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	<title>Mit Geschichten groß werden</title>
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	<description>Geschichten für alle, die gern lesen ...</description>
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		<title>Mit Geschichten groß werden</title>
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		<title>Weihnachten in aller Welt &#8211; Schweden</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 20:10:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>
		<category><![CDATA[Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Winter]]></category>

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		<description><![CDATA[Schweden
13. Dezember
In den dunklen Tagen der Vorweihnachtszeit stehen in Schweden Lichterpyramiden in den Fenstern. Ihr Licht soll weithin leuchten und die Dunkelheit vertreiben. Auch Britta und Mats sitzen hinter erleuchteten Fenstern. An diesem Nachmittag wollen sie aus Stroh Weihnachtsböcke basteln, wie sie in schwedischen Häusern stehen. Als Britta ihren fertigen Julbock mit dem gekauften vergleicht, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1905&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Schweden</h3>
<p style="text-align:center;">13. Dezember</p>
<p style="text-align:justify;">In den dunklen Tagen der Vorweihnachtszeit stehen in Schweden Lichterpyramiden in den Fenstern. Ihr Licht soll weithin leuchten und die Dunkelheit vertreiben. Auch Britta und Mats sitzen hinter erleuchteten Fenstern. An diesem Nachmittag wollen sie aus Stroh Weihnachtsböcke basteln, wie sie in schwedischen Häusern stehen. Als Britta ihren fertigen Julbock mit dem gekauften vergleicht, der ihr als Vorlage diente, rümpft sie die Nase.</p>
<p style="text-align:justify;">Sie fragt ihren Bruder: „Findest du, dass unsere Julböcke komisch aussehen?“</p>
<p style="text-align:justify;">Mats kichert. „Ja! Sie sehen aus wie ulkige Saurier. “</p>
<p style="text-align:justify;">“Seufzend bindet Britta ihrem Stroh-Saurier eine rote Schleife um den Hals und sagt: „Du bleibst jetzt so, wie du bist.“</p>
<p style="text-align:justify;">In diesem Augenblick geht die Tür auf. Mutter kommt nach Hause. Nachdem sie die seltsamen Julböcke der Kinder lächelnd betrachtet hat, sagt sie: „Die alte Frau Olson macht mir Sorgen. Seitdem ihr Sohn mit seiner Familie im Ausland lebt, fühlt sie sich einsam und krank.“</p>
<p style="text-align:justify;">Britta schlägt vor: „Ich könnte morgen als Lucia zu ihr gehen.“</p>
<p style="text-align:justify;">Sofort sagt Mutter: „Das ist eine gute Idee. Darüber wird sich Frau Olson ganz bestimmt freuen.“</p>
<p style="text-align:justify;">Am 13. Dezember ist in Schweden Luciatag. Lucia heißt Lichtbringerin. Es sind zwei Geschichten, die man von Lucia erzählt. Die eine berichtet von der christlichen Heiligen, deren Namensfest an diesem Tag gefeiert wird. Die andere erzählt von einer Lichterkönigin, die über die Moore gefahren kam, um den Menschen in der dunklen Jahreszeit Licht zu bringen. Für diesen Tag werden überall im Land, in Schulen, Vereinen und Büros, Lichterköniginnen gewählt. Jedes schwedische Mädchen wünscht sich, einmal Lucia zu sein. Zu Hause ist es meistens die älteste Tochter.</p>
<p style="text-align:justify;">Morgens weckt Lucia ihre Familie in einem langen weißen Gewand. Auf dem Kopf trägt sie einen Kranz aus Immergrün, in dem Kerzen stecken. Um den Eltern und Geschwistern eine Freude zu bereiten, bringt sie ihnen das Frühstück ans Bett.</p>
<p style="text-align:justify;">Am Vorabend des Luciatages, als die Familie beim Abendbrot sitzt, fragt Vater: „Ob mir morgen Lucia wieder einen so guten, starken Kaffee bringt?“</p>
<p style="text-align:justify;">Darauf überlegt Mats laut: „Ob ich wohl eine heiße Milch mit Honig bekommen werde?“</p>
<p style="text-align:justify;">Britta merkt sich die Wünsche gut, aber sie antwortet nicht.</p>
<p style="text-align:justify;">Am nächsten Morgen zieht sie ihr Lucia-Gewand an. Gerade, als sie in der Küche die Frühstückssachen auf das Tablett stellt, kommt Mutter und hilft ihr, die Kerzen am Kranz anzuzünden. Im dunklen Flur singt Britta das Lucia-Lied, davon erwachen Vater und Mats. Vor ihnen steht eine strahlende Lucia mit dem gewünschten Frühstück.</p>
<p style="text-align:justify;">Kurz danach packen Mutter und Britta eine Thermoskanne mit Kaffee und Esswaren in den Korb. Es ist noch dunkel und es schneit ein wenig, als sie durch die leeren Straßen bis zu dem mehrstöckigen Haus gehen. Mutter schließt die Haustür auf. Frau Olson hat ihr die Schlüssel für Notfälle gegeben.</p>
<p style="text-align:justify;">Auf der Treppe begegnet ihnen ein junger Mann. „Guten Morgen!”, ruft er fröhlich. „Jetzt kommt doch noch eine Lucia ins Haus. Mich hat heute nur der Wecker geweckt.“</p>
<p style="text-align:justify;">Britta lacht und schenkt ihm ein Plätzchen, eine Luciakatze.</p>
<p style="text-align:justify;">Vor der Etagentür zündet Mutter die Kerzen am Lucia-Kranz an und sagt: „Wir wollen Frau Olson nicht erschrecken. Ich melde dich kurz an.“</p>
<p style="text-align:justify;">Sie klopft an der Schlafzimmertür und fragt: „Darf Lucia eintreten?” Britta stimmt das Lucia-Lied an und betritt singend das Zimmer. Verwundert setzt sich Frau Olson im Bett auf und sagt gerührt: „Wie schön, dass die Lucia auch zu mir kommt.“</p>
<p style="text-align:justify;">Jetzt hat Britta noch eine Überraschung: Sie bittet Frau Olson, mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern. Nach dieser Einladung drückt Frau Olson ihre Hand und sagt: „Du bist eine rechte Lichtbringerin!”</p>
<p style="text-align:justify;">Die Tage vor dem Fest sind voll froher Erwartung und mit vielen Vorbereitungen angefüllt: Die Geschäftsstraßen sind geschmückt, die Schaufenster hell erleuchtet. In den Häusern wird gebacken, der Weihnachtsschinken und andere Gerichte werden vorbereitet. Die Geschenke werden oft mehrmals verpackt. Zettel mit lustigen Wortspielen, Sprüchen und Reimen werden dazugelegt.</p>
<p style="text-align:justify;">Als die Glocken das Weihnachtsfest einläuten, geht Frau Olson mit der Familie singend um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum, der in der Mitte des Raumes steht. Aus dem Baum leuchten blau-gelbe Papierfähnchen hervor. Es sind die Landesfarben von Schweden. Mats kann es kaum erwarten, seine Geschenke zu sehen. Doch vor dem Auspacken muss jeder die Sprüche, die zum Geschenk gehören, laut vorlesen.</p>
<p style="text-align:justify;">Für Frau Olson sind an diesem Weihnachtsabend zwei Briefchen das schönste Geschenk. Britta und Mats haben sie geschrieben. Darin steht ein Versprechen: Besuche bei Frau Olson – zum Plaudern und zum Helfen.</p>
<p style="text-align:justify;">„God Jul! Frohe Weihnacht!“ Dieser Wunsch ist für Frau Olson in Erfüllung gegangen.</p>
<p style="text-align:justify;"> </p>
<p>Rena Sack: <em>Weihnachten in aller Welt: Mit 24 Geschichten durch den Advent.</em><br />
Lahr: Kaufmann Verlag 2008</p>
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		<title>Die Weihnachtsmäuse &#8211; Erwin Moser</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 17:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Advent]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Rücksicht]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Weihnachtsmäuse
Erwin Moser
Im Haus der Familie Horvath gab es einen kleinen Raum, den alle Familienmitglieder »Speisekammer« nannten. Aber eigentlich war er mehr ein Abstellraum, ein Besenkammerl. Früher, zu Großvaters Zeiten, als es noch keine Kühlschränke gab, war er eine richtige Speisekammer gewesen. Nun waren die Regale der Speisekammer mit leeren Flaschen, alten Schuhen, vergilbten Zeitungen, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1898&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Die Weihnachtsmäuse</h3>
<p style="text-align:center;">Erwin Moser</p>
<p style="text-align:justify;">Im Haus der Familie Horvath gab es einen kleinen Raum, den alle Familienmitglieder »Speisekammer« nannten. Aber eigentlich war er mehr ein Abstellraum, ein Besenkammerl. Früher, zu Großvaters Zeiten, als es noch keine Kühlschränke gab, war er eine richtige Speisekammer gewesen. Nun waren die Regale der Speisekammer mit leeren Flaschen, alten Schuhen, vergilbten Zeitungen, leeren Kartons und anderem Krimskrams gefüllt. Nur in einem Fach stand noch eine lange Reihe von Marmeladegläsern.</p>
<p style="text-align:justify;">Im Dezember, als die Tage und Nächte immer kälter geworden waren, hatten sich zwei Hausmäuse vom Dachboden in dieser Speisekammer einquartiert. Die Kälte hatte sie heruntergetrieben. Irgendwie hatten sie einen Weg in die Speisekammer gefunden. Wie – das wussten nur die Mäuse selber. Für Menschen wird es ewig unverständlich bleiben, wie Mäuse in geschlossene Räume eindringen können. Das ist das große Geheimnis des Mäusevolkes !</p>
<p style="text-align:justify;">In der Speisekammer war es viel angenehmer als auf dem zugigen Dachboden, denn sie lag direkt neben dem geheizten Wohnzimmer. Die beiden Mäuse bauten sich ein weiches, bequemes Nest in dem Karton mit Weihnachtsschmuck und es gefiel ihnen recht gut in ihrer neuen Umgebung. Der Speisezettel ließ zwar zu wünschen übrig – die Mäuse konnten nur Marmelade essen -, aber sie hatten es warm, und das war ihnen für den Augenblick das Wichtigste.</p>
<p style="text-align:justify;">Doch dann trat ein Ereignis ein, das den beiden Hausmäusen wie ein Wunder vorkam! Einige Tage vor Weihnachten buk Mutter Horvath große Mengen von Weihnachtsbäckerei. Drei volle Teller mit den verschiedensten Köstlichkeiten stellte sie in das Regal in der Speisekammer. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, kamen die Mäuse aus ihrem Versteck hervor und begannen nach Herzenslust die frischen Bäckereien zu benagen. Und wie hungrig sie waren! Sie konnten beinahe nicht mehr aufhören zu essen. Wahrend die Mäuse bei ihrem Mahl saßen, öffnete sich plötzlich ganz, ganz leise die Speisekammertür. Elisabeth, die neunjährige Tochter der Horvaths, schlich herein. Sie wollte nämlich an den Bäckereien naschen und war deswegen so leise, weil es ihr die Mutter verboten hatte. Natürlich -Weihnachtsbäckerei ist für Weihnachten und für die Feiertage danach bestimmt!</p>
<p style="text-align:justify;">Die beiden Hausmäuse bemerkten Elisabeth nicht sofort und so konnte sie das Mädchen einige Augenblicke lang beobachten. Dann allerdings spürten die Mäuse die Anwesenheit des Menschen und huschten gedankenschnell in ihr Versteck. Elisabeth war entzückt von dieser sel¬tenen Beobachtung. »Ihr braucht keine Angst zu haben, Mäuse!«, flüsterte sie. »Ich tue euch nichts. Ich werde auch nicht verraten, dass ihr genascht habt!« Elisabeth guckte vorsichtig hinter die Kartons, aber von den Mäusen war nichts mehr zu sehen. Nicht einmal eine Schwanzspitze. Da hörte sie die Mutter ihren Namen rufen und Elisabeth verließ rasch die Speisekammer.</p>
<p style="text-align:justify;">In den darauf folgenden Tagen besuchte Elisabeth mindestens zehnmal die Speisekammer. Sie tat es heimlich, wenn Mutter gerade in der Küche beschäftigt war. Die Mäuse sah das Mädchen nicht mehr, aber es bemerkte mit Wohlwollen, dass weitere Bäckereien benagt worden waren. »Ich werde euch ein bisschen Wurst und Käse bringen«, sagte Elisabeth einmal. »Von den vielen Süßigkeiten verderbt ihr euch sonst den Magen.«</p>
<p style="text-align:justify;">Und dann war der 24. Dezember da! Am Nachmittag besuchte Elisabeth ihre Freundin, die drei Häuser weiter wohnte, während die Eltern den Weihnachtsbaum schmückten.</p>
<p style="text-align:justify;">Als Elisabeth gegen Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam, stand bereits der Christbaum in all seiner Pracht auf dem Tisch im Wohnzimmer. »Stell dir vor, Lisi«, sagte die Mutter, »in der Speisekammer sind Mäuse! Sie haben unsere gute Weihnachtsbäckerei angefressen. Ich musste viel davon wegwerfen. Vater hat bereits einige Mausefallen aufgestellt.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Nein!«, rief Elisabeth heftig. »Das dürft ihr nicht tun! Das ist gemein von euch!«</p>
<p style="text-align:justify;">Mutter machte ein bestürztes Gesicht.</p>
<p style="text-align:justify;">»Aber Lisi!«, rief sie.</p>
<p style="text-align:justify;">Elisabeth lief in die Speisekammer und stieß mit einem Besenstiel die Mausefallen aus dem Regal. Sie hatte Tränen in den Augen und war sehr wütend.</p>
<p style="text-align:justify;">Vater kam in das Zimmer. »Was ist denn hier los?«, fragte er, als er seine zornige Tochter sah.</p>
<p style="text-align:justify;">»Ich weiß nicht«, sagte die Mutter ein bisschen hilflos. »Ich verstehe das nicht.«</p>
<p style="text-align:justify;">Elisabeth gab den Mausefallen Tritte. Nun heulte sie drauflos.</p>
<p style="text-align:justify;">Vater begann schön langsam zu begreifen. »Aber Lisi«, sagte er, »es ist doch nichts Ungewöhnliches, dass man Mausefallen aufstellt, wenn Mäuse im Haus sind. Mäuse sind üble Schädlinge!«</p>
<p style="text-align:justify;">»Diese nicht!«, heulte Elisabeth. »Sie haben bloß Hunger&#8230; und&#8230; und sie sind genauso von Gott erschaffen&#8230; alle Tiere sind das&#8230; und heute ist doch Weihnachten&#8230;«</p>
<p style="text-align:justify;">Mutter und Vater sahen sich betroffen an.</p>
<p style="text-align:justify;">»Beruhige dich, mein Sonnenscheinchen«, sagte Vater milde und drückte Elisabeth an sich. »Du hast ja Recht&#8230; Weißt du, was? Gleich morgen früh werden wir die Mäuse gemeinsam suchen. Wir geben sie in eine Schachtel und tragen sie in die Scheune. Dort haben sie es viel schöner als in der muffigen Speisekammer. Im Stroh ist es warm und dort finden sie auch viele Getreidekörner, sodass sie nicht hungern müssen. Einverstanden?«</p>
<p style="text-align:justify;">Elisabeth schluchzte, aber schließlich nickte sie. Mutter drehte seufzend die Augen zum Himmel. Aber sie lächelte dabei.</p>
<p style="text-align:justify;">Der Abend war gerettet und es wurde noch ein schönes Weihnachtsfest. Unter den vielen Geschenken, die Elisabeth bekam, befanden sich auch eine kleine Puppenküche und ein Puppenschlafzimmer. Elisabeth war glücklich.</p>
<p style="text-align:justify;">Als die Familie Horvath schlafen gegangen war und im Haus alles still war, kamen die zwei Mäuse aus der Speisekammer in das Wohnzimmer geschlichen. Die Horvaths hatten nämlich vergessen, die Speisekammertür zu schließen.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Hausmäuse schnupperten. Zweierlei rochen sie: würzigen Tannennadelduft vom Christbaum und, etwas feiner, die Weihnachtsbäckerei, die auf dem Tisch unter dem Baum stand.</p>
<p style="text-align:justify;">Beide Düfte gefielen ihnen außerordentlich und sie kletterten auf den Tisch und aßen sich noch einmal satt. Dann huschten sie durch das Wohnzimmer, berochen dies und jenes und schlüpften schließlich in Elisabeths Zimmer.</p>
<p style="text-align:justify;">Dort fanden die Mäuse in einer dunklen Ecke das Puppenschlafzimmer. Und weil sich das kleine Puppenbettchen so einladend weich anfühlte, krochen sie hinein und waren kurz darauf ebenfalls eingeschlummert&#8230;</p>
<p style="text-align:justify;">Sophie Härtling (Hrsg): <em>24 Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen.</em><br />
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2006</p>
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		<item>
		<title>Malins Weihnachtsgeschenk</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Nov 2009 23:23:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Advent]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>

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		<description><![CDATA[Malins Weihnachtsgeschenk
Hans Peterson
Die Schule war in einem kleinen roten Haus. In diese Schule ging Malin. Sie war neun Jahre alt. Am zweiten Juli hatte sie Geburtstag. Mitten im Sommer.
Malin hatte ein Geheimnis. Aber das erzählte sie niemandem.
Ja, eine Weile hatte sie sogar zwei Geheimnisse. Das eine hätte sie fast Johan erzählt. Das war, als das [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1895&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Malins Weihnachtsgeschenk</h3>
<p style="text-align:center;">Hans Peterson</p>
<p style="text-align:justify;">Die Schule war in einem kleinen roten Haus. In diese Schule ging Malin. Sie war neun Jahre alt. Am zweiten Juli hatte sie Geburtstag. Mitten im Sommer.</p>
<p style="text-align:justify;">Malin hatte ein Geheimnis. Aber das erzählte sie niemandem.</p>
<p style="text-align:justify;">Ja, eine Weile hatte sie sogar zwei Geheimnisse. Das eine hätte sie fast Johan erzählt. Das war, als das erste Schuljahr vorbei war. Alle in der Klasse hatten ihre Sonntagskleider an. Die Lehrerin trug ein Kleid mit Blumen drauf. In einer Vase steckte ein großer Strauß Flieder. Der duftete durch das ganze Schulzimmer.</p>
<p style="text-align:justify;">Malin hätte fast geweint. Der Sommer war so lang. Es würde lange dauern, ehe die Schule wieder anfing. Sie musste einfach nach vorn gehen und die Lehrerin ganz fest umarmen.</p>
<p style="text-align:justify;">Dann gingen sie zur Kirche. Dort spielte Anderson auf der Orgel. Malin wusste, dass es Anderson war. Obwohl sie ihn nicht sehen konnte.</p>
<p style="text-align:justify;">Und er spielte so, dass die ganze Kirche voll Musik war. So etwas Wunderbares hatte Malin noch nie gehört. Die Sonne leuchtete durch die Fenster der Kirche und mitten hinein in die Musik, die aus der Orgel floss. Malin wurde fast krank. Die hellen Härchen auf den Armen richteten sich auf. Sie kriegte eine Gänsehaut. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie fror und konnte fast nicht atmen.</p>
<p style="text-align:justify;">»Hast du schon mal so was Wunderbares erlebt?«, fragte Malin Johan, als sie die Kirche verließen.</p>
<p style="text-align:justify;">»Weil wir Sommerferien haben? Ja, das ist wunderbar«, sagte Johan und fing an, auf der Stelle zu hüpfen.</p>
<p style="text-align:justify;">»Nein, die Musik«, sagte Malin.</p>
<p style="text-align:justify;">»Welche Musik?«, fragte Johan.</p>
<p style="text-align:justify;">Da begriff Malin, dass Johan nicht dasselbe gefühlt hatte wie sie.</p>
<p style="text-align:justify;">Den ganzen Sommer suchte Malin nach ihrer Musik. Manchmal kam ein bisschen im Fernsehen. Manchmal hörte sie ein bisschen im Radio. Nisse, der fünf Jahre älter war, hatte ein Tonbandgerät. Aber er mochte nur die Musik, die die anderen mochten. Wonach Malin sich sehnte, das war etwas ganz anderes.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber das sagte sie niemandem. Es blieb ein Geheimnis. Ein bisschen komisch war das. Sie mochte Musik, die sonst niemand mochte. Aber daran war wohl nichts zu ändern.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Sommerferien waren jedenfalls gar nicht so lang. Plötzlich fing die Schule wieder an. Die Lehrerin war braun gebrannt und trug ein gelbes Kleid. Sie war sehr hübsch.</p>
<p style="text-align:justify;">Dann wurde es Herbst und Weihnachten und Winter und Frühling.</p>
<p style="text-align:justify;">Malin wurde unruhig, als das Ende des Schuljahres kam. Sie war unruhig, als sie in die Kirche ging, und sie war unruhig, bis Anderson anfing zu spielen. Da wurde sie ganz ruhig. Es war genauso wunderbar wie im letzten Jahr.</p>
<p style="text-align:justify;">Malin fand, dass die Musik ihr durch und durch ging. Als ob sie selbst zu Musik würde. Der ganze Körper und der ganze Kopf waren voller Musik.</p>
<p style="text-align:justify;">In dem Sommer starb die alte Frau Bergman, die im Haus nebenan wohnte. Neue Nachbarn zogen ein. Sie hießen Jönsson und hatten keine Kinder. Aber sie hatten ein Klavier.</p>
<p style="text-align:justify;">Und gleich am ersten Abend spielte Frau Jönsson auf dem Klavier. Malin setzte sich auf den Rasen. Aus dem offenen Fenster kam die richtige Musik. Solche Musik wie in der Kirche. Obwohl es ein Klavier und keine Orgel war.</p>
<p style="text-align:justify;">Malin stand auf, ging langsam durch das Gartentor, um die Hausecke und in das Haus von der alten Frau Bergman. Da saß Frau Jönsson und spielte. Obwohl die Kisten und Möbel noch in einem einzigen Durcheinander herumstanden.</p>
<p style="text-align:justify;">Und sie hörte auch nicht auf zu spielen, obwohl Malin ins Zimmer kam. Sie lächelte nur und spielte und spielte. Während Herr Jönsson Bilder und Gardinen aufhängte.</p>
<p style="text-align:justify;">»Du magst Musik wohl sehr«, sagte Herr Jönsson.</p>
<p style="text-align:justify;">»Jaa«, flüsterte Malin. »Aber nur diese Musik.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Das ist Mozart«, sagte Frau Jönsson und drehte sich um. »Spielst du auch?« Malin schüttelte den Kopf.</p>
<p style="text-align:justify;">»Komm«, sagte Frau Jönsson und setzte Malin auf den Stuhl. »Jetzt spielst du.«</p>
<p style="text-align:justify;">Malin sah sie an. Aber Frau Jönsson machte keinen Spaß.</p>
<p style="text-align:justify;">Malin schlug eine weiße Taste an und dann eine schwarze. Und mehr schwarze und mehr weiße, bis das ganze Zimmer voller Töne war. Nein, das klang nicht wie in der Kirche. Oder wie Frau Jönssons Musik. Aber es klang.</p>
<p style="text-align:justify;">In diesem Herbst lernte Malin Variationen über »Morgen kommt der Weihnachtsmann« auf dem Klavier spielen. Frau Jönsson brachte es ihr bei. Und das war das zweite Geheimnis. Bis Weihnachten.</p>
<p style="text-align:justify;">Malin übte und übte und übte. Und als Weihnachten kam, konnte sie es. So leicht wie nur was.</p>
<p style="text-align:justify;">Heiligabend, als Mama und Papa und Großvater und Nisse und Malin gerade zu Mittag gegessen hatten, klingelte Frau Jönsson an der Tür.</p>
<p style="text-align:justify;">»Malin hat ein Weihnachtsgeschenk für Sie. Ein Geheimnis. Das will sie Ihnen bei uns zeigen. Können Sie nicht alle miteinander zum Kaffee herüberkommen?«</p>
<p style="text-align:justify;">Mama und Papa verstanden nichts. Nisse kam nicht mit. Aber die anderen gingen zu Jönssons. Und da setzte Malin sich ans Klavier und spielte. Langsam und weich und vorsichtig. Aber ganz richtig.</p>
<p style="text-align:justify;">»Ja, was ist das denn?«, sagte Mama.</p>
<p style="text-align:justify;">»Wir haben den ganzen Herbst geübt. Malin kann mehrere kleine Stücke von Mozart«, sagte Frau Jönsson.</p>
<p style="text-align:justify;">»Aber warum sollte sie spielen?«, sagte Papa. »Wir haben ein Tonbandgerät und ein Transistorgerät und Radio und Fernsehen und Schallplatten.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Aber das ist nicht meine Musik«, sagte Malin langsam. »Und diese Musik hab&#8217; ich gemacht. Nach diesen Noten.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Du hast einen komischen Geschmack«, sagte Großvater.</p>
<p style="text-align:justify;">»Das ist doch weder Pop noch Rockmusik oder ABBA.«</p>
<p style="text-align:justify;">Aber Malin wurde weder böse noch unsicher oder traurig. Frau Jönsson, die Anna hieß, mochte Mozart. Dann konnte Malin ihn auch mögen. Sie war nicht allein mit ihrem Geschmack, nicht mehr.</p>
<p style="text-align:justify;">Obwohl Mama und Papa und Großvater sie ansahen und den Kopf schüttelten. Dann spielte sie noch ein Stück von Mozart.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber in der Schule erzählte sie niemandem von ihrer Musik. Das blieb ein Geheimnis. Niemand in der Schule sollte es wissen.</p>
<p style="text-align:justify;">Erst viele Jahre später, als sie mit der Schule fertig waren. Es gab eine große Abschlussfeier. Da saß Malin vorn am Klavier und spielte ein langes Stück von Mozart. Mama und Papa saßen dabei und nickten und waren sehr stolz.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber richtig haben sie Malins Geheimnis wohl nie verstanden. Oder wie man so voll von Musik sein kann, dass der Körper zittert und die Härchen sich auf den Armen aufrichten.</p>
<p style="text-align:justify;">Sophie Härtling (Hrsg): <em>24 Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen.</em><br />
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2006</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Der Vierundzwanzigste Heiligabend</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/11/13/der-vierundzwanzigste-heiligabend/</link>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 00:54:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kinder]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Vierundzwanzigste Heiligabend 
Doris Meißner-Johannknecht
1. SZENE
16.00 Uhr/Im Haus
»Stille Nacht!«, dudelt es. Auf jedem Kanal. Schon den ganzen Tag lang.
Und leise rieselnder Schnee. Auch schon den ganzen Tag lang. Aber nicht im Radio. Nein. Echt. Echt in Echt. Draußen vor der Tür.
Weiße Weihnachten! Das hatte ich in diesem Leben noch nicht.
Total schön also.
Dieser vierundzwanzigste Dezember.
Und das [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1892&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p style="text-align:center;"><strong>Der Vierundzwanzigste Heiligabend </strong></p>
<p style="text-align:center;">Doris Meißner-Johannknecht</p>
<p style="text-align:justify;">1. SZENE<br />
<em>16.00 Uhr/Im Haus</em></p>
<p style="text-align:justify;">»Stille Nacht!«, dudelt es. Auf jedem Kanal. Schon den ganzen Tag lang.<br />
Und leise rieselnder Schnee. Auch schon den ganzen Tag lang. Aber nicht im Radio. Nein. Echt. Echt in Echt. Draußen vor der Tür.<br />
Weiße Weihnachten! Das hatte ich in diesem Leben noch nicht.<br />
Total schön also.<br />
Dieser vierundzwanzigste Dezember.</p>
<p style="text-align:justify;">Und das Beste, das kommt ja noch.<br />
Der Abend. Den sie den Heiligen nennen. Aber der kommt erst um acht. Und vorher ist Chaos.<br />
So wie jetzt.<br />
Meine Mutter tobt. Dreht durch. Sie ist mal wieder völlig fertig.<br />
Alle Jahre wieder.<br />
Ja, vom Weihnachtsstress!<br />
Und jedes Jahr gibt es andere Gründe für ihre Anfälle. Heute waren es vier.</p>
<p style="text-align:justify;">Der Erste:<br />
Um elf brachte Papa endlich den Weihnachtsbaum.<br />
Wie jedes Jahr natürlich immer erst dann, wenn die besten schon weg sind. Und nur noch der Schrott übrig bleibt.<br />
Ja, der letzte Schrott, aber dafür besonders billig. Fast geschenkt. Fünf bis zehn Mark. Keine Mark mehr.<br />
Papa findet das toll. Mama überhaupt nicht. Und heute um elf schleppte er also endlich den Baum an. Ein absolutes Schnäppchen. Für drei Mark. Aber der hatte drei Spitzen.<br />
Da hat Mama den ersten Anfall gekriegt.<br />
Total überflüssig eigentlich. Der war ja echt besonders, der Baum. Drei Spitzen! Wer hat die schon?<br />
Ich hab sogar noch zwei Sterne für die beiden neuen Spitzen gebastelt&#8230; Sah klasse aus. Meine Mutter hat trotzdem getobt.</p>
<p style="text-align:justify;">Der zweite Grund:<br />
Um eins baute Papa endlich die Krippe auf. Altes Familienerbstück. Handgeschnitzt. Ziemlich kostbar.<br />
Ja, und Papa hat wohl zu fest zugepackt. Auf jeden Fall hatte Maria plötzlich bloß noch einen Arm. Und wir hatten keinen Sekundenkleber im Haus.</p>
<p style="text-align:justify;">Der dritte Grund dann um drei.<br />
Und das war ein Grund zu viel.<br />
Meine Mutter tobte nicht mehr. Sie heulte nur noch.<br />
Irgendjemand (Papa oder ich?) hatte die Tür zur Speisekammer nicht richtig verschlossen. Ja, und als Mama die Weihnachtsgans herausholen wollte, sah sie, wie Kater Anton an ihr vorbeifegte. Das leibhaftige schlechte Gewissen,<br />
Meine Mutter ahnte das Schlimmste&#8230;<br />
Und genau das war auch passiert: Kater Anton hatte das Beste vom Besten ganz einfach in sich eingeschlungen. In rohem Zustand. Die wunderbar zarte Gänsebrust vom Biobauern Löwenzahn.<br />
Papa grinste.<br />
Ich kicherte.<br />
Mama heulte.<br />
Und Anton? Der würde sich vorläufig nicht mehr blicken lassen. Der war satt.<br />
Ich verzog mich in mein Zimmer. Geschenke einpacken. Für die Verwandtschaft, die morgen bei uns einfallen würde.</p>
<p style="text-align:justify;">Dann kam der vierte Grund. Und damit der vorläufige Höhepunkt des Tages.<br />
Er kam um vier. Meine Mutter stand plötzlich – ohne anzuklopfen – in meinem Zimmer. Sah mich zwischen Papier und Kisten, Krempel und Kram und brüllte sofort los: Chaos, Unordnung und das am Heiligen Abend&#8230; Und sie allein mit der ganzen Arbeit!<br />
Da hab ich mir die Ohren zugehalten. Und gesagt: »Wenn du jetzt nicht aufhörst rumzuschreien, dann hau ich ab!«<br />
Aber meine Mutter hörte nicht auf. Sie konnte einfach nicht aufhören. Sagte bloß: »Dann geh doch!«<br />
Und da bin ich gegangen.<br />
Ziemlich blöd eigentlich.</p>
<p style="text-align:justify;">2. SZENE<br />
<em>17.00 Uhr/Vor dem </em></p>
<p style="text-align:justify;">Ja, und dann stand ich draußen. Ohne Schal und ohne Jacke. Hoffte ein wenig, meine Mutter würde rauskommen und mich zurückholen.<br />
Tat sie aber nicht.<br />
Also bin ich weggegangen. Mit schlechtem Gewissen. Trotz meiner Wut.<br />
Ziemlich blöd. Das alles.<br />
Aber meine Mutter braucht das: Am ersten Weihnachtstag nach Heiligabend muss sie ihre fünf Geschwister um sich haben. Alle Jahre wieder.<br />
Mit dem ganzen Anhang. Meinen Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins. Ungefähr zwanzig Leute.<br />
Deshalb kocht und backt sie seit Tagen wie eine Wahnsinnige. Bis zum Durchdrehen. Am Heiligen Abend.</p>
<p style="text-align:justify;">3. SZENE<br />
<em>18.00 Uhr/Auf dem Marktplatz</em></p>
<p style="text-align:justify;">Die Holzbuden des Weihnachtsmarkts sind verschlossen. Kein Gedränge, Geschiebe. Keine Gerüche. Nichts.<br />
Kein Mensch unterwegs.<br />
Alles zugedeckt unter weißer Schneedecke. Friedlich und schön. Irgendwie weihnachtlich.<br />
Die Glocken des Doms rufen zum Gottesdienst. Die Menschen drängen in Massen durchs Eingangsportal. In Sonntagsklamotten. Die Haare frisch gewaschen. Alle sehen irgendwie weihnachtlich aus.<br />
Nein, nicht alle.<br />
Außer mir gibt es noch jemanden, der so verloren herumläuft wie ich. Und überhaupt nicht weihnachtlich aussieht. Im Gegenteil.<br />
Ziemlich abgerissen. Aber auch ziemlich bunt. Nicht nur die Klamotten und der Rucksack. Auch die Haare.<br />
Alles sieht irgendwie nach Regenbogen aus. Aufregend und schön.<br />
Ich nähere mich vorsichtig. Verstecke mich hinter einer Glühweinbude. Uns trennen noch zehn Meter.</p>
<p style="text-align:justify;">Ein Mädchen. Ein paar Jahre älter als ich.<br />
Jetzt geht sie auf eine ältere Frau zu. Streckt ihre Hand aus. Lächelt, sagt ein paar Sätze.<br />
Die Frau öffnet ihre Handtasche, zieht ein Portmone heraus und legt eine Münze in die ausgestreckte Hand. Das Mädchen lächelt wieder, sagt ein paar Sätze und geht auf einen jungen Mann zu. Der greift in seine Hosentasche&#8230;<br />
Und das geht immer so weiter, so lange, bis niemand mehr kommt.</p>
<p style="text-align:justify;">Aus der Kirche jetzt feierliche Orgelmusik. Und »Oh, du fröhliche!«<br />
Das Mädchen setzt sich auf die Treppenstufen, wühlt im Rucksack.<br />
Dann dreht sie sich eine Zigarette, Zündet sie an. Und blast weißen Rauch in die Luft.<br />
Ich muss plötzlich husten. Sie schaut in meine Richtung. Hat mich entdeckt. Total peinlich irgendwie. Aber sie nickt mir zu. Ziemlich freundlich. Und ich – keine Ahnung warum – gehe langsam auf sie zu.<br />
Sie lächelt mich an. Und ich finde es einfach schön, dieses Lächeln.<br />
So schön, dass ich mich neben sie auf die kalten Stufen setzen muss.<br />
Sie reicht mir ihre Hand. Breite Silberringe an jedem Finger. Die Handgelenke umwickelt mit Lederbändern. Vorsichtig greife ich zu. »Ich bin Mary und wer bist du?«<br />
»Klara!«, sage ich.<br />
Sie entzieht mir ihre Hand. Dreht sich eine neue Zigarette. Und sagt: »Abgehauen?«<br />
Ich nicke. »Und du?«, sage ich.<br />
»Ich bin unterwegs!«, sagt sie. »Mal hier, mal da!«<br />
»Und wo verbringst du den Abend?«<br />
Sie zuckt mit den Schultern. Dreht sich eine neue Zigarette. »Mal sehn!«, sagt sie.<br />
Das Lächeln ist verschwunden. Jetzt sieht sie traurig aus.<br />
Bei der dritten Zigarette spüre ich die Kälte. Erfrieren will ich nicht. Ich springe auf. »Ich muss jetzt los!«, sage ich.<br />
»Schade!«, sagt sie.<br />
»Komm doch mit!«, sage ich.<br />
Dieser Satz ist mir einfach so herausgerutscht.<br />
Aber ich finde ihn gut, den Satz. Total gut. Obwohl ich weiß, dass er auch ziemlich verrückt ist. Sie starrt mich an. Dann schüttelt sie den Kopf.<br />
»Und warum nicht?«<br />
»Deine Eltern!«, sagt sie. »Glaubst du, die finden das gut, wenn du mich so einfach anschleppst? Und das am Heiligen Abend?«<br />
»Klar!«, sage ich. »Gerade am Heiligen Abend!«<br />
»Sicher?«<br />
Sie schaut skeptisch.<br />
»Ganz sicher!«, sage ich. »Komm, lass uns gehen, bevor wir erfroren sind!«<br />
Und ich denke an die Weihnachtsgeschichte, die mein Vater am Heiligen Abend immer vorliest: Kein Platz in der Herberge&#8230;<br />
Genau!<br />
Und wir haben Platz.</p>
<p style="text-align:justify;">4. SZENE<br />
<em>19.00 Uhr/Vor dem Haus</em></p>
<p style="text-align:justify;">»Bist du wirklich sicher?« Mary guckt ängstlich. Wie ein kleines Mädchen.<br />
»Völlig sicher!«, sage ich.<br />
Und spüre die Angst im Nacken. Meine Eltern werden einen Anfall kriegen. Ein Mädchen von der Straße! Und die auch genauso aussieht&#8230; wie man sich die vorstellt! Bunt und abgerissen.<br />
Meine Mutter würde sagen »verwahrlost«! Sie wird mich wahrscheinlich rausschmeißen. Die hält so eine wie Mary nicht aus. Und am Heiligen Abend schon gar nicht!<br />
Aber ich hab keine Wahl. Ich kann Mary doch nicht einfach draußen in der Kälte erfrieren lassen..<br />
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder meine Eltern finden das jetzt gut. Oder eben nicht&#8230;<br />
Ich drücke den Klingelknopf. Einmal und noch einmal. Meine Mutter reißt die Tür auf.<br />
Ihr Gesicht ist verheult. Sie fällt mir um den Hals. Dann sieht sie Mary. Und der Schrecken steht in ihrem Gesicht.<br />
»Bloß keine Panik, Mama! Das ist meine Überraschung!«</p>
<p style="text-align:justify;">5. SZENE<br />
<em>20.00 Uhr/Im Wohnzimmer</em></p>
<p style="text-align:justify;">Endlich ist er da! Der Heilige Abend.<br />
Aus der Küche köstlicher Bratenduft. Auf dem Dreispitzenbaum die brennenden Kerzen aus Bienen¬wachs. Die Weihnachtspyramide dreht sich. Die Räuchermännchen verbreiten eindeutige Düfte: Weihrauch und Fichte. Meine Mutter platziert den Notenständer. Sie holt ihre Geige. Ich hole meine Flöte.<br />
Mein Vater setzt sich ans Klavier.<br />
Und dann – wie jedes Jahr – Weihnachtslieder.<br />
»Alle Jahre wieder!«<br />
Mary hat eine total schöne Stimme. Sie sollte Sängerin werden!<br />
Dann liest mein Vater die Weihnachtsgeschichte&#8230;<br />
Bei der Stelle «und es war kein Platz in der Herberge« schaut er meine Mutter an. Die lächelt inzwischen ganz entspannt.<br />
Dann serviert sie den knusprigen Gänsebraten&#8230; Wie jedes Jahr. Nur dass in diesem Jahr die wunderbar zarte Gänsebrust vom Biobauern Löwenzahn fehlt.<br />
Und Anton&#8230; Der sich wohl nicht reintraut&#8230;<br />
Und doch&#8230; gerade hab ich was gehört. Ein vorsichtiges Miauen vor der Tür.<br />
»Mach ihm auf, Klara!«, sagt meine Mutter.<br />
Sie legt Mary den saftigen Bollen auf den Teller. Den ersten. Den sie eigentlich am liebsten selber isst. Der zweite Bollen ist für Papa. Ich esse in diesem Jahr die Flügel. Weil Anton sich über meine zarte Gänsebrust hergemacht hat.<br />
&#8222;Frohe Weihnachten!« sagt meine Mutter.<br />
Sie strahlt. Der Stress ist auf und davon. Die Anfälle sind verschwunden.<br />
Völlig entspannt säbelt sie an der knusprigen Gänsehaut. Sie lächelt Maiy an. Und sagt: »Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk! Dass Sie unsere Klara gefunden und hergebracht haben. Danke. Tausend Dank!«<br />
Ich spüre einen leichten Tritt gegen mein Schienbein. Das war Marys Fuß. Sie grinst mich an.<br />
Ich verstecke mein Lachen hinter der Serviette. Und bin sehr zufrieden mit diesem Weihnachtsfest. Mehr als zufrieden. Das ist das beste, das ich bisher hatte.<br />
«Danke, Mary!«, sage ich.</p>
<p>Brita Groiß; Gudrun Likar<br />
<em>Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender</em><br />
Wien: Ueberreuter, 2001</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Die Geschichte vom beschenkten Nikolaus &#8211; Alfons Schweiggert</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 00:41:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kinder]]></category>

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		<description><![CDATA[&#160;
Die Geschichte vom beschenkten Nikolaus
Alfons Schweiggert
Einmal kam der heilige Nikolaus am 6. Dezember zum kleinen Klaus. Er fragte ihn: »Bist du im letzten Jahr auch brav gewesen?« Klaus antwortete: »Ja, fast immer.« Der Nikolaus fragte: »Kannst du mir auch ein schönes Gedicht aufsagen?« &#8211; »Ja«, sagte Klaus:
»Lieber, guter Nikolaus,
du bist jetzt bei mir zu Haus,
bitte [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1889&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>&nbsp;</p>
<h3 style="text-align:center;">Die Geschichte vom beschenkten Nikolaus</h3>
<p style="text-align:center;">Alfons Schweiggert</p>
<p style="text-align:justify;">Einmal kam der heilige Nikolaus am 6. Dezember zum kleinen Klaus. Er fragte ihn: »Bist du im letzten Jahr auch brav gewesen?« Klaus antwortete: »Ja, fast immer.« Der Nikolaus fragte: »Kannst du mir auch ein schönes Gedicht aufsagen?« &#8211; »Ja«, sagte Klaus:</p>
<p style="text-align:justify;">»Lieber, guter Nikolaus,<br />
du bist jetzt bei mir zu Haus,<br />
bitte leer die Taschen aus,<br />
dann lass ich dich wieder raus.«</p>
<p style="text-align:justify;">Der Nikolaus sagte: »Das hast du schön gemacht.« Er schenkte Klaus Äpfel, Nüsse, Mandarinen und Plätzchen. »Danke«, sagte Klaus. »Auf Wiedersehen«, sagte der Nikolaus. Er drehte sich um und wollte gehen. »Halt!«, rief Klaus. Der Nikolaus schaute sich erstaunt um. »Was ist?«, fragte er. Da sagte Klaus: »Und was ist mit dir? Warst du im letzten Jahr auch brav?« &#8211; »So ziemlich«, antwortete der Nikolaus. Da fragte Klaus: »Kannst du mir auch ein schönes Gedicht aufsagen?« »Ja«, sagte der Nikolaus:</p>
<p style="text-align:justify;">»Liebes, gutes, braves Kind,<br />
draußen geht ein kalter Wind,<br />
koch mir einen Tee geschwind,<br />
dass ich gut nach Hause find&#8217;.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Wird gemacht«, sagte Klaus. Er kochte dem Nikolaus einen heißen Tee. Der Nikolaus schlürfte ihn und aß dazu Plätzchen. Da wurde ihm schön warm. Als er fertig war, stand er auf und ging zur Türe. »Danke für den Tee«, sagte er freundlich. »Bitte, gerne geschehen«, sagte Klaus. »Und komm auch nächstes Jahr vorbei, dann beschenken wir uns wieder.« &#8211; »Natürlich, kleiner Nikolaus«, sagte der große Nikolaus und ging hinaus in die kalte Nacht.</p>
<p style="text-align:justify;"> </p>
<p>Sophie Härtling (Hrsg.)<br />
<em>24 Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen</em><br />
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2006</p>
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		</media:content>
	</item>
		<item>
		<title>Lachgesichter in der Griesgramstraße</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/11/01/lachgesichter-in-der-griesgramstrase/</link>
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		<pubDate>Sun, 01 Nov 2009 22:41:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Dialog]]></category>
		<category><![CDATA[Freundlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://kindergeschichten.wordpress.com/?p=1878</guid>
		<description><![CDATA[Lachgesichter in der Griesgramstraße
Seit kurzem wohnt Peter in der Griesgramstraße. Natürlich heißt diese Straße anders, aber Peter hat ihr diesen Namen gegeben, weil die Leute alle so griesgrämig dreinblicken. Selbst die Kinder sind abweisend und feindselig, und Peter traut sich nicht sie anzusprechen. So ist er nachmittags immer alleine und langweilt sich. Und das Heimweh, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1878&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Lachgesichter in der Griesgramstraße</h3>
<p style="text-align:justify;">Seit kurzem wohnt Peter in der Griesgramstraße. Natürlich heißt diese Straße anders, aber Peter hat ihr diesen Namen gegeben, weil die Leute alle so griesgrämig dreinblicken. Selbst die Kinder sind abweisend und feindselig, und Peter traut sich nicht sie anzusprechen. So ist er nachmittags immer alleine und langweilt sich. Und das Heimweh, das tut dann natürlich besonders weh.</p>
<p style="text-align:justify;">Eines Nachts träumt Peter von bunten Lachgesichtern. Sie stehen überall in den Fenstern und lachen hell und bunt auf die dunkle Griesgramstraße hinaus. Es ist ein schöner Traum, und am nächsten Tag muss Peter immer wieder an die Lachgesichter denken. Ab und zu huscht sogar ein Lächeln über sein Gesicht. Und auf einmal hat er eine Idee: Er wird sich so ein buntes Lachgesicht basteln! Wie in seinem Traum soll es fröhlich auf die Straße hinauslachen.</p>
<p style="text-align:justify;">Als Peter an diesem Tag nach Hause kommt, lässt er die Langeweile einfach vor der Haustür stehen. Aus Pappe und Leuchtpapier bastelt er ein Lachgesicht und klebt es ans Fenster. Und als es draußen dämmert, stellt er vorsichtig auch eine brennende Kerze aufs Fensterbrett. Das sieht lustig aus. Und auch ein bisschen feierlich.</p>
<p style="text-align:justify;">Peters Eltern staunen, als sie von der Arbeit kommen. Ein buntes Lachen leuchtet ihnen schon von weitem entgegen. »Wie schön!«, freuen sie sich.</p>
<p style="text-align:justify;">Auch ein paar Griesgramstraßenbewohner bleiben überrascht vor dem Lachgesicht stehen. »Na so was!«, brummt einer, und ein anderer meint muffig: »Was gibt es denn heutzutage noch zu lachen?«</p>
<p style="text-align:justify;">Am nächsten Abend leuchten drei Lachgesichter den Griesgramstraßenbewohnern entgegen: eins von Peters Fenster, eins vom Fenster des Nachbarhauses und ein anderes vom Haus gegenüber. Und während sich die Leute noch mehr wundern, freut sich Peter wie ein Schneekönig. Ja, er lacht selbst so fröhlich wie sein Lachgesicht. Vielleicht, ja vielleicht würde ja doch noch alles gut werden! Und gespannt wartet er auf den nächsten Abend. Wie viele Lachgesichter würden dann wohl auf die gar nicht mehr so griesgrämige Griesgramstraße hinauslachen?</p>
<p style="text-align:justify;">Nun, ich kann es euch verraten: Von Tag zu Tag sind es mehr geworden, und von Tag zu Tag haben sich auch mehr Griesgramstraßenkinder zugelächelt. Und wie die Geschichte weitergeht, kannst du dir denken.</p>
<p style="text-align:justify;">Elke Bräunling: <em>Da wird dia Angst ganz klein.</em><br />
Limburg: Lahn Verlag 1998</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Meine Oma fand immer eine Lösung &#8211; Willi Fährmann</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Oct 2009 21:21:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>

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		<description><![CDATA[Meine Oma fand immer eine Lösung
Ich schaute in Istanbul aus dem Fenster meines Hotels. Wunderbar funkelte das Wasser des Bosporus in der Morgensonne und viele kleine und einige große Schiffe pflügten ihre Spuren in das Wasser. Aber nicht dieses Schauspiel war es, das mich fesselte, sondern ein graues, unansehnliches Haus auf der anderen Straßenseite genau [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1848&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Meine Oma fand immer eine Lösung</h3>
<p style="text-align:justify;">Ich schaute in Istanbul aus dem Fenster meines Hotels. Wunderbar funkelte das Wasser des Bosporus in der Morgensonne und viele kleine und einige große Schiffe pflügten ihre Spuren in das Wasser. Aber nicht dieses Schauspiel war es, das mich fesselte, sondern ein graues, unansehnliches Haus auf der anderen Straßenseite genau dem Hotel gegenüber zog meine Blicke an. Es hatte zehn Stockwerke oder mehr und hätte in seinem schmutzigen Kleid auch in jeder anderen Großstadt der Welt seinen Platz haben können. Aber dann öffnete sich im obersten Stockwerk gleich unter dem Flachdach ein Fenster und&#8230; Aber das alles muss von Anfang an erzählt werden. Und der Beginn dieser Geschichte liegt schon mehr als hundert Jahre zurück.</p>
<p style="text-align:justify;">Das war zu der Zeit, in der meine Oma noch keine Oma gewesen ist. Sie war Mutter und hatte fünf Kinder. Damals war das eine eher kleine Kinderzahl. Die Familie Fangenburg zwei Häuser neben Omas Wohnung hatte elf Kinder und selbst dieser Kinderreichtum war in Omas jüngeren Jahren keine Seltenheit. Oma jedenfalls war der Meinung, dass die Mietwohnung, in der sie wohnten, zu klein wurde. Sie hörte sich überall nach einer größeren Wohnung um, aber die Wohnungsnot war auch vor hundert Jahren schon groß. Da kam sie auf den Gedanken, die Bäckersfrau Behrens zu bitten einen Aushang aufzuhängen. Sie hatte in sehr schöner Schrift auf ein Plakat gemalt: »Familie Lohgerber sucht neue Wohnung«. Und meine Oma hatte eine gestochen schöne Schrift.</p>
<p style="text-align:justify;">Frau Krulle aus der Donnersteinstraße gefiel das sorgfältig geschriebene Plakat und sie dachte: Wer so eine saubere und ordentliche Schrift hat, der ist sicher auch ein sauberer und ordentlicher Mensch. Und weil in ihrem Hause gerade eine Wohnung frei geworden war, durfte meine Oma Tilla sich bei Frau Krulle vorstellen. Die Oma nahm den Opa Martin zur Verstärkung mit.</p>
<p style="text-align:justify;">Bereitwillig führte Frau Krulle die Lohgerbers durch die leere Wohnung. Sie lag im ersten Stock und die vier Zimmer, die große Küche mitgezählt, waren hell und geräumig. Der Mietpreis von 18,50 Mark im Monat war zwar nicht ganz niedrig, aber Opa Martin sagte: »Ich verdiene 51 Pfennig in der Stunde. Wir werden es schon schaffen.«</p>
<p style="text-align:justify;">Er streckte Frau Krulle die Hand entgegen. Hätte sie Opas Hand ergriffen und eingeschlagen, dann wäre alles abgemacht gewesen. Aber Frau Krulle zögerte. »Ist was?«, fragte Opa.</p>
<p style="text-align:justify;">Frau Krulle druckste ein wenig herum und sagte schließlich: »Ich muss Ihnen noch was sagen, Frau Lohgerber, Herr Lohgerber. Ich kann nichts vertragen, was mit Tieren zu tun hat. Sie dürfen keinerlei Tiere im Haus halten.«</p>
<p style="text-align:justify;">Das war für Oma und Opa keine gute Auskunft. Opa hätte so gern einen kleinen Hund gehabt oder Tauben auf dem Dachboden, und Oma träumte von einer gelb getigerten Katze und wäre vielleicht auch mit einem Kanarienvogel zufrieden gewesen. Aber Frau Krulle behauptete, ein Hund belle die ganze Nachbarschaft nervös, Tauben machten zu viel Dreck, eine Katze würde ihre Geschäfte im Hause verrichten und einen pestilenzartigen Gestank verbreiten, ja, selbst das Singen eines Kanarienvogels könne sie nicht aushalten.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Lohgerbers überlegten noch eine Weile, aber dann nahmen sie die Wohnung doch. Und das muss man der Frau Krulle lassen, mit den Kindern war sie keineswegs empfindlich. Die konnten im Hause herumtoben, ja, sogar mit ihren Schuhen vom Tisch auf den Holzfußboden springen, Topfdeckel gegeneinander schlagen und Musik machen, das alles störte Frau Krulle nicht.</p>
<p style="text-align:justify;">Nur wenige Male im Jahr kam sie aus ihrer Erdgeschosswohnung in den ersten Stock, klopfte leise bei den Lohgerbers an und trat ein. Sie war weiß im Gesicht und flüsterte: »Frau Lohgerber, könnten die Kinder heute einmal ganz leise sein. Ich habe meine Migräne. Bei jedem Geräusch denke ich, mein Kopf platzt mir auseinander.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Aber selbstverständlich, Frau Krulle«, antwortete dann meine Oma. »Die Kinder werden mäuschenstill sein.«</p>
<p style="text-align:justify;">Frau Krulle stöhnte auf und sagte: »Bitte, Frau Lohgerber, nichts mit Mäuschen. Ich kann gerade heute nichts vertragen, was mit Tieren zu tun hat.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Ach, richtig. Aber bei diesem Sauwetter&#8230;«</p>
<p style="text-align:justify;">»Bitte, bitte, Frau Lohgerber, nichts mit Sau!«</p>
<p style="text-align:justify;">»Na ja«, sagte die Oma, »ich wollte nur sagen, bei solchem Wetter fühlt man sich schnell hundeelend.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Schon wieder ein Tier«, klagte Frau Krulle. »Auch Hunde machen mich ganz krank.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Schon gut, schon gut, Frau Krulle. Morgen werden Sie sich bestimmt wieder pudelwohl fühlen.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Und noch ein Hund«, rief Frau Krulle und floh eilends aus Lohgerbers Küche. Die Oma hätte sie gern getröstet und Frau Krulle daran erinnert, dass sie doch eine Bärennatur habe und bald ihre Migräne vergessen haben würde, doch Frau Krulle lief wieselflink die Treppe hinab.</p>
<p style="text-align:justify;">Und dann geschah es. Opa kam an einem Wintertag kurz vor Weihnachten von der Fabrik. Ein nasser Schneeregen fegte ihm ins Gesicht. Er hatte seinen Jackenkragen hochgeschlagen und die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Als er unter der Eisenbahnunterführung herging, hörte er mit einem Male ein jämmerliches Miauen. Er schaute empor und entdeckte eine Katze. Die hatte sich im Gestänge der Brücke verstiegen und konnte nicht vor und nicht zurück. Mein Opa stellte seine Ledertasche auf den Boden und stieg an einer rostigen Eisenleiter hoch, befreite die Katze und trug sie behutsam bis auf den Bürgersteig. Er sah, dass die Katze sehr schön war. Sie hatte ein seidenweiches, gelb getigertes Fell, Augen gelb wie Honig und einen strammen schneeweißen Schnurrbart. Opa beugte sich nieder und streichelte die Katze. Sie wurde ganz zutraulich und strich ihm um die Beine, ja, als er endlich seine Tasche wieder unter den Arm klemmte und sich auf den Weg machte, wich sie nicht von seiner Seite. An der Ecke zur Donnersteinstraße hin sagte Opa zu der Katze: »Du bist zwar ein herrliches Tier, Mieze, aber ich kann dich nicht mitnehmen. Die Frau Krulle&#8230;«</p>
<p style="text-align:justify;">Doch dann ging es ihm so, wie es allen ergeht, die sich verlieben. Er wurde erfinderisch. Er dachte sich: Wenn ich die Katze unter meine dicke Jacke stecke, dann kann Frau Krulle das Tier nicht sehen. Und hören wird sie auch nichts, wenn ich die Katze erst in unserer Wohnung habe. »Nicht wahr, Mieze, du läufst auf Samtpfoten.« Die Katze maunzte leise, als ob sie ihn verstanden hätte. Der Opa knöpfte seine Jacke auf und legte die Katze an seine Männerbrust. Dann schloss er sorgfältig Knopf um Knopf. Der Katze schien das zu gefallen, denn sie fühlte sich offensichtlich behaglich und begann leise zu schnurren.</p>
<p style="text-align:justify;">Der Oma gefiel es gar nicht, als sie sah, was ihr Mann da angeschleppt hatte. »Ich will keinen Streit mit Frau Krulle«, sagte sie.<br />
»Niemand kann Katzentritte hören«, antwortete Opa.</p>
<p style="text-align:justify;">»Und außerdem, willst du das arme Tier bei dem Wetter wieder auf die Straße jagen?«</p>
<p style="text-align:justify;">Oma zuckte mit den Schultern, aber schüttete der Katze doch ein Schälchen voll mit Milch und stellte es ihr auf die Holzkiste neben dem Herd.</p>
<p style="text-align:justify;">»Wir wollen sie Julia nennen«, sagte Opa.</p>
<p style="text-align:justify;">Julia hatte die Milch noch nicht halb aufgeschleckt, da kam Frau Krulle in die Küche. Sie war so wütend, dass sie sogar das Anklopfen vergessen hatte.</p>
<p style="text-align:justify;">»So etwas!«, rief sie empört. »Ein Tier in meinem Haus, eine Katze unter meinem Dach! Das ist doch&#8230;«</p>
<p style="text-align:justify;">Oma versuchte sie zu beruhigen und versprach, dass sie die Julia dreimal am Tag aus dem Haus las¬sen wollte. Dann könnte die Katze ihre Geschäfte draußen verrichten und nichts würde im Haus zu riechen sein. Aber da kam sie bei Frau Krulle schlecht an. »Lauter Katzentatzen auf dem Fußboden im Flur!«, sagte sie und schüttelte den Kopf. Was Oma auch vorschlug, Frau Krulle bestand darauf, dass die Katze schleunigst wieder aus dem Haus müsse.</p>
<p style="text-align:justify;">Oma machte einen letzten Versuch und sagte: »Frau Krulle, wenn ich nun die Katze dreimal am Tag aus dem Haus lasse und sie braucht dabei nicht durch Ihren Flur zu laufen, wäre das keine Lösung?«</p>
<p style="text-align:justify;">»Dreimal am Tag und nicht durch den Flur?« Frau Krulle lachte ärgerlich, denn jeder wusste es, es gab nur einen einzigen Ausgang aus dem Haus, und der führte durch Frau Krulles Hausflur.</p>
<p style="text-align:justify;">»Wenn Sie das schaffen, Frau Lohgerber, dann fallen Ostern und Weihnachten auf einen Tag. Dann können Sie meinetwegen die Katze behalten.« Sie schüttelte den Kopf und verließ die Wohnung.</p>
<p style="text-align:justify;">Das war jener Augenblick, in dem meine Oma zur bedeutenden Erfinderin wurde. Sie setzte sich an den Küchentisch und schloss fest die Augen. Auch hielt sie sich mit den Händen die Ohren zu. Denn das weiß man ja, die großen Erfinder müssen nach innen schauen und auf die Stimmen in ihrem Kopfe hören. Als Opa sah, dass Oma auf der Erfinderstraße war, da hielt er sogar das Pendel der Küchenuhr an, weil die wirklichen Erfinder auch vom Ticken der Uhr gestört werden.</p>
<p style="text-align:justify;">Mit einem Male riss die Oma die Augen auf, es sprühten richtige Funken daraus hervor, sie nahm die Hände von den Ohren, rannte in den Keller und kam wieder herauf mit einem kleinen Marktkorb und einer Wäscheleine. Die knotete sie an den Henkel des Korbes, legte ein Handtuch in den Korb und setzte die Julia vorsichtig hinein. Dann öffnete sie das Fenster zur Straße hin und ließ den Korb mit der Katze langsam hinab. Sie hatte den Katzenaufzug erfunden. Und das zu einer Zeit, als es in der Stadt noch nicht einmal einen Aufzug für Menschen gab. Doch die Sache hatte leider einen Haken. Die Katzen wussten damals noch nicht, dass ein Aufzug auch aufwärts fahren kann. Oma jedoch fand ganz schnell eine einfache Lösung. Sie zog den Korb empor und legte ein Stückchen Leberwurst hinein. Dann ließ sie ihn wieder auf die Straße hinab. Die Katze kam vorbei, schnupperte, roch die Wurst und sprang mit einem eleganten Satz in den Korb. Die Oma, nicht faul, zog die Katze im Korb und die Wurst in der Katze wieder in das Obergeschoss.</p>
<p style="text-align:justify;">Oma brauchte den Trick mit der Wurst nur einmal zu machen, dann wusste die Julia schon Bescheid. Sie war schön und schlau. Und das kommt selbst bei den Menschen nur selten zusammen vor.</p>
<p style="text-align:justify;">Meine Oma hat mir die Geschichte von der schönen Julia oft erzählt und doch hatte ich sie vergessen. Erst als ich in Istanbul sah, wie sich das Fenster im zehnten Stockwerk öffnete und eine Frau einen Korb an langer Schnur bis auf die Straße hinunterließ, da fiel es mir mit einem Male wieder ein: Meine Oma war die Erfinderin dieses Aufzugs. Nun hatte die Frau keine Katze im Korb, sondern ein Geldstück. Und unten wartete ein Bäcker, der ihr die frischen Brötchen in den Aufzug legte und das Geld herausnahm. Gern hätte ich der Frau zugerufen, dass meine Oma diese wunderbare Sache erfunden hatte, aber leider konnte ich die türkische Sprache nicht. Aber wer weiß, vielleicht wird diese Geschichte ja auch einmal ins Türkische übersetzt. Ich meine, damit man auch dort weiß, was meine Oma für eine tolle Frau gewesen ist.</p>
<p style="text-align:justify;">Willi Fährmann: <em>Geschichten machen stark &#8211; Zum lesen und Vorlesen für Kinder</em>.<br />
Würzburg: Arena Verlag 2002</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Die wundersame Reise  [ Gedicht ]</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/27/die-wundersame-reise-gedicht/</link>
		<comments>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/27/die-wundersame-reise-gedicht/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 19:32:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Winter]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://kindergeschichten.wordpress.com/?p=1845</guid>
		<description><![CDATA[Die wundersame Reise
Zauberhafter Schnee,
Da kommst du gestoben,
Als ich am Fenster steh’.
Ich blicke nach oben
Zu dem Weiß in den Bäumen,
Und ich komme ins Träumen.
Wundersame Fee,
Du schickst deine Flocken.
Ich glaube, ich versteh’ –
Sie sollen mich locken,
In ein Märchen entführen
Und mein Herz kindlich rühren.
Und als ich versinke in ihr Wirbeln und Fliegen,
Mit dem Blick ich verfolge, wie im [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1845&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3>Die wundersame Reise</h3>
<p>Zauberhafter Schnee,<br />
Da kommst du gestoben,<br />
Als ich am Fenster steh’.<br />
Ich blicke nach oben<br />
Zu dem Weiß in den Bäumen,<br />
Und ich komme ins Träumen.</p>
<p>Wundersame Fee,<br />
Du schickst deine Flocken.<br />
Ich glaube, ich versteh’ –<br />
Sie sollen mich locken,<br />
In ein Märchen entführen<br />
Und mein Herz kindlich rühren.</p>
<p>Und als ich versinke in ihr Wirbeln und Fliegen,<br />
Mit dem Blick ich verfolge, wie im Wind sie sich wiegen,<br />
Da ist mir, als würde mein Haus sich erheben<br />
Und vom Winde getragen gen Himmel schweben.<br />
Das kann doch nicht sein, oder fliegen wir fort?<br />
An einen andren, verzauberten Ort?</p>
<p>Doch da ruft ein Junge, ich schaue nach unten<br />
Und sehe die Lichter der Straße, die bunten.<br />
Und auf unsrer Höhe wie Nebelgespenster<br />
Seh’ ich im Schneesturm erleuchtete Fenster.<br />
Mein Haus scheint zu schwanken, dann halten wir inne.<br />
Es war nur ein Traum, eine Täuschung der Sinne.</p>
<p>Aber, ach herrje!<br />
Was ist nur geschehen?<br />
Die Landschaft, die ich seh’<br />
Hab’ ich nie gesehen.<br />
Und ich frage mich leise:<br />
War ich doch auf der Reise?</p>
<p>Susanne Nöding</p>
<p>U. Richter; B. Mürmann (Hrsg.): <em>Weihnachtsgeschichten am Kamin. 22.</em><br />
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2007</p>
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		</media:content>
	</item>
		<item>
		<title>Indigam Toruai – Der große Fisch</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/26/indigam-toruai-%e2%80%93-der-grose-fisch/</link>
		<comments>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/26/indigam-toruai-%e2%80%93-der-grose-fisch/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 26 Oct 2009 23:01:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kinder]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://kindergeschichten.wordpress.com/?p=1838</guid>
		<description><![CDATA[Indigam Toruai – Der große Fisch
Eine Geschichte aus Papua-Neuguinea
Seit Tagen hatte es nicht geregnet. Das Wasser war klar, der Fluss stand niedrig; es konnte keine bessere Zeit zum Fischen geben.
Die Jungen von Kamberap legten ihre Fischpfeile zurecht.
»Vergebliche Mühe«, sagten die Männer. »Ihr werdet nichts fangen; sogar die Reiher wissen, dass der Yilil keine Fische mehr [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1838&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Indigam Toruai – <em>Der große Fisch</em></h3>
<p style="text-align:center;"><em>Eine Geschichte aus Papua-Neuguinea</em></p>
<p style="text-align:justify;">Seit Tagen hatte es nicht geregnet. Das Wasser war klar, der Fluss stand niedrig; es konnte keine bessere Zeit zum Fischen geben.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Jungen von Kamberap legten ihre Fischpfeile zurecht.</p>
<p style="text-align:justify;">»Vergebliche Mühe«, sagten die Männer. »Ihr werdet nichts fangen; sogar die Reiher wissen, dass der Yilil keine Fische mehr gibt.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Wir wollen Flussabwärts gehen«, sagten die Jungen. »Bis zur Mündung des Troali.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Noch mehr vergebliche Mühe«, sagten die Männer. »Aber geht nur; geht und versucht euer Glück.«</p>
<p style="text-align:justify;">Danach saßen die Jungen im Schatten der Hibiskus-Sträucher am Rande des Dorfplatzes. Sie redeten kaum. Jeder überlegte für sich, ob die geplante Jagd auf Fische Sinn hatte oder keinen.</p>
<p style="text-align:justify;">Und dann kam Bonifo mit seinem Fisch.</p>
<p style="text-align:justify;">Yamandau entdeckte ihn als erster.</p>
<p style="text-align:justify;">»Indigam!« rief er. »Indigam toruai! (Ein großer Fisch!)«</p>
<p style="text-align:justify;">Im nächsten Augenblick waren die Jungen auf den Beinen. Sie rannten Bonifo entgegen, umringten ihn, bestaunten und betasteten den Fisch, wollten wissen, wo und wie und wann Bonifo ihn gefangen hatte, und sie bestürmten ihn mit Fragen.</p>
<p style="text-align:justify;">Bonifo gab keine Antwort. Er lachte nur, hielt den Fisch in die Höhe und brachte ihn damit aus der Reichweite der Jungen. Sie traten zurück; der Kreis um Bonifo wurde weiter, das Stimmengewirr verstummte. Nur Yamandau fragte beharrlich in die Stille hinein: »Diesen Fisch, Bonifo – sag uns doch: wo hast du ihn her?«</p>
<p style="text-align:justify;">»Von dort, wo es noch mehr davon gibt«, antwortete Bonifo schmunzelnd und setzte sich wieder in Bewegung.</p>
<p style="text-align:justify;">Nun gab es für die Jungen kein Halten mehr. Sie liefen in die Häuser, holten die Pfeile hervor, liefen zu Koere und baten um seine Fischkörbe, und dann liefen alle zum Fluss.</p>
<p style="text-align:justify;">Den Rest des Tages verbrachten sie am Yilil. Koere war mitgekommen; auch er blieb und half den Jungen, so gut er konnte. Er richtete ihre Pfeile aus, ersetzte die abgebrochenen Spitzen durch neue starke Sagodornen, übte mit ihnen das Abschnellen der Fischpfeile und tauchte an tiefen Stellen selbst bis auf den Grund des Flusses, um sich persönlich davon zu überzeugen, ob es dort Fische gab oder nicht.</p>
<p style="text-align:justify;">Es gab Fische – hier und da; aber sie waren so winzig, dass es sich nicht lohnte, einen Pfeil auf sie zu richten. Es lohnte nicht einmal, die Körbe auszulegen. Ihr Geflecht war viel zu grob. Sie würden leer bleiben; das war für Koere so gut wie sicher.</p>
<p style="text-align:justify;">Nicht für die Jungen. Sie blieben zuversichtlich und wollten weder nachgeben noch aufgeben.</p>
<p style="text-align:justify;">Selbst wenn alle anderen Mittel versagten; eine Möglichkeit war immer noch offen: Zauberei!</p>
<p style="text-align:justify;">Und wenn auch die Jungen noch nie mit dabei gewesen waren, so wussten doch alle, dass die alten Männer des Stammes ein Mittel kannten, um die Fische mit Zaubersprüchen und Zauberliedern zu beschwören. Mit dem betäubenden Saft giftiger Lianen wurden die Fische müde und kraftlos gemacht, so dass man sie mit der bloßen Hand ergreifen und einsammeln konnte.<br />
»Warum versuchen wir es nicht?« fragte Yamandau. »Wir haben schon alles andere versucht, warum also nicht den Lianenzauber?«</p>
<p style="text-align:justify;">Koere schüttelte den Kopf. »Die richtigen Lianen dafür wachsen nicht hier«, sagte er. »Die gibt es nur weiter oben in den Bergen.«</p>
<p style="text-align:justify;">»Macht nichts«, sagte Yamandau. »Wir nehmen die Lianen, die wir hier finden, und machen unseren eigenen Zauber.«</p>
<p style="text-align:justify;">Wieder schüttelte Koere den Kopf.</p>
<p style="text-align:justify;">»Wir kennen die Zaubersprüche nicht«, sagte er.</p>
<p style="text-align:justify;">»Macht nichts«, erklärte Yamandau auch diesmal. »Wir denken uns selbst einen Zauberspruch aus.«</p>
<p style="text-align:justify;">Koere ging und holte Lianen. Er schnitt sie in Stücke, bündelte sie, gab jedem Jungen eine Handvoll der zähen biegsamen Stängel, und die Jungen legten sie auf die Ufersteine, suchten sich faustgroße harte Kiesel und schlugen damit auf die Stängel ein, bis sie zerfaserten und ihr Saft über die Steine floß.</p>
<p style="text-align:justify;">Sie machten die Sache genauso wie die alten Männer bei einem richtigen Lianenzauber. Nur waren es eben nicht die richtigen Lianen und nicht die richtigen Zaubersprüche.</p>
<p style="text-align:justify;">Doch immerhin: während Yamandau auf seine Lianenstängel klopfte, war ihm ein Lied eingefallen, das gewiss so gut war wie jeder andere Zauberspruch:</p>
<p style="text-align:justify;">»Indigam tangane –  (Fisch ist hier –<br />
kolop, kolop                   kommt, kommt<br />
kawaikare.«                    viele!)</p>
<p style="text-align:justify;">Yamandau sang aus Leibeskräften, während er voll Wut und Enttäuschung über den Misserfolg dieses Tages in das Wasser schlug, dass es weiß aufschäumte und spritzte. Und sein Zauberlied hallte durch die Schlucht, vermischte Yamandaus Stimme mit den Stimmen Koeres und der anderen Jungen und mit dem Echo, das von allen Seiten klang. Das Klatschen der Lianen auf dem Wasser gab den Takt dazu, wie es bei den Tanzfesten im Dorf die Trommeln taten.</p>
<p style="text-align:justify;">Vor Sonnenuntergang machten sich die Jungen auf den Heimweg. Sie waren müde und hungrig. Alles, was sie an diesem Tag gefangen hatten, waren sieben Krebse. Die rösteten sie über einem kleinen Feuer am Flussufer und aßen sie auf, bevor sie in der Dunkelheit den Hügel zum Dorf emporstiegen.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber sie gingen noch nicht heim. Zuerst gingen sie zu Bonifos Haus, um nachzusehen, ob er seinen Fisch inzwischen aufgegessen hatte. Nein! Dort lag er neben der Feuerstelle – lag auf einem Bananenblatt – gebraten, braun und knusprig. Die Jungen starrten auf den Fisch.</p>
<p style="text-align:justify;">Aus der hintersten Ecke seiner Veranda sagte Bonifo: »Endlich! Ihr habt mich lange warten lassen! Kommt herauf.« Sie kletterten auf die Veranda. Bonifo kam zu ihnen. Er beugte sich zu dem Fisch hinunter, zerteilte ihn und reichte jedem ein kleines Stück von dem duftenden weißen Fleisch und dazu einen Klumpen Sagobrei.</p>
<p style="text-align:justify;">»Wie gut das schmeckt!« sagte Yamandau. Und nach einer Weile: »Wie gut das geschmeckt hat!« Und wieder nach einer Weile: »Sag uns endlich, Bonifo: Wie hast du den Fisch gefangen? – Mit einem Zauber?«</p>
<p style="text-align:justify;">»Nein«, antwortete Bonifo.</p>
<p style="text-align:justify;">»Wie denn?« fragten die Jungen.</p>
<p style="text-align:justify;">»Mit Kokosnüssen«, sagte Bonifo und schmunzelte.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Jungen verstanden ihn nicht. Sie schwiegen verwirrt. Bonifo lachte und erklärte es ihnen: Er hatte den Fisch gegen zwei Kokosnüsse aus seinem Garten eingehandelt; – auf dem Markt von Green River&#8230;</p>
<p style="text-align:right;">Brigitte Peter</p>
<p>Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.): <em>Hoffentlich bald.</em><br />
Wien: Herder Verlag 1986</p>
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		<title>Oma lebt weiter &#8211; Max Bolliger</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/25/oma-lebt-weiter-max-bolliger/</link>
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		<pubDate>Sun, 25 Oct 2009 23:03:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>

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		<description><![CDATA[Oma lebt weiter
 
„Erkennst du sie?“ fragt der Vater.
Judith betrachtet ein Kind nach dem andern.
„Das muss Oma sein, da, in der zweiten Reihe.“
„Ja“, sagt die Mutter. „Das ist Oma. Das Mädchen mit den beiden dicken Haarzöpfen, auf die sie als Kind so stolz war.“
„Wie alt ist dieses Klassenfoto?“ fragt Judith.
„Es muss ungefähr vor sechzig Jahren gemacht [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=990&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Oma lebt weiter</h3>
<p style="text-align:center;"> </p>
<p align="justify">„Erkennst du sie?“ fragt der Vater.</p>
<p align="justify">Judith betrachtet ein Kind nach dem andern.</p>
<p align="justify">„Das muss Oma sein, da, in der zweiten Reihe.“</p>
<p align="justify">„Ja“, sagt die Mutter. „Das ist Oma. Das Mädchen mit den beiden dicken Haarzöpfen, auf die sie als Kind so stolz war.“</p>
<p align="justify">„Wie alt ist dieses Klassenfoto?“ fragt Judith.</p>
<p align="justify">„Es muss ungefähr vor sechzig Jahren gemacht worden sein“, meint der Vater. „Im fünften Schuljahr.“</p>
<p align="justify">Das Kind, das so ernst dasteht, war seine Mutter.</p>
<p align="justify">„Hier siehst du Oma bei ihrer Konfirmation.“</p>
<p align="justify">Sie hält einen Tulpenstrauß in den Händen und trägt ein schwarzes Kleid. Und immer noch die beiden langen Zöpfe.</p>
<p align="justify">„Und hier fahren Oma und Opa auf einem Tandem“, lacht der Vater. „Sie waren sehr ineinander verliebt.“</p>
<p align="justify">Die Mutter zeigt auf Omas Kopf.</p>
<p align="justify">„Keine Zöpfe mehr, dafür einen Bubikopf. Das war modern.“</p>
<p align="justify">Auf den folgenden Seiten des Albums sieht Judith Omas und Opas Hochzeitsfoto. Und bald entdeckt sie auch ein Bild von Vater als Baby. Oma hält ihn auf dem Arm.</p>
<p align="justify">„Du gleichst ihm“, lacht die Mutter. „Schau, das bist du, Judith. Oma ist stolz darauf, Großmutter zu sein.“</p>
<p align="justify">Vor zehn Tagen wurde Oma begraben. Zum ersten Mal hat Judith ihren Vater weinen gesehen und auch Opa, der nun ins Altersheim umziehen wird. Judith betrachtet Omas letztes Bild.</p>
<p align="justify">Es zeigt sie an Opas fünfundsiebzigstem Geburtstag, umgeben von Michi, Eva und Judith, ihren drei Enkelkindern.</p>
<p align="justify">„Das war ein schönes Fest“, sagt der Vater.</p>
<p align="justify">„Oma lebt weiter“, meint die Mutter, „nicht auf den Fotos, sondern in ihren Kindern, ihren Enkeln und Urenkeln und Ururenkeln&#8230; und in unserer Erinnerung.“</p>
<p> </p>
<p>Max Bolliger: <em>30 Geschichten zum Verschenken.</em><br />
Lahr: Verlag Ernst Kaufmann 1991</p>
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		<item>
		<title>Die Heilige Nacht &#8211; Selma Lagerlöf</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/25/1826/</link>
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		<pubDate>Sun, 25 Oct 2009 11:41:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Heilige Nacht]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
		<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Heilige Nacht
Selma Lagerlöf
Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Rummer. Ich weiß kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe. Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf dem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt. Ich weiß es nicht anders, als dass Großmutter dasaß [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1826&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Die Heilige Nacht</h3>
<p style="text-align:center;">Selma Lagerlöf</p>
<p style="text-align:justify;">Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Rummer. Ich weiß kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe. Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf dem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt. Ich weiß es nicht anders, als dass Großmutter dasaß und erzählte, vom Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten zu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut ging wie uns.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich erinnere mich nicht an sehr viel von meiner Großmutter. Ich erinnere mich, dass sie schönes, kreideweißes Haar hatte und dass sie sehr gebückt ging und dass sie immer dasaß und an einem Strumpf strickte.</p>
<p style="text-align:justify;">Dann erinnere ich mich auch, dass sie, wenn sie ein Märchen erzählt hatte, ihre Hand auf meinen Kopf zu legen pflegte, und dann sagte sie: »Und das alles ist so wahr, wie dass ich dich sehe und du mich siehst.«</p>
<p style="text-align:justify;">Ich entsinne mich auch, dass sie schöne Lieder singen konnte, aber das tat sie nicht alle Tage. Eines dieser Lieder handelte von einem Ritter und einer Meerjungfrau und es hatte den Kehrreim: »Es weht so kalt, es weht so kalt, wohl über die weite See.«</p>
<p style="text-align:justify;">Dann entsinne ich mich eines kleinen Gebets, das sie mich lehrte, und eines Psalmverses.</p>
<p style="text-align:justify;">Von allen den Geschichten, die sie mir erzählte, habe ich nur eine schwache, unklare Erinnerung. Nur an eine einzige von ihnen erinnere ich mich so gut, dass ich sie erzählen könnte. Es ist eine kleine Geschichte von Jesu Geburt.</p>
<p style="text-align:justify;">Seht, das ist beinahe alles, was ich noch von meiner Großmutter weiß, außer dem, woran ich mich am besten erinnere, nämlich an den großen Schmerz, als sie dahinging.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich erinnere mich an den Morgen, an dem das Ecksofa leer stand und es unmöglich war zu begreifen, wie die Stunden des Tages zu Ende gehen sollten. Daran erinnere ich mich. Das vergesse ich nie.</p>
<p style="text-align:justify;">Und ich erinnere mich, dass wir Kinder hingeführt wurden, um die Hand der Toten zu küssen. Und wir hatten Angst, es zu tun, aber da sagte uns jemand, dass wir nun zum letzten Mal Großmutter für alle die Freude danken könnten, die sie uns gebracht hatte. Und ich erinnere mich, wie Märchen und Lieder vom Hause wegfuhren, in einen langen schwarzen Sarg gepackt, und niemals wiederkamen.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich erinnere mich, dass etwas aus dem Leben verschwunden war. Es war, als hätte sich die Tür zu einer ganzen schönen, verzauberten Welt geschlossen, in der wir früher frei aus und ein gehen durften. Und nun gab es niemand mehr, der sich darauf verstand, diese Tür zu öffnen.</p>
<p style="text-align:justify;">Und ich erinnere mich, dass wir Kinder so allmählich lernten, mit Spielzeug und Puppen zu spielen und zu leben wie andere Kinder auch, und da konnte es ja den Anschein haben, als vermissten wir Großmutter nicht mehr, als erinnerten wir uns nicht mehr an sie. Aber noch heute, nach vierzig Jahren, wie ich dasitze und die Legenden über Christus sammle, die ich drüben im Morgenland gehört habe, wacht die kleine Geschichte von Jesu Geburt, die meine Großmutter zu erzählen pflegte, in mir auf. Und ich bekomme Lust, sie noch einmal zu erzählen und sie auch in meine Sammlung mit aufzunehmen.</p>
<p style="text-align:justify;">Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, dass wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an.</p>
<p style="text-align:justify;">»Es war einmal ein Mann«, sagte sie, »der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. &gt;Ihr lieben Leute, helft mir!&lt;, sagte er. &gt;Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer anzünden, um es und den Kleinen zu erwärmen! &lt; Aber es war tiefe Nacht, so dass alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm. Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, dass das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weißer Schafe lag rings um das Feuer und schlief und ein alter Hirt wachte über der Herde. Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, dass drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, dass sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, dass einer nach seiner Hand schnappte und dass einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden. Nun wollte der Mann weitergehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, dass er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.« So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich es nicht lassen, sie zu unterbrechen. »Warum regten sie sich nicht, Großmutter?«, fragte ich. »Das wirst du nach einem Weilchen schon erfahren«, sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort. »Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach seinem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste, an ihm vorbei, weit über das Feld.« Als Großmutter so weit gekommen war, unterbrach ich sie abermals. »Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?« Aber Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr mit ihrer Erzählung fort. »Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: &gt;Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer machen, um es und den Kleinen zu erwärmen.&lt; Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, dass die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, dass die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren und dass sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte. &gt;Nimm, so viel du brauchst, sagte er zu dem Manne.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können. Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: &gt;Nimm, so viel du brauchst! &lt; Und er freute sich, dass der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Apfel gewesen wären.« Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum dritten Mal unterbrochen. »Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?« »Das wirst du schon hören«, sagte Großmutter, und dann erzählte sie weiter. »Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt? Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: &gt;Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen ?&lt; Da sagte der Mann: &gt;Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.&lt; Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzünden und Weib und Kind wärmen zu können.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute.</p>
<p style="text-align:justify;">Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war. Da sah der Hirt, dass der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber der Hirt dachte, dass das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloss, dem Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind daraufbetten.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können. Er sah, dass rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, dass in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.</p>
<p style="text-align:justify;">Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, dass sie niemand etwas zu Leide tun wollten. Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte und sie saßen auf dem Berge und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.</p>
<p style="text-align:justify;">Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, dass seine Augen geöffnet waren, dass er auf die Knie fiel und Gott dankte.«</p>
<p style="text-align:justify;">Aber als Großmutter so weit gekommen war, seufzte sie und sagte: »Aber was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen.«</p>
<p style="text-align:justify;">Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: »Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie dass ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was Not tut, ist, dass wir Augen haben, die Gottes Herrlichkeit sehen können.«</p>
<p>Sophie Härtling (Hrsg): <em>24 Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen.</em><br />
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2006</p>
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		<title>Erikas Geschichte</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 21:14:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Nachdenken]]></category>
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		<category><![CDATA[Tod]]></category>

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		<description><![CDATA[Erikas Geschichte
Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, also, begegnete mir die Frau aus dieser Geschichte. Mein Mann und ich saßen in Rothenburg ob der Tauber auf einer Bank und sahen zu, wie Einsatzkräfte zerbrochene Ziegel entfernten, die vom Rathausdach heruntergefallen waren. Ein schwerer Sturm war in der Nacht zuvor durch diese [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1809&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Erikas Geschichte</h3>
<p style="text-align:justify;"><em>Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, also, begegnete mir die Frau aus dieser Geschichte. Mein Mann und ich saßen in Rothenburg ob der Tauber auf einer Bank und sahen zu, wie Einsatzkräfte zerbrochene Ziegel entfernten, die vom Rathausdach heruntergefallen waren. Ein schwerer Sturm war in der Nacht zuvor durch diese wunderschöne mittelalterliche Kleinstadt gefegt und hatte überall seine Spuren hinterlassen. Ein älterer Ladenbesitzer, der in der Nähe stand, erzählte uns, dass der Sturm ebenso große Verwüstungen verursacht habe wie der letzte alliierte Luftangriff während des Krieges.</em></p>
<p style="text-align:justify;"><em>Als der Mann in seinen Laden zurückging, stellte sich die neben uns sitzende Dame vor. Sie hieß Erika und wollte wissen, ob wir auf Riesen seien.</em></p>
<p style="text-align:justify;"><em>Als ich ihr erzählte, dass wir zwei Wochen in Jerusalem verbracht hatten, sagte sie mir, sehnsuchtsvoller Stimme, dass sie immer einmal nach Jerusalem habe fahren wollen. Doch die Reise habe sie sich nie leisten können.</em></p>
<p style="text-align:justify;"><em>Mir fiel auf, dass sie an einer Halskette einen Davidsstern trug, und deshalb erwähnte ich, dass wir nach unserem Aufenthalt in Israel durch Österreich gefahren waren und das Konzentrationslager Mauthausen besucht hatten. Erika erwiderte, sie sei nur bis zum Tor von Dachau gekommen, habe es aber nicht über sich gebracht, dort einzutreten.</em></p>
<p style="text-align:justify;"><em>Dann erzählte sie mir ihre Geschichte&#8230;</em></p>
<p style="text-align:justify;">Zwischen 1933 und 1945 wurden sechs Millionen Angehörige meines Volkes ermordet. Viele wurden erschossen. Viele wurden verhungern gelassen. Viele wurden verbannt oder vergast.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich nicht.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich wurde irgendwann während des Jahres 1944 geboren.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich kenne meinen Geburtsnamen nicht.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich weiß nicht, in welcher Stadt oder in welchem Land ich geboren wurde.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich weiß nicht, ob ich Geschwister hätte oder habe.</p>
<p style="text-align:justify;">Was ich weiß, ist, dass ich nur einzige wenige Monate alt war, als ich vor dem Holocaust gerettet wurde.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich versuche oft, mir das Leben meiner Familie in unseren letzten gemeinsamen Wochen vorzustellen. Ich stelle mir vor, dass meine Mutter und meinem Vater alles genommen wurde, was sie hatten, und dass sie aus ihrem Zuhause vertrieben und in ein Ghetto umgesiedelt wurden.</p>
<p style="text-align:justify;">Später musste das Ghetto vielleicht geräumt werden. Meine Eltern waren sicher froh, als sie den mit Stacheldraht abgesperrten Stadtteil verlassen konnten, in den sie eingewiesen worden waren – sie glaubten, auf diese Weise vor Typhus, Überfüllung, Schmutz und Hunger fliehen zu können. Aber hatten sie irgendeine Vorstellung von ihrem nächsten Ziel? War ihnen erzählt worden, dass sie an einen besseren Ort gebracht werden sollten? Einen Ort, wo es Nahrung und Arbeit gäbe? Hätten sie geflüsterte Gerüchte über die so genannten Todeslager gehört?</p>
<p style="text-align:justify;">Ich wüsste gern, wie ihnen zumute war, als sie mit Hunderten von anderen Juden zum Bahnhof getrieben wurden. Und in einen Viehwaggon gepfercht. Wo es nur Stehplätze gab. Sind sie in Panik geraten, als sie hörten, wie die Türen verriegelt wurden?</p>
<p style="text-align:justify;">Der Zug muss von einem Dorf zum anderen gefahren sein, durch ländliche Gegenden, die auf seltsame Weise vom Entsetzen unberührt geblieben waren.</p>
<p style="text-align:justify;">Wie viele Tage haben sie in diesem Zug verbracht? Wie viele Stunden mussten meine Eltern dicht gedrängt dort stehen?</p>
<p style="text-align:justify;">Ich stelle mir vor, dass meine Mutter mich an sie drückte, um mich vor dem Gestank, dem Geschrei, der Angst in diesem überfüllten Wagen zu beschützen. Inzwischen wusste sie zweifellos, dass dieser Zug sie nicht in Sicherheit bringen würde.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich fragte mich, wo sie stand. Mitten im Wagen vielleicht? Stand mein Vater neben ihr? Hat er ihr gesagt, sie sollte tapfer sein? Haben sie darüber gesprochen, wie sie sich verhalten sollten?</p>
<p style="text-align:justify;">Wann haben sie ihren Entschluss gefasst? Hat meine Mutter gesagt »Verzeihung, Verzeihung, Verzeihung«? Hat sie sich durch die vielen Menschen zur hölzernen Wagenwand durchgedrängt? Und als sie mich in eine warme Decke gewickelt hat, hat sie dabei meinen Namen geflüstert? Hat sie mein Gesicht mit Küssen bedeckt und mir gesagt, dass sie mich liebe?</p>
<p style="text-align:justify;">Hat sie geweint? Hat sie gebetet?</p>
<p style="text-align:justify;">Als der Zug in einem Dorf sein Tempo verlangsamte, muss meine Mutter durch die Öffnung oben unter dem Dach des Viehwaggons geschaut haben. Zusammen mit meinem Vater muss sie versucht haben, den Stacheldraht, der das Loch bedeckte, beiseitezuschieben. Vielleicht haben die Umstehenden geholfen. Meine Mutter muss mich über ihren Kopf in das trübe Tageslicht gehoben haben. Und was dann passiert ist, ist das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß.</p>
<p style="text-align:justify;">Meine Mutter hat mich aus dem Zug geworfen.</p>
<p style="text-align:justify;">Sie warf mich auf eine kleine Wiese neben einem Eisenbahnübergang. Menschen, die dort standen, die den Zug vorüberlassen wollten, sahen, wie sie mich aus dem Viehwaggon warf. Auf ihrer Fahrt in den Tod warf meine Mutter mich ins Leben.</p>
<p style="text-align:justify;">Jemand, der in der Nähe stand, hob mich auf und brachte mich zu der Frau, die dann für mich gesorgt hat. Sie hat ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt. Sie schätzte mein Alter und gab mir ein Geburtsdatum. Sie nennte mich Erika. Sie gab mir ein Zuhause. Sie gab mir Essen, sie gab mir Kleidung und sie schickte mich in die Schule. Sie war gut zu mir.</p>
<p style="text-align:justify;">Mit einundzwanzig Jahren heiratete ich einen wunderbaren Mann. Er befreite mich von der Traurigkeit, die mich erfüllte, und er verstand meine Sehnsucht nach einer Familie. Wir bekamen drei Kinder und sie haben jetzt ihre eigenen Kinder. In ihren Gesichtern sehe ich mein eigenes.</p>
<p style="text-align:justify;">Eins hieß es, mein Volk werde so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel.</p>
<p style="text-align:justify;">Zwischen 1933 und 1945 sind sechs Millionen von diesen Sternen ausgelöscht worden. Jeder Stern steht für einen Menschen aus meinem Volk, dessen Leben zerstört und dessen Familie auseinander gerissen wurde.</p>
<p style="text-align:justify;">Heute hat mein Baum wieder Wurzeln.</p>
<p style="text-align:justify;">Und mein Stern leuchtet noch immer.</p>
<p style="text-align:justify;">Ruth Vander Zee ; Roberto Innocenti: <em>Erikas Geschichte.</em><br />
Düsseldorf: Sauerländer 2003</p>
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		<title>Opa ist woanders &#8211; Evelyne Stein-Fischer</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 15:43:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
		<category><![CDATA[Phantasie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>

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		<description><![CDATA[Opa ist woanders
»Komm«, sagt die Mama, »wir fahren den Opa besuchen«. Aber es ist nicht wie sonst.
Herbert braucht keinen Fußball mitzunehmen, weil der Opa nicht mit ihm spielen wird. Er braucht auch nicht seinen Pyjama einzupacken, weil er nicht bei ihm übernachten wird. Herbert braucht nur seine Gedanken mitzunehmen, alle, die er hat, wenn er [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1776&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Opa ist woanders</h3>
<p style="text-align:justify;">»Komm«, sagt die Mama, »wir fahren den Opa besuchen«. Aber es ist nicht wie sonst.</p>
<p style="text-align:justify;">Herbert braucht keinen Fußball mitzunehmen, weil der Opa nicht mit ihm spielen wird. Er braucht auch nicht seinen Pyjama einzupacken, weil er nicht bei ihm übernachten wird. Herbert braucht nur seine Gedanken mitzunehmen, alle, die er hat, wenn er an den Opa denkt. Weil der nicht mehr ist. Nicht mehr so, dass er mit ihm spielen kann. Nicht mehr so, dass er einem für ein Tor ein Stück Schokolade in den Mund schiebt. Man kann ihn auch nicht mehr festhalten und selber festgehalten werden.</p>
<p style="text-align:justify;">»Der Opa ist jetzt woanders«, sagen die Eltern. Aber wo, sagen sie nicht. »Er ist irgendwo im Himmel«, meint die Oma. Aber wo das genau ist, weiß sie auch nicht. Sie weiß nur, dass man den Opa, auch wenn er nicht mehr auf der Erde ist, liebhaben kann. Liebhaben muss, damit es ihm weiter gut geht. »Damit sich die Seele vom Opa freut«, hat ihm die Oma einmal gesagt. Lieb hat Herbert seinen Großvater ohnehin.</p>
<p style="text-align:justify;">Bei ihm übernachten war so schön, dass das Leintuch unter Herberts Popo in der Dunkelheit zum fliegenden Teppich geworden ist. Der Opa ist der Reiseführer gewesen. Rund um die Welt. Vorher durfte Herbert all die Sachen tun, die er daheim nicht darf.</p>
<p style="text-align:justify;">Ganz lange aufbleiben.</p>
<p style="text-align:justify;">Sich ganz kurz waschen.</p>
<p style="text-align:justify;">Ganz viel Schokolade naschen.</p>
<p style="text-align:justify;">Nur das Zähneputzen danach war wie daheim. » Weil« &#8211; hat der Opa gemeint &#8211; »sonst der Fahrtwind in die Zahnlöcher saust! Und du fliegst wie ein vollgefüllter Windsack über den Dächern von Istanbul. Willst du das ?«</p>
<p style="text-align:justify;">Nein. Ein vollgefüllter Windsack wollte Herbert nicht sein. Da war ihm der König der Piraten schon lieber. Auch wenn der sich &#8211; laut Opas Plan -immer viel zu schnell müde gekämpft hatte. Denn irgendwann musste auch bei Opa Schluss sein.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber nicht einfach: »Mach das Licht aus. Jetzt ist&#8217;s genug!« Sondern mit einer abenteuerlichen Landung. Bis das Leintuch unterm Popo wieder ein richtiges Leintuch geworden ist.</p>
<p style="text-align:justify;">»Gute Nacht, Pirat!« hat der Opa gesagt und dem eben noch feindlichen Angreifer einen großväterlichen Kuss auf die Stirn gedrückt. »Und wenn du schlecht träumst oder dir kalt ist, komm in mein Bett!«</p>
<p style="text-align:justify;">Selbst nach den wildesten Abenteuern hat Herbert nie schlecht geträumt. Kalt ist ihm auch nicht gewesen. In Opas Bett ist er trotzdem manchmal gekommen.</p>
<p style="text-align:justify;">Lieb &#8211; hat Herbert den Opa sehr. Statt Fußball und Pyjama wird er heute seine Liebe zum Opa auf den Friedhof mitnehmen. Herbert war erst einmal dort. Als sein Großvater begraben wurde. Herbert hat nicht geweint. Er ist zwar traurig gewesen, aber geweint hat er nicht. Da hat es so viel zu schauen gegeben: Den Sarg. Die Blumen. Die Menschen. Das große tiefe Loch in der Erde.</p>
<p style="text-align:justify;">Mit dem Opa hat das Loch gar nichts zu tun gehabt. Der ist in Herberts Kopf quicklebendig gewesen. Der ist hinter dem Fußball hergerannt und hat ihn Herbert gegen das Schienbein geschleudert, und der hat zurückgeschossen. Toor!! Der Opa hat sich wild gefreut und Bravo geschrien, obwohl er doch 1 : 0 verloren hat.</p>
<p style="text-align:justify;">Er war eben so. Laut und stark und fröhlich.</p>
<p style="text-align:justify;">Er hat immer alle mit seiner Fröhlichkeit angesteckt, hat die Mama erzählt. Aber damals, am Grab, hat die Ansteckung nichts mehr genützt.</p>
<p style="text-align:justify;">Alle waren traurig.</p>
<p style="text-align:justify;">Auch Herbert. Nur, dass er eben nicht weinen hat können.</p>
<p style="text-align:justify;">»Der Bub«, hat die Oma später gesagt, »hat nicht einmal geweint. Dabei hat er seinen Großvater doch so lieb gehabt!«</p>
<p style="text-align:justify;">Die Oma versteht das nicht.</p>
<p style="text-align:justify;">«Als sie alle hinter dem Sarg hergegangen sind, hat Herbert sich gar nicht vorstellen können, dass der Opa da drinnen liegen soll. Und später hat er doch mit ihm in seinem Kopf Fußball gespielt. Und als alle geweint haben und es so still gewesen ist, trotz der vielen Menschen, hat Herbert den Opa um Hilfe gebeten: Dass er ihn jetzt gleich, sofort &#8211; ganz festhalten soll. Weil Herbert sonst niemanden hat. Weil sich der Papa um die weinende Mama kümmert und die Mama die weinende Oma stützt. Aber ihn, Herbert, haben sie vergessen. Plötzlich hat er sich nicht mehr zurechtgefunden unter den auf einmal so fremden Gesichtern und Menschen, die alle auf die Erde hinunter gesehen haben, als könnten sie überhaupt nie mehr aufschauen und ihn entdecken.</p>
<p style="text-align:justify;">Da hat sich Herbert gewundert, dass der fußballspielende, lachende Opa zwar in seinem Kopf da war, aber den Herbert nicht festhalten hat können. Von einer Sekunde auf die andere ist seine Kehle ganz eng geworden. Das Weinen ist ihm in die Nase gestiegen und hat sich in die Augenwinkel hinaufgedrängt, aber herausgekommen ist es nicht. Herbert hat so tief drinnen geweint, dass es keiner gemerkt hat. Herbert hat gewusst, dass es dem Opa jetzt gut geht.</p>
<p style="text-align:justify;">Nicht da unten, in der Tiefe der Erde, sondern dort oben, wo es hell und freundlich ist. Aber den Gewitterwolken, hoch oben über dem Schwarz und dem Grau.</p>
<p style="text-align:justify;">Der Opa hat ihm in den letzten Wochen oft gesagt: »Herbert, wenn ich einmal nicht mehr bin, sollst du nicht weinen. Ich spiele zwar noch mit dir und lache, und du bist der König der Piraten, aber manchmal habe ich jetzt arge Schmerzen. So ganz gemeine, die gemein weh tun und die immer schlimmer werden. Und die hab ich nicht mehr, wenn ich nicht mehr bin. Dann geht&#8217;s mir gut.«</p>
<p style="text-align:justify;">Herbert hat nur genickt. Aber er hat sich nicht vorstellen können, was dieses dann bedeutet.</p>
<p style="text-align:justify;">»Ich sag&#8217; dir das alles, weil du mich sehr lieb hast«, hat der Opa hinzugefügt. »Nur wenn man jemanden sehr lieb hat, kann man ihn auch verstehen. Dann will man nur, dass es ihm gut geht. Wo immer er auch sein mag.«</p>
<p style="text-align:justify;">Und der Opa hat eine weitausholende Armbewegung gemacht. Eine Armbewegung, die die Erde und den Himmel umfasst hat.</p>
<p style="text-align:justify;">Jetzt geht es dem Opa also gut.</p>
<p style="text-align:justify;">Weil er nicht mehr da ist.</p>
<p style="text-align:justify;">Sondern woanders.</p>
<p style="text-align:justify;">Und er will nicht, da der König der Piraten weint.</p>
<p style="text-align:justify;">Deshalb wird Herbert jetzt mit der Mama zum Grab hinausfahren. Ihr zuliebe. »Den Opa besuchen.« Obwohl der bestimmt nicht mehr dort ist.</p>
<p>Evelyne Stein-Fischer: <em>13 Geschichten vom Liebhaben.</em><br />
München: DTV Junior 1990</p>
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		<title>Die lange Reise nach Hause &#8211; Wilhelm Meissel</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 15:27:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Aufmerksamkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die lange Reise nach Hause
Leo mochte nicht mehr nach Hause gehen. Zu Hause war es öde. Vater kam auch nicht mehr. Er wohnte jetzt woanders. Das hatte besondere Gründe: Vater hatte sich scheiden lassen.
Scheiden tut weh, heißt es in einem Lied. Wenn Leo seinen Vater betrachtete, den er einmal im Monat sah, war nichts von [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1773&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Die lange Reise nach Hause</h3>
<p style="text-align:justify;">Leo mochte nicht mehr nach Hause gehen. Zu Hause war es öde. Vater kam auch nicht mehr. Er wohnte jetzt woanders. Das hatte besondere Gründe: Vater hatte sich scheiden lassen.</p>
<p style="text-align:justify;">Scheiden tut weh, heißt es in einem Lied. Wenn Leo seinen Vater betrachtete, den er einmal im Monat sah, war nichts von Weh in seinem Gesicht. Davon war schon mehr im Gesicht seiner Mutter zu sehen. Warum eigentlich? Sie bekam doch Geld und die Kinderbeihilfe von Vater. Trotzdem war sie unglaublich geizig mit dem Taschengeld. Aber nicht nur damit. Sie hatte plötzlich einen Hang zur eisernen Pflichterfüllung und holte Leo morgens viel zu früh aus dem Bett.</p>
<p style="text-align:justify;">„Du musst rechtzeitig in der Schule sein“, sagte sie.</p>
<p style="text-align:justify;">Aber sie sagte das mit einer Stimme, die Leo auf die Palme brachte. Mutter brüllte nicht, keifte nicht, murrte nicht. Ganz im Gegenteil. Sie war sanft, freundlich, liebenswürdig. Das hielt Leo nicht aus. Wenn er sich aber fragte, warum, konnte er keine Antwort finden. Das wurmte ihn noch mehr. Er hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, wenn sie ihn anredete. Gut, früher hatte ihn der Vater mit dem Wagen zur Schule geführt. Das war vorbei. Aber musste sie ihn deswegen so früh aus dem Bett jagen?</p>
<p style="text-align:justify;">Nach der Schule graute Leo davor heimzugehen. Eigentlich trieb ihn nur der Hunger in die Wohnung. Wenn er die Tür aufsperrte, krampfte sich sein Magen zusammen, denn er wusste, was jetzt kommen würde.</p>
<p style="text-align:justify;">„Was hat es in der Schule Neues gegeben?“ fragte die Mutter.</p>
<p style="text-align:justify;">„Nichts“, antwortete er.</p>
<p style="text-align:justify;">„Hast du heute Hausaufgaben? “ fragte sie weiter.</p>
<p style="text-align:justify;">„Ja“, antwortete er mürrisch.</p>
<p style="text-align:justify;">„Wir wollen die Sache herzhaft angehen“, sagte sie.</p>
<p style="text-align:justify;">Herzhaft! Hausaufgaben herzhaft angehen! Sie sagte tatsächlich herzhaft. Vater hätte ihn nie mit solchen Worten belästigt.</p>
<p style="text-align:justify;">Wenn er dann an seinem Tisch saß und arbeitete, kam Mutter herbei, schaute ihm über die Schulter und legte ihm die Hand sanft auf die Haare. Wie er das hasste! Er war doch keine Tränensuse, die nach Trost hungerte.</p>
<p style="text-align:justify;">„Weißt du, wir müssen jetzt zusammenhalten“, sagte sie dazu leise.</p>
<p style="text-align:justify;">Zusammenhalten? Gegen was und wen? Gegen Vater? Dass sie sich nicht täuschte!</p>
<p style="text-align:justify;">War Leo mit den Hausaufgaben fertig, schlich er auf Zehenspitzen in die Diele. Er schlüpfte in die Laufschuhe und lauschte. Mutter saß bei der Schreibmaschine und machte Schreibarbeiten für ein Büro. Sie schrieb auch an Samstagen, manchmal auch an Sonntagen. Und was brachte das? Es gab trotzdem nur Kartoffeln oder Haferflocken und Spinat. Machte Mutter mit ihm doch einmal einen Ausflug, dann kamen sie höchstens mit der Straßenbahn bis an den Stadtrand. Wie ihn das anödete, über die überfüllten Lagerwiesen zu spazieren und auf einem Fitnessweg durch den Wald zu schlendern. Wo war denn da ein Sinn?</p>
<p style="text-align:justify;">Leo öffnete leise die Tür und stahl sich davon. Er lief zur nahen U-Bahn-Station. Dort hatte er vor Wochen ein paar Typen kennengelernt, die ihm mächtig imponierten. Die hingen immer dort herum und führten einen Spruch, der sich gewaschen hatte. Mit diesen Typen fluchte er, stänkerte Leute an, machte Radau und brüllte sich seinen Ärger und sein Unbehagen aus dem Bauch.</p>
<p style="text-align:justify;">Wenn er zum Abendessen heimkehrte, bemühte er sich nicht, leise zu sein.</p>
<p style="text-align:justify;">„Wo warst du?“ fragte ihn die Mutter.</p>
<p style="text-align:justify;">„Unten“, antwortete er.</p>
<p style="text-align:justify;">„Was heißt das?“</p>
<p style="text-align:justify;">„Ich habe meine Kumpel getroffen.“</p>
<p style="text-align:justify;">„Du hältst es nicht für notwendig, mir vorher etwas davon zu sagen?“</p>
<p style="text-align:justify;">Darauf schwieg er und ging in sein Zimmer. Nach dem Essen, das er lustlos in sich hineinschaufelte, ging er wie ein Tier in seiner Stube auf und ab. Dann kam Mutter und sah ihm eine Weile zu.</p>
<p style="text-align:justify;">„Wollen wir nicht miteinander reden?“ fragte sie.</p>
<p style="text-align:justify;">„Lass mich“, antwortete er.</p>
<p style="text-align:justify;">Da kehrte sie zu ihrer Schreibmaschine zurück und arbeitete weiter. Manchmal merkte er, sie verweinte Augen hatte und ein ganz spitzes Gesicht. Aber sie weinte nie laut, sie schrie nicht, sie schlug nie mit der Faust auf den Tisch. Das machte ihn wahnsinnig, dass sie ihn niemals beschimpfte oder ungerecht behandelte.</p>
<p style="text-align:justify;">Nachts, wenn Leo auf das Klosett musste, merkte er im Zimmer seiner Mutter Licht. Er fragte sich, was sie dort tat, aber er vermied es nachzuschauen.</p>
<p style="text-align:justify;">In seiner Geldbörse trug Leo die Telefonnummer seines Vaters. Es gab nur wenige Augenblicke, wo er ungestört telefonieren konnte. Meist dann, wenn die Mutter ihre Arbeit im Büro ablieferte. Da blieb sie eine Stunde fort, und Leo hängte sich ans Telefon. Aber er hatte kein Glück in letzter Zeit. Immer wenn er abhob, kam ein Besetztzeichen. Er wunderte sich auch, dass Vater nie anrief.</p>
<p style="text-align:justify;">Als die Mutter heimkehrte, stellte er sich in die Tür ihres Zimmers.</p>
<p style="text-align:justify;">„Das Telefon ist kaputt“, sagte er vorwurfsvoll.</p>
<p style="text-align:justify;">„Es ist nicht kaputt“, antwortete die Mutter müde, „es ist gesperrt.“</p>
<p style="text-align:justify;">„Warum gesperrt?“</p>
<p style="text-align:justify;">„Weil ich die Gebühren nicht bezahlen kann.“</p>
<p style="text-align:justify;">„Nichts klappt hier“, sagte er und ging wütend in sein Zimmer.</p>
<p style="text-align:justify;">Er vergrub sein Gesicht zwischen den Händen, er presste seine Ohren zu, aber das Schreibmaschinengeklapper hörte er trotzdem. Schwieg die Schreibmaschine, klirrte das Geschirr in der Abwäsche oder rumpelte die Waschmaschine im Badezimmer. Immer tat sie etwas, nur er konnte nichts tun, nichts. Er wartete und wartete, nur wusste er nicht, worauf.</p>
<p style="text-align:justify;">Das Semesterzeugnis war miserabel. Die Mutter hatte es zu sehen gewünscht. Dagegen konnte er nicht protestieren, und er machte sich auf einen Wirbel gefasst. Die Mutter schaute auf das Papier, legte es auf den Tisch und sagte: „Was ist los mir dir? Warum tust du mir das an?“</p>
<p style="text-align:justify;">„Ich? Dir?“ sagte er verwirrt.</p>
<p style="text-align:justify;">„So darf das nicht weitergehen mit uns beiden“, sagte die Mutter.</p>
<p style="text-align:justify;">Da hatte sie recht. So konnte es nicht weitergehen. Er wollte nicht mehr. Er erinnerte sich an das Vormundschaftsgericht. Er war damals Streitobjekt und wurde der Mutter zugesprochen.</p>
<p style="text-align:justify;">Zugesprochen! Sprechen konnten die, so viel sie wollten. In Wirklichkeit gehörte er woanders hin. Mit vierzehn Jahren durfte er selbst entscheiden. Das waren noch eineinhalb Jahre. Dann würde alles klar werden. Klare Fronten, wie sein Vater zu sagen pflegte. Raus wollte er, endlich raus aus der tristen Dämmerstube.</p>
<p style="text-align:justify;">Kurz vor Ostern bekam Leo einen Brief. Die Mutter hatte das Schreiben auf Leos Tisch gelegt. Es war ein Brief von Vater.</p>
<p style="text-align:justify;">Willst Du mit mir verreisen? las Leo. Telefonieren kann man mit Dir nicht, weil Euer Telefon abgeschaltet ist. Wie wäre es mit Italien? Schreib sofort zurück.</p>
<p style="text-align:justify;">„Ja!“ brüllte Leo, und die Mutter zuckte hinter der Schreibmaschine zusammen. Leo schrieb zurück, trug seine Sachen zusammen und packte den Rucksack. Er pfiff und trällerte, er war mit den Gedanken schon weit fort. Er merkte nicht, was seine Mutter für ein Gesicht machte und was sie tat. Sie legte ihm eine neue Zahnbürste und Zahncreme neben den Rucksack, Seife, Waschlappen, frische Unterwäsche und etwas Proviant. Sie kramte im Wäscheschrank nach einem Kuvert. Sie teilte den Inhalt des Kuverts und legte die Hälfte der Geldscheine unter die Seifenschale.</p>
<p style="text-align:justify;">„Für alle Fälle“, sagte sie.</p>
<p style="text-align:justify;">„Ich brauche das nicht“, sagte Leo.</p>
<p style="text-align:justify;">„Man kann nie wissen“, meinte die Mutter.</p>
<p style="text-align:justify;">Er nahm das Geld doch, er hatte ein komisches Gefühl, und das würgte ihm den Hals zu, sodass er nicht einmal Danke sagen konnte.</p>
<p style="text-align:justify;">Als Leo das Haus verließ, dachte er nicht mehr daran. Er war erfüllt von überschwänglicher Freude, und die Straßenbahn zum Bahnhof schlich wie eine Schnecke.</p>
<p style="text-align:justify;">Endlich traf Leo seinen Vater. Er sah nur ihn. Er stürmte auf ihn los, umarmte ihn und lachte.</p>
<p style="text-align:justify;">„Hallo, Leo!“ sagte der Vater.</p>
<p style="text-align:justify;">„Ich freu&#8217; mich, Vater.“</p>
<p style="text-align:justify;">„Mach mir auch eine Freude“, sagte der Vater, „und sag nicht Vater, sondern Hans zu mir.“</p>
<p style="text-align:justify;">„Ja“, rief Leo laut, und einige Leute drehten sich um.</p>
<p style="text-align:justify;">„Da ist noch jemand, der mitfährt“, sagte der Vater. „Sie heißt Nora.“</p>
<p style="text-align:justify;">Leo drehte sich um. Eine junge Frau betrachtete ihn kühl und gab ihm kurz die Hand.</p>
<p style="text-align:justify;">„Guten Tag“, sagte sie, und Leo verspürte einen Stich.</p>
<p style="text-align:justify;">„Guten Tag“, grüßte Leo leise.</p>
<p style="text-align:justify;">So ist das also, dachte Leo, das ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.</p>
<p style="text-align:justify;">„Was macht ihr für Gesichter!“ rief der Vater. „Seid lustig, Kinder. Wir sind ja eine Familie!“</p>
<p style="text-align:justify;">Leo zwang sich zu einem Lächeln, aber Nora blieb ernst.</p>
<p style="text-align:justify;">Vielleicht wird es trotzdem schön, beruhigte sich Leo, und er atmete tief durch.</p>
<p style="text-align:justify;">„Wie steht es mit deinen Finanzen, Leo?“ fragte der Vater.</p>
<p style="text-align:justify;">Leo klopfte gegen seine Brusttasche und fühlte sich sofort sicherer.</p>
<p style="text-align:justify;">„Gut“, sagte der Vater, „das Geld verwahre ich, du verlierst es nur.“</p>
<p style="text-align:justify;">Dann gingen sie zum Schalter und kauften die Fahrkarten.</p>
<p style="text-align:justify;">Sie fuhren. Leo hatte die Augen geschlossen, genoss das Rattern der Räder, träumte die Bahnfahrt voraus, träumte vom blauen Meer, dem lachenden Gesicht des Vaters und den wilden Spassen, die sie miteinander haben würden. Aber wenn er das Gesicht des Vaters vor sich hatte, schob sich das von Nora davor.</p>
<p style="text-align:justify;">Leo machte die Augen auf. Vater und Nora saßen ihm gegenüber, ihre Hände lagen ineinander, und sie schwiegen.</p>
<p style="text-align:justify;">Eigentlich hätte er neben Vater sitzen sollen, eigentlich hätte er mehr Anspruch darauf als die Fremde, die nicht wissen konnte, was er gelitten hatte ohne ihn.</p>
<p style="text-align:justify;">„Er ist wach“, sagte Nora. „Gehen wir, ich habe Hunger.“</p>
<p style="text-align:justify;">Sie erhob sich und zog Vater mit.</p>
<p style="text-align:justify;">„Hast du etwas zu essen?“ fragte der Vater und zeigte auf Leos Rucksack.</p>
<p style="text-align:justify;">Leo nickte.</p>
<p style="text-align:justify;">„Wir sind gleich zurück. Pass auf das Gepäck auf“, sagte der Vater und zwinkerte ihm zu.</p>
<p style="text-align:justify;">Sie verließen ihn, gingen in den Speisewagen, plauderten und lachten. Leo holte den Proviant aus dem Rucksack. Er war plötzlich ohne Gefühl, er war leer, er öffnete mechanisch die Dose, legte die Brote zurecht und ein Säckchen, bei dem ein Zettel lag. Er erkannte die Handschrift seiner Mutter. SALZ stand auf dem Zettel. Er spürte die Hitze in seinen Ohren. Er begann, ohne Appetit zu essen, er räumte die Abfälle fort, aber er war unfähig, den Zettel wegzugeben, sondern steckte ihn in die Rocktasche zu den losen Münzen. Dann versuchte er zu schlafen.</p>
<p style="text-align:justify;">Er musste tatsächlich eingeschlafen sein, denn als er die Augen aufmachte, war es hell. Vater saß ihm gegenüber, und Nora hatte den Kopf auf Vaters Schulter gelegt und schlief. Der Vater lächelte Leo zu.</p>
<p style="text-align:justify;">„Wir sind gleich da“, sagte er.</p>
<p style="text-align:justify;">Das Hotel lag am Strand. Es gab wenig Gäste. Niemand war im Wasser. Es war zu früh im Jahr. Einige Paare gingen auf dem Strand auf und ab, genossen die frische Brise oder lagen in Decken gehüllt in den Liegestühlen. Vater und Nora spazierten Hand in Hand über den Sand, Leo drei Schritte hinterher. Das ging nun schon den zweiten Tag so. Leo hätte gern seine Hand in die freie Hand seines Vaters geschoben, aber er war kein kleines Kind; er schämte sich, es kam ihm albern vor. Er wartete auf ein Zeichen von Vater, dass es endlich losginge: ein Ballspiel, ein Lauf, eine Mutprobe im kalten Wasser. Er wartete vergeblich. Er trabte drei Schritte hinter Nora und Vater. Blieben sie stehen, stoppte auch er; gingen sie weiter, trabte er an. Bis sich Nora umdrehte.</p>
<p style="text-align:justify;">„Sag, Leo, kannst du nicht allein etwas unternehmen?“ fragte sie.</p>
<p style="text-align:justify;">Leo blickte von ihr zu Vater. Der Vater schaute auf das Meer.</p>
<p style="text-align:justify;">„Ein Segelboot!“ sagte der Vater.</p>
<p style="text-align:justify;">Auch Leo blickte hinaus.</p>
<p style="text-align:justify;">„Ja“, sagte Leo leise, „ich kann etwas unternehmen. Gibst du mir mein Geld, Vater?“</p>
<p style="text-align:justify;">„Geld? Da ist nichts übrig. Das hat gerade für deine Fahrkarte gereicht.“</p>
<p style="text-align:justify;">„Ich gehe ins Hotel“, sagte Leo.</p>
<p style="text-align:justify;">„Wir sehen uns beim Essen“, lächelte der Vater.</p>
<p style="text-align:justify;">Leo ging langsam am Strand zurück. Als er außer Sicht des Vaters war, rannte er. Im Zimmer seines Vaters suchte er die Fahrkarte und nach Papier. Er fand die Karte, aber kein Papier. Er nahm den verknüllten Zettel aus der Tasche, auf den seine Mutter das Wort Salz geschrieben hatte. Es erstaunte ihn, weil er sich jetzt leicht von ihm trennte.</p>
<p style="text-align:justify;">Danke für die Einladung, schrieb er auf den Zettel und steckte ihn an den Spiegel. Dann packte er in der Besenkammer, in der seine Pritsche war, den Rucksack und rannte zum Bahnhof. Der Mann beim Schalter erklärte ihm mit den Fingern, in wie viel Stunden der Zug kommen würde. Leo sperrte sich ins Bahnhofsklosett und wartete. Als der Zug einfuhr, schlich Leo wie ein Dieb über den Bahnsteig und schlüpfte in einen Waggon. Der Zug fuhr an, und Leo weinte. Er wusste nicht, warum. Er spürte keinen Schmerz und keine Freude, nur Erleichterung. Er schloss die Augen, das Land flog vorbei, er sah es hinter geschlossenen Lidern, und er lauschte dem Stoßen der Räder. Es ratterte und ratterte wie die Schreibmaschine der Mutter. Er hatte Hunger, aber kein Geld. Die wenigen Münzen in der Tasche reichten nicht einmal für die Straßenbahn in der Stadt, in die er zurückkam.</p>
<p style="text-align:justify;">Er wanderte durch die dunklen Gassen, erreichte sein Haus und sah Licht hinter den Fenstern. Er sperrte leise auf, er schlich zu dem erleuchteten Zimmer und hielt den Atem an.</p>
<p style="text-align:justify;">Er sah die Schreibmaschine, in die Papier eingespannt war, und einen Pack beschriebener Blätter. Daneben stand das Bügelbrett, darunter der Korb voll Wäsche, auf dem Fußboden lagen Strümpfe und bunte Tücher. Er sah die Mutter seine Hemden falten, seine Wäsche glattstreichen. Er stand, unfähig einen Schritt weiter zu tun, und wartete. Er ließ den Rucksack fallen.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Mutter erschrak. Leo blickte in ein ängstliches Gesicht, doch dann war Freude um den Mund, als sie ihn auf der Schwelle erkannte. Sie stand auf, kam auf ihn zu und betrachtete aufmerksam und lange sein Gesicht.</p>
<p style="text-align:justify;">„Du wirst sicher Hunger haben“, sagte sie und ging an ihm vorbei.</p>
<p style="text-align:justify;">„Mama“, sagte er.</p>
<p style="text-align:justify;">Das hatte er schon monatelang nicht gesagt. Und weil im Vorzimmer kein Licht brannte, umarmte er sie.</p>
<p style="text-align:right;">Wilhelm Meissel</p>
<p>Brigitte und Wilhelm Meissel (Hrsg.): <em>Fernweh.</em><br />
Wien: Herder Verlag 1980</p>
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		<title>Fremder Mann &#8211; Waltraud Zehner</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 15:15:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufmerksamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Dialog]]></category>
		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Erziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://kindergeschichten.wordpress.com/?p=1769</guid>
		<description><![CDATA[Fremder Mann 
Waltraud Zehner
Einmal im Monat kommt mein Vater,
holt mich ab, wir gehen in den Zoo.
Er kauft mir Schoko und Cola und Tierfutter
und denkt, ich bin froh.
Bei den Affen bleiben wir lange stehn.
Mein Vater schaut auf die Uhr:
Wir sollten jetzt weitergehn.
Im Gasthaus krieg ich wie immer Pizza und Eis.
Wie geht‘s in der Schule, fragt er,
hier hast [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1769&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Fremder Mann </h3>
<p style="text-align:center;">Waltraud Zehner</p>
<p style="text-align:center;">Einmal im Monat kommt mein Vater,<br />
holt mich ab, wir gehen in den Zoo.<br />
Er kauft mir Schoko und Cola und Tierfutter<br />
und denkt, ich bin froh.<br />
Bei den Affen bleiben wir lange stehn.<br />
Mein Vater schaut auf die Uhr:<br />
Wir sollten jetzt weitergehn.<br />
Im Gasthaus krieg ich wie immer Pizza und Eis.<br />
Wie geht‘s in der Schule, fragt er,<br />
hier hast du zehn Mark für Fleiß.<br />
Einen Sonntag im Monat hat mein Vater Zeit,<br />
einen ganzen Tag lang sind wir zu zweit,<br />
manchmal kommt er mir vor wie ein fremder Mann,<br />
und ich trau mich nicht zu sagen,<br />
dass ich die Mathe nicht kann.<br />
 </p>
<p>Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): <em>Die Erde ist mein Haus – Jahrbuch der Kinderliteratur.</em><br />
Weinheim: Beltz&amp;Gelberg 1988</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Das Bauchweh &#8211; Nasrin Siege</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 15:05:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Dialog]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Bauchweh
Nasrin Siege
Andreas hat Bauchweh. Er hat zu viel Kuchen gegessen. Mama zaubert das Bauchweh weg: »Das Bauchweh ist wie ein kleiner Vogel. Das Bauchweh fliegt ganz hoch, auf die Spitze eines Baumes. Dann fällt das Bauchweh runter in den Fluss. Plumps! Ein Krokodil kommt angeschwommen und frißl das Bauchweh auf. Das hätte es lieber [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1766&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Das Bauchweh</h3>
<p style="text-align:center;">Nasrin Siege</p>
<p style="text-align:justify;">Andreas hat Bauchweh. Er hat zu viel Kuchen gegessen. Mama zaubert das Bauchweh weg: »Das Bauchweh ist wie ein kleiner Vogel. Das Bauchweh fliegt ganz hoch, auf die Spitze eines Baumes. Dann fällt das Bauchweh runter in den Fluss. Plumps! Ein Krokodil kommt angeschwommen und frißl das Bauchweh auf. Das hätte es lieber nicht tun sollen, denn danach bekommt es ganz doll Bauchweh. &gt;Aua, aua!&lt; schreit es. Seine Mutter kommt ganz aufgeregt angeschwommen und sagt zu ihm: &gt;Dann spuck&#8217;s doch aus!&lt; Das tut es, und dann hat es kein Bauchweh mehr. Das Bauchweh schwimmt weiter – wie ein kleiner Fisch. Wer es frisst, bekommt selber Bauchweh. Nur Andreas und das Krokodil haben kein Bauchweh mehr.«</p>
<p style="text-align:center;"><em>Zärtlichkeiten:<br />
Die Arme ausbreiten<br />
Märchen erzählen<br />
Blätter sammeln<br />
Bauchweh wegstreicheln</em></p>
<p style="text-align:justify;">Einmal hab ich Bauchweh gehabt. Das Bauchweh war das Diktat, das wir an dem Tag, an dem ich Bauchweh bekam, schreiben sollten. Als ich morgens aufwachte, hatte ich schon ein leises Grummeln im Magen. »Ich habe Bauchweh«, habe ich zu meiner Mutter gesagt.</p>
<p style="text-align:justify;">»Schreibst du eine Arbeit heute?« hat sie mich gefragt. Ich kann nicht lügen, höchstens mal ein bisschen flunkern. Aber dann kriege ich auch schon wieder Bauchweh. Also lass ich das lieber sein. Dann schon lieber Bauchweh, weil ich irgendeine Arbeit schreibe. »Ja, aber ich hab wirklich Bauchweh!« habe ich zu meiner Mutter gesagt.</p>
<p style="text-align:justify;">Da hat sie mir eine Entschuldigung geschrieben. Ich bin nicht zur Schule gegangen. Mutter hat gesagt, dass ich zu Hause bleiben soll, und sie hat mir eine Suppe gemacht und mit mir Diktat geübt. Als ich am nächsten Morgen zur Schule gegangen bin, hab ich kein Bauchweh mehr gehabt.</p>
<p style="text-align:justify;">Der Lehrer war auch krank gewesen. Er hatte auch Bauchweh gehabt. Er sagte, er hätte was Schlechtes gegessen. Dann hat er die Arbeit mit uns allen nachgeschrieben, und ich hab nur wenig Fehler gemacht. Seitdem hab ich kein Bauchweh mehr vor einer Arbeit. Mutter sagt, auch Bauchweh muss man mal haben. Man muss nur wissen, warum.</p>
<p>Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): <em>Die Erde ist mein Haus – Jahrbuch der Kinderliteratur.</em><br />
Weinheim: Beltz&amp;Gelberg 1988</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Weihnachtswunder</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/24/weihnachtswunder/</link>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 15:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Advent]]></category>
		<category><![CDATA[Aufmerksamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>

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		<description><![CDATA[Weihnachtswunder
Holger Wittschen
 Leon stand vor seinem Kleiderschrank und konnte sich nicht entscheiden, ob er das grün-weiße Trikot von Werder Bremen oder das weinrote von Arsenal London anziehen sollte. Schließlich griff er das neue Brasilientrikot mit Ronaldinho auf dem Rücken. Dazu eine blaue Trainingshose und passende Stutzen. Stolz betrachtete er sich vor seinem Zimmerspiegel, und Ballack, Klose [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1764&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Weihnachtswunder</h3>
<p style="text-align:center;">Holger Wittschen</p>
<p style="text-align:justify;"> Leon stand vor seinem Kleiderschrank und konnte sich nicht entscheiden, ob er das grün-weiße Trikot von Werder Bremen oder das weinrote von Arsenal London anziehen sollte. Schließlich griff er das neue Brasilientrikot mit Ronaldinho auf dem Rücken. Dazu eine blaue Trainingshose und passende Stutzen. Stolz betrachtete er sich vor seinem Zimmerspiegel, und Ballack, Klose und die gesamte deutsche Nationalmannschaft guckten ihm von Postern an seinen Zimmerwänden zu. Fußballer zu sein war wirklich das Größte. Aber nun musste er sich beeilen. Seine Mutter drückte ihm seine Tasche in die Hand und gab ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Alle zwei Tage ging das so. Und ein Ende war nicht in Sicht.</p>
<p style="text-align:justify;">Draußen wehte ein eiskalter Ostwind und trieb feinen Schnee in Leons Augen, der wie winzige Nadelstiche schmerzte. Am liebsten wäre er jetzt umgekehrt und mit einem Buch in seinem molligen Bett verschwunden. Aber irgendwie hing sein Leben wohl davon ab, in fünf Minuten den Bus zu kriegen.</p>
<p style="text-align:justify;">Als die Bustür sich mit einem Zischen öffnete, nickte Anton, der Busfahrer, ihm freundlich zu. Sie unterhielten sich oft. Meistens über Fußball. Anton hatte sogar ein Jahresabo für das Weserstadion. Aber heute hatte Leon keine Lust, sich zu unterhalten. Darum beschloss er, sich einen Platz im hinteren Teil des Busses zu suchen. Dort saß bereits die halbe Fußballmannschaft vom TSV Lahausen und war auf dem Weg zum Training. Kevin Böker, der in seiner Klasse war, begrüßte ihn mit einem gequälten «Ey, was geht ab, Alter?». Und Basti Schröder fügte lustlos hinzu: «Super cooles Trikot. Voll krass, ey!» Die Mannschaft hatte gerade den Sprung in eine höhere Liga geschafft, was sich mit einer Reihe Niederlagen furchtbar gerächt hatte, da die Gegner hier sehr viel stärker waren. Die Stimmung war spätestens seit dem letzten Wochenende dahin, als sie erstmalig zweistellig verloren hatten. Ihr Trainer war nach dem Spiel heiser und wirkte hinterher um Jahre gealtert. Und nicht nur das: Ein neuer Gegner stand bereits fürs nächste Spiel nach Weihnachten fest. Und der würde noch stärker sein als der letzte. Es konnte also nur noch ein Wunder helfen.</p>
<p style="text-align:justify;">Nach zwei Stationen kam die Zentralsportanlage in Sichtweite. Die Jungs sammelten ihre Fußballtaschen auf. «Bis später, Alter», raunte Basti ihm zu. Marko Thomsen klapste ihn beim Verlassen des Busses freundschaftlich auf die Schulter. «Wir sehn uns.» Und dann war Leon alleine.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Bustür schloss sich wieder mit einem Zischen, und Anton gab Gas. Es war zwei Jahre her, dass er, Leon, der beste Stürmer mit den meisten Toren war.</p>
<p style="text-align:justify;">Vom Praxisfenster aus konnte er das Weserstadion sehen. Wenn ein Spiel war und der Wind günstig stand, drangen die Rufe der Fans sogar bis in das Zimmer. Das war dann toll. Aber heute lag das Stadion dunkel und still im Treiben des Schnees, und alles, was er hörte, war das monotone Brummen der Dialysemaschine, die für vier Stunden sein Blut reinigen würde, weil seine Nieren das nicht konnten. Schwester Bea hatte ihn gefragt, was er sich zu Weihnachten denn wünschen würde, und er hatte wie im Jahr zuvor geantwortet: «Eine Niere natürlich. Aber schön eingepackt in Weihnachtspapier und mit einer roten Schleife.» Sie hatten beide darüber gelacht. «Aber dass ich einmal wieder die Kraft haben werde, richtig Fußball zu spielen, das wünsche ich mir noch viel mehr.»</p>
<p style="text-align:justify;">Weihnachten rückte näher. Als er nach Hause kam, roch es nach Plätzchen und anderen Leckereien. Das Telefon läutete. Seine Mutter lächelte ihn zur Begrüßung an und nahm den Hörer mit mehlverschmierten Händen ab. Aber ihr Gesicht veränderte sich schlagartig, und alles, was sie sagte, war nur ein «O Gott!». Leon wusste, dass etwas geschehen war. Dann umarmte seine Mutter ihn plötzlich und drückte ihn ganz fest an sich, so als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Leon spürte eine Träne in seinen Nacken laufen.</p>
<p style="text-align:justify;">Als er versuchte, seine Augen zu öffnen, sah er zuerst alles verschwommen. Irgendwie stand viel Weißes um ihn herum. Dann erkannte Leon, dass das weiße Kittel waren. Und in einem steckte die hagere Gestalt von Dr. Schmid. «Leider konnten wir dir die Niere nicht in Weihnachtspapier einpacken, so wie du es gern gehabt hättest. Aber ich habe gehört, dass deine Fußballmannschaft dringend einen guten Stürmer braucht. Vielleicht nicht gleich, aber in ein paar Monaten, wenn du alles gut überstanden hast.» Dr. Schmid und die anderen Ärzte lächelten zufrieden. Dann traten die Ärzte zur Seite. Und dort standen sie. Hinter der Besucherscheibe der Intensivstation. Basti Schröder, Thomsen, Kevin Böker und der ganze Rest der Fußballmannschaft und drückten sich an der Scheibe ihre Nasen platt. Ein Poster von Klose klebte dort und darunter ein Zettel mit Kevin Bökers eigenwilliger Orthographie und Sauklaue: &lt;Wir sehn uns aufm Fußballfelt, Alter. Gute bässerung&gt;. Leon lächelte zum ersten Mal. Er war sich aber nicht sicher, ob er dies nicht alles träumte oder ob doch ein Wunder geschehen war.</p>
<p> </p>
<p>U. Richter; B. Mürmann (Hrsg.): <em>Weihnachtsgeschichten am Kamin. 22.</em><br />
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2007</p>
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		<title>Dienst am Heiligen Abend</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 14:54:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kinder]]></category>

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		<description><![CDATA[Dienst am Heiligen Abend
Eberhard Strauch
Mario Hornstock war in seinem Beruf als Busfahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben glücklich. Das sah man sofort, wenn man in seinen Bus einstieg. Schon lange, bevor es für alle Busfahrer üblich wurde, die Einsteigenden mit einem freundlichen «Hallo» oder «Guten Tag» kurz zu begrüßen, ähnlich wie die Kassiererinnen ihre Kunden an [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1761&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Dienst am Heiligen Abend</h3>
<p style="text-align:center;">Eberhard Strauch</p>
<p style="text-align:justify;">Mario Hornstock war in seinem Beruf als Busfahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben glücklich. Das sah man sofort, wenn man in seinen Bus einstieg. Schon lange, bevor es für alle Busfahrer üblich wurde, die Einsteigenden mit einem freundlichen «Hallo» oder «Guten Tag» kurz zu begrüßen, ähnlich wie die Kassiererinnen ihre Kunden an den Kassen der Supermärkte, schon lange vorher hatte Mario ein höfliches und freundliches Wort für seine Fahrgäste bereit, wenn sie an seinem Fahrersitz vorbeigingen und einen Fahrschein lösten oder ihre Karte vorwiesen. Auch während der Fahrt munterte er die Fahrgäste durch freundliche Hinweise über den Lautsprecher auf, zum Beispiel: «Bitte jetzt ein wenig festhalten, es kommt eine Kurve!», oder «Wir sind ein bisschen spät dran, aber wir holen das schon wieder auf!»</p>
<p style="text-align:justify;">So war Mario beliebt bei den Fahrgästen und spürte es, und wenn er nach seiner Schicht nach Hause kam, war er gutgelaunt auch gegenüber Stephanie, die auf ihn wartete, jeden Tag auf ihn wartete, seitdem sie ihren Job als Verkäuferin verloren hatte. Gegen das Jahresende hin war das Warten für sie immer quälender, denn die Dunkelheit setzte immer früher ein, und dann kam sie sich besonders einsam vor.</p>
<p style="text-align:justify;">Anfang Dezember wurden die Dienstpläne für die Weihnachtstage aufgestellt. Mario hatte sich freiwillig für den Weihnachtsabend gemeldet. Er wusste, dass er in diesen Stunden manche trübe Seele würde aufheitern können, und er wusste auch, dass es den Kollegen mit Kindern viel schwerer fallen würde, am Heiligen Abend Dienst zu tun. Dies wollte er wenigstens einem von ihnen ersparen.</p>
<p style="text-align:justify;">Nicht bedacht hatte er dabei Stephanie, seine Lebensgefährtin. Sie war sehr enttäuscht darüber, dass Mario am Heiligen Abend Dienst hatte. Und als sie erfuhr, dass er sich hierzu sogar freiwillig gemeldet hatte, war sie so böse, dass sie einen ganzen Tag lang nicht mit Mario sprach. Und um zu verhindern, dass er Versöhnungsversuche unternahm, verließ sie morgens das Haus und kehrte erst abends zurück, um im Wohnzimmer auf der Couch zu schlafen, nicht wie gewohnt im Schlafzimmer an seiner Seite. Das machte Mario das Herz schwer, und seine Fröhlichkeit bei den Busfahrten war sichtlich gedämpfter.</p>
<p style="text-align:justify;">Dann nahte der Heilige Abend. Mario musste um sechzehn Uhr seinen Bus am Tempelhofer Damm übernehmen. Da er und Stephanie in Spandau am entgegengesetzten Ende von Berlin wohnten, musste er schon kurz nach fünfzehn Uhr aus dem Haus gehen. Bis vierundzwanzig Uhr würde er Dienst haben, und dann würde Stephanie bestimmt bereits schlafen. Mario versuchte dennoch, so heiter wie möglich zu sein, auch wegen der Menschen, die wie er am Heiligen Abend im Bus unterwegs sein würden. Hoffendich, so dachte er sich, sind die meisten Fahrgäste auf dem Weg zu ihren Familien, um mit ihnen schön Weihnachten feiern zu können. Diejenigen, die vor dem Weihnachtsfest weglaufen oder niemanden haben, mit dem sie feiern können, würde er sicherlich erkennen. Denn seine Aufgeschlossenheit, mit der er sonst seinen Dienst versah, brachte es mit sich, dass auch die Menschen um ihn herum allgemein aufgeschlossener waren als sonst, und das wiederum brachte alle untereinander näher, weshalb Mario die Menschen besser kennenlernte als seine Kollegen auf den anderen Bussen.</p>
<p style="text-align:justify;">Beim Abschied von Stephanie hatte er sie tröstend in den Arm genommen und scherzend gesagt, wenn der Weihnachtsmann komme und ein netter Bursche sei, dann dürfe sie mit ihm ein vertrautes Plauderstündchen einlegen, er werde es ihr gönnen und auch nicht eifersüchtig sein. Das war natürlich ein Scherz, aber Stephanie blieb unbewegt und erwiderte nur halbherzig seinen Abschiedskuss. Als er weg war, setzte sie sich unter den schon geschmückten Weihnachtsbaum und brütete vor sich hin. Dann schaltete sie das Radio an. Es erklangen Weihnachtslieder, und sie schaltete bald wieder aus. Aber da klang ein Lied in ihr nach: «Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein!»</p>
<p style="text-align:justify;">Ja, sie hatte einst ein Kindelein, einen süßen Buben, den sie über alles liebte. Ein Vater existierte nicht. Biologisch gab es natürlich einen Erzeuger – das mochte ihren Buben vom Jesuskind dieses Weihnachtsliedes unterscheiden. Aber ihren Timo hatte sie so geliebt, wie alle Weihnachtslieder zusammen zur Liebe des Christuskindes auffordern. Mario war jedenfalls nicht der Vater, und er kannte Timo auch nicht. Ja, Stephanie hatte ihm nicht einmal von ihm erzählt. Wo mochte er nur stecken? Nach dem Besuch der Schule war er, wie sein Vater, seiner Wege gegangen. Einmal hatte er angerufen und gesagt, dass er einen Job als Kellner habe und in einer WG wohne. Das war vier Jahre her.</p>
<p style="text-align:justify;">Stephanie holte ein Fotoalbum hervor und sah sich das letzte Foto ihres Sohnes an. Es zeigte ihn als Sechzehnjährigen mit blondem Lockenkopf. Stephanie schluchzte, presste das Foto an ihre Lippen. Dann entsann sie sich, dass sie beim letzten Anruf von Timo eine Telefonnummer mitgekritzelt hatte, die Telefonnummer der WG, die Timo ihr damals auf ihr Befragen gegeben hatte.</p>
<p style="text-align:justify;">Sie suchte nun die Wohnung nach der Telefonnummer ab und fand sie nicht mehr. Da fiel ihr ein, dass sie sie selbst weggeworfen hatte, nachdem sie einmal angerufen hatte und Timo erklären ließ, nicht mit ihr sprechen zu wollen. Das hatte sie verletzt und wütend gemacht. Später aber hatte sie der Gedanke mehr und mehr bedrückt, dass vielleicht Timo von ihr enttäuscht gewesen war, weil sie sich auch nicht um ihn gekümmert hatte.</p>
<p style="text-align:justify;">Als Stephanie Mario und seine unbekümmerte Fröhlichkeit kennengelernt hatte, war sie über vieles hinweggekommen, und auch Timo hatte sich aus ihrer Seele herausgeschlichen. Aber heute war er plötzlich wieder da, und es tat so weh, dass er nicht wirklich da war und sie keinen Kontakt zu ihm hatte.</p>
<p style="text-align:justify;">Stephanie verließ die Wohnung, es war draußen schon dunkel. Ziellos wanderte sie durch die Straßen, sich irgendwo betrinken wäre jetzt schön. Aber sie brachte es nicht fertig, in ein Lokal zu gehen, und kehrte durchfroren und erschöpft wieder in die Wohnung zurück. Dort setzte sie sich vor den Fernseher und blieb dort stundenlang sitzen, bis sie einschlief.</p>
<p style="text-align:justify;">Mario war inzwischen sechsmal seine Strecke hin- und hergefahren. Er hatte, wie er vermutet hatte, zumeist Fahrgäste auf dem Weg zu anderen Menschen an diesem Weihnachtsabend. Sie waren ordentlich oder gar festlich gekleidet und hatten allerhand Geschenke bei sich. Und da passierte es, dass eine Dame ihm ein Geschenk überreichte: eine kleine, muschelige Wärmflasche mit Dackelkopf, aus dessen Schnauze der Hals einer Schnapsflasche mit Kräuterlikör herausragte. Dabei sagte die Dame: «Wie schön, dass Sie heute Dienst haben. Ich bin schon oft mit Ihnen gefahren, und es ist immer so angenehm bei Ihnen.» Es war auch für alle Fahrgäste wieder angenehm gewesen. Wenn der Bus an die Haltestelle kam und sich die Einstiegstür öffnete, begrüßte Mario die Einsteigenden mit Worten wie: «Jetzt herein in die gute Stube, hier ist es angenehm warm», oder «Wir haben zwar leider keinen Weihnachtsbaum, aber es ist gemütlich hier drinnen», oder «Achten Sie auf Ihre liebevollen Geschenke und lassen Sie nichts im Bus liegen, denn sie gehören schleunigst unter den Weihnachtsbaum.» Und dann ließ er leise Weihnachtslieder über den Lautsprecher erklingen, eine Tonbandkassette, die er sich zu Hause eingesteckt hatte.</p>
<p style="text-align:justify;">Allmählich, mit dem später werdenden Abend, nahm die Zahl der Fahrgäste ab. Doch dann wurden es auf einmal wieder mehr, als es auf Mitternacht zuging. Das waren die Leute, die von ihren Besuchen zurückkamen und nun nach Hause wollten. Sie waren besonders in der gerade unter dem Weihnachtsbaum durchlebten Weihnachtsstimmung. Mario spürte das und drehte die Weihnachtslieder lauter. Und tatsächlich begannen die Fahrgäste, die Lieder mitzusingen. Da kam jetzt «Jingle Bells, Jingle Bells» aus dem Lautsprecher, und Mario drückte aufs Gaspedal. Die rhythmischen Klänge des Liedes mischten sich wunderbar in das Fahrgeräusch und gaben Frohsinn und Schwung. Bald würde auch der Dienst für Mario zu Ende sein, und dann konnte er nach Haus, zu Stephanie. Bestimmt würde der kleine Schnapsdackel, der da auf dem Armaturenbrett lag, ihm Glück bringen, dass es dann noch ein schönes frohes Fest mit Stephanie werden würde.</p>
<p style="text-align:justify;">So beschwingt wäre Mario beinahe an einer Haltestelle vorbeigefahren, doch im letzten Augenblick sah er die dünne Gestalt neben dem Haltestellenmast stehen und bremste scharf. Aber er kam erst einige Meter hinter der Haltestelle zum Stehen. «Verzeihung», rief er seinen Fahrgästen zu, «ich hoffe, das ist nicht der Weihnachtsmann, der jetzt einsteigt, denn dann bekäme ich wohl die Rute!»</p>
<p style="text-align:justify;">Alle lachten. Dann stieg der junge Mann ein. Er legte wortlos einige Münzen auf den Schalter und ging nach hinten.</p>
<p style="text-align:justify;">Als Mario mit dem Bus an der Endhaltestelle ankam, zum letzten Mal in dieser Nacht, denn von dort hatte er den Bus nur noch ins Depot zu fahren, als er also ankam, waren alle Fahrgäste inzwischen ausgestiegen bis auf einen, nämlich den jungen Mann. Er war auf der hinteren Rückbank eingeschlafen. Mario ging zu ihm und weckte ihn. «Hallo, mein Freund, von mir, aus könntest du hier weiterschlafen, aber es geht leider nicht. Wo müssen Sie denn hin?» Der junge Mann sah ihn mit großen Augen an. «Ich weiß es nicht. Meine Leute haben mich rausgeschmissen, ich kann nirgendwohin.»</p>
<p style="text-align:justify;">Mario begriff, dass hier wieder eines der Schicksale vor ihm saß, auf die er sich vor dieser Weihnachtsfahrt innerlich bereits eingestellt hatte. Nun die Polizei zu rufen hätte überhaupt nicht in seine Weihnachtsstimmung gepasst, und auch der schnapsköpfige Dackel schien mit dem Kopf zu wackeln. Da beschloss Mario, den jungen Mann mit zu sich nach Hause zu nehmen. Er sagte sich, dass er natürlich nicht alle gestrandeten Fahrgäste zu sich nach Hause nehmen konnte, aber am Weihnachtsabend konnte man vielleicht einmal eine Ausnahme machen. Vielleicht sah ja das Christkind von oben zu, oder mehr noch, es hatte sich unerkannt auf die Erde begeben, um seine Hilfsbereitschaft zu prüfen.</p>
<p style="text-align:justify;">Mario nahm also den unbekannten jungen Mann nach Dienstschluss mit zu sich nach Hause. Unterwegs bekam er nicht viel aus ihm heraus, denn der Bursche schlief immer wieder ein. Er sah trotz seiner Abgezehrtheit eigentlich ganz hübsch aus mit dem blonden, lockigen Haar. Schließlich waren sie vor der Wohnung von Mario angekommen. Durch die Wohnungstür hörte Mario den Fernseher. Stephanie war also noch auf.</p>
<p style="text-align:justify;">Die beiden betraten die Wohnung. Mario sah, dass Stephanie vor dem Fernseher eingeschlafen war, und wollte sie mit einem Kuss wecken. Der junge Mann war plötzlich neben ihm und rief: «Nein!» Da erwachte Stephanie. Sie sah den jungen Mann und rief: «Timo, Timo, bist du es wirklich? Wie hast du hierher gefunden? Woher wusstest du, wo ich wohne?»</p>
<p style="text-align:justify;">Timo nahm seine Mutter in den Arm und sagte: «Ist das dein neuer Mann? Er ist wahnsinnig cool und hat mich einfach so mitgenommen.»</p>
<p style="text-align:justify;">Mario, der von dem verlorenen Sohn Stephanies nichts gewusst hatte, begriff nur langsam, was sich um ihn herum abspielte und wen er da mitgebracht hatte. Dann aber drückte er dankbar seinen Schnapsdackel und wusste, dass das Christkind, wenn es von oben zugeschaut haben sollte, sicher mit ihm zufrieden gewesen wäre.</p>
<p style="text-align:justify;">U. Richter; B. Mürmann (Hrsg.): <em>Weihnachtsgeschichten am Kamin. 22.</em><br />
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2007</p>
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		<title>Tänzerin. Bei den Amerikanern</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/24/tanzerin-bei-den-amerikanern/</link>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 14:47:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Advent]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>

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		<description><![CDATA[Tänzerin. Bei den Amerikanern
Ingrid Gallus
Als im Mai 1945 die Siegermächte das zerbombte Deutschland unter sich aufteilten wie einen Kuchen, fiel Bayern an Amerika. Ich lebte damals mit meinen Eltern, meinem Bruder und unserer Oma in der Soldatensiedlung einer kleinen bayerischen Gemeinde im Unterallgäu, gleich unterhalb des Flugplatzes. Auch hier marschierten eines Tages die GIs ein [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1758&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Tänzerin. Bei den Amerikanern</h3>
<p style="text-align:center;">Ingrid Gallus</p>
<p style="text-align:justify;">Als im Mai 1945 die Siegermächte das zerbombte Deutschland unter sich aufteilten wie einen Kuchen, fiel Bayern an Amerika. Ich lebte damals mit meinen Eltern, meinem Bruder und unserer Oma in der Soldatensiedlung einer kleinen bayerischen Gemeinde im Unterallgäu, gleich unterhalb des Flugplatzes. Auch hier marschierten eines Tages die GIs ein und komplimentierten deren Bewohner kurzerhand aus ihren Häusern. Da standen sie nun, plötzlich obdachlos geworden, auf der Straße, im Gepäck ein paar Habseligkeiten, die sie in aller Eile zusammengerafft hatten. Der Bürgermeister quartierte sie schließlich in die umliegenden Haushalte ein. Zwangsweise natürlich. Dementsprechend begeistert war meist die Aufnahme.</p>
<p style="text-align:justify;">Meine Familie verschlug es auf einen Bauernhof. Dort bekamen wir eine winzige Dachkammer zugewiesen. Zwei Betten passten gerade hinein, die wir uns zu viert teilen mussten. Ein wackeliger Tisch sowie ein buntes Sammelsurium wurmstichiger Stühle aus der Rumpelkammer vervollständigte das Mobiliar. Wasser gab es zwei Treppen tiefer. Das Plumpsklo mit Windspülung und einem ausgesägten Herzchen in der Tür befand sich nicht weit vom Misthaufen entfernt auf dem Hof. Es war jedes Mal eine halbe Weltreise dorthin; vor allem nachts und mit uns Kindern. Meine Großmutter hatte anderweitig im Ort einen Schlafplatz gefunden. Tagsüber half sie uns, das winzige Zimmer zu bevölkern. Die Stimmung unter den Erwachsenen war ziemlich gedrückt. Ich erinnere mich auch noch gut an den unappetitlich mausgrauen «Sattmacher» aus Getreide¬abfällen &#8211; Musbrei genannt -, der beinahe jeden Abend auf den Tisch kam. Und an die ewig schlechte Laune meines nunmehr arbeitslosen Vaters.</p>
<p style="text-align:justify;">Die eine oder andere Soldatenfrau, deren Mann im Krieg gefallen oder vermisst war, hatte sich mit den Amerikanern «arrangiert». Vielleicht, um dem tristen Alltag zu entkommen, vielleicht auch nur, um die schmale Essensration etwas aufzubessern.</p>
<p style="text-align:justify;">Wir Kinder kamen am leichtesten mit der veränderten</p>
<p style="text-align:justify;">Situation zurecht. Ja, wir genossen sogar die neuen Freiheiten auf dem Bauernhof. Wir hatten auch durchaus nichts dagegen, dass die abendlichen Waschrituale auf ein Minimum beschränkt werden mussten. Ich war viereinhalb Jahre alt; ein halbes Portiönchen nur, aber sehr lebhaft und mit einer ausgeprägten Phantasie begabt. Wenn ich nicht gerade dringend im Kuhstall oder in der großen Scheune bei den aufregenden Gerätschaften zu tun hatte, spielte ich mit Vorliebe Zirkus. Oder Ballett. Das veranlasste eine Nachbarin, meinen Eltern bei einer meiner Hopsereien zu prophezeihen: «Die Ingrid wird mal Tänzerin.»</p>
<p style="text-align:justify;">In Anbetracht der Tanzgelage zwischen Besatzern und Soldatenfrauen reagierte mein Vater ziemlich ungehalten: «Ja, freilich! Bei den Amerikanern nackig auf dem Tisch &#8230;!»</p>
<p style="text-align:justify;">Das war zweifellos als Seitenhieb auf die «Amiliebchen» gemünzt; aber ganz sicher nicht für meine Ohren bestimmt.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Zeit verging. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Mein Vater hatte inzwischen in einem nahe gelegenen Marktflecken eine neue Karriere als Polizeibeamter begonnen. Noch lebte die Familie getrennt. Doch sechs Tage vor Weihnachten war es dann so weit. Ein alter Holzgas-Lkw kämpfte sich mit unserer wenigen Habe die steile, tief verschneite Straße hinauf in den Ort. Ich durfte im Führerhaus neben dem Fahrer sitzen. Ganz verzaubert nahm ich die märchenhafte, wie mit Puderzucker überzogene Kulisse des Dorfes in mich auf: die alten Bauernhäuser, die Kirche mit dem gemütlich dicken Turm und das auf einem Berghang thronende Schloss über dem zugefrorenen Weiher.</p>
<p style="text-align:justify;">Dort, wo die Dorfstraße in einem Bogen zum Hohen Schloss hinauffuhrt, stand – und steht auch heute noch &#8211; ein wuchtiges, mittlerweile über vierhundert Jahre altes Gebäude mit enorm dicken Mauern und einem beeindruckenden Kellergewölbe. Marschall Philipp von Pappenheim hatte es einst als Amtshaus erbaut. Hier war die Polizeistation untergebracht. Und hier war nun unser neues Zuhause.</p>
<p style="text-align:justify;">Für meine Eltern folgten jetzt ein paar arbeitsreiche, hektische Tage, bis alles wohnlich eingerichtet war, so gut das mit den wenigen Möbeln halt ging. Denn die meisten Sachen hatten ja noch immer die Amerikaner in Beschlag. Am 24. Dezember war aber alles so weit fertig. Das Christkind konnte auch zu uns kommen.</p>
<p style="text-align:justify;">Für die Christmette, die hier in St. Philippus und Jakobus direkt um Mitternacht gefeiert wurde, waren wir Kinder natürlich noch zu klein. Deshalb spazierte meine Mutter am Ersten Feiertag nachmittags mit mir zu der schönen alten Dorfkirche auf dem Stiftsberg, damit ich doch wenigstens das Christkind in der Krippe besuchen konnte.</p>
<p style="text-align:justify;">Soeben kam der Pfarrer der Gemeinde aus der Sakristei, ein schon sehr alter Herr mit schlohweißem Haar. Die fremden Gesichter mochten ihm wohl aufgefallen sein; jedenfalls steuerte er sogleich auf uns zu, um als Hirte den potenziellen Neuzugang an Schäfchen in seinem Stall willkommen zu heißen. Das wiederum war für meine Mutter ein Signal, mich vorsichtshalber an meine gute Erziehung zu erinnern. Während sie Hochwürden anlächelte, brachte sie es fertig, mir zwischen zusammengepressten Zähnen zuzuraunen: «Knicks! Deutlich antworten!» Und um der Aufforderung den nötigen Nachdruck zu verleihen, bohrte sie mir zusätzlich einen Finger zwischen die Schulterblätter.</p>
<p style="text-align:justify;">Nachdem der Herr Pfarrer meine Mutter begrüßt und nach dem Woher und Wohin befragt hatte, gab er schließlich auch mir die Hand. Jetzt kam mein Auftritt! Graziös versank ich in einen besonders tiefen Knicks, wobei ich den geistlichen Herrn kokett anlächelte. Das muss ihn wohl ziemlich beeindruckt haben. Jedenfalls beugte er sich nun zu mir herab und erkundigte sich leutselig: «Ja, was möchtest du denn mal werden, wenn du groß bist?» Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Wie aus der Pistole geschossen kam laut und vernehmlich die Antwort: «Tänzerin! Bei den Amerikanern nackig auf‘m Tisch!»</p>
<p style="text-align:justify;">Als ob Beelzebub höchstpersönlich vor ihm stünde, fuhr der alte Herr zurück; unfähig, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren. Derart unsittliche Reden an solch heiligem Ort – das verschlug ihm denn doch die Sprache! Irritiert und hilfesuchend schaute er auf meine Mutter. Doch die stand unbeweglich, zur Salzsäule erstarrt &#8211; wie weiland Lots Weib.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich überließ die beiden ihrem Schicksal und wandte mich nunmehr der Krippe zu. Schließlich hatte ich sämtliche Anordnungen meiner Mutter prompt &#8211; und sicher auch zu ihrer vollsten Zufriedenheit &#8211; befolgt.</p>
<p style="text-align:justify;">Das Christkind lag nur mit einer Windel angetan in seinem Bettchen aus Heu und Stroh. Abgesehen davon, dass es bestimmt erbärmlich fror in der eiskalten Kirche, mussten es die harten Halme doch furchtbar piken. Trotzdem lächelte — nein, schmunzelte es vergnügt. Es hatte sich wohl gerade erst über irgendetwas amüsiert. Und jetzt &#8211; tatsächlich! -, jetzt zwinkerte es mir sogar ganz verschmitzt zu &#8230;</p>
<p>U. Richter; B. Mürmann (Hrsg.): <em>Weihnachtsgeschichten am Kamin. 22.</em><br />
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2007</p>
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		<item>
		<title>Wie Joschi zu seinem Meerschweinchen kam</title>
		<link>http://kindergeschichten.wordpress.com/2009/10/24/wie-joschi-zu-seinem-meerschweinchen-kam/</link>
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		<pubDate>Sat, 24 Oct 2009 14:40:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kindg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Advent]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie Joschi zu seinem Meerschweinchen kam
Roswitha Fröhlich
Seit er sechs Jahre alt war, wünschte sich Joschi ein Meerschweinchen. Aber jedes Mal, wenn er davon anfing, sagte seine Mutter: »Meerschweinchen stinken«, oder: »Meerschweinchen gehören in den Kleintierzoo«, oder: »Was soll das arme Tier in unserer Vierzimmerwohnung?«, und lauter solche Sachen.
In diesem Jahr hatte Joschi sich geschworen, dass [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=kindergeschichten.wordpress.com&blog=2172636&post=1755&subd=kindergeschichten&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><h3 style="text-align:center;">Wie Joschi zu seinem Meerschweinchen kam</h3>
<p style="text-align:center;">Roswitha Fröhlich</p>
<p style="text-align:justify;">Seit er sechs Jahre alt war, wünschte sich Joschi ein Meerschweinchen. Aber jedes Mal, wenn er davon anfing, sagte seine Mutter: »Meerschweinchen stinken«, oder: »Meerschweinchen gehören in den Kleintierzoo«, oder: »Was soll das arme Tier in unserer Vierzimmerwohnung?«, und lauter solche Sachen.</p>
<p style="text-align:justify;">In diesem Jahr hatte Joschi sich geschworen, dass sein Wunsch endlich in Erfüllung gehen müsse.</p>
<p style="text-align:justify;">»Wetten, dass ich zu Weihnachten ein Meerschweinchen kriege?«, sagte er zu seinem Freund Karli. »Du wirst schon sehen&#8230;« Und dann schmiedete er einen Plan.</p>
<p style="text-align:justify;">Endlich war es so weit. »Nur noch 24 Tage bis Weihnachten«, sagte seine Mutter. »Höchste Zeit, dass du deinen Wunschzettel aufs Fensterbrett legst, damit der Weihnachtsmann ihn abholen kann.«</p>
<p style="text-align:justify;">Joschi nickte höflich, machte ein möglichst harmloses Gesicht und begann mit der Arbeit. <em>Lieber Weihnachtsmann,</em> schrieb er, <em>ich wünsche mir dringend ein Nilpferd.</em> Ordentlich legte er den Zettel draußen vors Fenster und wartete gespannt, wie es weitergehen würde. Schon am nächsten Morgen konnte er feststellen, dass sein Plan sich bewährte.</p>
<p style="text-align:justify;">Als er nämlich in aller Frühe das Fenster öffnete, um zu sehen, ob der Zettel abgeholt worden war, entdeckte er etwas höchst Merkwürdiges: <em>Du spinnst wohl!</em>, hatte jemand in leuchtend roten Buchstaben auf einen Briefbogen geschrieben, der groß und deutlich die Unterschrift <em>Der Weihnachtsmann</em> trug.</p>
<p style="text-align:justify;">Gut so!, dachte Joschi. Dann nahm er den Brief an sich und schrieb einen neuen Zettel. <em>Und wie war&#8217;s mit 1 Krokodil? Es könnte in der Badewanne schwimmen.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Auch diesmal klappte es vorzüglich. Ein neuer Weihnachtsbrief leuchtete ihm am Morgen entgegen. <em>Krokodil leider nicht lieferbar</em>, stand darauf, diesmal in grünen Buchstaben.</p>
<p style="text-align:justify;">Noch besser, dachte Joschi, nahm den Brief an sich und schrieb den nächsten Zettel, <em>1 Känguru-Pärchen</em>, lautete sein Wunsch. Beuteltiere führen wir nicht, hieß diesmal die Antwort.</p>
<p style="text-align:justify;">Von nun an war alles ganz einfach. Joschi brauchte sich nur noch ein paar ungewöhnliche Tiere einfallen zu lassen und schon lief alles wie am Schnürchen.</p>
<p style="text-align:justify;"><em>3 Hängebauchschweine</em> schrieb er am nächsten Tag. <em>Blödsinn</em> hieß die Antwort. Und in diesem Stil ging es weiter. Zwölf volle Tage war er damit beschäftigt, neue Zettel zu schreiben und die Weihnachtsmann-Antwortbriefe einzusammeln. So lange dauerte es nämlich noch bis zum Heiligen Abend. Die Reihenfolge, die Joschi sich errechnet hatte, war so:</p>
<p style="text-align:justify;">12. Dezember: <em>1 Schimpanse.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Und wer kauft die Bananen?</em></p>
<p style="text-align:justify;">13. Dezember: <em>1 Berberlöwe.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Schon mal was von Menschen fressenden Raubtieren gehört?</em></p>
<p style="text-align:justify;">14. Dezember: <em>Dann 1 Tüpfelhyäne. </em></p>
<p style="text-align:justify;"><em>Antwort: Und wo soll sie schlafen ?</em></p>
<p style="text-align:justify;">15. Dezember: <em>1 Merinoschaf.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Selber Schaf!</em></p>
<p style="text-align:justify;">16. Dezember: <em>1 junger Pottwal.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Wohl größenwahnsinnig geworden ?</em></p>
<p style="text-align:justify;">17. Dezember: <em>1 Pythonschlange.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Kriechtiere unerwünscht!</em></p>
<p style="text-align:justify;">18. Dezember: <em>1 Hausziege.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Ziegenmilch schmeckt abscheulich!</em></p>
<p style="text-align:justify;">19. Dezember: <em>Erbitte dringend wenigstens 1 Bergzebra.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Wo sind denn hier Berge ?</em></p>
<p style="text-align:justify;">20. Dezember: <em>Aber 1 Dromedar würde sich bei uns bestimmt wohlfühlen.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Antwort: <em>Warum nicht gleich ein Kamel?</em></p>
<p style="text-align:justify;">21. Dezember: <em>Einverstanden. Habe mich außerdem für 1 Giraffe entschieden.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Am nächsten Tag endlich geschah das, was Joschi schon lange erwartet hatte. Auf dem Fensterbrett lag nämlich nicht nur die übliche kurze Antwort, sondern ein regelrechter Brief, hastig mit einem gewöhnlichen Tintenkuli geschrieben und fast eine halbe Seite lang:</p>
<p style="text-align:justify;"><em>Lieber Joschi</em>, stand dort, <em>wie du auf dem Kalender siehst, ist übermorgen Weihnachten. Da du es bisher nicht geschafft hast, mir einen einzigen vernünftigen Wunsch aufzuschreiben, und da alle Tiere, die du mir genannt hast, nicht in eine Wohnung passen, ersuche ich dich hiermit umgehend bescheidener zu werden und dich auf eine kleinere Tiergattung zu beschränken.<br />
Herzlichen Gruß. Der Weihnachtsmann.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Joschi wusste sofort, was er zu tun hatte. Hundertmal hatte er das Wort, das er jetzt niederschrieb, in Gedanken geübt. Er nahm den saubersten Zettel, den er finden konnte, und verfasste den ordentlichsten Wunschzettel seit 22 Tagen:</p>
<p style="text-align:justify;"><em>Lieber Weihnachtsmann,</em> schrieb er,<em> entschuldige bitte, dass ich so unbescheiden war. Ich sehe ein, dass ich zu viel von dir verlangt habe, und schwöre mich zu bessern. Darum wünsche ich mir nur noch ein winziges Meerschweinchen. Am liebsten so eins wie das vom Karli. Also weiß mit kleinen schwarzen Tupfern. Karli sagt, dass ein Meerschweinchen überhaupt keine Arbeit macht. Außerdem finde ich es so niedlich. Vielen Dank im Voraus!</em></p>
<p style="text-align:justify;"><em>Dein Joschi, Mühltalerstr. 7.</em></p>
<p style="text-align:justify;">Am nächsten Tag schlich Joschi noch früher als sonst zum Fenster, weil er es vor Spannung nicht mehr erwarten konnte. Ob der Weihnachtsmann ihm auch darauf antworten würde? Diesmal aber war das Fensterbrett leer. Nur ein paar Schneeflocken konnte er entdecken, denn draußen hatte es angefangen zu schneien.</p>
<p style="text-align:justify;">»Nun?«, fragten seine Eltern, als er zum Frühstück kam. »Freust du dich schon auf morgen?«</p>
<p style="text-align:justify;">»Und wie!«, antwortete Joschi. Mehr brachte er nicht heraus vor Aufregung.</p>
<p style="text-align:justify;">Dann endlich war er da, der große Tag.</p>
<p style="text-align:justify;">24. Dezember stand auf dem Kalender über Joschis Bett. Joschi sah das Kalenderblatt eine Weile ganz genau an und dachte an sein Meerschweinchen. Ob der Weihnachtsmann endlich begriffen hatte? Stunde um Stunde rückte der Augenblick näher, in dem sich alles entscheiden würde. Und dann war es so weit. Die Tür zum Weihnachtszimmer wurde geöffnet und Joschi sah etwas, das schöner war als alle Christbaumkugeln und Weihnachtskerzen und Zimtsterne und Silbernüsse zusammen – nämlich ein winziges schwarz getupftes Meerschweinchen in einer Kiste unter dem Tannenbaum, das neugierig den Tannenduft schnupperte und fast so aussah wie das Meerschweinchen vom Karli.</p>
<p style="text-align:justify;">»Hoffentlich stinkt es nicht«, sagte die Mutter.<br />
»Immer noch besser als Dromedare und Giraffen«, sagte der Vater.<br />
Aber Joschi hörte nicht, was sie sagten. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sein Meerschweinchen auf den Arm zu nehmen und eine Dankesrede an den Weihnachtsmann zu verfassen – in Gedanken natürlich. Dass auch ein kleiner Trick dabei gewesen war, wusste der Weihnachtsmann ja sowieso. Denn ein Weihnachtsmann weiß alles. Oder etwa nicht? »Ich nenne es Trick«, sagte Joschi, während das Meerschweinchen leise quiekte. Fast klang es, als ob es kicherte.</p>
<p>Sophie Härtling (Hrsg): <em>24 Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen.<br />
</em>Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2006</p>
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