Christbaum – Anselm Grün

Seit dem 16. Jahrhundert ist es in Deutschland üblich, an Weihnachten geschmückte Tannenbäume aufzustellen. Die Tanne, die auch im Winter ihr grünes Kleid behält, ist ein altes Symbol für die göttliche Kraft des Lebens, das sich auch durch die Kälte des Winters nicht besiegen läßt. Der Christbaum geht auf den alten germanischen Brauch zurück, in den Rauhnächten grüne Zweige in den Häusern aufzuhängen, um die bösen Geister abzuwehren. Dabei wurden die Dämonen in doppelter Weise abgewehrt: Die immergrüne Pflanze soll ihre Lebenskraft auf Mensch und Tier übertragen. Und das Licht soll die dunkle Winternacht erhellen und durch seinen Schein die Geister vertreiben. In der christlichen Tradition soll der Baum als immergrüner Baum und zugleich als Lichterbaum Christus in die Häuser bringen und alle Dämonen der Angst, der Feindschaft und der Eifersucht aus ihnen verbannen. Mitten im kalten und dunklen Winter will er Wärme und Licht in unsere Welt bringen.

Die Christen haben den Tannenbaum an Weihnachten als Paradiesesbaum verstanden, von dem die „Früchte des Lebens“ gepflückt werden. Die Früchte des Lebens werden in Äpfeln und Nüssen dargestellt, die seit alters an den Baum gehängt werden, oder auch durch Christbaumkugeln, die ein Bild für das Ganze und Heile des Paradieses sind. Nach einer alten Legende sandte der todkranke Adam seinen Sohn Set in das Paradies, um ihm Öl vom Baum des Lebens zur Linderung seiner Schmerzen zu holen. Doch der Erzengel Michael gab Adam den Bescheid, erst in 5500 Jahren werde der Sohn Gottes auf die Erde kommen, um ihn selbst zum Lebensbaum, zum Baum der Barmherzigkeit und Gnade zu fuhren. Doch Michael gab zugleich mit dieser Verheißung dem Set ein Reis vom Lebensbaum mit, er solle es in die Erde pflanzen. Der Christbaum ist so ein Reis vom Baum der Gnade, zu dem uns Gott in der Geburt seines Sohnes führt, damit sein Öl unsere Schmerzen lindere.

Der Baum ist in allen Völkern ein wichtiges Symbol für die Fruchtbarkeit und Quelle des Lebens. In der Antike wurden die verschiedenen Bäume jeweils einem Gott zugeordnet, so Jupiter die Eiche, Apollo der Lorbeer und Venus die Myrte. Das Alte Testament kennt den Lebensbaum des Paradieses bzw. den Baum der Erkenntnis. Dieser Lebensbaum wurde im Christentum im Kreuz verwirklicht gesehen. Das Kreuz ist der eigentliche Baum, der uns Leben bringt, der nie verdorrt, weil Christus selbst daran gehangen hat. Der Baum verbindet Himmel und Erde. Er ist tief in der Erde verwurzelt und zieht aus der Mutter Erde seine Kraft. Zugleich ragt er in den Himmel und entfaltet seine Krone nach oben. So ist er ein Bild des Menschen, wie er sein sollte, wenn er wie ein Baum verwurzelt ist und doch aufrecht steht, wie ein königlicher Mensch mit einer Krone. Der Baum, der Schatten spendet, ist ein mütterliches Symbol. Der Baumstamm dagegen ist häufig ein Phallussymbol. So verbindet der Baum männliche und weibliche Züge in sich. Er verbindet nicht nur Himmel und Erde, sondern auch Mann und Frau miteinander.

Im Christbaum sind einige Züge der allgemeinen Symbolik von Bedeutung. Da ist einmal die Verbindung zwischen Himmel und Erde. An Weihnachten hat Gott die Grenze zwischen Himmel und Erde aufgehoben, da ist der Himmel mitten auf der Erde sichtbar erschienen. Dann hat sicher das Bild des abgehauenen Baumes, der wieder ausschlägt, Einfluß auf den Christbaum gehabt. Die adventliche Verheißung aus dem Buch des Propheten Jesaja, dass aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervorsprießt, wird hier bildlich dargestellt. Gerade dort, wo ich gescheitert bin, wo etwas in mir abgeschnitten wurde, wo ein Weg nicht mehr weiter ging, da schenkt mir die Geburt Christi die Gewißheit, dass etwas Neues in mir aufbricht, dass etwas in mir heranwächst, was authentischer und schöner wird als alles Bisherige. Der Christbaum ist ein Bild dafür, dass durch die Geburt Christi das Leben in uns für immer siegt und sich durch keine Winterkälte verdrängen läßt und dass der Kampf der Geschlechter gegeneinander überwunden ist. Wenn Gott geboren wird, dann zählt der Gegensatz von Mann und Frau nicht mehr, dann sind alle eins in ihrer göttlichen Natur.

Das ist die Verheißung, die wir im Christbaum ausdrücken, dem immergrünen Baum, den wir mit glänzendem Lametta, mit Weihnachtskugeln und mit Kerzen schmücken. Die Tannenzweige des weihnachtlichen Schmuckes verbreiten einen eigenartigen Duft. Wenn ich diesen Tannengeruch rieche, dann kommen Gefühle hoch, die ich als Kind an Weihnachten hatte. Da ist dann eine Ahnung, dass unser Haus, dass mein Zimmer durch die Geburt Christi anders geworden ist, dass Gott mir nahe gekommen ist und er in meinem Hause, in meinem Zimmer wohnt. Und seine Nähe verbreitet einen Duft von Heimat und Geborgenheit, von Zärtlichkeit und Liebe. Es ist keine Nostalgie, die durch diesen Weihnachtsduft aufsteigt, sondern die Ahnung, dass Gott, das Geheimnis, selber unter uns wohnt. Und weil das Geheimnis unter uns wohnt, können wir in unserem Hause daheim sein. In der Tanne stellen wir die Wirklichkeit des Waldes, ja der Natur und der ganzen Schöpfung in unser Haus. Da wird der Zwiespalt von Natur und Zivilisation aufgehoben, da ahnen wir, dass wir auch in unseren Häusern teilhaben an der Kraft, die aus der Mutter Erde strömt. Durch die Menschwerdung Gottes wurde die ganze Schöpfung geheiligt. Und wir Menschen haben teil an dieser vergöttlichten Schöpfung.

Was löst in Dir der Duft des Tannenbaumes aus? Betrachte den Christbaum in Deiner Wohnung, und spüre in Dich hinein, welche Bilder da aufsteigen. Der geschmückte Baum drückt einen wichtigen Aspekt der Menschwerdung Gottes in Christus aus. Die ganze Natur wird verwandelt, wenn Gott selbst in sie hinabsteigt. Nicht nur Deine Lebensgeschichte wird geheilt, nicht nur das Vitale der Tiere, sondern auch der ganze vegetative Bereich in Dir wird verwandelt. Bis in Deinen Leib, bis in Dein vegetatives Nervensystem hinein will Christus hinabsteigen, um alles in Dir zu verwandeln und zu heilen. Und er will Dich mit göttlichem Wohlgeruch erfüllen, damit Du Dich buchstäblich selber riechen kannst, damit Du Dich wohl fühlst in Deiner Haut.

Anselm Grün: Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern.
Wien, Herder, 1999

Advertisements

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
Dieser Beitrag wurde unter Advent, Weihnachten, Weihnachtliche Symbole veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Christbaum – Anselm Grün

  1. martha schreibt:

    Ich finde die Geschichten sehr schön und lehrreich.
    Ich bitte Sie um Rückmeldung, in welcher Form ich die Geschichten erhalten kann und welche Kosten dabei entstehen.

    Danke für die Erledigung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s