Die Kunde von Bethlehem – H. Böll

Die Kunde von Bethlehem

Die Tür war keine richtige Tür: sie war lose aus Brettern zusammengenagelt und eine Drahtschlaufe, die über einen Nagel gezogen war, hielt sie am Pfosten fest. Der Mann blieb stehen und wartete: „Es ist doch eine Schande“, dachte er, „daß eine Frau hier ihr Kind kriegen muß.“ Er nahm die Drahtschlaufe vorsichtig vom Nagel, stieß die Tür auf und erschrak: Er sah das Kind im Stroh liegen, die sehr junge Mutter hockte daneben, lächelte das Kind an – aber hinten an der Wand stand einer, den der Mann nicht richtig anzusehen wagte: das mußte einer von denen sein, die die Hirten für Engel gehalten hatten. Der dort an der Wand lehnte, hatte einen mausgrauen Kittel an und hielt in beiden Händen Blumen: schlanke gelbliche Lilien waren es. Der Mann spürte die Furcht in sich aufkommen und dachte: „Vielleicht stimmen doch die tollen Dinge, die die Hirten in der Stadt erzählt haben.“ Die junge Frau blickte jetzt auf, sah ihn freundlich und fragend an, und der Mann fragte leise: „Wohnt hier der Tischler?“ Die junge Frau schüttelte den Kopf: „Tischler ist er nicht, er ist Zimmermann.“

„Das macht ja nichts“, sagte der Mann, „eine Tür wird er ja reparieren können, wenn er Werkzeug mithat.“

„Er hat Werkzeug mit“, sagte Maria, „und Türen reparieren kann er. Das hat er in Nazareth auch gemacht.“

Sie waren also wirklich aus Nazareth.

Der mit den Blumen in der Hand sah jetzt den Mann an und sagte: „Du brauchst dich nicht zu fürchten.“ Seine Stimme klang so schön, daß der Mann wieder erschrak, aber er blickte auf: der Mausgraue sah sehr freundlich, aber auch sehr traurig aus.

„Er meint Joseph“, sagte die junge Frau, „ich will ihn wecken. Soll er eine Tür reparieren?“

„Ja, in der ‚Herberge zum roten Mann’, nur die Falz ein bißchen aushobeln und das Futter nachsehen. Die Tür klemmt so. Ich warte draußen, wenn du ihn holen willst.“

„Du kannst ruhig hier warten“, sagte die junge Frau.

„Nein, ich will lieber draußen warten.“ Er sah flüchtig zu dem Mausgrauen hinüber, der ihm lächelnd zunickte, ging dann rückwärts hinaus und schloß die Tür vorsichtig, indem er die Drahtschlaufe über den Nagel zog. Männer mit Blumen waren ihm immer komisch vorgekommen, aber der Mausgraue sah nicht wie ein Mann aus, auch nicht wie eine Frau und komisch war er ihm gar nicht vorgekommen.

Als Joseph mit der Werkzeugkiste herauskam, nahm er ihn beim Arm und sagte: „Komm, wir müssen links herum.“

Sie gingen links herum, und jetzt fand der Mann endlich den Mut, das zu sagen, was er der jungen Frau schon hatte sagen wollen, aber er hatte sich gefürchtet, weil der mit den Blumen dabei stand. „Die Hirten“, sagte er, „erzählen ja dolle Dinge über euch in der Stadt.“ Aber Joseph antwortete nicht darauf, sondern sagte: „Hoffentlich habt ihr wenigstens ein Stecheisen da, an meinem ist der Griff abgebrochen. Sind es mehr Türen?“

„Eine“, sagte der Mann, „und ein Stecheisen haben wir. Es ist sehr dringend mit der Tür. Wir bekommen Einquartierung.“

„Einquartierung? Jetzt? Es sind doch keine Manöver.“

„Nein, Manöver sind nicht, aber es kommt eine ganze Kompanie Soldaten nach Bethlehem. Und bei uns“, sagte er stolz, „bei uns soll der Hauptmann wohnen. Die Hirten“, aber er unterbrach sich, blieb stehen, und auch Joseph blieb stehen. An der Straßenecke stand der Mausgraue, er hatte den ganzen Arm voller Blumen, weißen Lilien, und verteilte sie an kleine Kinder, die gerade laufen konnten: es kamen immer mehr Kinder, und Mütter kamen mit solchen, die noch nicht laufen konnten, und der Mann, der Joseph geholt hatte, erschrak sehr, denn der Mausgraue weinte: Die Stimme, die Augen hatten ihn schon erschreckt, aber seine Tränen waren noch schrecklicher: er berührte die Münder der Kinder, ihre Stirn mit seiner Hand, küßte ihre schmutzigen kleinen Hände und gab jedem von ihnen eine Lilie.

„Ich habe dich gesucht“, sagte Joseph zu dem Mausgrauen, „eben, während ich schlief, habe ich geträumt.“

„Ich weiß“, sagte der Mausgraue, „wir müssen sofort weg.“ Er wartete noch einen Augenblick, bis ein ganz kleines schmutziges Mädchen an ihn herangekommen war.

„Soll ich die Tür für diesen Hauptmann nicht mehr reparieren?“

„Nein, wir müssen gleich weg.“ Er wandte sich von den Kindern ab, nahm Joseph beim Arm, und Joseph sagte zu dem Mann, der ihn geholt hatte: „Tut mir leid, ich glaube, es geht nicht.“

„Oh, laß nur“, sagte der Mann. Er sah den beiden nach, die zum Stall zurückgingen, blickte dann in die Straße, in der die Kinder lachend mit ihren großen weißen Lilien herumliefen. Da hörte er das Getrappel von Pferdehufen hinter sich, wandte sich um und sah die Kompanie, die von der Landstraße aus in die Stadt einritt. „Ich werde wieder ausgeschimpft werden“, dachte er, „weil die Tür nun nicht repariert ist.“

Die Kinder standen am Straßenrand und winkten den Soldaten mit den Blumen zu. So ritten die Soldaten durch ein Spalier weißer Lilien in Bethlehem ein, und der Mann, der Joseph geholt hatte, dachte: „Ich glaube, die Hirten haben recht, mit allem, was sie erzählt haben.“

Heinrich Böll

Kurtmartin Magiera (Hrsg.): Die Nacht im Dezember – Texte zur Geburt des Herren. o.O.,
1968, Butzon & Bercker

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