Ein Schloss in der Wüste

Ein Schloss in der Wüste

Irgendwo in der Wüste stand ein wunderschönes Schloss. Der Löwenkönig Lambert wohnte darin. Sein Reich erstreckte sich rundherum nach allen vier Himmelsrichtungen, so weit das Auge schauen konnte und noch darüber hinaus. König Lambert lebte sehr zufrieden und beschaulich auf seinem Wüstenschloss. In seinem Reich gab es kaum Probleme, alle Wüstenbewohner liebten und achteten ihn, denn er war ein gütiger König.

Lambert war ein großer Freund der Künste. Er besaß eine umfangreiche Gemäldesammlung und eine Sammlung von Skulpturen. Jeden Monat lud er die besten Musiker des Landes zu sich aufs Schloss. Florin und Fiora, die beiden grünen Mäuse, waren seine engsten Vertrauten und Berater. Sie halfen ihm beim Organisieren der Feste und erledigten seine Post. Jeden Tag machte König Lambert einen ausgedehnten Spaziergang in die Wüste. Florin und Fiora begleiteten ihn dabei, und Fiora las ihm meist die neuesten Gedichte vor, die die Dichter des Landes geschickt hatten.

An diesem Tag aber sah König Lambert beim Spaziergang äußerst sorgenvoll drein. Er wirkte geistesabwesend und kaum ein Lächeln wollte ihm über die Lippen kommen. Florin und Fiora wussten, worüber sich der König solche Sorgen machte. Das Nachbarland im Westen, das Land der Nashörner, hatte einen neuen Herrscher bekommen. Kurox hieß er und schien ein sehr unangenehmer Kerl zu sein. Er behauptete nämlich, ein Drittel von König Lamberts Land gehöre eigentlich zum Land der Nashörner, und auch das Wüstenschloss beanspruch das Nashorn für sich. König Lambert hatte Kurox zu einem Gespräch auf sein Schloss gebeten. Jeden Augenblick konnte das Luftschiff mit dem Nashornherrscher eintreffen. Ob es der Löwenkönig gelingen wird mit seinem Nachbarn zu einer friedlichen Einigung zu kommen?

Die beiden klugen Mäuse hatten für dieses Treffen heimlich Vorbereitungen getroffen. Sie hatten die zehn besten Bongospieler des Landes im Schloss versammelt; denn sie hatten erfahren, dass der Nashornherrscher eine Schwäche Trommelmusik hatte. Wir wollen hoffen, dass in diesem Fall die Freude an die Kunst stärker ist als die Lust an der Macht.

Erwin Moser: Das Findelkind.
Weinheim, 2004, Parabel

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