Das Bäumchen des Lebens

Das Bäumchen des Lebens

In der Rossstraße, gegenüber dem Altenheim, in dem meine Mutter lebte, war hinter einer niedrigen, mit Dachziegeln schräg gedeckten Mauer mit einem Gittertürchen ein kleiner Garten, der den Insassen des Heims, aber auch vorübergehenden Fremden offen stand, wenn sie auf einer der dort stehenden Bänke eine Ruhepause machen wollten. Der Garten war ein spitzwinkliges Dreieck, dessen Längsseiten von zwei hohen Brandmauern begrenzt wurden, während seine Schmalseite zur Straße hin lag. An den unverputzten Brandmauern kletterte Efeu in die Höhe und suchte das Rostbraun der verwitterten Backsteine zu verdecken, was ihm bis zur Höhe des zweiten Stockwerks gelungen war. Am Fuß der Mauern standen einige Bänke, von wo man auf die inmitten des dreieckigen Gartens liegende Rasenfläche blickte, die nur des Nachmittags und auch dann nur für kurze Zeit im warmen Sonnenlicht lag und ansonsten in einer unfreundlich wirkenden düsteren Schattenkühle. Das Grundstück war wegen der Form seiner Fläche unbebaubar, also wertlos, und deshalb hatte der fromme Eigentümer es dem Edmund-Hilvert-Haus geschenkt, damit dessen Bewohner es als eine Art Oase in der Steinwüste nutzen konnten.

Meine Mutter nutzte das Gärtchen. Sie ging des Mittags nach Tisch durch den Hinterausgang des Heims, an den Müllcontainern vorbei, überquerte die Fahrbahn der Rossstraße, öffnete das Gittertürchen und betrat den Garten, in dem sie dann saß, auf der weißgestrichenen Bänke mit dem Blick auf die gegenüberliegende efeubewachsene Brandmauer, die Rasenfläche davor und ein Ahornbäumchen, das in der Mitte der Rasenfläche stand und um sein Leben kämpfte. Sei es, dass die Humusschicht, die man aufgetragen hatte, zu dünn war, sei es, dass der Boden aus der Zeit des Krieges noch aus Schutt, Steinbrocken, Mörtel, Kalk und Zement bestand, vielleicht auch Gifte enthielt, oder sei es, dass dem Bäumchen die Sonne fehlte, wie auch immer — es war ein Kümmerling, mager, mit dünnen Ärmchen, die kläglich gewinkelt ins Licht griffen, aber nichts zu fassen bekamen. Matt hingen die stets bestaubt aussehenden Blätter hernieder, es war, als könnte das Bäumchen nicht atmen, als hätte es einen Atemstillstand oder als litte es an chronischem Asthma und ränge nach Luft. Das Bäumchen hätte die Bühnendekoration zu Becketts „Godot“ sein können. Es war ein lebender Leichnam, spürte den Anhauch des Todes, war schon vom Tod gezeichnet, der völligen Nichtung nah, und war zugleich in seiner äußersten Reduktion das Wesen Baum — dieses wares geblieben und wollte es sein.

Meine Mutter brachte stets eine kleine orangefarben Plastikgießkanne mit, wenn sie in das Gärtchen ging, hatte die Kanne, mit der sie sonst die Blumen auf ihrer Fensterbank begoss, am Waschbecken hinter dem Vorhang in ihrem Zimmer mit Wasser gefüllt und gab nun dem Bäumchen das Wasser, das wenige, das die Kanne fassen konnte und das sie zu tragen vermochte. Sie saß dann dem Bäumchen gegenüber und sah ihm zu, wie es sich regte. Denn es regte sich, wenn der Wind ging und es anhauchte, der beleben und töten und wiederbeleben konnte, und ich bin sicher, dass von irgendwoher ein Amselruf kam oder der Lauf eines Vogels, irgendeines Vogels zu hören war, dort zwischen den Mauern, bei Sonnenaufgang in der Frühe und bei sinkender Sonne in der Dämmerung des Abends, und dass meine Mutter den Vogelruf hörte, so wie sie die leisen Regungen des Bäumchens sah, und wenn sie es auch nicht umarmte und nicht zu ihm sprach, so hatte doch in ihm ein Gegenüber und einen Gegenstand für ihre Augen, die sonst blicklos gewesen wären und leer. Das Bäumchen stand da für alle anderen Bäume, die jemals hier oder an anderen Orten gestanden hatten und aufgewachsen und abgesunken waren, die jetzt und anderswo wuchsen und in Zukunft leben und sterben würden wie Mensch und Tier und alles Lebendige, das leben wollte und dem Tod geweiht war.

Ich saß neben meiner Mutter, die ich im Heim besucht hatte. Sie hatte wie jeden Tag das Bäumchen begossen und hielt jetzt die leere orangefarbene Gießkanne auf dem Schoss und sagte mir, dass sie dies immer so mache. „Einen Moment noch!“ hatte sie im Heim gesagt, „ich muss die Gießkanne noch füllen.“ Ich hatte nicht gewusst, wozu sie die Kanne mitnahm, nun wusste ich es. „Du bist immer kränklich gewesen“, sagte meine Mutter. „Als Kind schon. Du warst immer krank.“ Ich sah das Bäumchen, es war so klein, dass ich das Gefühl hatte, ich sähe von oben auf es herab. Ich saß neben meiner Mutter, die wusste, dass ihr Leben zu Ende ging, und die sich sorgte um die Lebenden. Und ich wusste, dass ich selbst, was immer ich tat, nie etwas Besseres würde tun können als dies.

Theodor Weissenborn

Aus: SOS-Kinderdorf Jahrbuch, 1996

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