“Erstaunlich”, sagt der Weihnachtsmann

“Erstaunlich”, sagt der Weihnachtsmann

»Oh du fröhliche«, summte der Weihnachtsmann vor sich hin.

Geschäftig entzifferte er Wunschlisten, verpackte Spielzeug und beschrieb Namenszettel. Plötzlich stockte er in seiner Arbeit und warf einen Blick auf den Kalender.

»Du lieber Himmel«, rief er, »es wird Zeit, zur Erde zu gehen, das Weihnachtsfest naht!« Er schnürte noch ein Päckchen, zupfte eine Schleife zurecht und füllte den großen Sack. »Die Pflicht ruft«, murmelte er, nahm seine Zipfelmütze und machte sich auf den Weg in die Stadt.

Es hatte geschneit, die Welt glitzerte. Die Bäume steckten in weißen Umhängen, dicke Federbetten lagen auf den Häusern und die Straßen hatten sich Zuckerwatte übergezogen.

»Schön«, murmelte der Weihnachtsmann geblendet.

Ein Sonnenstrahl kitzelte seine Nase, er nieste laut und landete unsanft auf einem Gehsteig.

»Au«, sagte eine Stimme, »kannst du nicht aufpassen, wohin du fällst?«

Der Weihnachtsmann rappelte sich auf, rieb sich die Augen. Da stand jemand, in rotem Gewand, mit weißem Bart und langer Zipfelmütze. »Verzeihung«, sagte der Weihnachtsmann, »wer sind Sie?«

Er war verwundert.

»Das sieht man doch«, sagte der andere, »ich bin ein Weihnachtsmann. Und du bist im Weg, für zwei ist kein Platz hier. Mach, dass du weiterkommst!« Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. Er hatte wohl nicht recht gehört, vielleicht war er von zu hoch gefallen.

»Was haben Sie für die Kinder im Sack, wenn ich fragen darf?«, erkundigte er sich vorsichtig.

»Gutscheine«, grinste der andere. »Für kleine Geschenke, damit sie dort ins Geschäft gehen.«

Er zeigte auf eine Auslage, in der Teddys, Puppen und Spiele zu sehen waren. Einem Jungen reichte er einen Zettel und rief: »Ihr Kinderlein kommet, hier gibt’s was für euch!« Es klang nicht froh.

Die Sonne wanderte über die Dächer. Der Weihnachtsmann ging weiter, vorbei an Spielzeugläden und Kaufhäusern.

Aus dem Kirchentor strahlte Licht. Ein Lied lag in der Luft. Der Weihnachtsmann freute sich, doch als er aufblickte, stand da wieder ein anderer. Er trug schwere Stiefel, einen Ring in der Nase und seine Gürtelschnalle blitzte. »Morgen, Kinder, wird’s was geben«, sang er heiser. »Verzeihung, und wer sind Sie?«, fragte der Weihnachtsmann erstaunt.

»Der Osterhase vielleicht?«, fragte der andere empört.

Der Weihnachtsmann erschrak. Der zweite andere. Vielleicht sah er heute doppelt. »Und was schenken Sie den Kindern?«, fragte er höflich. Der andere klopfte sich an die Stirn.

»Glaubst wohl an den Weihnachtsmann? Schenken? Die haben alles. Ich verteile Hustenbonbons, damit die Leute kosten. Und kaufen. So geht das. Willst du eines?«, fragte er ein kleines Mädchen. »Ich muss weiter«, sagte er dann gehetzt, »mir fehlen noch drei Einkaufsstraßen.«

Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. »Erstaunlich«, sagte er.

Die Dämmerung schob die Sonne zur Seite und legte sich über die Stadt. Der Weihnachtsmann ging weiter. Unter seinen Schritten knirschte der Schnee. Er summte: »Vom Himmel hoch, da komm ich her.«

»Ich nicht«, sagt eine Stimme traurig, »sonst wär mir sicher nicht so kalt.«. Der Weihnachtsann zuckte zusammen und sah sich um.

Vor ihm stand wieder ein anderer. Er war klein und schmächtig. Und er zitterte erbärmlich.

»Was ist denn los mit Ihnen?«, fragte der Weihnachtsmann besorgt. Der andere putzte sich umständlich die Nase.

»Ich soll ein Weihnachtsmann sein«, sagte er kleinlaut. »Aber ich bin ein Mädchen, meine Stimme ist zu hell.«

»Ist das schlimm?«, fragte der Weihnachtsmann.

»Weihnachtsmädchen müssen erst erfunden werden«, sagte die andere. Sie sammelte ihren Mantel ein, zog die Mütze über die Ohren und verschwand um die nächste Ecke.

Der Weihnachtsmann runzelte die Stire. Irgendetwas stimmte hier nicht. Er ging in den Park und setzte sich auf eine Bank. Der Mond zog einen Schleier über, bald schneite es.

Der Weihnachtesmann stützte den Kopf auf die Hand und dachte nach. So viele Weihnachtsmänner. Was sollte er noch hier? Hatte er die falschen Geschenke eingepackt? Brauchten die Menschen etwas anderes? Ein Spatz setzte sich auf seine Zipfelmütze.

Der Weihnachtsmann grübelte vor sich hin und merkte es nicht.

»Ich hab’s!«, sagte er plötzlich und machte sich wieder auf dem Weg.

Schneeflocken tanzten durch die Luft, die Laternen malten Lichtkringel auf die Straße, irgendwo lachte ein Kind, ein Schneeball sauste vorbei.

Auf dem Hauptplatz stand ein Straßengeiger. Er fror mächtig, seine Geige auch. Sie klang dünn und atemlos, als ob sie im Schnee ersticken müsste. Der Weihnachtsmann griff in seinen Sack und schenkte der Geige einen bezaubernden Klang. Sie jubelte auf.

In einer Küche saß ein Junge. Mühsam rechnete er an seiner Aufgabe herum. Der Weihnachtsmann überlegte und schob dem Jungen einen Gedanken unter der Tür durch. Der nahm den Bleistift und begann fröhlich zu schreiben. »Na also«, murmelte der Weihnachtsmann und ging über die Straße.

Neben der Kreuzung stand ein Polizist. Er hatte kalte Füße und sah brummig drein.

Der Weihnachtsmann pfiff ihm ein Liedchen vor. Hupende Autos und murrende Fahrer drängten sich vorbei, sie waren in Eile. Allen schenkte der Weihnachtsmann ein bisschen Zeit und eine Prise Geduld.

Sie hörten auf, mit den Bremsen zu quitschen und Schneematsch zu verspritzen. »Na bitte, so geht’s auch«, meinte der Weihnachtsmann zufrieden.

Im Konzerthaus traf er eine Sängerin, die Halsweh hatte und missmutig vor sich hin krächzte. Für sie fand er Gesundheit in seinem Sack. Ein paar hohe Töne tat er noch dazu, die konnte sie gut brauchen und probierte alle gleich aus.

Ein Mädchen kauerte auf dem Bett. Vor ihm lag eine Liste, aber es wusste nicht, was es sich wünschen sollte. Es kaute an seinem Bleistift und sah traurig ins Leere. »Vielleicht hat es schon alles«, dachte der Weihnachtsmann, »doch etwas fehlt ihm noch.« Und er erfüllte das Zimmer mir Vorfreude.

Dann sang er »Leise rieselt der Schnee«, denn der tat das wirklich und verzauberte die Stadt.

»Es ist schön, gebraucht zu werden«, fand der Weihnachtsmann und rieb sich die Hände.

Er sah den anderen zu, wie sie mürrisch ihrer Arbeit nachgingen, Zettel verteilten und Bonbons verschenkten. Und schickte ihnen gute Laune.

Am Heimweg zündete er Lichte an einem Baum an.

Er setzte einem Schneemann seine Zipfelmütze auf, dann fütterte er die Vögel mit Weihnachtskeksen. Seinen Sack mit den Geschenken nahm er wieder mit.

»Alle Jahre wieder«, summte er fröhlich vor sich hin. »Vielleicht werden sie ja nächstes Mal gebraucht.«

Da stieg der Weihnachtsstern am Himmel auf.

Sigrid Laube: “Erstaunlich”, sagt der Weihnachtsmann.
Wien, Annette Betz Verlag, 2003

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