Die Schöne und das Biest

Die Schöne und das Biest

Es war einmal ein Kaufmann, der hatte drei Söhne und drei Töchter. Der Vater liebte seine jüngste Tochter ganz besonders, denn sie hatte ein freundliches und kluges Wesen. Weil sie so hübsch war, wurde sie überall >die Schöne< genannt. Wie die Geschwister miteinander heranwuchsen, wurden die älteren Schwestern immer neidischer auf die jüngste und verspotteten sie bei jeder Gelegenheit, denn es ärgerte sie, dass die Schöne die Aufmerksamkeit der reichsten und hübschesten jungen Männer auf sich zog. Diese wurden allerdings alle höflich, aber bestimmt abgewiesen, und die Schöne sagte jedes Mal, dass sie noch nicht bereit sei, ihren Vater zu verlassen.

Eines unheilvollen Tages aber ging die gesamte Flotte des Vaters samt ihrer Fracht unter und die Familie fiel in größte Armut. Sie mussten ihr Haus in der Stadt aufgeben und zogen in die Wälder, wo sie ein einfaches Leben führten. Die Schöne begann ohne viel Aufhebens, sich um das Haus zu kümmern und für jeden zu sorgen, so wie es einst die Dienstboten getan hatten. Der Vater und die Brüder waren ihr sehr dankbar dafür, die Schwestern aber verachteten sie.

Nach vielen Monaten schien sich das Geschick des Vaters wieder zum Besseren zu wenden und er kehrte in die Stadt zurück, um sich um seine Geschäfte zu kümmern. Die älteren Schwestern verlangten lautstark, er möge ihnen neue Kleider mitbringen, nur die Schöne sagte nichts, bis er sie fragte: »Und du, Schöne, was soll ich dir mitbringen? Du warst so hilfsbereit und hast hart für uns alle gearbeitet. Ich will auch dir ein Geschenk machen.« Die Schöne dachte eine Weile nach und sagte dann: »Ich bitte dich, mir eine einzige rote Rose zu bringen.«

Die Geschäfte gingen nicht gut für den Kaufmann, und entmutigt machte er sich wieder auf den Heimweg. In der Nacht geriet er in einen schrecklichen Sturm und er suchte Schutz in einem Schloss. Er war verwundert über dieses Schloss, denn er konnte sich nicht daran erinnern, es zuvor an dieser Stelle gesehen zu haben.

»Ich denke, in einer solchen Nacht werde ich hier in Sicherheit sein«, überlegte er, als er den hell erleuchteten Schlosshof betrat. Er wollte sich durch Rufen bemerkbar machen, doch niemand antwortete ihm. So betrat er das Schloss und schritt von Raum zu Raum, bis er zu einem Speisesaal kam. Dort war der Tisch appetitlich gedeckt und im Kamin brannte ein helles Feuer. Auch diesmal antwortete niemand auf sein Rufen. Da der Ort so warm und einladend wirkte, setzte er sich, um zu essen. Er erwartete, dass jeden Augenblick jemand erscheinen würde. Als er seinen Hunger gestillt hatte, fühlte er sich sehr müde und machte sich auf die Suche nach einem Zimmer, in dem er schlafen konnte. »Es scheint, dass man mich erwartet hat«, dachte er, während er sich in einem warmen Schlafzimmer in ein frisch gemachtes Bett legte.

Als der Kaufmann erwachte, fand er anstelle seiner staubigen Kleider vom Vortag frische Gewänder vor, und das Frühstück war für ihn zubereitet wie für einen willkommenen Gast. Weil die Sonne schien, begab er sich, bevor er das Schloss verließ, in den Garten, um dessen Schönheit zu bewundern. Plötzlich fiel sein Blick auf eine herrliche rote Rose, auf der der Tau in der Morgensonne glänzte. »Diese Rose muss ich für meine geliebte Schöne mit nach Hause nehmen«, beschloss er, und er streckte seine Hand aus, um die Rose zu pflücken. Doch in diesem Moment erscholl ein drohendes Gebrüll und eine hässliche Gestalt erschien vor ihm.

»Wie könnt Ihr es wagen, meine Rose zu stehlen!«, brüllte das hässliche Biest. »Dankt Ihr mir so für meine Gastfreundschaft? Dieses Vergehen müsst Ihr mit dem Leben bezahlen.«

Der verängstigte Kaufmann fiel auf die Knie und flehte: »Es tut mir sehr Leid, dass ich Euch beleidigt habe. Ich dachte nicht an Diebstahl, als ich meiner geliebten Tochter dieses kleine Geschenk mitbringen wollte; sie bat mich beim Abschied um eine einzige rote Rose.«

»Ihr solltet Euch besser überlegen, was Ihr tut«, knurrte das Biest. »Ihr müsst Eure Strafe haben. Wenn Ihr jedoch nach Hause geht und mir eine Eurer Töchter an Eurer Stelle schickt, sollt Ihr mit dem Leben davonkommen. Andernfalls müsst Ihr Eure Familie verlassen und in drei Monaten zu mir zurückkehren.«

Der Kaufmann verließ das Schloss des Biests und machte sich traurig auf den Heimweg, die rote Rose für die Schöne in der Hand. Seine Kinder hießen ihn voller Freude willkommen, doch ihre Freude verwandelte sich in Schrecken, als sie hörten, was sich zugetragen hatte. Die Schöne zögerte keinen Augenblick und war bereit, an ihres Vaters Stelle zu dem Biest zu gehen. Davon wollte dieser jedoch nichts wissen. »Du darfst nicht um meinetwillen leiden«, beschwor er das Mädchen. »Ich will mich noch eine kleine Weile Eurer Gesellschaft erfreuen, dann werden wir uns Lebewohl sagen und ich werde in das Schloss des Biests zurückkehren.«

Doch die Schöne war fest entschlossen, an Stelle ihres Vaters zu dem Biest zu gehen. »Ich kann ohne dich nicht leben«, sagte sie, »und so werde ich dich begleiten, wenn du mich schon nicht allein gehen lassen willst. Das ist mein fester Entschluss.«

Alle weinten, als die Schöne und ihr Vater sich auf den Weg machten, wenn auch die Trauer der Söhne aufrichtiger war als die der Schwestern. Schon bald erreichten sie das Schloss des Biests. Wie zuvor fanden sie einen gedeckten Tisch und frisch gemachte Betten vor, und zu ihrer größten Verwunderung fielen sie in einen erholsamen Schlaf und erwachten erfrischt. Die Schöne hatte von einer alten Fee geträumt, und nach diesem Traum fühlte sie sich weniger ängstlich. Sie erzählte dem Vater von dem Traum und sagte zu ihm: »Nun musst du mich meinem Schicksal überlassen. So soll es geschehen.«

Schweren Herzens küsste ihr Vater sie und ließ sie dann allein. Die Schöne winkte ihm noch nach und wanderte dann durch die zauberhaften Gärten und prächtigen Räume des Schlosses. In einem besonders hübschen Zimmer stand ihr eigener Name an der Tür. Dort setzte sie sich nieder und weinte um ihren Vater. Doch als sie aufblickte, sah sie in einem Spiegel vor sich an der Wand, wie ihr Vater wohlbehalten zu Hause ankam, und da fühlte sie sich schon viel besser.

Als es Mittag war, deckten unsichtbare Hände ihr den Tisch, und während sie aß, erklang eine sanfte Musik, die ihrer Seele wohl tat. Als sie sich abends wieder zum Essen niedersetzte, hörte sie ein Brüllen wie von einem wilden Tier, und sie zitterte, als das Biest erschien. Doch ihre Angst verwandelte sich in Erstaunen, als es mit sanfter Stimme fragte: »Liebe Schöne, darf ich hier bleiben, während du speisest? Wenn es dir lieber ist, werde ich wieder gehen, doch ich würde mich freuen, dir eine Weile Gesellschaft leisten zu dürfen.« Die Schöne fürchtete sich, doch sie nickte zustimmend, und das Biest blieb und unterhielt sich mit ihr, während sie ihr Abendessen zu sich nahm.

Am nächsten Tag spielte sich alles genauso ab wie am ersten, und so verging die Zeit, ohne dass das Biest der Schönen etwas angetan hätte. Sie ängstigte sich immer weniger, und wie die Tage vergingen, fasste sie immer mehr Zutrauen zu ihm. Nach einiger Zeit stellte sie mit Erstaunen fest, dass sie sich schon auf die Mahlzeiten freute, bei denen es ihr Gesellschaft leisten würde.

Jeden Abend nach ihrer angeregten Unterhaltung schaute das Biest die Schöne sehnsuchtsvoll an und bat sie, ihn zu heiraten. »Aber nein«, antwortete sie jedes Mal, »obwohl ich dich sehr gern habe, könnte ich so ein Biest wie dich nicht heiraten.« Bei diesen Worten lächelte das Biest traurig und wandte sich ab.

Eines Tages hatte die Schöne besonders großes Heimweh. Sie nahm all ihren Mut zusammen und fragte das Biest, ob es ihr jemals erlauben würde, ihren Vater wiederzusehen, sei es auch nur, um ihm zu sagen, dass sie in Sicherheit und gut versorgt war.

»Oh Schöne, deine Bitte bereitet mir großen Kummer«, antwortete das Biest auf ihre Frage. »Ich bin so glücklich, dass du hier bist, und ich fürchte, dass du mich vergessen wirst, wenn du weggehst. Und doch kann ich dir deine Bitte nicht abschlagen. Du darfst also zu deinem Vater gehen, aber vergiss mich nicht und komm nach einer Woche zu mir zurück. Nimm diesen Ring, er wird dich an mich erinnern. Sobald du bereit bist zurückzukommen, musst du ihn nur an den Finger stecken und du wirst sofort wieder hier sein.«

Die Schöne war von seiner Antwort gerührt. »Hab Dank, du liebes, freundliches Biest. Ich werde dich ganz bestimmt nicht vergessen. Ich werde nur wenige Tage fort sein und ich verspreche dir zurückzukehren, bevor die Woche um ist.«

Der Kaufmann war überglücklich, als seine Tochter plötzlich vor seiner Tür stand. Sie verbrachten so glückliche Tage miteinander, dass die Schöne völlig vergaß, wie lange sie schon fort war. Sie bat ihre Familie, sie daran zu erinnern, wenn die Woche um war, doch die Schwestern hatten verabredet, sie zu Hause zurückzuhalten, in der Hoffnung, dass das Biest sie verschlingen würde, wenn sie ihr Versprechen nicht hielt.

Doch als sie eines Nachts allein war, dachte die Schöne: »Wie undankbar ist es von mir, so lange wegzubleiben und das gute Biest so zu enttäuschen.« Fortan schlief sie schlecht, und in der zehnten Nacht sah sie sich im Traum im Garten des Schlosses, wo das Biest krank vor Kummer zwischen den Rosen lag und nach ihr rief. Die Schöne erwachte weinend, und da wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihren Gefährten vermisste und wie gerne sie zu ihm zurückkehren wollte. Da fiel ihr der Ring ein und sie steckte ihn sich an den Finger. Im selben Augenblick fand sie sich im Speisesaal des Schlosses wieder, wo das Abendessen schon für sie bereitstand. »Wo er nur bleibt?«, wunderte sie sich, als sie ihr Mahl beendet hatte, ohne dass das Biest erschienen war. »Vielleicht ist er böse auf mich und wird mir nie mehr Gesellschaft leisten.« Sie machte sich auf die Suche, konnte ihn jedoch nirgends im Schloss finden. Da erinnerte sie sich an ihren Traum. Sie eilte in den Garten, und tatsächlich fand sie ihn verlassen und sterbend zwischen den Rosen.

»Liebes, liebes Biest«, rief die Schöne und warf sich neben ihm auf den Boden. Sie nahm seine schwieligen Klauen zwischen ihre Hände. »Wie habe ich dich vermisst! Bitte vergib mir und sei mir wieder gut.«

Doch es blieb bleich und bewegungslos liegen. Sie streichelte sein raues Gesicht mit ihren zarten Händen, und da öffnete er die Augen. »Liebe Schöne, ich dachte, du hättest mich vergessen, und so muss ich sterben, denn ich kann ohne dich nicht leben.«
»Liebes Biest! Liebes, gutes Biest! Bitte stirb nicht. Bleib bei mir. Ich werde dich nie mehr verlassen, sondern mit dir auf deinem Schloss leben und deine Frau werden.« Mit diesen Worten küsste sie ihn zärtlich und schloss dabei die Augen.

Da war das Schloss plötzlich von tausend Lichtern und Musik erfüllt, und als die Schöne die Augen öffnete, war das Biest verschwunden. An seiner Stelle stand ein junger Prinz, der sie freudig anlächelte. »Ich bin das Biest, vor dem du dich so gefürchtet hast«, erklärte er. »Ich war von einer bösen Fee verzaubert und in ein hässliches Wesen verwandelt, und nur die Liebe einer Frau konnte mich erlösen. Jetzt bin ich von ihrem Zauber befreit und wir können in Frieden miteinander leben.«

Das Entzücken der Schönen wurde noch größer, als sie das Schloss betraten und dort ihre Familie vorfanden. Der Kaufmann war vom Glück seiner Tochter ganz überwältigt und umarmte sie und ihren Prinzen voller Freude. Die neidischen Schwestern wurden in Statuen aus Stein verwandelt, und in dieser Gestalt müssen sie verharren, bis es ihnen gelingt, ihren Neid zu besiegen. Die Schöne und ihr Prinz vermählten sich und regierten in ihrem Königreich glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

Josephine Evetts-Secker (Hrsg.): Väter und Töchter – Märchen aus aller Welt.
Stuttgard: Urachhaus 2000

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