Der melancholische Freund

Der melancholische Freund

Fenella, die Katze, hatte einen Freund, der jedes Jahr im Herbst kam und das verlassene Storchennest auf dem dürren Baum am See bezog.

Der Freund hieß Melchior und war ein Rabe. Fenella kam fast täglich zu dem alten Baum und setzte sich zu Melchior ins Nest.

Dann erzählte ihr Melchior Geschichten von seinen Flügen um die halbe Welt. Das war immer sehr spannend und unterhaltsam, denn der Rabe hatte eine lebhafte und drollige Art, seine Erlebnisse zu schildern. Seine Geschichten waren oft komisch, aber meistens auch unheimlich. Gestern zum Beispiel schilderte er Fenella, wie er von hundertvierundzwanzig transsylvanischen Fledermäusen verfolgt worden war und sich nur dadurch retten konnte, dass er in ein Knoblauchfeld flüchtete.

Melchior konnte auch melancholische Geschichten erzählen. Von einsamen, kahlen Steppen, durch die der Wind herzzerreißende Melodien blies, von schwarzen Teichen im Mondlicht, und von uralten, unbewohnten Schlössern, durch die nachts geheimnisvolle Katzen schlichen.

Doch das Erzählen solcher Geschichten war auch gefährlich für Melchior. Er fiel dann meistens in schwermütige Stimmungen, aus denen er tagelang nicht herausfand. Die Katze Fenella musste sich dann beeilen, nun ihrerseits fröhliche Geschichten zu erzählen, um den Raben aufzumuntern. Bei ihrem heutigen Besuch hatte sie Melchior eine lustige, rote Mütze mitgebracht. Wohl um seinen traurigen Stimmungen vorzubeugen, aber auch, damit es ihm schön warm auf der Kopf war; denn die Herbsttage waren oft kühl und windig…

Erwin Moser: Das Findelkind.
Weinheim, 2004, Parabel

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