Der Bücherturm

Der Bücherturm

Eines Tages im Dezember wurde die Katze Dorothea davon verständigt, dass ihr Onkel Cäsar gestorben war und dass er ihr sein Haus vererbt hatte. Zuerst dachte Dorothea, dass das Ganze ein Irrtum war, denn sie wusste nichts von einem Onkel Cäsar. Doch dann begann sie sich nach und nach zu erinnern, dass sie vor langer Zeit, als sie noch ein kleines Kind gewesen war, einmal zusammen mit ihren Eltern bei Onkel Cäsar gewesen war. Er wohnte auf dem Land, hoch oben im Norden. An das Haus konnte sich Dorothea nicht mehr erinnern.

Gleich am nächsten Tag reiste die Katze zum Haus des Onkels. Am Abend, bei dichtem Schneetreiben, kam sie am Haus an. Es war eigentlich gar kein richtiges Haus, sondern ein runder Turm. Als Dorothea eintrat und das Licht einschaltete, war sie von dem Anblick, der sich ihr bot, überwältigt. Der gesamte Innenraum des Turms war eine einzige, riesige Bibliothek, gefüllt mit Abertausenden von Büchern!

Zuerst war Dorothea der Bücherturm etwas unheimlich. Aber als sie dann im Ofen eingeheizt hatte und in dem weichen Ledersessel saß, überkam sie eine wunderbar gemütliche Stimmung. Hier also hatte ihr seltsamer Onkel Cäsar gelebt!

Dorothea wusste noch nicht, was sie mit ihrer Erbschaft anfangen würde. Es war alles ein wenig zu plötzlich gekommen.

In der kleinen Küche machte sie sich eine Tasse heiße Schokolade, dann kehrte sie zu dem Lehnstuhl zurück und begann in den Büchern zu schmökern. Oben auf dem Fensterbrett saß Kuno, der Kauz, und beobachtete die lesende Katze. Dreißig Jahre lang hatte Kuno bei Kater Cäsar gelebt. Seine Aufgabe hatte darin bestanden, Bücher aus den oberen Fächern, wo keine Leiter hinaufreichte, herunterzubringen. Kater Cäsar hatte immer gut für den Kauz gesorgt. Ob die neue Besitzerin des Bücherturms wohl ein ähnliches Leben wie der alte Kater führen würde? Kuno, der Kauz, hatte da leise Zweifel. Immerhin, die kleine Katze dort unten las nun schon seit zwei Stunden und schien sich immer wohler zu fühlen…

Erwin Moser: Das Findelkind.
Weinheim, 2004, Parabel

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