Der Esel Ibrahim – eine Wüstenlegende

Der Esel Ibrahim – eine Wüstenlegende

Irgendwo im Sand, zwischen Bergen, die Pyramidenstümpfen, Sargdeckeln und Zähnen von Riesen glichen, an einem Wasserlauf, dessen Aderngeflecht das dünne Grün von Büschen und verkrüppelten Bäumen an sich zog, überquerte der Esel Ibrahim mit seiner Last die unsichtbare Linie, hinter der das Niemandsland begann. In diese Einöde aus Sand und Fels, wo der wolkenlose Himmel gegen die nackte Erde stieß, verirrten sich nur selten Soldaten oder Grenzwächter. Eine Tagereise lang hatten sie sich einer Karawane angeschlossen. Der Esel witterte den scharfen Geruch der Kamele und der Beduinen, die ihre Reittiere mit spitzen Schreien antrieben, er paßte seinen Schritt dem wiegenden Gang der großen Lasttiere an.

Manchmal, wenn er die Hand des Mannes, der am Zügel zerrte, spürte, bockte Ibrahim, er blieb zurück, er lahmte. Aber nie verlor er den steinigen Pfad, der sich im Zickzack den roten Berg hinaufwand. Nun waren sie wieder allein unter dem Himmel, von dem Hitze oder Kälte auf sie niederströmte. An den Flanken spürte Ibrahim den frisch gefüllten Wassersack und die Tasche mit Nahrungsmitteln. Der Sand begrub den Laut seiner Hufschläge.

Mann und Frau sprachen nicht miteinander; tagelang hatten sie Angst gehabt, ihre Sprache könnte sie als Flüchtlinge verraten. Die Stille der Wüste fing zu tönen an; in Ibrahims Ohren hallten noch immer die Schreie der Säuglinge und der Mütter nach, die ihre ermordeten Kinder beklagten.

Als sie am Abend, statt Quartier in einer Herberge zu machen, in die kalte Nacht hinausritten, hielt ein Torwächter den Mann an und fragte nach seinem Namen. Die Frau hüllte den Mantel enger um sich und das Kind, das unsichtbar blieb. Der Torwächter hielt den Mann für einen Händler, der vom Markt in der kleinen Stadt heimkehrte. Er gab den Weg frei und ließ sie ziehen. Sie fanden einen Hohlweg zwischen zwei Mauern, über die Zweige von ölbäumen hingen. Die Hufschläge hallten von den Wänden wider. Waren sie in eine Falle geraten, endete der Weg als Sackgasse, aus der es keinen Ausweg mehr gab? Der Dunst von Blut und Todesangst lag auch zwischen den Gärten außerhalb der Stadt.

Ibrahim atmete beschwerlicher in dieser Zone des Todes, er war unruhig, er schlug mit dem Schweif, um die Mücken zu verscheuchen. Obgleich er müde war, beschleunigte er seinen Schritt, er fing zu traben an, seine Hufe lösten sich in ungleichmäßigem Rhythmus ab, ein hinkender Taktteil war dazwischen. Seine Tage waren erfüllt von der Mühe des Tragens und der Bewegung. Nach kurzer Rast in Ställen mit fauligem Stroh, die fremd und feindlich rochen, brachen sie wieder auf, acht Stunden lang waren sie unterwegs auf steinigen Pfaden und Straßen. Auf seinem Rücken trug Ibrahim die weiche, schwere Last, die Frau paßte sich seinem Schritt und den Unebenheiten des Weges an. In der kurzen Dämmerung flammte in Ibrahims Hirn und in seinem erhitzten Blut so etwas wie eine Erinnerung an das reglose Stehen im winterlichen Stall von Bethlehem auf. Dort hatte es Heu, frisches Wasser und gute Pflege gegeben. Sein Herr, der Besitzer des Stalles, teilte, auch wenn der Esel bockte und ausschlug, keine Fußtritte aus. Ibrahim stand im Stall, statt Lasten zu schleppen, wie es die anderen Esel und Maultiere taten. Seitdem ihm das linke Ohr durch den Biß eines tollen Schäferhundes abgeknickt war, galt er als bösartig.

Die Ochsen, die im Stall von Bethlehem hausten, hatten keine Namen, es gab so viele von ihnen in den Herden, daß man sie nur abzählte. Ibrahim war der einzige Zeuge der Geburt des Kindes im Stroh gewesen, wenn man von den schlafenden und wiederkäuenden Ochsen in der dunklen Ecke des Stalles absah. Die Fackeln der Hirten und der Glanz der Sternennacht, der durchs offene Tor eindrang, hatten ihn geblendet. Er blickte auf, als die Weisen aus dem Morgenland in ihren goldgeränderten Gewändern den Stall betraten. Statt nach Stroh und Mist roch es auf einmal nach Myrrhen und Weihrauch. Bald danach machte der Mann mit Frau und Kind sich fertig für die lange Reise.

„Ich brauche ein gutes Reittier“, sagte der Mann zu dem Besitzer des Stalles, „gebt mir Ibrahim. Ich will ihn euch abkaufen. Er ist genügsam und kräftig.“ Zuerst wehrte der Esel sich gegen den Zügel. Als sie ihn mit Gepäck beluden, weigerte er sich, einen Schritt zu tun, er kehrte um und strebte in den Stall zurück, in dem er zu Hause war. Er wurde erst ruhig, als die Frau mit dem Kind im Sattel saß: Er ließ sich aus der Stadt führen, ohne den Kopf zu heben; nur einmal stellte er die Ohren steif, als ihnen ein Soldat entgegenkam und sie nach ihrem Reiseziel fragte.

„Nazareth“, sagte der Mann, „ich wohne dort. Ich bin in Bethlehem zur Schätzung gewesen.“ Die Frau lächelte dem Soldaten zu, unter den Falten ihres Mantels hielt sie das Kind verborgen. Die Hirten, die in der Nacht der Geburt im Stall gewesen waren, zeigten dem Paar, auf welchen geheimen Pfaden sie den Kriegsknechten des Königs, die alle Ausgänge der Stadt besetzt hielten, entgehen konnten. Einer dieser Hirten kniff Ibrahim in das abgeknickte Ohr, was der Esel ohne Bocken und Ausschlagen duldete.

„Sei auf der Hut“, rief er ihm zu, „du trägst eine kostbare Last.“

Ibrahim, der jeden Fremden mit böse schielendem Blick und Hufschlägen abzuwehren versuchte, zeigte sich seinem neuen Herrn gegenüber gehorsam, geduldig und sanft. Immer wieder kletterte er die Hänge der Wüstenberge hinauf, er nickte bei jedem Schritt, er ging und ging, der Mann brauchte weder Peitsche noch Zügel, um ihn anzutreiben, er rief nicht einmal „Olé“, wenn der Esel gegen Abend vor Erschöpfung lahmte.

Einige der Kaufleute der Karawane sahen wie verkleidete Spione und Häscher des Königs aus. Der Mann beschloß deshalb, zurückzubleiben und seine eigenen Wege zu gehen. An diesem Tag verirrten sie sich in einem Hochtal, das einem Mondkrater glich. Die Berge, die dieses Tal begrenzten, sahen ebenso ähnlich aus wie die Felszacken im Osten und im Westen. Menschliche Siedlungen gab es nicht, nirgends entdeckten sie das schüttere Grün, das eine Wasserader anzeigte. Um sie herum türmte sich der rote, weiße und violette Sand zu Dünen auf, die sich in ihrer Form wiederholten wie Meereswellen. Der Wassersack war leer, die Frau hielt dem Kind den feuchten Stoff an die Lippen. Die Sonne versank hinter dem Zackenkamm eines Felsens, im Sand fanden sie vor dem Einbruch der Dunkelheit die eigenen, halb zugewehten Spuren wieder. Sie waren im Kreis gegangen. Ibrahim sehnte sich nach dem feuchten Dunst und dem frischen Wasser des Stalles von Bethlehem.

Als die Nacht einfiel und ein kalter Wind den Sand von den Dünen auftrieb, schrie das Kind zum erstenmal seit dem Aufbruch zur Reise. Das Wimmern erinnerte Ibrahim, der mit dem zerbissenen Ohr zuckte, an jenen ersten Schrei in der Nacht der Geburt. In seiner Not und Verlassenheit rief das Kind, das alle Entbehrungen der Flucht ohne Klage ertragen hatte, den Himmel an. Der Widerhall seiner Stimme kam von den toten Felsbergen zurück. Nichts geschah. Die Mutter wiegte das Kind auf ihren Armen. Die Aufregungen der Reise hatten sie geschwächt, sie hatte keine Milch mehr, um ihren Sohn zu nähren. Der Mann baute aus Stöcken, die Ibrahim unter dem Wassersack trug, und ein paar Tüchern ein kleines Zelt als Wind- und Kälteschutz für Frau und Kind. Es hatte keinen Sinn, vor Sonnenaufgang weiterzuziehen, sie mußten draußen im Freien übernachten. Ibrahim gehörte nun ganz zu der kleinen Familie.

Menschen und Esel hielten sich dicht zusammen, einer ruhte im Dunstkreis des anderen. Der warme Atem des Esels streifte das Kind, das sich beruhigt hatte und fest schlief trotz der heulenden Hyänen am Horizont der Wüste. Ibrahim träumte von den Hirten, die mit vielen Lichtern in den Stall von Bethlehem kamen, um das neugeborene Kind zu bestaunen, er hörte noch einmal den Wohlklang des Gesanges auf den Feldern, der von unsichtbaren Knaben oder Mädchen zu stammen schien. Ho-siannah! Der Esel fühlte sich kräftig und ausgeruht, er wachte auf, er scharrte im Sand, er leckte sich mit der Zunge die schwarzen Lippen, es war, als wittere er eine Wasserader an dem Platz, an dem der Mann das Nachtquartier aufgeschlagen hatte. Das Kind atmete unhörbar, es lag auf einem Schaffell, das Mann und Frau unter ihm ausgebreitet hatten. Ibrahim bekam Angst, mit allen Nerven und Sinnen spürte er die Gefahr: Den Häschern des mordenden Königs waren sie entkommen. Würde das Kind nun kurz vor der Grenze verdursten oder erfrieren? Der Esel hörte einen Laut wie Grillenzirpen; auf dem Grat des Gebirges, der von den Strahlen des Mondes erleuchtet war, glaubte er, Gestalten von bewaffneten Soldaten zu erkennen. Verirrt – Ibrahim wußte nicht, was das heißt, doch die Unruhe der Menschen war auf ihn übergegangen. Seitdem er in ihrem Bannkreis lebte, teilte er ihre Gefühle, ahnte er etwas von ihren Gedanken.

Die Morgensonne nistete sich auf seiner Haut ein mit einem Prickeln, das die Hitze des Tages ankündigte. Ibrahims Kehle war ausgedörrt, der Wind, der über die Dünen blies, wehte ihm Sand in Augen, Nüstern und Maul. Die Frau war so schwach, daß sie nur mit Hilfe des Mannes in den Sattel steigen konnte. Ibrahim fand einen gefestigten Pfad im Sand, er fing an zu traben, streckte den Kopf vor, wieherte.

„Er sucht Wasser“, sagte der Mann, er ließ den Zügel locker und folgte dem Tier. Vom Berggrat aus überblickten sie ein weites Stück Wüste; wie Kulissen auf einer Riesenbühne staffelten sich Felsen, Sargdeckel aus Stein, Pyramiden aus Sand hintereinander in die Tiefe. Ibrahim blieb stehen, er hielt die Nase in den Wind, dann sprengte er den Berg auf der anderen Seite so schnell hinunter, daß die Frau sich am Sattel festhalten mußte. Durch ein langgestrecktes Seitental ging es weiter, Ibrahims Schritt wurde langsamer, ein Schwärm winziger Insekten verriet ihm die Nähe von Wasser und Grün. Der Esel keuchte, noch nie war ihm die Last so schwer geworden. Der Mann nahm der Frau das Kind aus den Armen, er trug es eine Weile huckepack, er stützte sich auf seinen Wanderstock, der Wind zerrte an seinem Bart. Er sah sehr alt aus, er hob die Beine kaum mehr auf, mühsam watete er durch den Sand.

Am Nachmittag fanden sie eine Karawanserei mit Trinkwasser und Kokosnüssen aus der Oase. Kaum hatten sie sich im Hof niedergelassen, da hörten sie Lärm vor dem Tor. Pferde galoppierten heran, Reiter sprangen ab, Kamele ließen sich mit ihren Lasten nieder, Waffen klirrten. Es waren Soldaten, die unter dem Befehl des Herodes standen, sie hatten einen Erkundungsritt ins Grenzgebiet unternommen. Der Mann und die Frau saßen im Hof, der keine Hintertür hatte, sie würden das Kind nicht vor den Blicken der Soldaten verbergen können, wenn diese in den Hof eindrangen. Ibrahim wieherte, er versperrte den Eingang zum Hof.

„Das ist er“, rief einer der Kameltreiber, „ich erkenne ihn wieder, sein linkes Ohr war abgeknickt. Er gehört dem Paar mit dem kleinen Kind, das sich unserer Karawane angeschlossen hatte.“ Ibrahim schlug nach allen Seiten aus, die Soldaten wichen vor ihm zurück, er lief in die Wüste hinaus. „Ihm nach“, rief der Hauptmann, „er wird uns zu den Flüchtlingen führen. Wir werden das Kind töten, diesmal entkommt es uns nicht.“

Sie bestiegen ihre Pferde und setzten Ibrahim nach. Um die Frau, den Mann und das Kind im Hof der Karawanserei kümmerte sich keiner mehr. Gegen Abend, nachdem sie sich ausgeruht hatten, brachen Mann, Frau und Kind zu Fuß auf, um sich in dem kleinen Palmenwald vor den Soldaten zu verstecken. Müde und mißgelaunt kehrten die Kriegsknechte zurück, in ihrer Mitte führten sie Ibrahim, der aus vielen Wunden blutete.

„Das elende Vieh hat uns in die Irre geführt“, sagte der Hauptmann, „es hat seine Strafe bekommen. Die Nacht überlebt es nicht. Es wird elend verrecken.“ Ibrahim schleppte sich in den Hof der Karawanserei, niemand beachtete ihn in der dunklen Ecke, in der er sich niederließ. Stunden vergingen, er merkte es nicht, die Zeit dehnte sich ohne Grenzen.

Als es ganz dunkel geworden war, spürte er, wie eine Hand über sein Fell strich und das verkrustete Blut seiner Wunden berührte. Es war die Hand der Frau. „Komm mit, Ibrahim“, flüsterte sie, „wir sind in der Nähe der Grenze. Du wirst uns nach Ägypten bringen.“
Noch einmal zogen sie auf einem Berggrat entlang, der Umriß der Gruppe hob sich vom Mondhimmel ab, das Kind war unterm Mantel verborgen, der Mann stützte sich auf seinen Stock, er hielt Ibrahim am lockeren Zügel. Sie tauchten in die Nacht jenseits der Hügelkette ein, eine Stunde später passierten sie die Grenze. In einem Bauernhaus fanden sie einen Stall für Ibrahim, der dem von Bethlehem glich. Der Esel wieherte freudig, als habe er den Geruch nach frischem Wasser und Heu von den heimatlichen Wiesen wiedererkannt. Der Widerschein einer brennenden Stehlampe drang in seine Augen wie damals in der Nacht der Geburt. Er schlief ruhig ein; am nächsten Morgen fand der Mann ihn tot ausgestreckt im Stroh.

„Er hat uns nach Ägypten gebracht“, sagte die Frau, „er war treu, er ist für IHN gestorben.“ Sie begruben ihn zwischen den Feldern des Fremden, der die Flüchtlinge zu sich nahm. „Ein Wunder, daß er den weiten Weg geschafft hat“, sagte der Ägypter, „er ist schon alt. Sein Leben war zu Ende. Er hat seine Ruhe gefunden.“

Geno Hartlaub

Kurtmartin Magiera (Hrsg.): Die Nacht im Dezember – Texte zur Geburt des Herren. o.O., 1968, Butzon & Bercker

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