Die bösen Nachbarshunde

Die bösen Nachbarshunde

Frau Hofbauer wohnte am Stadtrand. Rund im ihr Häuschen war ein Garten mit Obstbäumen, Blumenbeeten und Gemüsebeeten. Frau Hofbauer wohnte nicht allein draußen vor der Stadt. Sie hatte einen Hund, einen grauschwarzen Schnauzer, Wenn er bellte, klang es so, als würde ein mit Steinen gefülltes Blechfass einen Hang hinunterrollen. Der Hund hieß übrigens Tasso. Mit ihm unterhielt sich Frau Hofbauer, wenn sie einsam war. Frau Hofbauer war oft einsam. Denn sie hatte weder Söhne noch Töchter, noch sonst irgendwelche Verwandten, und sie war bereits so alt, dass sie nur noch schwer neue Freunde finden konnte. Sie hatte nur ihren Tasso. Den liebte sie. Wehe, wenn jemand ein böses Wort über Tasso sagte. Das machte Frau Hofbauer wütend, das trieb ihr den Zorn in die Augen und schlimme Worte in den Mund.

Frau Maier wohnte ebenfalls am Stadtrand. Auch um ihr Haus lag ein Garten, schön und gepflegt, mit Rasen und Silbertannen, Birken und Trauerweiden. Frau Meier hatte noch Söhne und Töchter und Enkelkinder, aber die kümmerten sich nicht um sie. Denn Frau Maier war alt und arm, und man konnte mit ihr keinen Staat machen. Und weil Frau Maier ebenso einsam war wie Frau Hofbauer, hatte auch sie einen Hund. Ihr Hund war ein Rauhaardackel und hieß Niki. Wenn Niki bellte, dann klang es so, als würden zehn Lausbuben in schrille Trillerpfeifen blasen — gleichzeitig!

Aber für Frau Maier war das Gebell ihres Hundes wunderschön, und sie betrachtete Niki mit glänzenden Augen, wenn er mit erdiger Schnauze vor einem Mauseloch stand und kläffte.

Frau Hofbauer und Frau Maier waren Nachbarn. Ihre Gärten wurden von einem Lattenzaun getrennt. Weder Frau Hofbauer noch Frau Maier kamen dem Zaun in die Nähe, wenn eine von ihnen im hinteren Teil des Gartens war. Sie mochten einander nicht. Sie hatten nie versucht, ein Wort miteinander zu reden. Daran waren Tasso und Niki schuld. Denn jeden Morgen, wenn sich die Hintertüren der beiden Häuser Öffneten und Tasso und Niki in ihre Gärten liefen, stürzten beide zuerst zum Lattenzaun und jagten mit wütendem Gekläff und entblößten Zähnen hin und her, zaunauf und zaunab, das heiser dröhnende Blechfass und die schrille Trillerpfeife, die Haare gesträubt, mit geifernden Lefzen, jeden Augenblick bereit, einander an die Kehle zu fahren und zuzubeißen. Und jeden Morgen erschienen in den Hintertüren ihrer Häuser Frau Hofbauer und Frau Maier mit bösen Gesichtern und zitternden Händen und riefen nach ihren Lieblingen.

„Tasso! Tasso, mein Liebling, komm! Platz! Lass den schlimmen Hund!“ rief Frau Hofbauer empört.

„Niki! Niki, hierher! Komm, dein Fleischi essen. Geh fort von dem wilden Tier!“ schrie Frau Maier außer sich.

Wenn die Hunde endlich voneinander abließen und zurückkehrten, wurden sie von ihren Frauerln liebevoll empfangen, gestreichelt und zur Futterschüssel geführt. Dann knallten die Hintertüren zu, und Frau Hofbauer und Frau Maier waren mit ihren Hunden wieder allein.

„Bist ein guter Hund“, sagte Frau Hofbauer zu Tasso und streichelte ihn, „schimpf nur mit dem schlimmen Hund. So ein Mistvieh und so eine hässliche Stimme. Du bist ein guter Hund, ein braver Hund.“

Jenseits des Lattenzauns klang es ähnlich, „Komm, Nikilein, hier ist dein Fleischi. Hast ihm’s gezeigt, dem bösen Nachbarn, dass wir uns nichts gefallen lassen. So ein wilder Köter“, sagte Frau Maier zu ihrem Hund.

Dann ging Frau Maier in das Klosett und lüftete vorsichtig den Vorhang und schaute hinüber in den Garten. Frau Hofbauer stieg im Badezimmer auf einen Schemel und warf vorsichtig einen Blick über den Zaun. Dann verließen beide Frauen ihre Beobachtungsposten und waren zufrieden, wenn sich niemand in den hinteren Gärten zeigte.

Eines Nachts zog ein Gewitter auf, lärmte über den Landstrich hinweg, schickte böigen Sturm durch die Gärten, schüttelte die Bäume und Sträucher, riss am alten Lattenzaun und brach ein kurzes Stück von ihm um.

Der nächste Morgen war friedlich und still, bis auf das Geplauder der Vögel, und er blieb es, bis sich die beiden Hintertüren Öffneten und Tasso und Niki ins Freie stürmten.

Sie hetzten aufeinander zu, warfen sich von beiden Seiten gegen den Zaun, bellten, geiferten, fletschten die Zähne, jagten japsend und wütend den Zaun entlang, kehrten um, rasten zurück zum anderen Gartenende, dorthin, wo der Sturm den Zaun niedergebrochen hatte.

Die Hunde erstarrten, ihr Bellen erstarb, sie standen einander plötzlich ohne trennenden Zaun gegenüber, erschrocken, überrascht und still. Sekundenlang starrten sie einander an, bewegungslos und voller Misstrauen, bis sich nach und nach ihre angelegten Ohren langsam aufstellten, ihr gesträubtes Haar sich glättete, ihre Schwänze in sanfte Bewegung gerieten und zu wedeln begannen. Dann berührten sich vorsichtig ihre Schnauzen, sie beschnupperten einander, drehten sich im Kreis, wurden schneller und schneller, bis Tasso in den Garten Nikis hineinraste, Niki hinterher. Nun jagten sie einander rund um das Haus, flitzten hinüber in Tassos Garten, lautlos vorerst, sie stießen einander, überkugelten sich, wälzten sich im Gras, jaulten leise vor Vergnügen und Freude und setzten ihre wilde Jagd fort.

Als Frau Hofbauer vor die Tür trat, wunderte sie sich, weil es im Garten still war. Auch Frau Maier sperrte Mund und Augen auf, als sie ihren Liebling holen wollte, aber nicht deswegen, weil es im Garten still war, sondern darüber, dass um ihre Trauerweiden und Birken zwei Hunde mit heraushängender Zunge im Kreis rannten.

„Niki!“ rief Frau Maier entsetzt.

Da rasten zwei Hunde zu ihren Füßen, zwei Hunde umdrängten sie, schmiegten sich gegen die Beine, leckten ihre Hände und stoben wieder davon, rund um das Haus, hinüber in den anderen Garten, hin zu den Stufen der Hintertür, in der Frau Hofbauer entgeistert dem tollen Treiben der Hunde zusah, bis sie verwirrt in den Garten hineinschritt und sofort von beiden Hunden umlaufen war, die an ihr hochsprangen und jaulten, sich vor ihr wälzten und ihre Schnauzen gegen Frau Hofbauers Hände stießen. Dann ließen sie von ihr ab, Tasso suchte sich den größten Apfelbaum, bei dem er sein Bein hob, jagte hinüber in seinen Garten, gefolgt von Niki, der sich in Frau Maiers Garten die Trauerweide aussuchte, um an ihren Stamm seine Duftmarke zu setzen.

Frau Hofbauer ging langsam zum Gartenzaun. Sie betrachtete den Schaden, den der Sturm angerichtet hatte. Frau Maier kam um die Hausecke und blieb vorerst stehen. Dann kam auch sie zögernd in die Nähe des Zauns.

„Das Gewitter heute Nacht“, sagte Frau Hofbauer.

Frau Maier nickte. „Der Sturm“, ergänzte sie.

„Man kann von Glück reden, dass nicht mehr Unheil geschehen ist“, sagte Frau Hofbauer.

„Keine Bäume geknickt, Gott sei Dank“, sagte Frau Maier.

„Und keine Dächer abgedeckt“, fügte Frau Hofbauer hinzu.

Dann blickten sie sich um.

„Wo sind denn die Hunde?“ fragte Frau Hofbauer.

„Vielleicht in meinem Haus. Ich habe die Tür offen gelassen“, sagte Frau Maier und ging rasch auf das Haus zu.

Frau Hofbauer wollte folgen, um Tasso zu Holen. Aber sie wagte es nicht, über den niedergebrochenen. Zaun zu steigen. Sie blickte nur der Nachbarin nach, die von ihr fortschritt. Frau Maier drehte sich plötzlich um.

„Kommen Sie“, sagte sie, „wir wollen unsere Hunde suchen.“

Frau Hofbauer stieg über den sturmgefällten Zaun. Sie hatte ein eigenartiges Gefühl. Es war ihr, als dringe sie in eine völlig fremde, unbekannte Welt.

Die Hunde waren tatsächlich im Haus. Sie standen in der Küche vor einem Teller Fleisch, aus dem sie gemeinsam fraßen. Die beiden Frauen standen dahinter und sahen schweigend zu.

,Jetzt ist es aber endlich genug“, sagte Frau Hofbauer nach einer Weile zu Tasso, „du musst dem Niki nicht alles wegfressen. Und außerdem musst du ihn auch zu uns einladen.“

Sie griff in das Halsband und zog Tasso fort. Frau Maier begleitete sie zum Loch im Gartenzaun.

„Den Zaun“, sagte Frau Hofbauer, „den werde ich reparieren lassen. Für diesen Zaun bin ich zuständig.“

„Das wird viel Geld kosten“, sagte Frau Maier.

„Was sein muss, muss sein“, antwortete Frau Hofbauer.

Niki kam aus dem Haus und lief in den Garten der Frau Hofbauer.

„Diese Hunde haben keinen Respekt vor einer Grenze“, sagte Frau Maier und lächelte verlegen. „Meinetwegen brauchen Sie den Zaun nicht gleich reparieren zu lassen.“

,Ja, aber was soll ich denn damit machen?“

„Er ist sowieso ganz morsch. Verheizen Sie ihn.“

„Den Hunden möchte das gefallen“, sagte Frau Hofbauer.

„Mhm – sie bellen nicht mehr. Grenzen machen nicht nur Tiere böse“, sagte Frau Maier.

Frau Hofbauer blickte eine Weile hin und her. Dann fragte sie: „Haben Sie schon gefrühstückt?“

„Nein, nur der Hund“, antwortete Frau Maier.

„Dann kommen Sie, mein Kaffee ist noch heiß.“

Wilhelm Meissel

Jutta Modler (Hrsg.): Brücken Bauen.
Wien: 1987  Herder

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