Guido Wanderratte

Guido Wanderratte

Guido Wanderratte hatte ein, im wahrsten Sinn des Wortes, bewegtes Leben hinter sich.

Geboren wurde er auf einem Dampfer, mitten auf dem Meer. Guido war noch keine drei Wochen alt, als der Dampfer in einem Sturm sank. Guido konnte sich als einziger auf einer schwimmenden Planke retten. Die Planke trieb nach vielen Tagen in einen Hafen, und Guido lebte nun ein paar Monate in den Lagerschuppen am Hafen. Hier lernte er andere Ratten kennen und schloss viele Freundschaften. Aber auch Katzen gab es am Hafen, und mit diesen Freundschaft zu schließen, war leider unmöglich. Die Katzen machten den Hafenratten das Leben sauer, und schließlich bestiegen Guido und eine andere Ratte einen Güterzug und fuhren ins Landesinnere.

Ein ganzes Jahr lang fuhren sie so umher. Zwischendurch stiegen sie an einsamen Bahnhöfen ab und lebten eine Weile in den Bahnhofslagerhäusern, wo es immer gutes Futter gab. Dann trennten sich Guido und sein Gefährte, und Guido quartierte sich in einem Bauernhof ein. Leider gab es auch dort Katzen, und er musste bald weiterziehen. Er wanderte übers Land, übernachtete in Heuschobern und Scheunen, machte Bekanntschaft mit freundlichen Feldmäusen und lernte viele andere Tiere kennen. Als der Winter kam, übersiedelte Guido Wanderratte in die Stadt, zu den Kanalratten. Doch in den Kanälen war es ihm zu finster, und er fand bald darauf Unterschlupf in einem gutgeheizten Supermarkt. Hier fühlte sich Guido sehr wohl. Zu essen gab es genug, aber wirklichen Frieden fand er auch hier nicht. Jetzt waren die Menschen seine Feinde, und die waren beinahe noch ärger als die Katzen. Sie legten heimtückische Giftköder aus, und einmal wäre Guido beinahe daran gestorben.

Die nächste Station in seinem unruhigen Leben war eine Katzenfutterfabrik. Hier lebte Guido einen ganzen Sommer lang. Seltsamerweise gab es in der Fabrik keine einzige Katze, und auch die Menschen ließen ihn in Ruhe, da sie mit ihrer Arbeit viel zu beschäftigt waren. Störend war nur der Lärm der großen Maschinen, und auch mit der Ernährung war Guido auf die Dauer nicht zufrieden. Er musste ja immerzu Katzenfutter essen, und das hatte er bald satt. Im September verließ Guido die Fabrik und wanderte ins Gebirge hinauf. Hier war es nun wirklich still und friedlich, und Guido beschloss, den Winter in den Bergen zu verbringen. Er fand ein verlassenes Häuschen und zog ein. Guido sammelte Nüsse und Wurzeln als Wintervorrat, Brennholz gab es auch genug, und so verbrachte er einen stillen, angenehmen Winter in dem kleinen Haus. Doch im April passierte ein neues Unglück! Guido war eingenickt und hatte eine brennende Kerze im Schlaf umgestoßen. Das Haus ging sofort in Flammen auf. Guido erwachte von dem beißenden Qualm. Er konnte gerade noch das Notwendigste zusammenpacken und das Haus verlassen. Da wanderte er wieder.

Was wird Guido noch alles erleben?

Erwin Moser: Ein seltsamer Gast.
Weinheim, 1988, Belz Verlag

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