Aluel und ihr liebvoller Vater

Aluel und ihr liebvoller Vater

Märchen der Dinka (Sudan)

Vernehmt nun diese alte Geschichte!

Ayak war sehr schön. Sie wurde von dem Hirten Chol umworben und gebar ihm eine Tochter, die genauso schön war wie sie selbst. Doch bald darauf starb Ayak. Chol, ihr Ehemann, war verzweifelt, doch er nahm seine neugeborene Tochter und wiegte sie auf dem Schoss, obwohl die Leute aus dem Dorf sagten: »Das gehört sich nicht. Du musst eine andere Frau finden, die sich ihrer annimmt.«

Chol aber weigerte sich und sagte: »Nein, ich will mein Kind selbst wiegen und für es sorgen.« Also nahm er seine Tochter mit sich in sein Viehgehege, und er nannte sie Aluel. Er gab ihr Milch zu trinken, und von ihm lernte sie auch das Sprechen. Sie wuchs zu einem jungen Mädchen heran.

Als die beiden eines Tages zusammensaßen, sagte Aluel: »Vater, warum bleibst du allein und nimmst dir keine andere Frau? Soll ich denn niemals Brüder und Schwestern bekommen?«

»Kleine Aluel«, antwortete ihr Vater, »ich will nicht wieder heiraten, weil ich befürchte, dass eine Stiefmutter dich nicht lieben würde oder dass sogar ich dich über ihr vergessen könnte. Deshalb bleibe ich allein und habe nur dich lieb.«

»Es ist aber nicht recht, dass du allein bleibst«, sagte Aluel, und während der nächsten Monate lag sie ihm ständig mit dieser Sache in den Ohren. Schließlich gab er nach und heiratete wieder. »Dies ist meine Tochter Aluel«, sagte er zu seiner neuen Frau, »und um ihretwillen wollte ich nicht wieder heiraten, weil ich nur sie lieben und durch sie die Erinnerung an meine erste Frau wach halten wollte. Doch mein kleines Mädchen hat weise Worte zu mir gesprochen, und so war ich einverstanden, mir eine neue Frau zu nehmen. Du musst also gut für sie sorgen, andernfalls können wir kein gemeinsames Leben führen.«

Anfangs behandelte die Stiefmutter Aluel noch mit Freundlichkeit, doch bald schon ließ sie sie Hunger leiden. Chol fragte: »Kleine Aluel, warum ist dein Bäuchlein so eingefallen? Isst du auch genug?« Doch Aluel wollte ihren Vater nicht bekümmern. Also behielt sie die Wahrheit für sich und sagte immer nur: »Ja, natürlich esse ich genug, aber jetzt habe ich gerade keinen Hunger.«

Dann wurde der Familie eine weitere Tochter geboren. Diese erhielt von ihrer Mutter reichlich zu essen, während Aluel immer dünner und dünner wurde. Als die zweite Tochter alt genug war, um sprechen zu können, fragte sie ihre Mutter: »Warum behandelst du meine Stiefschwester so schlecht? Sie hat Hunger, aber du gibst ihr nichts zu essen.«

Ihre Mutter wurde zornig und rief: »Wie kannst du so etwas sagen? Und jetzt wirst du wohl zu deinem Vater laufen und ihm alles erzählen, und dann wird er mich nicht mehr lieb haben. Ich verbiete dir, darüber zu sprechen.« Also sagte ihre Tochter nichts zu ihrem Vater oder zu irgendjemandem sonst, und für Aluel wurde das Leben härter und härter.

Dann rügte Aluel eines Tages ihren Vater: »Warum besuchst du nie die Familie meiner Mutter? Du gehst noch nicht einmal zu meiner Großmutter, um zu sehen, wie es ihr geht, und ihr zu sagen, dass es mir gut geht. Du gehst noch nicht einmal hin, um das Vieh abzuholen, das die Mitgift meiner Mutter war, und dabei brauchen wir jetzt mehr Vieh.«

Ihr Vater aber antwortete: »Ich habe Angst, dich allein zu lassen, deshalb gehe ich nie sehr weit von unserem Dorf weg. Ich habe Angst davor, dass dir etwas zustoßen könnte.« Aluel lachte ihn wegen seiner Angst aus, und wieder ließ sich der Vater überzeugen, dass es gut sei, dem Vorschlag der Tochter zu folgen.

Aluel vermisste ihren Vater sehr. Da machte sich ihre Stiefmutter Chols Abwesenheit zunutze und spielte Aluel einen üblen Streich. Als die Sonne unterging, sagte sie zu Aluel, dass sie einen Mann sehe, der nahe bei der Sonne stehe, und dass es sich nur um Chol handeln könne. »Lauf ihm entgegen und begrüße ihn«, ermunterte sie das Mädchen.

Und Aluel rannte los, immer der Sonne entgegen, um ihren Vater zu begrüßen. Sie rannte weiter und weiter und kam nicht mehr zurück, denn als sie den großen Fluss erreichte, fiel sie hinein und wurde von der Sonne gerettet.

»Wo kommst du her?«, fragte die Sonne, und Aluel berichtete, wie ihr die Stiefmutter so übel mitgespielt hatte. Die Sonne war sehr traurig, als sie vernahm, dass Aluel keine Mutter hatte, die sie liebte, und so nahm sie das Kind mit sich nach Hause. Die Sonne erzählte Aluel, dass sie zwei Gefährtinnen habe, die keine eigenen Kinder hatten und die gut für sie sorgen würden. Die Gefährtinnen waren glücklich, nun ein Kind zu haben, um das sie sich kümmern konnten, und sie gewannen Aluel sehr lieb.

In der Zwischenzeit war Chol nach Hause zurückgekehrt und hatte entdeckt, dass seine kleine Aluel verschwunden war. Er ängstigte sich um sie und tobte vor Verzweiflung. Er wies jeden Trost zurück und wurde immer wütender, so dass man ihn schließlich in seinem Viehgehege anketten musste. Dort saß er und schrie Tag und Nacht.

Jeden Morgen, wenn die Sonne über den Horizont stieg, und jeden Abend, wenn sie wieder versank, kam sie an Chols Viehgehege vorbei und sah dessen Leid. Schließlich sagte sie zu ihren Gefährtinnen, dass sie Aluel zurück zu ihrem Vater schicken müssten, weil dessen Elend so unermesslich groß sei. Die Frauen waren damit gar nicht einverstanden, doch die Sonne hatte ihre Entscheidung getroffen.

Als die Sonne wieder an Chols Dorf vorbeikam, rief sie: »Mann im Viehgehege, hör mir zu! Ich bin die Sonne und ich habe Tag für Tag dein Elend gesehen. Doch ich bringe dir gute Nachricht. Die kleine Aluel ist nicht tot, sie lebt bei ihren beiden Sonnenmüttern, die gut für sie sorgen. Aber ich will sie dir zurückbringen.«

Als Chol hörte, dass Aluel in Sicherheit war, begann er zu weinen, und er flehte die Sonne an, ihm zu erzählen, was sich zugetragen hatte. Sie sagte: »Ich bin schon spät dran und muss mich beeilen, also hör gut zu. Du musst Pfähle einschlagen und eine hohe Plattform darauf errichten. Ich werde dir Aluel in wenigen Tagen zurückbringen und sie auf der Plattform absetzen.«

Da rief Chol nach den Leuten aus seinem Dorf und verlangte nach Milch und bat um etwas zu essen, und schließlich wünschte er, von seinen Ketten befreit zu werden. Als die Dorfbewohner sahen, dass er wieder bei Verstand war, taten sie, wie er verlangte. Dann ging er in den Wald, um Bäume für die Plattform zu fällen. Nach drei Tagen brachte die Sonne Aluel zu ihrem Vater zurück, und Chol holte sie heimlich von der Plattform herab und versteckte sie in seinem Viehgehege.

Am selben Tag hatte ein junger Mann namens Ring einen Traum, in dem er sah, wie Aluel von der Sonne zum Viehgehege ihres Vaters gebracht wurde. Ring hatte noch nie ein Mädchen getroffen, das sein Herz berührte, doch als er Aluel in seinem Traum gesehen hatte, sagte er zu seinem Vater: »Ich habe das Mädchen gesehen, das ich heiraten will, und jetzt gehe ich einen weiten Weg, um zu ihr zu gelangen.«

Dann bat Ring seinen Vater, ihm einige Kühe als Mitgift mitzugeben, und in Begleitung anderer junger Männer aus seinem Dorf machte er sich auf den Weg. Als sie in Chols Dorf eintrafen, verkündete Ring, dass er gekommen sei, um Chols Tochter zu heiraten. Die Stiefmutter war hocherfreut und machte ihre eigene Tochter als Braut zurecht. Chol saß vor seinem Viehgehege, wo er Aluel immer noch versteckt hielt, und bewirtete Ring und seine Freunde. Ein Bulle wurde geschlachtet und über dem Feuer gebraten, doch Ring wollte nichts essen.

»Wir werden den Festschmaus nicht beginnen«, erklärte er, »bevor nicht die Braut selbst erschienen ist und uns Wasser gebracht hat.«

Chol war erstaunt über diese Worte und sagte: »Aber meine Tochter hat euch doch schon zu trinken gebracht. Sie ist die Braut.«

»Aber nein. Ich will deine andere Tochter heiraten«, beharrte Ring, »deine Tochter, die der Sonne gefolgt ist. Die Sonne hat sie zurückgebracht, und jetzt versteckst du sie in deinem Viehgehege.«

»Woher weißt du das alles?«, fragte der verblüffte Vater.

»Ich habe alles in einem Traum gesehen«, antwortete Ring. »Ich weiß, wo deine Tochter ist.«

Und so rief Chol Aluel aus dem Viehgehege heraus, und alle waren erstaunt, sie zu sehen. Aluel brachte Ring und seinen Freunden Wasser, und die Hochzeit wurde gefeiert.

 

Josephine Evetts-Secker: Väter und Töchter – Märchen aus aller Welt.
Stuttgard, 2000, Urachhaus

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Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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