Der violette Drache

Der violette Drache

Es war einmal ein riesengroßer, uralter Wald, in dem viele Tiere lebten. Den Tieren ging es gut in diesem Wald. Sie hatten alles, was sie brauchten, und sie wurden nie von Menschen gestört, denn die Menschen hatten diesen Wald noch nicht entdeckt. Nur den nördlichen Teil des Waldes mieden die Tiere. Nach einer alten Sage sollte dort ein furchtbarer violetter Drachen hausen, der alles fraß, was ihm unter die Augen kam. Den violetten Drachen hatte zwar keines der Tiere jemals gesehen, in das nördliche Waldgebiet trauten sie sich aber trotzdem nicht.

Nun lebten in dem Wald auch viele Bären mit ihren Kindern. Eins dieser Bärenkinder war Nestor. Nestor war kleiner als die anderen Bärenkinder in seinem Alter. Er konnte nicht so schnell laufen wie seine Spielgefährten, beim Bärenringkampf war er immer der Unterlegene und beim Bäumehochklettern war er immer der Letzte. Die anderen kleinen Bären wollten ihn daher oft nicht mitspielen lassen. Und manchmal lachten sie ihn auch aus. Nestor war zwar schwächer als seine Freunde, aber er war sehr mutig. Als ihn die anderen Bärenkinder wieder einmal nicht mitspielen lassen wollten, lief er traurig davon. Ganz weit weg lief Nestor, und zwar in Richtung Norden, dorthin, wo der violette Drache wohnte. Aber an den Drachen dachte der kleine Bär gar nicht. Nachdem er lange gelaufen war, kam Nestor auf eine schöne, stille Waldlichtung. Er setzte sich auf einen Stein und grübelte über die Ungerechtigkeiten seiner Spielgefährten nach. Plötzlich knackste es leise in den Bäumen und der Kopf des violetten Drachen schob sich über die Baumwipfel. Der kleine Bär bekam einen großen Schreck, als er das riesige Tier sah. Doch der violette Drache hatte ein so liebes Gesicht, dass Nestor alle Angst verlor. Die beiden schauten sich eine Weile an. Nestor spürte, dass der Drache sich auch einsam fühlte. Der kleine Bär stand auf und berührte die Nasenspitze des violetten Drachen. Der schnaubte leise und lächelte. Dann zog er seinen langen Hals zurück und verschwand zwischen den Baumkronen.

Glücklich ging der kleine Bär nach Hause. Ob er seinen Freunden von der Begegnung mit dem Drachen erzählen sollte? Sie würden ihm bestimmt kein Wort glauben. Morgen gehe ich wieder zu der Lichtung, dachte Nestor. Vielleicht kommt der violette Drache zurück? Nestor freute sich schon darauf.

Erwin Moser: Mario der Bär.
Weinheim, 2005, Parabel

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