Die Sternträger

Die Sternträger

24. Dezember 1941 / Mittwoch (Heiliger Abend)

Es soll nicht mehr gehört werden die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Jesaja 65,19

Tiefe Dunkelheit, als wir aufstanden. Und der Morgen – wie wahr ist dieses Wort – graute nur, um immer mehr sich umdunkelnden Stunden zu weichen. Sturm und Regen und wogende Tannenkronen, Kiefernwipfel, eine stetig wachsende Verhüllung hin zu der Heiligen Nacht, die ja nicht die fröhliche und die glückliche, sondern eben die Heilige heißt und den furchtbarsten Ernst zu bergen vermag.

Ich wüßte nicht, was diesem Tag des Heiligen Abends gefehlt hätte an all dem häuslichen Zauber, den er je und je besaß, vom Aufbauen der Gabentische an bis zum Anstecken der Lichter am Baum, von der kleinen Bescherung für die gute Bülow an bis zum Austragen der kleinen Geschenke in die Nachbarschaft, vom mittäglichen Tee im Lampenschein beim Heimkommen des Kindes bis zum Anzünden kleiner Tannenzweige, damit das ganze Haus erfüllt wäre von weihnachtlichem Duft.

Wie alljährlich waren alle Vorbereitungen so abgeschlossen, daß wir vor der Christnacht noch eine kleine Weile völliger Ruhe und Muße hatten. Wir gingen alle vier zur Kirche, zur zweiten Christmette, um sechs, weil wir es ja lieben, daß die große Feier wirklich auf den Abend des Heiligen Abends fällt. Als die Glocken läuteten, saßen wir schon in der Kirche, jedoch nicht auf dem gewohnten Platz, sondern dahinter, weil Renerle mit ihrem gelben Stern hinter einer Säule verborgen sein wollte –. Am Vormittag war eine Dame der Jüdischen Gemeinde bei mir gewesen und wollte Reneries Personalien und eine Abschrift des Frickbriefes, weil nun die Angelegenheit erst an die Behörde ginge. Unter dem Vorwand, ich müsse mir nach den Festen erst eine ministerielle Erlaubnis für solche Abschrift beschaffen, konnte ich wieder einen Aufschub gewinnen, zugleich auch den Anlaß, Fricks persönlichen Referenten, eben den Dr. Langsdorff, um Rücksprache zu bitten.

Und die Christnachtpredigt enthielt einen Abschnitt über „den Gott, der Rat und Hilfe weiß, wo wir keinen Ausweg mehr sehen“, der zu uns hin gesprochen war; auch sonst gedachte die Predigt diesmal aller, die mit schwerem Herzen der Weihnacht entgegengehen.

All das Qualvolle dieser Weihnacht mußte durchlitten sein, als ich, Hanni und Renerle noch einmal neben mir, in der Christnacht saß.

Dann gelang es, so schön wie jedes Jahr, für unser Kind den Heiligen Abend zu feiern.

Indes ich die Lichter am Baum anzündete, versammelten sich – in großem Abendkleide – Hanni, Renerle, die wenigen Gäste in der Diele, und selbst das Glöckchen, mit dem ich zur Einbescherung rief, war – das alte, blanke Evangelistengiöckchen – von jener edlen weihnachtlichen Schönheit wie alle Dinge unseres Festes. Den Engel aber und die Hirten hatten wir zu einer Gruppe von erlesenster, zartester Barockschönheit zusammengestellt. Beherrscht war der weihnachtliche Festraum von dem großen, großen, ergreifenden Geschenk, das ich von Hanni erhielt: dem herrlichen Crucifixus aus der Reformationszeit!

Trotz aller Bücherknappheit häuften sich die Bücher, – hatte doch nach der Deva auch der Bärenreiter-Verlag wieder Bücher und Kalender übersandt.

Welch sakrales Gepräge hat mein Weihnachtstisch: der Crucifixus auf rotem Brokat, die Zinnschale – wie ein Taufbecken.

Es war schon neun Uhr, als nach der Einbescherung die Lichter am Baum gelöscht wurden und wir uns zu einem kleinen, sehr feierlichen Abendbrot niederließen.

Danach begann das „Kerzenfest“: die lange Lichterreihe – ein aufbewahrter Schatz vom Vorjahr – auf dem flachen Renaissanceschrank, die Lichtersterne vor der Madonna, bei dem Schmerzensmann, auf dem Klosterzahltisch; die Kerzen in den Wandleuchtern, die roten Leuchter auf dem alten Eichentisch mit seinen roten und goldenen Bändern, dem Fayencekübel mit einer blauen Hyazinthe, den alten Meißener Tellern, Zinn, Äpfeln, Pfefferkuchen, sogar ein paar Nüssen, den Wappengläsern – es war ein solcher Glanz, so vollendete Schönheit und Fülle und Wärme. Und nach abermals einer Stunde gab’s ein Singen; und weil ich zwei so wackere Sänger hatte, war’s ein großes Singen, weit über „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ hinaus: „Vom Himmel hoch“ –, „Gelobet seist du, Jesus Christ“, „Lobt Gott, ihr Christen allzugleich“, „Nun singet und seid froh“, „Dies ist die Nacht, da mir erschienen“ –.

So ward’s Mitternacht, sternenreiche, stürmische Nacht. Noch im dunklen Weihnachtszimmer leuchtete es rotgolden vom Christbaum her.

Reneries Augen hatten den ganzen Heiligen Abend wieder den alten Glanz gehabt. Hanni aber kamen vor dem Feste Zweifel an unserem Entschluß zum Tode.

Ich aber vermag zu Gott nur zu beten, uns sterben zu lassen, ehe die große, mir unausweichlich scheinende Stunde der äußersten Versuchung kommt, der ich nicht mehr zu widerstreben vermag.

So habe ich es Weihnachten noch nie gebetet: „Und führe uns nicht in Versuchung. Sondern erlöse uns von dem Übel.“

Wir wissen, in welcher Wende wir stehen.

Weihnachten ist da, und noch immer schreit das Herz: „Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab!“

Und er ist doch herabgefahren; und wir glauben es fest. Und sind doch in so entsetzliche Verwirrung und Versuchung und Verirrung geraten.

Der Gedanke an das Weihnachten der Kameraden trat zurück hinter dem Gedanken an das Weihnachten der deportierten christlichen Juden. Vielleicht ist bei ihnen heute „Kirche“ wie nirgends sonst.

Zu diesem Heiligen Abend wurden mir in Briefen so viele Bibelworte geschrieben. Aber sie meinen alle die Errettung aus der äußeren Not; sie meiden das Wesentlichere.

Ganz gewiß kann Gott aus der äußeren Qual erretten. Aber zu dieser Weihnacht und mancher hat er viele, viele an sie durch die Menschen ausliefern lassen. Dies ist nicht das Entscheidende. In Römer 8 steht alles.

25. Dezember 1941 / Donnerstag (Erster Weihnachtsfeiertag)

Gott ist geoffenbart im Fleisch. I. Timotheus 3, 16

Von vielen Worten der Heiligen Schrift ausgeschlossen, darf ich dies bewahren. Dies besteht über einen selbst hinweg.

Wir, Hanni und ich, waren in der Kirche, einem großen Gottesdienst mit dem Abendmahl; wir waren auch zum Abendmahl, obwohl mich Angst und Entsetzen noch im Gottesdienst zurückzuhalten drohten, Angst, daß wir nicht zum Abendmahl gehen dürften. Aber noch ist die Hoffnung, daß Gott uns, auch wenn er uns den Menschen übergibt, in der „Stunde der Versuchung“ bewahrt vor uns selbst. – Es war das erschütterndste Abendmahl, dessen ich mich entsinnen kann, denn während wir unter den Weihnachtsbäumen am Altare knieten – es gingen wohl dreißig Menschen mit uns –, sang die übrige Gemeinde die Strophen von „Fröhlich soll mein Herze springen –“

„Gottes Kind, das verbind’t sich mit unserem Blute –“

„Sollt uns Gott nun können hassen –“

„Sollte von uns sein gekehret, der sein Reich und zugleich sich selbst uns verehret?“

Hanni hatte sich einen stillen Feiertag gewünscht. Wir waren ganz für uns, nur wir drei. Da freilich nehmen die Gespräche die Wendung zum Schwersten, denn in jedem Herzen, in jedem von uns dreien, mahnt und ruft Gott. Um nichts anderes geht es: zu Weihnachten auszulöschen – nicht zu sterben, sondern auszulöschen in aller Qual und allem Elend, die Gott auch über die Seinen kommen ließ und läßt, und einzugehen allein in sein Licht, indes das Menschliche im Herzen zerbricht.

Es ist das Weihnachten, an dem der Crucifixus das große, große Geschenk war.

„Und führe uns nicht in Versuchung. Sondern erlöse uns von dem Übel.“

Die Weihnachtslieder gehen uns nicht aus dem Ohr, nicht aus dem Herzen.

„Sollt uns Gott nun können hassen –“ „Sollte von uns sein gekehret –“

Renerle war nicht mit zum Abendmahl. Man hat noch keine Lösung für die christlichen Sternträger „überlegt“. – Welche Worte schafft diese Zeit, wie dies nun zum grausigen terminus technicus gewordene: die „Sternträger“ –.

Heute war kein Jude mit dem Stern in der Weihnachtskirche.

Das schwere Weihnachten der unterworfenen Völker.

10. Dezember 1942 / Donnerstag

Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst.
Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott –
Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden
Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.

Jochen Klepper

Kurtmartin Magiera (Hrsg.): Die Nacht im Dezember – Texte zur Geburt des Herren.
o. O., 1968, Butzon & Bercker

Über kindg

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