Ein Fall für die Notbremse – Eine ganz andere Weihnachtsgeschichte

Ein Fall für die Notbremse

Eine ganz andere Weihnachtsgeschichte

Eine junge Frau, in ihr Umschlagtuch gehüllt. Auf ihrem Schoß ein notdürftig gewindelter Säugling. Hinter Frau und Kind ein Mann, dessen bärtiges Antlitz von Staunen, Freude und Sorge gleichzeitig geprägt ist.

Ja, auf diese Gruppe ist unser Gefühl gedrillt. Da wissen wir Bescheid. Da lassen wir uns anrühren. In diesen Tagen.

Aber bitte: Carlotta Veduto war nicht schlank und jung, sondern hatte eher jene matronenhaft rundliche Würde, wie sie Mütter vielköpfiger Familien oft besitzen. Und Massimo Veduto, ihr Mann hatte keinen Vollbart im vertrauenerweckenden Gesicht, sondern nur eine Menjou-Fliege unter der kantig vorspringenden Nase, die der Physiognomie Massimos etwas Gerissenes gab. Und da war nicht ein lächelnder, gescheit dreinblickender Säugling, sondern ein Gewimmel von sieben Kindern, deren Gesichter jetzt dösig und schlafbedürftig aussahen. Da weiß man Bescheid, wenn so was auf einem Bahnsteig sitzt und lamentiert, ein paar Pappkoffer und verschnürte Kleiderbalien um sich herum: Gastarbeiter mit Anhang. Da braucht man im Schneetreiben keinen zweiten Blick zu riskieren; schon der erste ist verschwendete Anstrengung. „Das sind doch die, die uns die Arbeitsplätze weg …“ oder „Millionen an Kindergeld sollen die ja ‚rausgeschleppt…“ Nicht mal zu Ende denkt man. Es lohnt sich nicht. Außerdem hat man schließlich genug im Kopf in diesen letzten Stunden. Für Tante Cäcilie hat man doch tatsächlich ein Geschenk vergessen! Und immerhin hat sie keine Kinder und hinterläßt mal ihr Eigenheim, wo die meisten Bausparraten schon abbezahlt sind. Wäre doch was Schönes für unsere Ilse, wenn sie mal soweit ist. Da muß doch irgendwas Originelles aufzutreiben sein! Nee, Parfümpackung und Seife geht nicht. Zu popelig. Aber so ein schwarzes, elegantes Aktenköfferchen, wie es unsere Minister meistens mit sich’ herumschleppen. Das wäre doch was! Das zeugt von Geschmack und Zuneigung zugleich. Muß doch mal zu Leder-Bantermann rüber. Hoffentlich haben die noch auf. Verdammt, in ein paar Stunden ist schon Bescherung.

Schöne Bescherung. Auch die Vedutos hätten gern in ein paar Stunden Bescherung. Sie haben sich das gestern noch benissimo ausgemalt. Um zehn Uhr abends wären sie in Spoleto gewesen, und eine Stunde mit dem Bus später in ihrem umbrischen Heimatdörfchen Giadutto. Wären. Wenn da nicht Hindernisse sich aufgetürmt hätten: verzwickte Fahrpläne, durch Schneeverwehungen aufgehaltene Züge, unverständliche Wortschwalle von Schaffnern und Kontrolleuren, die auch den allerletzten Rest klaren Denkens in dumpfe Verwirrung umwandeln konnten.

Vieles war zusammengekommen, um die neun Vedutos – klingt fast wie der Name einer Artistengruppe: die neun Vedutos – wenige Stunden vor Heiligabend auf dem Bahnsteig in G., irgendwo zwischen Flensburg und Holzkirchen, notlanden zu lassen.

Als Massimo Veduto sich vor fünf Jahren entschlossen hatte, den lockenden Gesängen des deutschen „Arbeitskräftewerbers“ zu lauschen, den Versprechungen inbrünstig zu glauben und sich ins gelobte Germanien zu begeben, war alles leicht. „Selbstverständlich können Sie Ihre Gattin und die drei reizenden Kinder mitnehmen, Signor Veduto!“ – So wurde selbst die Abreise vom Bahnhof Spoleto, die in vielen Mitfahrern erste Heimweh-Ahnungen auslöste, für Massimo Veduto ein Familienfest. Man hatte so viel umbrischen Landwein – den goldgelben mit dem öligen Fluß – mitgenommen, daß der Vorrat trotz eifrigen Zuspruchs bis Köln-Deutz reichte, und da mußten die Vedutos ohnehin umsteigen.

In den fünf Jahren Deutschland hatten die Vedutos es leidlich. Nicht, daß man ihnen vor Freude um den Hals gefallen wäre, aber die Behausung war gut, die Arbeit erträglich, der Verdienst so, daß Massimo Veduto seiner Frau jedes Jahr ein neues Kleid, sich selbst einen neuen Anzug gönnen konnte und sie beide sich fast alljährlich ein weiteres Kind zustanden.

Gerade, als Massimo Veduto mit dem Gedanken spielte, endgültig in Germanien zu bleiben – schließlich hat ihn jetzt schon mehrere Male der Arbeitskollege Gerhard Lipschütz besucht – kam der Kündigungsbrief. Und mit dem Datum der Kündigung tritt auch die Aufenthaltsgenehmigung außer Kraft, so hieß es in dem Schreiben, das in gutem Deutsch und mäßigem Italienisch abgefaßt war. Mit dem letzten Tag dieses auslaufenden Jahres mußten die Vedutos wieder jenseits der Alpen sein. Basta. Massimo Veduto entschloß sich, nicht erst den letzten Tag seiner Aufenthaltserlaubnis abzuwarten, sondern so abzureisen, daß die verstärkte Familie zum Heiligabend wieder in Umbrien anlangte.

Aber sieben Kinder reisefertig zu machen, frißt viel Zeit. So viel Zeit, daß die Familie Veduto den Sonderzug verpaßte, der eigens für rückreisende oder urlaubmachende Gastarbeiter bereitgestellt wurde.

„Zug ’raus! Weg! Futschikato!“ sagte der Auskunftsbeamte den neun Vedutos, die verdutzt den freundlichen Versuchen des Mannes lauschten, das Wort futsch zu italianisieren.

„Treno speziale nach Roma schon abgedampft. Tsch-tsch-tsch!“

Und der Mann mit der Banderole „Information“ an der Mütze machte mit den Ellenbogen jene Bewegungen, die man in der ganzen Welt als Lokomotivespielen kennt. Und zugleich hatte er ein Trostpflästerchen bereit. „Aber auf Bahnsteig drei fährt D-Zug in zehn Minuten ab. München umsteigen. Dann auch morgen früh in Heimatland! Bahnsteig drei. Avanti, avanti!“

Die Vedutos packten ihre Bündel und Kartons und verschwanden im zugigen Treppenschacht des Bahnhofs. Nun kann es sein, daß der scharfe Wind über dem Bahnsteig die Worte des Auskunftsbeamten verwischt hatte. Jedenfalls glaubten Carlotta und Massimo Veduto Bahnsteig zwei gehört zu haben. Und richtig: am Bahnsteig zwei stand ein Zug abfahrbereit. Das letzte Gepäckstück warf ein zuvorkommender Mitmensch den Vedutos noch in den bereits abfahrenden Zug nach; das Wohlgefühl ob dieser guten Tat den Italienern gegenüber reichte bei dem Mann noch bis Neujahr.

Familie Veduto hatte ein Abteil für sich. Das war wie ein kleines Zimmer und war ein richtiges Wohnen. Massimo Veduto verstaute die Bündel unter den Bänken, schaffte in einem Korb ein Ruhelager für das kleinste Kind, ließ sich von seiner Frau ein Stück Brot und Salami geben und schaute vergnügt nach draußen, wo die Mülltonnen vor den Häusern so froren, daß man hier im warmen Abteil Mitleid mit ihnen haben mußte.

Der beginnende Halbschlaf der Vedutos wurde fortgescheucht durch einen Kontrolleur, der die Abteile forsch aufschob und rief: „Fahrausweise bitte“. Fahrausweise! Hätte schließlich auch Fahrkarten sagen können, der Mann. Aber Fahrausweise, das klingt nach Legitimationskarte, nach Paß, nach Grenzübergang, kurz nach Dingen und Vorgängen, die ein schlechtes Gewissen auszulösen vermögen.

Aber Massimo Veduto hatte kapiert und zeigte seine Sammelfahrkarte. „Du meine Güte! Sie sind ja ganz falsch! Der Zug fährt nach Kopenhagen. Nach Ko-pen-ha-gen! Hoch nach Norden! Nicht tief nach Süden! Alles falsch!“

Alles falsch! Das Wort regte Massimo Veduto auf. So hatte auch der Vorarbeiter auf dem Eisenwerk gerufen, wo Massimo in den ersten Monaten Rohre aneinanderschrauben mußte und manchmal mit den Gewinden nicht zurechtkam. Und jetzt war dieses .Alles falsch!’ wieder da. Nicht nach Spoleto ging’s hier, sondern nach Kopenhagen, wo Eskimohütten standen? Und da sollte er mit seiner Familie hin, die sich nach Umbriens Sonne sehnte?

Massimo Veduto suchte in dieser verzwickten Lage so dringlich nach einem Ausweg, daß die einzigen italienischen Worte, die im Abteil zu lesen waren, ihn plötzlich vom Sitz aufspringen ließen. Das war die Lösung: Allarme! Tirare la maniglia solo in caso di pericolo! – Die Notbremse! Nur im Fall der Gefahr ziehen! – War das etwa hier kein Gefahrensfall!? Hier, wo die wärmehungrigen Vedutos in die Kälte verschleppt werden sollten? Hier war wahrhaftig ein Caso di pericolo!

Schon hatte Massimo Veduto den eckigen Griff in der Hand. Er hängte sein ganzes Körpergewicht an diesen Griff, der als einziges Autoritätswesen die Fahrt sofort stoppen konnte.

Und der schwarze Griff unter dem weißen Kasten tat’s. Massimo spürte, wie das Bleiplättchen der Plombe ihm ans Kinn flog. Dann wurden die Vedutos und der Schaffner gegen die Abteilwand geschleudert, auf der fröhliche Fotos winkten. „Besucht die Spielbank von Travemünde!“

Der Schaffner zog seine Jacke zurecht. Er wollte etwas sagen. Aber die Worte kamen nicht. Es war das erste Mal während seiner 27jährigen Amtszeit, daß in „seinem“ Zug die Notbremse gezogen wurde. Da zeigte der Schaffner auf den letzten Teil der Notbremsen-Beschriftung: Ogni abuso verra punito! – Jawohl! Jeder Mißbrauch wird bestraft.

Aber da begann Signora Carlotta Veduto zu weinen. Und sie konnte weinen! So ansteckend, daß sofort vier der sieben Veduto-Kinder in das Geheul einfielen.

Der Schaffner beschloß, die Vedutos ungeschoren zu lassen. Und nach dieser Guttat kam ihm auch das Sprechvermögen zurück. „Nächste Station aber aussteigen!“ sagte er noch. Und er überwachte den Exodus der Vedutos aus seinem Zug. Die nächste Station war G. Oder war es D.? Oder C.? Oder P.? Oder E.?

Schauen Sie doch bitte jetzt noch eben auf Ihrem Bahnsteig nach, ob die Vedutos da sitzen. Könnte ja sein …

Nach Josef Reding

Kurtmartin Magiera (Hrsg.): Die Nacht im Dezember – Texte zur Geburt des Herren.
Butzon & Bercker, o. O.  1968

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