Das Weihnachtsgeschenk des kleinen Engels

Es war einmal — nach der Zeitrechnung der Menschen ist es viele, viele Jahre her, nach dem himmlischen Kalender freilich nur einen Tag — ein trauriges Engelchen, das im ganzen Himmelreich nur als der »Kleine Engel« bekannt war.

Der Kleine Engel war genau zehn Jahre, sechs Monate, fünf Tage, sieben Stunden und zweiundzwanzig Minuten alt, als er vor den ehrwürdigen Hüter der Himmelspforte trat und um Einlass bat. Herausfordernd stand er da, seine kurzen Beinchen trotzig gespreizt, und tat so, als wäre er von solch unirdischem Glanz nicht im geringsten beeindruckt. Aber seine Oberlippe zuckte doch verräterisch, und er konnte auch nicht verhindern, dass ihm eine Träne über das sowieso schon völlig verweinte Gesicht kollerte und sich erst auf seiner sommersprossigen Nase fing.

Aber das war noch nicht alles. Natürlich hatte er wie üblich sein Taschentuch vergessen, und als der freundliche Himmelspförtner den Namen in sein großes Buch eintrug, musste der Kleine Engel plötzlich ganz laut schnupfen – so laut, dass dem guten Himmelspförtner vor Schreck etwas passierte, was noch nie vorgekommen war: Er machte einen dicken Klecks auf die sauber beschriebene Seite!

Von diesem Augenblick an war der himmlische Friede gestört, und der Kleine Engel wurde bald zum Schrecken aller Himmelsbewohner. Sein Pfeifen schrillte durch die goldenen Straßen, dass die Propheten jedesmal zusammenzuckten und aus ihren Betrachtungen gerissen wurden. Und bei den Gesangsstunden des Himmelschores sang er so laut und so falsch, dass der zarte himmlische Klang völlig zerstört wurde. Dazu kam, dass er wegen seiner kurzen Beinchen stets zu spät zu den abendlichen Gebetsstunden erschien und die anderen Engel an ihre Flügel stieß, wenn er sich zwischen ihren Reihen hindurch auf seinen Platz zwängte.

Hätte man dieses schlechte Betragen noch übersehen können, so war seine äußere Erscheinung völlig unentschuldbar. Zuerst flüsterten Cherubinen und Seraphinen es sich heimlich zu, bald aber sprachen die Engel und Erzengel es ganz laut aus, dass er überhaupt nicht wie ein Engel aussah. Und sie hatten recht. Sein Heiligenschein hatte ganz trübe Flecken an den Stellen, wo er ihn mit seinen kleinen Schmutzfingern festhielt, wenn er rannte. Und er rannte eigentlich immer.

Aber selbst wenn er einmal stille stand, saß der Heiligenschein immer irgendwo schief auf dem Kopf, oder er fiel ganz herunter und rollte eine der goldenen Straßen entlang, so dass der Kleine Engel hinterherlaufen musste. Ja, und es muss auch gesagt werden, dass seine Flügel weder schön noch nützlich waren. Alle hielten den Atem an, wenn er sich wie ein ängstlicher, eben flügge gewordener Spatz an den äußersten Rand einer Wolke setzte und Anstalten zu einem Flug traf. Dann schloss er die Augen, hielt sich mit seinen beiden Händen seine sommersprossige Nase zu, zählte bis drei — und stürzte sich dann — Kopf über Heiligenschein hinaus — ins All. Und weil er dabei stets vergaß, seine Flügel in Aktion zu setzen, endete ein solcher Flug meist mit einer Panne.

Dass all dies früher oder später zu einer Bestrafung führen musste, sah jeder kommen. Und so geschah es dann, dass er an einem ewigen Tag im ewigen Monat eines ewigen Jahres vor den Engel des Friedens gerufen wurde.

Der Kleine Engel kämmte sich sorgfältig die Haare, bürstete seine zerzausten Flügel und streifte sich ein fast sauberes Kleid über – und dann machte er sich schweren Herzens auf den Weg. Als er sich dem Gebäude der himmlischen Gerechtigkeit näherte, hörte er von weitem schon fröhlichen Gesang erschallen. Schnell putzte er seinen Heiligenschein an seinem Kleid noch einmal blank, und dann trat er auf Zehenspitzen ein.

Der Sänger, der im Himmel als der Engel des Verstehens bekannt ist, blickte auf den Kleinen Engel hinab, und der machte sofort einen vergeblichen Versuch, sich unsichtbar zu machen, indem er seinen Kopf wie eine Schildkröte in den Kragen seines Gewandes einzog.

Bei diesem Anblick konnte der Engel des Verstehens nicht ernst bleiben. Er lachte ein herzliches, warmes Lachen und sagte: »Du bist also der Missetäter, der den Himmel so in Aufruhr versetzte! Komm, du kleiner Cherub, und erzähle mir nun alles!«

Der Kleine Engel blinzelte zuerst mit dem einen und dann mit dem anderen Auge hinauf zu dem großen Engel — und plötzlich, er wusste selbst nicht, wie es gekommen war, saß er auf dem Schoss und erzählte, wie schwer es doch für einen kleinen Jungen sei, wenn er plötzlich ein Engel würde. Und er hätte auch wirklich nur ein einziges Mal am Goldenen Tor geschaukelt. Nun ja, zweimal; richtig, vielleicht war es dreimal; aber doch nur, weil er solche Langeweile hatte. Und das war wohl auch das ganze Unglück.

Der Kleine Engel hatte nichts zu tun. Und er hatte Heimweh. Nicht, dass es im Paradies nicht schön wäre! Aber die Erde war eben auch schön gewesen mit den Bäumen, auf die man hinaufklettern konnte, und mit ihren Fischen im Wasser, die man fangen konnte, und mit ihren Seen zum Schwimmen, ihrer Sonne, ihrem Regen und dem braunen Lehm, der sich so weich und warm anfühlte unter den Füßen!

Der Engel des Verstehens lächelte verständnisvoll. Dann fragte er den Kleinen Engel, was ihn im Paradies wohl am glücklichsten machen würde. Der dachte eine Weile nach, und dann flüsterte er ihm ins Ohr: »Zu Hause unter meinem Bett steht eine Schachtel. Wenn ich die haben könnte!«

Der Engel des Verstehens nickte. »Du bekommst sie«, versprach er und sandte sofort einen Himmelsboten danach aus.

In all den zeitlosen Tagen, die nun folgten, wunderten sich alle über die merkwürdige Wandlung, die sich in dem Kleinen Engel vollzogen hatte. Er war der glücklichste von allen Engeln, und sein Betragen und sein Aussehen waren so vorbildlich, dass niemand mehr etwas auszusetzen hatte.

Eines Tages nun kam die Kunde, dass Jesus, der Sohn Gottes, von Maria, der Jungfrau, zu Bethlehem geboren werden sollte.

Allgemeiner Jubel wurde laut, und all die Engel und Erzengel, die Seraphinen und Cherubinen, der Himmelspförtner und alle anderen Himmelsbewohner legten ihre alltäglichen Arbeiten beiseite, um Geschenke für das Gotteskind vorzubereiten.

Alle waren eifrig bei der Arbeit, nur der Kleine Engel nicht. Der saß auf der obersten Stufe der goldenen Himmelstreppe und wartete, den Kopf in die Hände gestützt, auf eine gute Idee für ein passendes Geschenk. Aber so sehr er auch nachdachte, es fiel ihm nichts ein, das würdig gewesen wäre für das göttliche Kind.

Die Zeit des großen Wunders war schon bedenklich nahe gerückt, als ihm plötzlich der erlösende Gedanke kam. Und am Tag der Tage holte er sein Geschenk aus seinem Versteck hinter einer Wolke hervor und legte es vor den Thron Gottes nieder. Es war nur eine kleine, unscheinbare, abgegriffene Schachtel, aber sie enthielt all jene wunderbaren Dinge, die selbst ein Gotteskind erfreuen mussten.

Da lag nun die kleine, unscheinbare, abgegriffene Schachtel mitten unter den anderen kostbaren Geschenken der Engel des Paradieses, Geschenke von solcher Pracht und atemberaubender Schönheit, dass der Himmel und das gesamte Weltall von ihrem bloßen Widerschein erleuchtet waren.

Als der Kleine Engel diese Pracht sah, wurde er ganz niedergeschlagen, denn er erkannte, dass sein Geschenk unwürdig war. Am liebsten hätte er es wieder zurückgenommen, aber dazu war es nun zu spät. Die Hand Gottes bewegte sich bereits über all die Geschenke hinweg, hielt plötzlich inne, senkte sich herab — und ruhte auf dem ärmlichen Geschenk des Kleinen Engels.

Der Kleine Engel zitterte, als die Schachtel geöffnet wurde und nun vor den Augen Gottes und der anderen Himmelsbewohner das offen dalag, was er dem Gotteskind zum Geschenk gemacht hatte: ein Schmetterling mit goldgelben Flügeln, den er an einem sonnigen Tag in den Bergen gefangen hatte, zwei rote Ahornblätter, zwei weiße Kieselsteine, die er am schlammigen Ufer des Flusses gefunden hatte, und ein abgerissenes Stück Leder, das einst das Halsband seines treuen vierbeinigen Begleiters gewesen war…

Der Kleine Engel weinte heiße, bittere Tränen. Wie hatte er jemals annehmen können, dass solch unnütze Dinge einem Gotteskind gefallen würden?

In panischer Angst wandte er sich um, um wegzulaufen und sich zu verstecken vor dem göttlichen Zorn des himmlischen Vaters. Aber plötzlich stolperte er und fiel so ungeschickt über eine Wolke, dass er bis vor den Thron des Allmächtigen kollerte.

Lähmende Stille herrschte in der himmlischen Stadt, eine Stille, in der nur das herzzerreißende Schluchzen des Kleinen Engels zu hören war. Aber plötzlich erhob sich eine Stimme, die Stimme Gottes, und sie sprach: »Von allen Geschenken gefällt mir diese Schachtel am besten. Sie enthält Dinge von der Erde und von den Menschen, und mein Sohn ist zum König beider geboren. Ich nehme deshalb dieses Geschenk im Namen des Kindes Jesus an, das heute von Maria in Bethlehem geboren wurde.«

Es folgte eine atemlose Stille, und dann begann die Schachtel des Kleinen Engels plötzlich in einem völlig unirdischen Licht zu leuchten. So hell und so strahlend wurde das Leuchten, dass es die Augen aller Engel blendete. Keiner von ihnen konnte daher sehen, wie dieses strahlende Etwas sich von seinem Platz vor dem Thron Gottes erhob — nur der Kleine Engel sah, wie es seinen Weg über das Firmament nahm und als klar leuchtendes Zeichen über einem Stall stehen blieb, in dem ein Kind geboren wurde.

Charles Tazewell

Anne Braun (Hrsg.): Weihnachtsgeschichten.
Arena Verlag, Würzburg 1991
Nacherzählung)

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2 Gedanken zu „Das Weihnachtsgeschenk des kleinen Engels

  1. Gertrud van den Boom

    Seit Jahren suche ich genau diese Geschichte, die ich vor ca. 30 Jahren in einem Weihnachtsbuch des Bistums Essen gefunden hatte, das irgendwann verlorenging. Sie ist für mich eine der schönsten Geschichten, die ich kenne. Ich bin glücklich, dass ich sie bei Ihnen gefunden habe.

    Gertrud van den Boom

    Antwort
  2. Günter Kogler

    Liebe „Geschichtenleute“!
    Eine großartige Idee!
    Ich leite eine Schule für behinderte Kinder (www.schulerogatsboden.at), lese selbst gerne Geschichten und lese besonders gerne vor. Eure Homepage ist eine wahre Fundgrube, Danke!
    K.

    Antwort

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