Kerzen

Kerzen

Die Kinder laufen hinter ihrer Gruppenleiterin zur Kirche hinüber.
„Bin gespannt, was sie vorhat, die Eva“, sagt Jakob.
„Für das Versöhnungsfest üben“, sagt Rudi. „Meine Mutti hat auch schon mit mir geübt. Auf 17 Fehler sind wir gekommen.“
„Der Max hält den Rekord“, sagt Katharina. „59 Fehler und 27 Schwächen, aber viele von der gleichen Sorte, natürlich.“
Frau Eva dreht sich um, schaut die Kinder an und seufzt.
„59 Fehler? Höchste Zeit, dass wir uns darüber unterhalten!“
In der Kirche ist es dämmrig dunkel, nur die Osterkerze brennt. Eva hat kleine Kerzen mitgebracht, für jedes Kind eine.Die Kinder zünden ihre Kerzen an der großen Osterkerze an und stellen sie auf die Stufe vor dem Altar. Eva setzt sich auf den Teppichboden vor der Stufe. Die Kinder setzen sich zu ihr. Sie sehen den brennenden Kerzen zu – und warten.
„Diese Kerzen da“, sagt Eva in die Stille hinein, „was tun die eigentlich?“
„Brennen, kommt mir vor“, sagt Rudi. Die Kinder lachen.
„Eine Kerze, die brennt“, sagt Eva, „wozu ist die gut?“
„Sie leuchtet“, sagt Katharina.
„Sie wärmt auch ein bisschen“, sagt Jakob.
„Und eine Kerze, die nicht brennt?“, fragt Eva.
„Von der hat man nichts“, sagt Anna. „Die leuchtet und wärmt nicht. Man muss sie erst anzünden.“
„Nun stellt euch einmal vor, dass wir solche Kerzen sind“, sagt Eva. „Wir haben unser Licht von Jesus bekommen, so wie unsere Kerzen ihr Licht von der Osterkerze bekommen haben. Wir machen unsere Umgebung hell. Wir geben den Menschen rund um uns Licht und Wärme, wenn wir freundlich, gut und hilfsbereit sind.“
„Leider sind wir das nicht immer“, sagt Rudi.
„Wann geben wir kein Licht und keine Wärme mehr?“, fragt Eva.
„Wenn wir bös waren“, sagt Max.
„Wann waren wir denn ,bös’?“, fragt Eva.
„Na – wenn wir gestritten haben, zum Beispiel“, sagt Max.
„Hm“, sagt Eva. „Streiten ist manchmal gut und notwendig.“
„Ja, aber gestern hab ich mit meinem kleinen Bruder gestritten, weil er das größte Stück Kirschenkuchen erwischt hat“, sagt Max. „Ich hab ihm sein Stück vermiest. Sind lauter Wurmkirschen, hab ich gesagt. Da hat ihm gegraust, und er wollt’s nicht essen und hat’s mir gegeben. Das war gemein, nicht?“
„Ja“, sagt Eva. Sie beugt sich vor und bläst eine Kerze aus.
Max erschrickt. „War das meine Kerze?“
„Das war deine Kerze“, sagt Eva.
Eine Weile sitzen sie ganz still, dann sagt Katharina:
„Ich hab am Sonntag meinen Vater gekränkt. Er wollte mit mir spazieren gehen, denn allein macht’s ihm nicht so viel Spaß. Aber ich habe gesagt: ‚Geh allein, ich lese Comics, das ist lustiger als der blöde Spaziergang…’“
Eva bläst die nächste Kerze aus.
„Es könnte sein, dass ich die Katharina geärgert habe“, sagt Jakob. „Ich hab schon gewusst, sie will meine neuen Filzstifte ausprobieren, aber ich hab gewartet, bis sie drum bittet. Ich hab sie fest bitten lassen.“
„Oh“, sagt Katharina schnell. „Das stimmt, dass ich mich darüber geärgert habe. Aber nicht so arg, dass du jetzt deine Kerze…“
Aber Eva hat die Kerze schon ausgeblasen.
Jedes Kind kommt an die Reihe. Jedem Kind fällt ein, was es lieber nicht hätte tun sollen. Manchem fällt auch ein, was es hätte tun müssen. Zuletzt brennt nur noch eine kleine Kerze.
„Fehlt einer, oder hab ich mich verzählt?“, fragt Eva.
„Es ist deine Kerze“, sagt Jacob. „Jetzt bist du dran!“
Eva denkt nach.
„Vielleicht wisst ihr etwas, womit ich euch gekränkt habe?“ fragt sie dann.
„Du hast uns schon dreimal versprochen, uns das Buch von den Emmaus-Jüngern mitzubringen“, sagt Rudi. „Aber du hast’s jedes Mal vergessen.“
„Ui“, sagt Eva. „Aber wenn einer von euch was vergisst, werd ich ganz schön grantig! Blast die Kerze aus!“ Die Kinder blasen die letzte Kerze aus. Nur noch die Osterkerze brennt.
„Schade“, sagt Anna. „Jetzt ist es ziemlich dunkel hier. Und kälter ist es auch.“
„Was tun wir jetzt?“, fragt Eva.
Die Kinder schweigen.
„Wir brauchen neues Licht für unsere Kerzen“, sagt Eva. „Zum Glück brennt die Osterkerze. Ein Mensch, dem seine Schuld Leid tut, der sie bekennt und um Verzeihung bittet, kann seine Kerze wieder anzünden. Beim Versöhnungsfest bekommen wir von Gott neues Licht – so wie wir jetzt unsere Kerze an der Osterkerze neu anzünden dürfen.“
Die Kinder zünden ihre Kerzen an der großen Kerze an und machen eine kleine Lichterprozession durch die Kirche.
„Ich glaube, meine Liste mit den 59 Sünden und 27 Schwächen ist Blödsinn“, sagt Max zu Eva. „Ich werde beim Versöhnungsgespräch lieber sagen, was mir Leid tut…“

Lene Mayer-Skumanz: Anna und Sebastian.
Wien, Herder Verlag, 2003

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