Der Weihnachtsweg

Der Weihnachtsweg

Daß es Großmütter gibt, ist keine Neuigkeit. Der eine nennt sie Oma, der zweite vielleicht Großmama, der dritte Großmutter oder überhaupt ganz anders. Joachim und Christine sagen „Ahnei“ zu ihrer Großmutter. Das aalt man so schon seit über hundert Jahren in der Familie, daß eine Großmutter immer „Ahnei“ genannt wird. Außerdem liegt es an der Gegend, in der viele Leute zu ihren Großmüttern „Ahnei“ sagen. Diese Ahnei ist schon so alt, daß sie kaum noch etwas sieht. Dafür kann sie kommandieren wie ein General und erzählen wie ein weitgereister Matrose. Kein Wunder, denn Ahneis Großvater fuhr vor über hundert Jahren als Kapitän zur See und brachte immer ganze Schiffsladungen voll Geschichten mit nach Hause. Einmal soll er sogar Napoleon an Bord gehabt haben, den Kaiser der Franzosen.

Besonders schön kann Ahnei in der Jahreszeit erzählen, in der die Tage kürzer werden und alles auf Weihnachten zugeht, die Natur wie der Mensch. Und am besten erzählt sie an den Adventssonntagen. Es ist immer unterhaltsam bei Ahnei, doch nie ist es so schön wie am ersten Advent. Christine und Joachim besuchen sie dann, und alle drei trinken Kakao und kosten die ersten Pfeffernüsse. Kaum haben die Kinder sich gestärkt, fängt Ahnei schon an zu befehlen. Das tut sie jedes Jahr am ersten Advent, und die beiden wissen längst, was Ahnei jetzt will: „Es hat euch geschmeckt? Also ran an die Arbeit!“

„Aber Ahnei“, sagt Joachim, „das ist doch keine Arbeit, sondern ein Vergnügen!“

Joachim soll ein paar ganz gewisse Kisten vom Dachboden holen.

„Zu Befehl, Frau Admiral!“ sagt Joachim und krempelt sich die Ärmel hoch, weil er weiß, daß er gleich ins Schwitzen geraten wird. Die Kisten sind bis oben hin voll von uralten, wunderbar geschnitzten Holzfiguren. Jedes Jahr am ersten Advent nämlich wird bei Ahnei damit angefangen, ein großes Krippenspiel für Weihnachten aufzubauen. Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, denn es ist eine vielfältige Arbeit. Da muß die Landschaft angelegt werden, das Feld der Hirten, die Stadt Bethlehem mit der Herberge, alle Wege und Straßen, die darauf zuführen, Gärten, ein Teich, Felder und Berge und Wald. Und in diese kleinere, nachgemachte Welt werden die bunten, holzgeschnitzten Figuren gestellt: einhundertvierzehn Figuren; Engel, Hirten, Wanderer, Tiere auf dem Feld, im Stall und in der Wildnis, die Weisen aus dem Morgenland mit ihrem Troß, römische Soldaten, die zur Zeit von Christi Geburt das Heilige Land besetzt hielten, und ebenso Vagabunden, die gerade durchreisten und viele andere.

Schließlich gab es in Bethlehem ja auch Einwohner. Kurzum, groß und klein, jung und alt müssen dabeisein. Auf jeden Fall die heilige Familie selbst. Das alles ist in den Kisten, die Joachim vom Dachboden holen muß. Aber auch an seine Schwester richtet sich Ahneis Kommando: „Du, Christine, bringst aus der Küche den Korb mit den Schachteln voller Moos, Steinchen, Zweige, Sand.“ Das alles sammeln die Geschwister jedes Jahr neu für die biblische Landschaft. Auch fremdartig wirkende Wurzelgebilde und Tannenzweige sind dabei.

Während Christine mit Ahnei die Sachen für die Landschaft sortiert und bereitlegt, rumpelt Joachim mit den Kisten die Bodenstiege herunter. Als das Ganze herbeigeschafft ist, schieben sie Ahneis größten Tisch in eine freie Zimmerecke. Der Tisch ist so alt wie Ahneis Großvater, darum ist er auch so groß, heute gibt es solche kaum noch. Er soll die Bühne für ihr großes, stummes Krippenspiel sein. Aber erst müssen sie der Ahnei noch Kakao in die Tasse nachgießen. Sie selbst würde womöglich etwas auf die weiße Tischdecke verschütten, weil sie doch kaum noch sehen kann. Gerade darum hat sie sich vielleicht angewöhnt, so scharf und kurz zu befehlen, damit alles genauso verläuft, wie sie es sich vorstellt. Es gäbe sonst auch viel Durcheinander, besonders bei dem Krippenspiel mit seinen vielen Teilen. Jedes Jahr soll alles ein wenig anders aufgebaut werden als in den Jahren davor. Die Geschwister müssen gut aufpassen, wie Ahnei es sich diesmal ausgedacht hat. Sie gibt die Anweisungen, die die Kinder befolgen:

„Die Landschaft zuerst, Kinder. Einen Hügel in der Mitte. Hinter ihm das Feld der Hirten. Nach vorne zu die Stadt Bethlehem mit ihren Häusern und Straßen…“

Und natürlich sollen auch schon die ersten Figuren aufgestellt werden, denn eine Landschaft ohne Gestalten darin — das wäre ja wie auf dem Mond. Am ersten Advent aber dürfen nur am äußersten Rand jene Figuren aufgestellt werden, die von weither nach Bethlehem kommen. Ahnei kennt jede Figur genau aus der Zeit, in der sie mit ihren Augen noch hatte sehen können. Sie kennt sogar das Leben jeder Figur, — und nun kommt bald der Augenblick, in dem Ahnei sich als große Erzählerin erweist. Sie hat eben immer viel nachgedacht und sich manches so genau ausgemalt, daß es in ihrem Geist lebendig wird. Da sitzt sie in ihrem Sessel vor ihrer Tasse Kakao und horcht scharf hinüber, was Joachim und Christine tun. Es ist gerade so, als sähe sie mit ihren Ohren. An jedem Geräusch kann sie erkennen, was einer tut. Und immer wieder muß sie den Kindern etwas zurufen:

„Du baust doch nicht etwa gleich das ganze Bethlehem auf, Joachim?“

„So schnell geht das gar nicht, Frau General“, antwortet er, „nur ein paar Häuser und den Stall in der Herberge am Hügel.“

„Der Stall wird erst ganz zuletzt aufgebaut“, sagt Ahnei, „frühestens am dreiundzwanzigsten Dezember. Die Krippe ist doch die Krönung, und die Krönung kommt immer zuletzt. Bist du bei dem Hirtenfeld, Christine?“

„Ja“, sagt Christine, „ich mache es aus Sand und Moos. Und ich baue auch schon ein paar Straßen und Wege für die ersten Leute, die kommen werden.“

„In Ordnung“ meint Ahnei, „macht die Zufahrtswege aus Sand und Steinchen.“

„Was heißt hier Zufahrtswege?“ ruft Joachim, „wir machen die reinsten Autobahnen!“

„Dummes Zeug, Kinder. Als Jesus geboren wurde, reiste man doch noch mit Eseln, Pferden und Kamelen, oder man ging eben zu Fuß. Aber Autobahnen? Dummes Zeug!“

„Keine Bange, Ahnei“, tröstet Christine, „ich lege Steinchen und Moosfetzen auf Joachims Autobahnen. Gleich sieht es ganz echt aus. Welche Figuren soll ich denn als erste aufstellen? Den alten Mann mit dem langen weißen Bart, der von einem dunkelbraunen Jungen geführt wird?“

„Richtig. Genau den“, sagt Ahnei und lehnt sich behaglich zurück, um sich an das Leben dieser Krippenfigur zu erinnern.

„Ich stelle ihn an den Anfang des Weges“, erklärt Christine, damit Ahnei auch Bescheid weiß, und fährt fort: „Voriges Jahr sollte er auch dort stehen. Warum eigentlich muß ich gerade den alten Bärtigen mit dem Jungen jedes Jahr an den Anfang stellen?“

Die Kinder blicken gespannt zur Großmutter hinüber. Wenn sie sich so hinsetzt, wenn sie es sich behaglich macht, dann beginnt sie sicher gleich zu erzählen. Sie wird von dem Leben des bärtigen Alten berichten. Jedes Jahr erzählt sie die Lebensgeschichten bestimmter Krippenfiguren. Die meisten Menschen kennen ja nur die Geschichten von Joseph und Maria und dem Jesuskind. Ein bißchen wissen sie auch von den Hirten auf dem Felde und von den Weisen aus dem Morgenland. Von allen anderen jedoch, die damals in Bethlehem waren — und die gab es ja auch — von denen weiß keiner etwas. Nur Ahnei kann sich da allerlei vorstellen, als stünde es in ihrem Kopf geschrieben. Sie kann mit ihren müden Augen nicht mehr lesen, also holt sie die Geschichten einfach aus ihrem Kopf hervor. Und während Joachim und Christine fleißig an dem Krippenspiel bauen, beginnt sie, von dem alten Bärtigen zu erzählen: „Wo er herstammt — also, das weiß niemand genau, das ist schwer festzustellen. Sicher aus einem südlichen Land, denn seine Haut ist dunkel, wenn auch nicht so dunkel wie die des Knaben, der ihn führt.“

„Warum läßt der Alte sich überhaupt führen?“ fragt Christine. „Wart’s doch ab!“ zischelt Joachim. Er ist viel zu neugierig auf die Geschichte und mag es nicht, daß Ahnei gestört wird. „Richtig“, sagt Ahnei, „wartet nur ab, ihr werdet es schon noch erfahren. Der Alte suchte sein Leben lang nach einem blauen Riesendiamanten, von dem er in jungen Jahren gehört hatte. Wer diesen Diamanten besitzt — so hieß es damals — besäße Macht über die Menschenherzen. Das klang verlockend, das setzte sich in dem Bärtigen fest, das trieb ihn sein Leben lang von Land zu Land. Überall forschte er nach dem Riesendiamanten, von dem ihm ein Seefahrer berichtet hatte, der es wiederum von anderen gehört hatte. Immer erzählt man sich solche Geschichten in den Häfen, da sind Wahrheit und Träumerei oder gar Spinnerei oft schwer voneinander zu unterscheiden. Unser Bärtiger jedenfalls glaubte an den zauberischen Stein, und sowie er alt genug war, raffte er zusammen, was er besaß und begab sich auf Reisen, um den Stein zu suchen. Zuerst fuhr er nach Ägypten, wo sie die großen Steinpyramiden bauten. In so einer Pyramide können allerlei Schätze verborgen sein…“

Diesmal unterbricht Joachim die Erzählung. „Heute weiß man ja, was in den Pyramiden steckt“, gibt er an, „Mumien und Töpfe und Schrifttafeln und manchmal auch ein Skarabäus!“

„Was ist denn das?“ fragt Christine.

„Ein versteinerter Mistkäfer. Jedenfalls kein blauer Riesendiamant, stimmt’s Ahnei?“

„Stimmt ausnahmsweise. Der blaue Riesendiamant war in den ägyptischen Pyramiden nicht zu finden.“

Ahnei macht jetzt eine kleine Pause, sie will erst nachdenken, wie es weiterging. Dazu muß sie in sich hineinhorchen und achtet deshalb gar nicht mit ihren scharfen Ohren darauf, daß die Geschwister in diesem Augenblick nichts tun, sondern gebannt zu ihr hinüberstarren.

„Die Insel Kreta im Mittelmeer hatte er auch schon nach dem blauen Riesendiamanten durchsucht“, murmelt Ahnei vor sich hin. „Auf dieser Insel verehrten die Einwohner ein scheußliches Stierungeheuer, sie hielten es für ihren Gott. Beinahe hätte es den Bärtigen aufgefressen. Ja. Er wagte sich in die labyrinthische Höhle des Ungeheuers, weil er sich einbildete, es bewache vielleicht den gesuchten Edelstein. Aber er entkam dem Scheusal.

Nachdem er sich vergewissert hatte, daß es auch in dem prachtvollen Palast des Königs von Kreta keinen Riesendiamanten gab, forschte er bei den Seereisenden in den Häfen nach irgendeinem Hinweis. Seereisende wissen immer irgend etwas. In Indien, meinten einige, da möge es solche Steine geben. Und unser Schatzsucher beschloß, es also in Indien zu versuchen. Er heuerte für die Überfahrt auf einem Handelsschiff an und segelte los. Die Reise dauerte fast ein Jahr. Damals gab es den Suez-Kanal noch nicht. Man mußte ganz Afrika umschiffen, wenn man nach Indien wollte. Außerdem gab es natürlich noch keine Dampfschiffe oder solche mit Motoren. Man brauchte Wind zum Segeln und bei Flaute viele kräftige Arme zum Rudern. Elf Monate und etwas länger dauerte es, bis unser Reisender endlich die Erde Indiens betrat. Welche herrlichen Tempel und Paläste sah er hier! Türme aus Elfenbein und Fenster mit goldenen Rahmen, prachtvolle Gärten mit bunten Paradiesvögeln und weißen Elefanten. Keine Frage: Indien war genau das Land für blaue Riesendiamanten. Allerdings kommt man nicht so mir nichts, dir nichts an derartige Schätze heran. Unser machtgieriger Reisender mußte erstmal einen Elefanten erwerben und auf dessen Rücken in den Dschungel reiten, wo es noch herrlichere, verborgene Paläste geben sollte, wie die Leute in den Hafenschänken munkelten. Im Dschungel aber lauerten Gefahren: Tiger und Panther, Krokodile, Taranteln und Giftschlangen; ganz zu schweigen von der fürchterlichen Hitze tagsüber und den noch ärgeren Gewittergüssen in vielen Nächten. Mit all dem hatte unser Reisender sich herumzuschlagen. Aber Machtgier macht den Menschen eben zähe, sie ist wie ein Dämon und kann den zum Äußersten treiben, den sie befällt. Eines Morgens endlich, nach wochenlangem Ritt durch den Urwald und nach vielen entsetzlichen Strapazen, stieß der Bärtige auf eine uralte, riesige Tempelruine. Es mußte in früheren, längst versunkenen Zeiten eins der prachtvollsten Bauwerke der Erde gewesen sein, soviel konnte man an den Überresten noch erkennen. Hier, hier und nirgendwo anders mußte der sagenhafte blaue Riesendiamant verborgen liegen!“ „Und?“ fragt Christine, „fand er ihn?“
Ahnei winkt ärgerlich ab und fährt fort: „Hab’s doch nicht so eilig. In der Nähe hauste ein Eingeborenen stamm. Ihre Vorfahren mochten dieses Bauwerk einst errichtet haben. Es waren freundliche und friedliche Menschen. Allerdings auch ängstliche. Sie halfen dem Reisenden bei der Suche, obwohl ihnen das gar nicht leicht fiel. Bisher nämlich hatten sie immer einen großen Bogen um die Tempelruine gemacht. Sie bildeten sich ein, daß böse Geister darin hausten. Der Bärtige versprach ihnen Geschenke, wenn sie ihm helfen wollten. Tag für Tag durchsuchten sie die Ruine, denn das alte, halb verfallene und von Schlingpflanzen umwucherte Bauwerk erstreckte sich über eine riesige Fläche. Endlich stießen sie auf eine geheimnisvolle Kellertreppe…“

Ahnei macht eine kleine Pause in ihrem Bericht und atmet tief, als stünde sie selbst vor der Kellertreppe in Indien. Christine und Joachim sind gerade dabei, aus Moos und Sand die Weide für die Herden der Hirten auszulegen, aber als Ahnei sich jetzt unterbricht, blicken sie sich ungeduldig nach ihr um. „Na und? Was tat der Bärtige? Stieg er hinab in den Keller?“ „Und wenn Schlangen drin waren?“ erwägt Christine. Ahnei nickt und fährt fort: „Schlimmeres als Schlangen! Und zunächst dreihundertundfünfundsechzig Stufen, wie unsere Jahre Tage haben.“

„Muß der Keller aber tief gelegen sein!“ meint Joachim. „Und ob, mein Junge. Trotzdem sah der Reisende, als er hinabspähte, von ganz unten her einen silbrig-blauen Schein. Wenn das nicht von einem Riesendiamanten kam! Aber keiner von den Eingeborenen traute sich hinab. Sie empfanden keine Machtgier, nur Angst. Sie fürchteten Schlangen, Ungeheuer oder einen bösen Zauber, und sie warnten den Abenteurer und beschworen ihn, von dem Wagnis abzulassen. Aber er! Sein Wunsch nach Macht schwoll übermäßig an, jetzt, wo er sich dem so lange gesuchten Ziel endlich nahe sah. Er mißachtete die Warnungen und fing an, hinabzusteigen.“

„Dreihundertfünfundsechzig Stufen bergab“, rechnete Joachim, „kann man in fünf Minuten schaffen. Pro Stufe knapp eine Sekunde — wenn sie nicht bröckelig waren!“

„Waren sie nicht. Und auch Licht brauchte er nicht einmal, denn je tiefer er stieg, desto heller strahlte der geheimnisvolle Schein, immer heller, immer greller, entsetzlich funkelnd, ein schneidend sprühender Strahl war es zuletzt. Die Augen des Mannes begannen zu schmerzen, doch sein Fuß stockte nicht ein einziges Mal. Er stürzte dem blauen Feuer entgegen. Die letzten Stufen sprang er hinab, denn da lag er, der Riesendiamant, so groß wie ein Menschenkopf und noch funkelnder als die Sonne, wenn man an einem Julimittag, einem wolkenlosen, zu ihr aufblickt. Aber das hier unten war ein kaltes, ein grausam blendendes Licht, wie kein Menschenauge es ertragen kann.

Jaja, Machtgier allein schon kann einen Menschen blind machen. Schon während der Mann die letzten Stufen hinabeilte, fingen seine Augen fürchterlich an zu brennen. Auch das mißachtete er, obschon es ärger und immer schneidender wurde. Und als er den Riesendiamanten erreicht hatte, tötete der blaue Strahl seine Augen, und der Mann erblindete für alle Lebenszeit.“ „Richtig blind?“ rief Christine, „aber wie ist er denn wieder raufgekommen?“

„Oh, zunächst glaubte er ja nicht, daß er wirklich blind geworden sei. Er meinte, das Diamantenfeuer habe ihn wohl nur für ein Weilchen geblendet. So tastete er sich zu dem Edelstein und versuchte, ihn aufzuheben, ihn mitzunehmen. Der Diamant allerdings ankerte im Boden und verwuchs mit der Erde wie ein tausendjähriger Baum. Niemand kann den blauen Riesendiamanten aufheben…“ „Auch nicht mit einem Kran?“ „Nein, auch mit einem Kran nicht.“

„Na gut“, drängte Christine, „er schaffte es jedenfalls nicht. Wie ging es mit ihm weiter?“ „Wie es mit ihm weiterging? Ja, schön gewiß nicht. Es vergingen Stunden bitterster Qual und Anstrengung und Erkenntnis, bis er begriff, daß man diesen Stein nicht aufheben und mitnehmen konnte. Und es dauerte abermals Stunden, bis die oben wartenden Eingeborenen ihn wie ein Tier auf allen Vieren die Treppe herauf kriechen sahen. Stufe um Stufe mußte er mit seinen Händen ertasten. Seine Sucht nach Reichtum und Macht hatte ihn blind gemacht und damit hilflos. Allein hätte er nie wieder aus dem Dschungel herausgefunden. Die freundlichen Eingeborenen gaben ihm einen schlauen und kräftigen Waisenjungen mit, der ihn von nun an führen sollte. Der Junge kannte die Urwälder und die wilden Tiere, er war darin aufgewachsen und meisterte alle Gefahren. Er blieb auch später bei dem Blinden. Und so wanderten sie, der altgewordene Bärtige mit dem dunkelhäutigen Jungen Tag um Tag durch die Welt.“ „Was suchten sie jetzt?“ fragt Christine.

„Frieden. Nur noch Frieden.“

„Ist das auch so gefährlich und so schwierig wie die Suche nach dem Riesendiamanten?“

„Seht ihr nicht, daß sie auf dem Wege nach Bethlehem sind — auf dem Wege zu Gottes Sohn? Wer zu dem aufbricht, will Frieden und kann ihn dort finden. Also stellt den alten Bärtigen mit dem braunen Kind mitten auf den Weg, der auf die Herberge mit dem Stall zuführt. Die beiden gehören genauso zu unserm Krippenspiel wie die Hirten oder wie die drei Könige aus dem Morgenland. Die freilich werden erst später aufgebaut. Wie weit seid ihr jetzt?“

Joachim formt noch an der Landschaft, während Christine die sorgsam in Seidenpapier gewickelten Holzfiguren auspackt. Der alte Diamantensucher also steht schon da. „Welche Figur soll ich als nächste aufstellen?“ erkundigt sie sich, und Ahnei antwortet: „Nimm den Viehhändler mitsamt seinem Ochsen.“

„Wollen die auch nach Bethlehem zum Christkind?“ „Auf jeden Fall der Ochse. Er wird bei dem Esel und den anderen Tieren im Stall an der Krippe stehen, wenn Gottes Sohn zur Welt kommt.“

„Und was hat der Viehhändler dabei zu tun?“ bohrt Christine weiter. Für manche Geschichten muß man Ahnei erst ein bißchen in Gang bringen, die Kinder kennen das schon.

„Das sollt ihr ja gleich hören“, verkündet sie, „habt ihr auch die richtige Figur genommen? Beschreib sie mir, Christine.“

„Holzgeschnitzt“, zählt Christine auf, „rote wuschelige Haare, alles ganz zierlich geschnitzt. Selbst beim Schnurrbart erkennt man genau jede Strähne. Sonst ist er ziemlich dick und trägt einen grünen Kittel.“

Ahnei nickt zufrieden: „Richtig, das ist er. Stelle ihn weiter vor auf den Weg, noch näher an Bethlehem heran als den Blinden, damit sein Ochse auch ja rechtzeitig eintrifft.“ „Hatten die beiden auch so einen weiten Weg wie der Blinde mit seinem Wegfinder?“

„Oh nein, der Viehhändler kommt nur gerade von Jerusalem her, wo er auf den Basaren seinen Viehhandel betreibt. Mit Rindern handelt er, mit Hammeln und Schweinen, wenn sich die Gelegenheit ergibt, wohl auch mal mit Geflügel.“ „Ach drum!“ ruft Christine, „da sind nämlich auch kleine holzgeschnitzte Hühnchen in der Schachtel! Soll ich sie um ihn herum aufstellen?“

„Dummkarline!“ schilt Ahnei, „erstens würde er sie doch nicht frei herumlaufen lassen, denn Hühner folgen einem nicht wie Hunde. Und zweitens gehören die Hühner zur Herberge. Sie müssen später im Stall auf dem Dachgebälk hocken und auf die Krippe hinuntergucken.“

„Und der Händler will seinen Ochsen dem Jesuskind schenken“, behauptet Joachim. Da kann Ahnei nur lachen.

„Der? Nie. Der schenkt keiner Seele auch nur ein Haferkorn. ,Mir schenkt auch keiner was’, sagt er immer, und: ,Geschäft ist Geschäft.’ Also denkt er nur ans Geschäft. Der wird nicht einmal bemerken, daß im Stall von Bethlehem Gottes Sohn zur Welt kommt.“

„Was hat der Kerl dann überhaupt im Krippenspiel zu suchen?“ fragt Christine empört.

„Er muß da sein, weil es auch solche gibt. Er gehört zu der Welt, in die Jesus geboren wird. Solche gibt es immer. Und seid ihr sicher, daß ihr Heiligabend an das Kind in der Krippe denken werdet, daß ihr irgend etwas um seinetwillen tut?“ Christine schüttelt den Kopf und meint mit einem Seitenblick: „Joachim denkt bestimmt nur an das neue Fahrrad, das er sich wünscht.“

„Und du?“ faucht Joachim zurück, „du denkst doch bloß an schicke Kleider oder an deine Schallplatten.“ Ahnei pocht energisch mit der Faust auf den Tisch. „Ruhe! Hier wird nicht gestritten!“ „Zu Befehl, Frau Kommandant!“

„Kindsköpfe! Hört euch lieber an, was der Händler in der Heiligen Nacht treiben wird, während sein Ochse an der Krippe schnuppert und das Kind mit seinem Atem wärmt: Gleich nebenan in der Herbergskneipe wird er hocken und sich die Hände reiben, weil er den Ochsen zu einem guten Preis an den Wirt verkaufte, weil er ein günstiges Geschäft gemacht hat, und einen Schnaps wird er darauf trinken.“ „Und sonst nichts?“ fragt Christine enttäuscht. Es will ihr nicht in den Kopf, daß der Händler ein Ereignis mißachtet, das Jahrtausende lang immer wieder von Millionen Menschen gefeiert wird.

Aber Ahnei kann darauf nur antworten: „Und sonst nichts. Für den bedeutet ,etwas feiern’: Schnaps trinken. Und gefeiert werden nur gute Geschäfte. Hast du ihn auf den Weg gestellt, Christine?“

„Ja. Obwohl er eigentlich gar nicht dahin gehört.“ „Freilich gehört er dahin! Er gehört genauso ins Weihnachtsfest wie du und ich und alle anderen. Jesus ist doch nicht nur für einige Auserwählte auf die Erde gekommen! Nimm jetzt die nächsten Figuren aus der Schachtel, Christine. Es muß die Gruppe sein: Großvater, Vater, Mutter und zwei Kinder. Hast du sie?“

Natürlich findet Christine sie sofort, eine solche Gruppe ist nicht zu übersehen. Doch was wollen die nun in Bethlehem — gleich eine ganze Gruppe?

„Ja die“, fängt Ahnei wieder an, „die kommen zur Volkszählung, die der Kaiser Augustus damals befahl. Deshalb kommen ja auch Josef und Maria nach Bethlehem, wie es in der Schrift heißt: ,Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt…’ Zu solchen Leuten gehört diese Familiengruppe.“

„Was erleben sie in Bethlehem?“ wollen die Kinder wissen. Ahnei überlegt ein bißchen und meint schließlich: „Womöglich etwas Besonderes? Mag sein, daß sie den Stern über dem Stall bemerken und sich fragen, was das Zeichen bedeuten soll. Sie haben sicher gute Unterkunft in einem Gasthof gefunden, denn im Stall waren sie ja nicht dabei, sonst stünde es bestimmt in der Heiligen Schrift. Vielleicht begreifen sie trotzdem, was im Stall geschehen ist und sehen Gottes Sohn und werden es nie vergessen. Auf jeden Fall sind sie auf dem Weg nach Bethlehem, gutwillige Leute, glaube ich — oder sehen sie nicht so aus: tüchtig und ordentlich? Vielleicht sehen diese Leute später noch den prachtvollen Troß der drei Könige aus dem Morgenland. Oder wenigstens die Hirten, die vom Felde kommen werden.“ Und nun fällt Ahnei der kleine geschnitzte Hirte ein, der neue: „Es muß noch fast eine Knabengestalt sein, Christinchen. Er liegt bestimmt in der gleichen Schachtel.“ Als Christine ihn findet und betrachtet, meint sie, daß er aber schon so starke Arme und Beine und richtige Muskeln habe wie ein Mann.

„Kein Wunder“, erwidert Ahnei, „das kommt von der harten Arbeit, mit der er sich durchschlagen mußte. In Wirklichkeit kann er höchstens fünfzehn Jahre alt sein — und muß sich doch schon selber durchschlagen. Er hat nämlich keine Eltern mehr. Auch keine Großmutter, die ihn an Adventssonntagen mit Kakao und Pfeffernüssen verwöhnt. Er war ein armseliger, verwilderter Bursche, der kein Zuhause kannte, nicht wußte, wohin er gehörte, um den sich niemand kümmerte…“ Joachim schüttelt den Kopf und sagt: „Das hört sich ja ziemlich trübselig an, wie aus der Zeitung!“

„Du Schwatzschnabel!“ schilt Ahnei ärgerlich, „wenn es solche Lebensgeschichten nicht tatsächlich gäbe, stünden sie auch nicht in der Zeitung. Das heißt aber noch lange nicht, daß alle solche traurigen Sachen auch in die Zeitung kommen. Von den meisten hört und liest man nichts. Aber du kannst heute noch Geschichten wie die Geschichte dieses Jungen in der Zeitung lesen. Er hatte als Zwölfjähriger die Eltern verloren! Hintereinander starben sie an einer Seuche, die damals viele Menschen hinraffte. Oder waren sie in einem Krieg umgekommen? So genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls irrte der Junge seitdem heimatlos durch das Land. Es gab damals noch keine Hilfsorganisationen wie heute, die solchen Kindern zu helfen versuchen. Er, der das Gewissen für das Leid des Nächsten weckte, war ja noch nicht geboren. Ach, und bei manchen rührt es sich bis heute nicht, die Sache braucht wohl Zeit. Dem Jungen blieb nichts anderes übrig als sich durchzubetteln. Er versuchte auch hier und da, bei Bauern und Gärtnern zu arbeiten, aber die Leute nutzten den Wehrlosen aus, ließen ihn rackern und gaben ihm als Lohn nicht einmal genug Essen. Man kann sich denken, was für eine Meinung über die Menschen er dabei bekam. Er begann sie zu hassen, und Haß schadet einem selbst am meisten, es macht einen böse. Aus Haß wachsen auch Rachegedanken. Der Junge fing an zu stehlen und noch üblere Dinge zu treiben, um sich an den Menschen zu rächen, die ihn ausnutzten. Als sie es merkten, entrüsteten sie sich großartig und verstießen ihn, das war ja das Leichteste. Und er mußte weiterwandern, ohne Ziel. Eines Tages gelangte er in eine Stadt am Meer… ja, so könnte es gewesen sein. Zum erstenmal in seinem Leben sah er einen Hafen mit großen, herrlichen Schiffen. Sie kamen aus Neapel und Rom, aus Griechenland, Ägypten, Indien, Spanien und Persien. Und er hörte im Hafen die phantastischen, leider nicht immer ganz wahren Geschichten und Berichte der Seeleute. Er wußte damals noch nicht, daß in manchen Abenteurerköpfen viele Dinge wesentlich schöner aussehen als in Wirklichkeit. Er hörte nur die goldenen Worte, mit denen sie Märchenhaftes erzählten. Kein Wunder, daß ihn plötzlich die Sehnsucht packte, mit einem Schiff in wunderbare ferne Länder zu reisen. Vielleicht, dachte er, sind die Menschen woanders freundlicher als hier. Vielleicht kriegt man auf einem Schiff auch genug zu essen, ohne sich erst halbtot plagen zu müssen. Vielleicht… ja, was träumt man nicht alles, wenn man zum erstenmal einen Hafen voller bunter Schiffe sieht? Wozu jedoch kann man einen Jungen, der nichts Rechtes gelernt hat, schon gebrauchen? Der ist keinem etwas wert, der taugt gerade zu jeder niedrigsten Arbeit, um den macht sich keiner Gedanken — ob er auch satt ist, genug Schlaf hat, nicht zu schwer tragen, nicht viel zu hart arbeiten muß für sein Alter. Wer denkt schon darüber nach? Das interessierte weder den Steuermann noch den Kapitän. Hört ihr eigentlich noch zu, Kinder?“

Ahnei bemerkt nicht, daß die beiden das Krippenspiel fast vergessen haben und nur noch zuhören.

„War der Junge denn auf ein Schiff gekommen?“ fragte Joachim.

„Gewiß doch. Woher sonst sollte er solche Muskeln bekommen haben? Die Arbeit auf Schiffen war in den alten Zeiten hart. Bei gutem Wind wurde gesegelt. Segel setzen und reffen auf einem großen Handelsschiff — das war eine ungeheuerliche Arbeit, kann ich euch sagen. Ich weiß das noch sehr gut von meinem Großvater. Da mußte man schnell und wendig und kräftig sein und pausenlos aufpassen, Tag und Nacht. Natürlich ließen sie den Jungen immer am längsten und am häufigsten aufpassen und schickten ihn am weitesten hinauf auf die Masten. Noch ärger erging es ihm bei Windstille, wenn kein Segel nützte, wenn das Schiff so ruhig wie eine Insel im Wasser lag! Unten im Schiffsbauch saßen, an Ketten geschmiedet, aufgekaufte oder zusammengeraubte Sklaven; Menschen, mit denen jeder Besitzer machen konnte, was er wollte, weil er mehr Madit hatte als sie, mehr Gewalt. Und was machte ein Schiffskapitän bei Windstille? Er ließ die Sklaven rudern. Stellt euch vor: das riesige, schwer beladene und selbst schon so schwere Schiff rudern! Von Palästina bis nach Indien, wenn es sein mußte. Und ihr wißt ja: damals noch rund um ganz Afrika herum; Tag für Tag, Nacht für Nacht, in glühender, erstickender Tropenhitze, im immer gleichen fauligen Dunst unten im Schiffs-innern. Kein Wunder, daß so mancher dieser Armseligen zusammenbrach. Und wer mußte einspringen, wenn Not am Mann war, wer mußte dann genauso wie ein Sklave schuften? Unser Waisenjunge.“

„Wäre er bloß an Land geblieben!“ seufzt Christine. Ahnei wischt abweisend mit der Hand durch die Luft und sagt: „Wäre! Hätte! Wenn und aber! Hinterher kann man so was immer leicht sagen. Aber damit es euch beruhigt: nachdem er eine solche Seereise mitgemacht hatte und das Schiff nach Monaten endlich wieder den Heimathafen ansteuerte, war er der erste, der es verließ. So eilig hatte er es damit, daß er gar nicht erst abwartete, bis man ihn mit einem Steg oder einem Beiboot übersetzte. Kaum sah er die heimatliche Küste vor sich, sprang er mit einem wilden Satz über die Reling — immer die Angst im Nacken, seit Wochen schon, der Schiffsherr könnte auch ihn unten im Schiffsbauch an Ketten legen. Nein, er sprang fünf Meter tief ins Meer und schwamm eigenhändig und eigenfüßig an Land.“

Joachim klopft gegen die hölzerne Krippenfigur, die den Jungen darstellt und sagt: „Dabei muß ihn wohl ein Haifisch verfolgt und etwas angeknabbert haben.“

„Wie kommst du denn darauf?“ fragt Ahnei verwundert. „Weil an dieser Holzfigur vom linken Fuß ein Eckchen fehlt.“ „Das können ebenso gut Holzwürmer wie Haifische gewesen sein“, brummt Ahnei.

„Wie ging es denn mit ihm weiter?“ fragt Christine. „Wie sollte es schon weitergehen! Weder er selbst noch die Menschen in seiner Heimat waren inzwischen besser geworden. Und von der Seefahrerei hatte er ein und für alle mal genug. Nie wieder! schwor er sich. Lieber will ich Schweine hüten und nachts unter freiem Himmel bis in die Knochen frieren, als noch einmal in einem glühenden Schiffsleib an einem baumdicken, meterlangen Ruder sitzen und mir die Hände blutig und das Herz entzwei arbeiten. Ja, so konnte die alte Herumtreiberei also wieder von vorn anfangen. In der Hafenstadt gab es keine Schweine zu hüten. Ein Hungriger konnte hier nur auf schlechte Gedanken kommen, wenn er die mit Waren vollgestopften Lagerhäuser an den Kais sah. Sie enthielten alles, was sich ein knurrender Magen nur wünschen konnte: Säcke mit Feigen und Kokosnüssen, Körbe voller Datteln und Bananen, Berge von Erdnüssen, Apfelsinen und Oliven — alles, was die großen Schiffe aus Indien und Afrika herbeigebracht hatten. Es reizte den Jungen sofort, sich für die Schindereien auf dem Schiff wieder einmal zu rächen.“ „Er wollte stehlen!“ rät Joachim.

„Ja“, meint Ahnei nachdenklich, „auch das ist Diebstahl, wenn ein verlorener Hungriger unerlaubt vom Überfluß der anderen nimmt. Aber er hätte ja nur stehlen können, wenn er vorher den Nachtwächter beseitigt hätte.“

„Umbringen?“ ruft Christine. „Bloß wegen seinem Hunger wollte er einen umbringen?“

„Du hast ja noch nie solchen richtigen Hunger gehabt“, fährt Joachim seine Schwester an. „Du vielleicht?“ fragt sie spöttisch.

„Seid froh“, sagt Ahnei, „wenn der Hunger unerträglich wird, wenn man meint, es ginge um Leben oder Tod — das kann den Menschen auch böse machen. Und der Magen des Jungen knurrte so grimmig wie ein bissiger Hofhund. Der Hunger machte seinen Kopf seltsam leer, so daß ihn schwindelte und er sich für ein Weilchen auf die Erde hockte, um Kraft zu sammeln. Seine wirren Gedanken waren nicht viel weniger finster als die Nacht. Und als er da elend im Staub hockte, spürte er so richtig, was aus ihm geworden war — und um wieviel schlimmer noch es mit ihm werden mußte, wenn er weiterlebte wie bisher. Hatte er denn nicht auch arbeiten gelernt? Sollte er mit solchen Muskeln ein Halunke werden? Mitten in der Nacht kniete er da allein im finsteren Hafen und horchte in sich hinein und war sich plötzlich selbst zuwider, weil er einen Menschen hatte umbringen wollen, um selber zu leben. Das war die Sekunde, in der er eigentlich schon nach Bethlehem aufbrach. Er stand auf. Keine Sekunde länger wollte er an die vollen Lagerhäuser denken. Vielleicht eine Minute lang stand er so da und dachte das. Eine solche Minute kann über ein ganzes Menschenleben entscheiden, kann einen Menschen völlig verändern — je nachdem, wie der Mensch sich entscheidet. Das nämlich können wir selber.“

„Aber was tat er dann?“ will Christine wissen. „Wofür entschied er sich?“

„Er wandte sich ab von den Lagerhäusern und ging davon, ging durch die nächtlichen Straßen der Hafenstadt, weiter und immer weiter landeinwärts. Am Stadttor stieß er auf eine Karawane, die die Nachtkühle für ihre Wanderung durch die Wüste nutzen wollte. Auf sein Bitten nahmen sie ihn mit auf den Weg, denn auf einen mehr oder weniger kommt es bei einer Karawane nicht an. Wenn sie rasteten, mußte er die Kamele tränken und das Lagerfeuer in Gang halten. Dafür teilten sie mit ihm ihren Vorrat an Brot und Wasser. Einige Tage später gelangten sie an ihr Ziel, da brauchten sie ihn nicht mehr. Zum Abschied entlohnten sie ihn mit drei Silberstücken, denn er hatte sich immer gutwillig gezeigt, und sie wollten ihm dafür danken und ihm wohl auch helfen. Es war in Jerusalem, wo er sich von der Karawane verabschiedete, und jetzt ist er also auf dem Weg nach Bethlehem.“

„Du hast gesagt, daß ihm dort geholfen wird“, erinnert Joachim.

„Auf dem Weg kann jedem geholfen werden, mein Junge. Noch ein paar Schritte, und er wird auf die Hirten stoßen, die ihre Herde hüten. Sie werden ihn bei sich als Lehrling aufnehmen. Damit wird die Herumtreiberei ein Ende haben. Und einen richtigen Beruf erlernt er obendrein.“

„Und dann“, erzählt jetzt Christine einfach weiter, „hört er mit den Hirten in der Heiligen Nacht den Chor der Engel und geht mit den Hirten zur Krippe.“

„Vielleicht auch das“, sagt Ahnei und fragt: „Wo hast du ihn hingestellt?“

„Am weitesten voran auf dem Weg.“

„Das ist er auch“, sagt Ahnei in einem Ton, als wäre für heute Schluß mit dem Krippenbauen und mit den Geschichten. Aber die Geschwister sind noch gar nicht fertig, vor lauter Zuhören haben sie nicht so viel geschafft, und Christine hat auch eine wohl begründete Beschwerde anzumelden: „Du hast bis jetzt nur Männergeschichten erzählt, Ahnei. Es sind doch aber auch Frauen und Mädchen bei den Figuren — hier zum Beispiel die Kleine mit den schwarzen langen Haaren.“ „Ach ja, das ist Hannen“, weiß Ahnei sofort und ordnet an: „Die mußt du weit vor Bethlehem mitten in die pfadlose Wildnis stellen.“

„Ich habe die Wildnis noch nicht ganz fertig“, meldet Joachim, „aber wenn du inzwischen noch Hannehs Geschichte erzählst, schaffe ich es bestimmt.“

„Ihr Schlauberger!“ seufzt Ahnei, „ihr kriegt mich doch immer wieder herum. Aber das ist jetzt wirklich für heute die letzte Geschichte.“

„Es wird ja auch schon dunkel“, sagt Christine, „dann müssen wir sowieso bald aufhören. Was war also mit Hanneh?“

„Als Hanneh vor Bethlehem durch die Wildnis irrte, wurde es auch schon dunkel“, fängt Ahnei noch einmal an. „Hanneh hat sich verirrt und fürchtet sich. Es könnten ja Wölfe kommen oder gar ein Löwe oder Räuber! Am Morgen hatte sie an solche schrecklichen Dinge noch gar nicht gedacht. Am Morgen war sie bloß wütend gewesen. Gleich nach Sonnenaufgang nämlich hatte die Mutter sie geweckt. Hanneh! Aufstehen! Rasch! Dabei schlief Hanneh gerade morgens am liebsten.“ „Genau wie Christine.“

„Sei doch still, Joachim! Bitte Ahnei, erzähl weiter. Warum weckte die Mutter Hanneh so früh?“

„Das kleine Brüderchen sei über Nacht krank geworden, sagte Hannehs Mutter, und Hanneh müsse geschwind ins Nachbardorf laufen, um den Heilkundigen zu holen. Achjajaja, dachte Hanneh, immer das kleine Brüderchen! Und ich? Es wird schon nichts Schlimmes mit ihm sein. Sie war ärgerlich und ließ sich extra Zeit mit dem Anziehen, aus Trotz, aus Eifersucht. Wenn ich mal krank bin, dachte sie, dann sagen sie bloß: Kopf hoch, das geht bald vorüber! Und geben mir scheußlichen Tee. Es ist ja auch immer von selber wieder besser geworden. Sollen sie doch auch dem Brüderchen den scheußlichen Tee geben! Dann wird er mit seinem Geschrei schon wieder aufhören. Hanneh hatte gar kein Mitleid mit dem Kleinen, umso mehr mit sich selbst — weil sie so früh aufstehen mußte. Auch das Frühstück zog sie absichtlich dermaßen in die Länge, daß die Eltern in ihrer Sorge zu schelten begannen. Aber das stimmte Hanneh nur noch trotziger. Da erwarteten sie, daß sie in aller Frühe den weiten Weg machte und schalten auch noch? Sollte sie etwa mit leerem Magen ins Nachbardorf laufen?“

„Typisch Mädchen“, knurrte Joachim, „immer gleich Theater machen!“

Christine tut, als hätte sie die dumme Bemerkung nicht gehört — und auch Ahnei erzählt nach einem kurzen Kopf schütteln einfach weiter: „Als Hanneh endlich das Haus verließ, war sie so wütend, daß sie beschloß, sich für die Schelte zu rächen. Sie wollte extra einen Umweg machen, um länger auszubleiben. Dann konnten sich die Eltern ja auch um ihre Tochter einmal Sorgen machen, die gab es ja schließlich auch noch, nicht nur das Brüderchen, für das alle so früh aufstehen mußten! Einen Umweg wollte Hanneh machen, den Eltern Angst einjagen — und was passierte durch diese Dummheit? Hanneh kam vom Wege ab und verirrte sich. Ziellos irrte sie den ganzen Tag durch ausgedörrte Flußbetten, über trockene Weiden und durch dorniges Gestrüpp. Die Sonne brannte auf ihren dunklen kleinen Kopf nieder, und es gab keinen Schatten. Hannehs Kehle brannte vor Durst, doch nirgends fand das kleine Mädchen Wasser. Hunger meldete sich natürlich auch, womit jedoch sollte sie den stillen!? Über ihr schwebten Aasgeier durch die Luft, die hatten auch Hunger und Hanneh wußte, worauf die warteten.“ „Vielleicht auf Hanneh?“ fragt Christine erschrocken. „Auf wen denn sonst?“ antwortete Joachim fachmännisch, als hätte er es täglich mit Aasgeiern zu tun. „Als es zu dunkeln begann“, fährt Ahnei unbeirrt fort, „war Hanneh noch immer mitten in der Wildnis. Längst war ihr Zorn verflogen und schrecklichen Ängsten gewichen: hinter jedem Busch konnte ein wildes Raubtier lauern, hinter jedem Felsbrocken ein Räuber. Sie mußte auch an das kleine schrei¬ende Brüderchen zu Hause denken. Wie, wenn es nun wirklich ernsthaft krank war, tatsächlich rasche Hilfe gebraucht hätte? Vielleicht hatte sich der Vater inzwischen auf den Weg zu dem Heilkundigen gemacht, vielleicht auch war er aufgebrochen, um Hanneh zu suchen. Sie rief nach ihm, sie schrie wie ein verirrtes Lämmchen — aber es kam keine Antwort. Ihr wurde schwindelig vor Angst, und sie ließ sich in den Sand fallen. Hanneh konnte nicht mehr, weil sie keine Hoffnung mehr hatte, je aus dieser Wüstenei herauszukommen. Sicher würde gleich ein wildes Tier kommen und sie zur Strafe für ihre Ungezogenheit auffressen. Wenn sie doch nur den Weg nach Bethlehem wiederfände, den Weg nach Hause zu Vater und Mutter und dem armen kleinen Bruder!

In höchster Not fiel ihr ein, daß der Vater ihr einmal erzählt hatte, man könne bei Nacht seine Richtung nach den Sternen finden. Schön und gut — aber wie! Vielleicht, dachte sie, strecken die Sterne Finger aus oder Pfeile, irgendein Zeichen. Und suchend blickte Hanneh zum Himmel auf. Ihr stockte der Atem. Noch niemals hatte sie ein so prangendes Wunder gesehen. Weit vor ihr stand am Himmel ein großer, leuchtender Stern mit einer funkelnden, schweifartigen Garbe von Pfeilen. Hanneh stand auf. Sie blickte nicht auf die Erde zu ihren Füßen. Nur den Stern wollte sie sehen. Sie ließ ihn nicht aus den Augen und ging ihm nach. Man mußte kein Weiser aus dem Morgenland sein, um zu erkennen, daß solch ein Stern auf einen Weg führt. Für jeden ist es ein ganz bestimmter Weg. Wir wissen, welcher Weg es für das kleine Mädchen war, denn der wunderbare Stern stand über Bethlehem. Querfeldein durch das wilde Land fand Hanneh mitten in der Nacht nach Hause. So erschöpft war sie von dem langen Irrweg und so froh über die Heimkehr, daß sie sich nicht davor fürchtete, von den Eltern womöglich bestraft zu werden. Es konnte ihnen ja nicht verborgen geblieben sein, daß Hanneh, die den Weg zum Heilkundigen genau kannte, aus bösem Willen in die Wildnis gerannt war. Nur um eins bangte Hanneh: um das Brüderchen. Doch als sie ins Haus trat, fand sie den Kleinen ruhig schlafend vor, die Eltern dagegen in Sorge um nur eines: um ihr verirrtes kleines Mädchen. Glücklich nahmen sie die Tochter in die Arme, ohne zu schelten. Und staunend ließen sie sich von Hanneh noch einmal hinausführen und den herrlichen Stern zeigen, der über ihnen leuchtete. Wieviel Angst hatten sie alle an diesem Tag umeinander ausgestanden, und jeder von ihnen hatte aus dieser Angst etwas Wichtiges dazugelernt, mehr Liebe und Verständnis für den anderen, die Eltern genauso wie Hanneh. Die Nacht aber brachte ihnen Frieden.“ Ahnei ist vom vielen Erzählen nun doch erschöpft und lehnt sich behaglich in ihren Sessel zurück. „Wie weit seid ihr?“ fragt sie.

Joachim ist mit der Wildnis fertig. Christine hält noch die kleine Mädchenfigur in der Hand und mustert sie nachdenklich. „Wir haben für heute alles geschafft“, antwortet sie, „nur weiß ich jetzt nicht, wo ich Hanneh hinstellen soll.“ „Kurz vor Bethlehem in die Wildnis, wie ich es vorhin gesagt habe, Kinder, denn in der Heiligen Nacht ist sie doch erst auf dem Wege. Ankommen wird sie später.“

Christine stellt das kleine Mädchen gehorsam in die von Joachim kunstvoll gestaltete Wildnis.

„Drei Sonntage noch“, seufzt sie glücklich, „noch viele Figuren — und ebenso viele Geschichten!“

„Genau besehen“, stellt Joachim fest, „sind eigentlich alle immer auf dem Wege — wie der Blinde mit dem Jungen, wie Hanneh und der Viehhändler, der Waisenknabe und die Fa¬milie, wie die Hirten und die Könige.“

„So war es damals“, sagt Ahnei, „und so ist es bis heute. Immer sind welche auf dem Weg nach Bethlehem. Auch wir und viele, die wir kennen, gehn auf diesem Weihnachtsweg.“

Eva Rechlin: Der Weihnachtsweg.
Wuppertal-Barmen, 1970, Johannes Kiefer Verlag

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