanzug und sah sehr feierlich aus. »Alles dunkel! Ein Kurzschluß… auch das noch!«

»Es ist Licht genug für uns.« Doernberg setzte Peterle ab und ergriff seine Hand. Mit der anderen tastete er nach Lisa. »Die Augen zu! Beide! Und macht sie erst auf, wenn ich es sage… Augen zu…!«

Sie taten es und tappten an seiner Hand ins Haus, kniffen fest die Lider zusammen und dachten: Jetzt sind wir im großen Zimmer. Lisa hob mit geschlossenen Augen schnuppernd den Kopf. Es war vollkommen still um sie herum, nur ihren eigenen Atem hörten sie. Was ist das für ein merkwürdiger Duft? Wie Bratäpfel riecht das, mit Zimt und Nelken. Und Lebkuchen ist es auch, und Vanille … und… Aber da ist noch ein anderer Geruch… nach frischem Holz, nach versengten Tannennadeln, ja, nach Tannen… verrückt ist das. Auf Samoa gibt es keine Tannenbäume. Mein Gott, er hat einen Spray mit Tannenduft gekauft und ihn versprüht. Auf so eine Idee kann auch nur Hans kommen. Wo hat er hier auf Samoa bloß den Spray aufgetrieben?

»Augen auf!« rief Doernberg.

Und dann war es still im Zimmer, ganz still.

Vor ihnen flackerten an einem Weihnachtsbaum die Kerzen, leuchteten die Kugeln in den Zweigen, schwebten bunte Holzengel, glitzerten silbern die Lamettafäden, und auf der Baumspitze breitete ein Rauschgoldengel mit langen goldenen Locken und in einem mit Spitzen besetzten Kleid die Arme aus.

Doernberg räusperte sich, warf einen Blick zur Seite auf Lisa, sah ihre Tränen über das zuckende Gesicht rinnen, obwohl ihre Lippen lachten, holte tief Atem und begann zu singen.

Stille Nacht… Heilige Nacht…

Und dünn, ganz dünn vor Glück und Seligkeit sangen Lisa und Peterle mit, und alle hatten sich an der Hand gefaßt, standen wie eine unzerreißbare Kette vor dem glitzernden Baum, Peterle in der Mitte, und es war wirklich eine Heilige Nacht, und wenn man in den Tannenbaum blickte, ganz, ganz tief, sah man sogar den Schnee laudos aus dem Himmel rieseln.

»Ich habe es gewußt«, sagte Peterle, als das Lied gesungen war. »Das Christkind findet uns, auch hier auf Samoa… Ich habe zu ihm immer gerufen: Wir wohnen auf der Stevenson Road. In Samoa… Papa, es hat uns wirklich gefunden… Das Christkind kommt auch nach Samoa, auch wenn es nicht schneit…«

Weihnachten.

Gibt es ein schöneres Wort?

Und draußen, im Tümpel zwischen den Palmen, quakten die Ochsenfrösche…

Heinz G. Konsalik

Ein Fisch hat keinen Heiligen Abend
Wien, Zsolnay, 1994

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