Ungestillter Hunger

Ungestillter Hunger

Alles menschliche Elend kommt aus dem Geiz: das leibliche Elend, weil man sich weigert, von seinem Besitz etwas herzugeben; das Elend der Seelen, weil man sich weigert, seine Zeit und sein Herz hinzugeben.

Alle Leiden, die heftigen und die nur dumpf empfundenen, alle Bitterkeit, alle Erniedrigung, aller Kummer, aller Maß und alle Verzweiflung dieser Welt sind letztlich nichts als ungestillter Hunger; Hunger nach Friede, nach Hilfe, nach Liebe.

Der kleine Junge, der bittere Tränen vergießt, weil die Mutter in ihrer Nervosität ihn ohne Grund geohrfeigt hat, wie der allzu alte Großvater, den seine Enkel ohne Gruß und Besuch lassen; das häßliche Mädchen, das man unbeachtet im Winkel stehen läßt, wie die Gattin, die von ihrem Mann vernachlässigt wird, und die vereinsamte Frau, die ins Wasser geht; der Junge, den sein Freund „versetzt“ hat, wie der Bursche von zwanzig Jahren, der bei Nacht mutterseelenallein in seinem Bette stirbt, während die Pflegerin in der Küche ihren Kaffee trinkt; das verlassene Kind im Fürsorgeheim wie der Mann, den man zur Hinrichtung führt – sie alle haben der Liebe entbehrt und haben dadurch Schaden gelitten, weil man ihnen die Liebe selbstsüchtig versagt hat. Und doch hatte ein jeder von ihnen das Recht auf ein Stück vom Leben und Herzen eines ändern, das dieser ihm aber verweigert hat.

Jeder brauchte, um leben zu können, etwas von dem, was ein anderer für sich behalten hat, wiewohl es ihm zu nichts nütze war, und das verdarb, weil es keine Verwendung fand.

Isabelle Rivière

Kurtmartin Magiera (Hrsg.): Die Nacht im Dezember – Texte zur Geburt des Herren.
o.O., 1968. Butzon & Bercker

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