Ein Schiff namens Nirgendwo

Ein Schiff namens Nirgendwo

Ein Kater wanderte einmal durchs Land. Er wanderte und wanderte und er war immer guter Laune. In der Nacht schlief er in Scheunen oder leer stehenden Häusern, bei Tag wanderte er. Er hatte kein Gepäck bei sich und er war immer allein. Eines Tages traf der Kater im Wald einen Braunbär.

»Wo gehst du hin?«, fragte ihn der Bär.

»Nirgendwo!«, sagte der Kater.

»Nirgendwo?«, fragte der Bär. »Wie ist es denn dort, in Nirgendwo?«

»Wunderschön!«, sagte der Kater.

»Dann gehe ich mit!«, sagte der Bär.

Sie wanderten und wanderten und kamen eines Tages in eine Stadt, die am Meer lag. Sie gingen bis zum Hafen, dann konnten sie nicht mehr weitergehen.

»Wir müssten ein Schiff haben«, sagte der Bär. »Nirgendwo liegt sicher jenseits des Meeres, stimmt’s?«

»Ja«, sagte der Kater. »Wir müssen ein Schiff kaufen.«

Sie gingen zum Marktplatz der Stadt. Dort tanzte der Bär jeden Tag, und die Leute, die ihm zusahen, spendeten Geld. Nach einem Monat hatten der Kater und der Bär genügend Geld gesammelt. Sie kauften von einem alten Chinesen ein kleines Segelschiff. Der Chinese hatte auch einen Pfau. Den verkaufte er mit, denn der Pfau wollte das Schiff nicht verlassen. Der Kater nagelte ein Schild an das Schiff. Auf dem Schild stand: NIRGENDWO. Danach luden sie viele Vorräte auf das Schiff und segelten los.

Sie segelten und segelten, viele Tage, viele Wochen lang. Der Bär angelte Fische, während der Kater meistens am Bug des Schiffes stand und durch das Fernrohr schaute.

Der Pfau saß auf dem Dach der Kajüte.

Einmal fragte der Pfau den Bär: »Wohin segeln wir, Bär?«

»Nach Nirgendwo«, sagt der Bär, und seine sonst traurigen Augen lächelten dabei.

»Nirgendwo«, sagte der Pfau. »Nirgendwo is gut, denn Nirgendwo ist überall, und wenn man überall hinsegelt, ist man frei!«

Er war ein sehr kluger Pfau, was daher kam, dass er lange mit einem Chinesen zusammengelebt hatte, die Chinesen sind weise Leute…

Erwin Moser: Das Findelkind.
Weinheim, 2004, Parabel

Über kindg

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