Heilig Abend – Geschichten vom kleinen König

Heilig Abend

Aufwachen, kleiner König. Verschlafen reibt sich der kleine König die Augen und setzt sich auf. Dabei stößt er mit der Nase an ein Taschentuch. Mit einem Knoten drin baumelt es an einem Faden direkt über seinem Bett. „Ach ja, das Taschentuch! Was wollte ich denn nicht vergessen?“

Du wolltest doch die Tür öffnen, kleiner König!

Der kleine König schlurft zur Schlafzimmertür. „Gut so?“, fragt er und öffnet sie.

Nein, doch nicht irgendeine Tür. Eine ganz besondere, letzte! Denk nach, kleiner König!

„Ich weiß!“ Er rennt in die Bibliothek und bleibt vor einem Wandbild stehen.

Na endlich hast du’s, hier bist du richtig.

Der kleine König öffnet das letzte Türchen vom Adventskalender. Das mit der 24.

Begeistert klatscht er in die Hände. Und ist überhaupt nicht mehr müde. „Oh, wie wunderbar. Dann feiere ich heute Heilig Abend. Ob der Baum schon geschmückt ist? Mal nachsehen.“ Er hüpft unternehmungslustig zur Wohnzimmertür. Er rüttelt an der Klinke. Sie ist zugesperrt.

Der kleine König schaut durchs Schlüsselloch.

Nicht spionieren, keiner König. Diese Tür geht erst auf, wenn das Glöckchen klingelt.

„Da muss ich ja noch ganz lange warten! Viel zu lange.“ Der kleine König macht kehrt und läuft schnurstracks zur Eingangstür.

He, wo willst du hin? Du bist doch noch im Schlafanzug!

„Na schön. Zuerst anziehen.“

Schon nach ein paar Minuten ist er draußen. Er wedelt wild mit den Armen.

„Da sind Schlittenspuren. Ha! Ich habe in erwischt! Er ist hier! Der Weihnachtsmann ist hier bei mir, in meinem Wohnzimmer.“

Das könnte sein. Er macht sicher schon alles fertig für Heilig Abend.

„Oh, das muss ich sehen“, ruft der kleine König und flitzt zum Fenster. Vielleicht kann er von außen einen Blick erhaschen.

Hab doch Geduld, kleiner König.

„Ach, lass mich doch in Ruhe – ich will alles wissen. Ganz genau.“

Der kleine König schiebt vorsichtig die Nase ans Fensterbrett. Höher. Noch höher. Ratsch. Der Rollladen geht runter.

Tja, es soll wohl eine Überraschung bleiben.

Jetzt ist der kleine König beleidigt. „So nicht, lieber Weihnachtsmann! Ich lasse mich nicht aussperren.“ Er rennt davon und verschwindet im Geräteschuppen.

Was hast du jetzt schon wieder vor? Beruhige dich doch, die Zeit bis zur Bescherung wird schon noch vergehen.

Der kleine König antwortet nicht. Stattdessen kommt er mit einer riesigen Leiter aus dem Schuppen. Die schleppt er durch den Schnee und lehnt sie an die Schlosswand.

Hör jetzt sofort auf damit.

Er klettert aufs Dach und stellt sich vor dem Schornstein. Eine Angelrute hat er auch dabei. „Ich werd mir jetzt ein paar Weihnachtskekse angeln. In meinem Schloss mache ich, was ich will.“ Und er lässt die Angelschnur zum Schornstein hinunter. Dann dreht er die Kurbel in die andere Richtung und zieht die Schnur wieder zurück. „Hurra! Ein Zimtstern, mhm, die mag ich besonders. Das mach ich gleich nochmal.“ Der kleine König angelt sich noch mehr Weihnachtskekse.

„Oh, ein Vanillehörnchen. Schmatz. Köstlich. Hier ist wirklich ein lauschiges Plätzchen. Ein Plätzchen mit lauter Plätzchen, hihihi.“

Der kleine König kichert ausgelassen und hopst in die Luft.

Das ist überhaupt nicht komisch, kleiner König. Und hüpf nicht so herum, pass lieber auf. Vorsicht! O nein. Er rutscht hinunter – ich kann nicht hinsehen.

Der kleine König rutscht vom Dach, plumpst in einen Schneehaufen und eine kleine Dachlawine rutscht gleich hinterher. Und dann ist nichts mehr von ihm zu sehen.

Wo bist du, kleiner König. Lebst du noch? Bitte gib doch Antwort!

Aber niemand antwortet. Vor dem Schloss steht nur ein Schneemann.

Hallo, Schneemann! Weißt du, wo der kleine König ist?

„Eingebuddelt“, sagt der Schneemann und ruft: „Hilf mir, Grete!“ Da kommt das Lieblingspferd des kleinen Königs ja schon. Es beschnuppert den Schneemann. Und schubst ihn um. „Wieher.“

Na so was, im Schneemann steckt der kleine König!

Grete, er klappert schon mit den Zähnen. Er friert da draußen im Schnee.

„Ja, sehr kakalt… bibber.“

Grete packt den kleinen König am Hosenzipfel und trägt ihn in den Stall. Sie bettet den Freund vorsichtig in die Futterkrippe. Dann deckt sie ihn mit Stroh zu. „Ach, Grete, wie lieb du bist“, seufzt der kleine König zufrieden.

Sieh mal, da kommt noch einer. Buschel hat dir eine Nuss mitgebracht.

„Die schmeckt gut.“

Und Wuffi schenkt dir seinen Lieblingsknochen.

Der kleine König macht runde Augen. „Na ja. Vielleicht später, für die Suppe.“

Die Katze hat eine Decke für dich und Pieps singt dir ein Lied vor.

„Das ist nett, so weihnachtlich.“

Es sieht wirklich schön aus, wie auf einem Weihnachtsbild: Stroh in der Krippe, Ochs und Esel sind dabei…

„Wie bitte?“ Der kleine König und Grete machen empörte Gesichter.

Ähm, nein: König und Pferd dabei. Frierst du immer noch?

„Ist schon besser, warm und schön kratzig.“

Klingelingelinnngg! Grete und der kleine König recken die Hälse.

Das Weihnachtsglöckchen ruft zur Bescherung. Klingeling.

Mit einem großen Hopser springt der kleine König aus der Krippe.

„Oh, endlich, jetzt geht’s los.“

Nicht so wild, kleiner König.

Er rast hinein ins Schloss und schon steht er vor dem Baum. Wie schön er ist. Noch schöner als im letzten Jahr. Alle Kerzen brennen, das Lametta glitzert und kleine Figürchen aus Holz und süße Kringel hängen an den Ästen. “Und da sind auch die Geschenke.“

Auch ein Teller mit Plätzchen steht auf dem gedeckten Tisch. Hm, wie gut der Weihnachtsbraten duftet.

Der kleine König steckt sich ein Plätzchen in den Mund und öffnet sein erstes Geschenkpaket. „Ich bin ja so aufgeregt. Was da wohl drin ist? Oh, ein neues Schachspiel.“

Du, da klopft es. Sieh mal, wer da vor dem Fenster steht. Deine Freunde aus dem Stall. Die sind auch neugierig.

Der kleine König packt noch ein Geschenk aus, hört gar nicht hin. „Ach, lass mich doch mal in Ruhe, ich muss auspacken.“

Was ist denn drin im Paket – nanu: ein Taschentuch, mit einem Knoten drin!

„Das ist ja gar kein richtiges Geschenk! Hab ich schon wieder was vergessen?“

Aber ja. Du wolltest doch eine Tür öffnen! Die wichtigste Tür zu Weihnachten. Du weißt schon.

Der kleine König lacht. „Na klar, ein König weiß immer alles.“ Und er läuft zur Haustür und reißt sie auf. Alle Tiere stehen davor und schauen ihn erwartungsvoll an. Kurz darauf sitzen sie alle zusammen unter dem Baum.

„Probier mal das mit dem Zuckerguss.“

„Wieher.“ – „Miauuuu.“ – „Klar darfst du vom Baum abbeißen.“ Alle lachen, freuen sich und teilen sich die Plätzchen und den Braten.

Na, dann fröhliche Weihnachten euch allen.

Hedwig Munck: Der kleine König sagt „Gute Nacht“
Plauen, Junge Welt, 2003

Advertisements

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
Dieser Beitrag wurde unter Kinder, Weihnachten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Heilig Abend – Geschichten vom kleinen König

  1. Wohndesign schreibt:

    Tolle Geschichte! Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s