Der angeberische Tiger – E. Moser

Der angeberische Tiger

Ein Zirkus hatte am Rand der Stadt sein Zelt aufgeschlagen. Am Nachmittag waren die Artisten mit Pauken und Trompeten durch die Straßen gezogen und hatten die Bevölkerung zur Abendvorstellung geladen. Der Zirkus hieß Rattomar. Seine Mitglieder waren ausschließlich Ratten und Mäuse. Kein großer Zirkus, kein prächtiger, aber ein merkwürdiger und deshalb ein umso interessanterer. Am Abend war die Vorstellung innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.

Fast alle Bewohner der Stadt hatten sich eingefunden. Zirkusdirektor Rettix Rattomar sagte die einzelnen Nummern an. Es traten auf: Mäusejongleure, Rattenclowns, Trampolinmäuschen, es gab halsbrecherische Nummern mit Wüstenspringmäusen, einen Zauberratz und eine Mäuse-Trapeznummer. Das Publikum applaudierte begeistert nach jeder Darbietung. Nur ein Tiger störte immer wieder die Vorstellung. Er knurrte dazwischen, rief: »Buuh!«, und: »Das habe ich alles schon gesehen! Das ist ja gar nichts, das kann ich im Schlaf mit der linken Pfote!«

Die Zuschauer versuchten, ihn zum Schweigen zu bringen, aber er gab keine Ruhe. Dann kam die Glanznummer des Programms: Direktor Rattomar höchstselbst begab sich aufs Hochseil. Er setzte sich einen komischen, langen Zylinder auf, bestieg ein Einrad, nahm eine Balancestange und fuhr mit nachtwandlerischer Sicherheit auf dem Seil hin und her. Den Zuschauern stockte der Atem.

»Buuh!«, rief der Tiger. »Fauler Zauber! Das mach ich doch jeden Tag vor dem Frühstück!«

Da hatte der Zirkusdirektor genug. Er hielt mitten auf dem Seil an und bat den Tiger zu sich herauf. Jetzt machte der Tiger aber ein dummes Gesicht. Es half nichts, das Publikum klatschte heftig, es wollte den Tiger auf dem Seil sehen. Und so kletterte dei Tiger, plötzlich sehr still geworden, zum Hochseil hinauf. Eine Maus gab ihn einen winzigen Schirm, mit dem er die Balance halten sollte. Der Tiger nahm sich zusammen und wagte einige Schritte auf dem Seil. Immerhin, Mut konnte man ihm nicht absprechen! Dafür war er ja auch ein Tiger!

Aber dann verlor er das Gleichgewicht und stürzte ab. Doch fünf Mäuse hatten vorsorglich das Trampolin in die Manege geschoben, sodass der Tiger weich landete. Er bekam sogar kräftigen Applaus. Der angeberische Tiger verbeugte sich kurz und verließ, etwas verwirrt und ziemlich kleinlaut, die Vorstellung.

Erwin Moser: Das Findelkind.
Weinheim, 2004, Parabel

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