An der Quelle – Lene Mayer-Skumanz

An der Quelle

Sebastian nimmt eine Flasche. „Ich geh Wasser holen”, sagt er zu seiner Mama.
„Lieb von dir”, sagt die Mama.

Die Quelle entspringt am Waldrand, zehn Minuten von der Siedlung entfernt und in Sichtweite der Tischlerei, die Stefans Vater gehört. Sprudelnd ergießt sich das kalte Wasser in einen hölzernen Brunnentrog und weiter in den Bach hinunter. „G’sundwasser, Heilwasser”, nennen es die Leute. Sie kommen von überallher, um es zu holen, zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad. Es schmeckt besser als das Wasser aus der Leitung.

Man soll es nur in Glasflaschen füllen, nicht in Behälter aus Plastik.

Solange er denken kann, ist Sebastian zu dieser Quelle gegangen, mit seinen Eltern, mit Oma und Opa, und seit er in die Schule geht, auch mit Stefan oder allein. Hier trifft man immer Kinder aus dem Dorf. Sie trinken, spritzen und planschen; die kleineren lassen Steine in den Trog plumpsen und fischen sie wieder heraus. Von der Quelle kommt man immer ein bisschen nass nach Hause, das gehört dazu.

Schon von weitem hört Sebastian das Lachen und Plätschern. Durch die Zweige schimmert es rot. „Nicht so wild”, ruft eine Stimme, die dem Klang nach einem Urlauberkind gehört, keinem Kind aus dem Dorf. „Oma, der Florian trieft von oben bis unten.”

„In der Sonne trocknet das schnell”, antwortet jemand ohne Aufregung.

Neugierig biegt Sebastian um die Büsche. An der Quelle steht das Rollschuhmädchen mit dem roten Pulli. Der kleine, rundliche Junge neben ihr schlägt mit flachen Händen auf das Wasser im Trog und jauchzt vor Freude.

Auf der Bank unter der großen Fichte plaudern zwei Frauen miteinander: Sebastians Oma und eine Fremde in Jeans und T-Shirt, die wohl die Großmutter der beiden Kinder ist. Zu ihren Füßen liegt ein großer schwarzer Hund.

„Hallo, Sebastian!”, sagt das Mädchen.

Sebastian presst die Lippen zusammen. Tut die da so bekannt, und er weiß noch immer nicht, wie sie heißt! Aber in seinem Weidentipi hat sie gesessen, ohne zu fragen, und hat gemeint, er merkt das nicht!

„Das ist unser Sebastian”, sagt Sebastians Oma zu der anderen. „Er kommt im Herbst in die zweite Klasse und wird auch zur Erstkommunion gehen, so wie Ihre Anna. Sebastian, das ist Anna, und das ist Florian. Sie machen mit ihrer Oma auf dem Sonnhof Urlaub.”

„Und der Hund heißt Balo”, erklärt die andere Oma.

So sind die Erwachsenen!, denkt Sebastian. Die fragen nicht einmal, ob man mit anderen Leuten bekannt werden will oder nicht!

Florian hält Sebastian ein Rindenschiffchen unter die Nase. Ein grünes Blatt ist sein Segel. „Hab ich gemacht!”

„Toll”, murmelt Sebastian. Der Kleine kann ja nichts dafür, dass seine Schwester so frech ist und sich in fremden Tipis einnistet.

„Schwimmt es gut?”

„Probier!”, sagt Florian strahlend.

Den Gefallen tut Sebastian ihm gern, denn so kann er den anderen den Rücken zukehren. Er bückt sich über den Trog und lässt das Rindenschiff schwimmen. „Es braucht Wind, Florian. Blas! Stärker!”

Florian strengt sich an. Das Spiel gefällt ihm.

Anna geht ans andere Ende des Troges und bläst das Schiff zurück. „Du bist also auch ein Koki?”, fragt sie und schaut Sebastian an.

„Ein was?!”

„Ein Koki! Weißt du nicht, was ein Koki ist?”, fragt sie verwundert. „Ein Kommunionkind. Bist du schon angemeldet?”

„Wo angemeldet?”

„Na, zur Vorbereitung auf die Kommunionfeier. Ich bin seit Juni angemeldet. Im September geht es los mit dem Informationsabend für die Eltern, und im Oktober haben wir Kokis das Startfest und lernen die Gruppenleiterinnen kennen.”

Sebastian überlegt. In seiner Pfarre war noch keine Anmeldung zur Erstkommunion, auch in der Schule war keine Rede davon. Oder? Hat Sebastian vielleicht gerade geträumt, als die Religionslehrerin den Termin verkündete? Ist die Einladung zur Anmeldung mit der Post gekommen? Ist gar ein Brief verloren gegangen? Könnte es sein, dass Mama und Papa vergessen haben, Sebastian anzumelden? Nein, so was Wichtiges vergessen die nicht!

Er spürt, wie seine Ohren heiß werden. Bestimmt hat er jetzt feuerrote Ohren!

„Bei uns meldet man sich ziemlich spät an, irgendwann im Herbst”, sagt er. „Und es heißt Erstkommunion, und die Erstkommunionkinder treffen sich, glaub ich, einmal da und einmal dort…”

Anna reißt die Augen auf. „Nicht in eurer Pfarre!?”

Sebastian zuckt die Schultern.

Seine Oma mischt sich ein. „Der Weg zur Kirche ist für viele Kinder hier sehr weit, darum trifft man sich in kleinen Gruppen in den einzelnen Häusern und Höfen, und jede Familie übernimmt einen Vorbereitungsnachmittag.”

„Das find ich aber spannend”, sagt die andere Oma. „Machen da auch die Väter mit?”

„Ja, manchmal sogar die Großeltern!”

Sebastian starrt seine Oma an. Wie die sich nun auf einmal wichtigmacht!

Aber auch die andere Oma macht sich wichtig. „Wenn wir Großmütter nicht wären, würde in vielen Familien die religiöse Erziehung zu kurz kommen!”

„Da haben Sie leider Recht!”

Sie stecken die Köpfe zusammen und flüstern.

Sebastian starrt noch immer zur Bank hinüber. Ganz einig sind sich diese flüsternden Omas, ganz einig! Obwohl sie so unterschiedlich aussehen! Sebastians Oma ist rund, Annas Oma ist schlank. Sebastians Oma hat einen Gehstock, Annas Oma hat einen Hund. Sebastians Oma hat das Quellwasser in sechs Literflaschen abgefüllt, deren Hälse aus ihrer schwarzen Einkaufstasche ragen. Neben Annas Oma steht eine große bauchige Henkelflasche in einem Weidengeflecht.

Sebastian fühlt sich ungemütlich.

Wie kann man gegen eine Anna gewinnen, die mit kleinem Bruder, Oma und Hund irgendwie im Vorteil ist?

Und nun schaut sie ihn so mitleidig an, diese Anna.

„Also”, sagt sie langsam, „dann wünsch ich dir, dass du eine ordentliche Kommunionvorbereitung kriegst…”

„Krieg ich, du Koki du!”, brummt er und hält seine Wasserflasche in den sprudelnden Strahl. „Wenn ich will, krieg ich sie. Aber vor der Anmeldung überleg ich mir noch, ob es sich überhaupt auszahlt, verstehst du. Weil man Gott ja nicht sehen und hören kann. Nicht einmal ein E-Mail kannst du ihm schicken, weil er keine genaue Adresse hat.”

„Aber”, stammelt Anna, „aber…”

„Und vielleicht heißt er auch ganz anders, als wir meinen”, sagt Sebastian und schraubt die Flasche zu. „Du rufst ‚Gott, Gott, Gott’ oder ,lieber Gott’ und er denkt sich ‚komisch, wen ruft denn diese Anna den ganzen Tag?’“

Anna sieht richtig erschrocken aus.

Auch die Omas sind erschrocken.

Sebastian ist zufrieden. Lieber Gott, denkt er, der Anna haben wir’s jetzt aber richtig gegeben!

Schnell geht er mit der vollen Flasche fort. „Und außerdem”, ruft er über die Schulter zurück, „ist es mein Tipi. Meine Mama hat es mir geflochten. Die kann so was.”

Nach einer Weile hört er Schritte hinter sich. Und das Tok-tok-tok von Omas Stock. Und ihr Schnaufen. Widerwillig bleibt er stehen.

„Hör, Sebastian”, sagt die Oma. „Was hat dich so sehr geärgert an der Anna?”

„Wie sie daherredet. Koki! Startfest!”

„Es gibt verschiedene Arten der Vorbereitung”, meint die Oma. „So wie es verschiedene Formen von Flaschen gibt. Hauptsache, das gute Quellwasser wird eingefüllt.”

Sebastian schweigt bis zum Haus der Oma. Dann fragt er: „War bei uns die Anmeldung schon?”

„Aber nein”, sagt die Oma. „Die ist immer in der ersten Woche nach Schulbeginn.”

Er atmet tief. „Wenn du an der Quelle diese – diese Leute wieder siehst, dann richte dem kleinen Florian was aus!”

„Gern. Was soll ich ihm sagen?”

„Dass er in mein Tipi kommen darf, wenn’s ihm Spaß macht.”

Lene Mayer-Skumanz: Anna und Sebastian.
Freiburg: Herder 2003

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