Der Vierundzwanzigste Heiligabend
Doris Meißner-Johannknecht
1. SZENE
16.00 Uhr/Im Haus
»Stille Nacht!«, dudelt es. Auf jedem Kanal. Schon den ganzen Tag lang.
Und leise rieselnder Schnee. Auch schon den ganzen Tag lang. Aber nicht im Radio. Nein. Echt. Echt in Echt. Draußen vor der Tür.
Weiße Weihnachten! Das hatte ich in diesem Leben noch nicht.
Total schön also.
Dieser vierundzwanzigste Dezember.
Und das Beste, das kommt ja noch.
Der Abend. Den sie den Heiligen nennen. Aber der kommt erst um acht. Und vorher ist Chaos.
So wie jetzt.
Meine Mutter tobt. Dreht durch. Sie ist mal wieder völlig fertig.
Alle Jahre wieder.
Ja, vom Weihnachtsstress!
Und jedes Jahr gibt es andere Gründe für ihre Anfälle. Heute waren es vier.
Der Erste:
Um elf brachte Papa endlich den Weihnachtsbaum.
Wie jedes Jahr natürlich immer erst dann, wenn die besten schon weg sind. Und nur noch der Schrott übrig bleibt.
Ja, der letzte Schrott, aber dafür besonders billig. Fast geschenkt. Fünf bis zehn Mark. Keine Mark mehr.
Papa findet das toll. Mama überhaupt nicht. Und heute um elf schleppte er also endlich den Baum an. Ein absolutes Schnäppchen. Für drei Mark. Aber der hatte drei Spitzen.
Da hat Mama den ersten Anfall gekriegt.
Total überflüssig eigentlich. Der war ja echt besonders, der Baum. Drei Spitzen! Wer hat die schon?
Ich hab sogar noch zwei Sterne für die beiden neuen Spitzen gebastelt… Sah klasse aus. Meine Mutter hat trotzdem getobt.
Der zweite Grund:
Um eins baute Papa endlich die Krippe auf. Altes Familienerbstück. Handgeschnitzt. Ziemlich kostbar.
Ja, und Papa hat wohl zu fest zugepackt. Auf jeden Fall hatte Maria plötzlich bloß noch einen Arm. Und wir hatten keinen Sekundenkleber im Haus.
Der dritte Grund dann um drei.
Und das war ein Grund zu viel.
Meine Mutter tobte nicht mehr. Sie heulte nur noch.
Irgendjemand (Papa oder ich?) hatte die Tür zur Speisekammer nicht richtig verschlossen. Ja, und als Mama die Weihnachtsgans herausholen wollte, sah sie, wie Kater Anton an ihr vorbeifegte. Das leibhaftige schlechte Gewissen,
Meine Mutter ahnte das Schlimmste…
Und genau das war auch passiert: Kater Anton hatte das Beste vom Besten ganz einfach in sich eingeschlungen. In rohem Zustand. Die wunderbar zarte Gänsebrust vom Biobauern Löwenzahn.
Papa grinste.
Ich kicherte.
Mama heulte.
Und Anton? Der würde sich vorläufig nicht mehr blicken lassen. Der war satt.
Ich verzog mich in mein Zimmer. Geschenke einpacken. Für die Verwandtschaft, die morgen bei uns einfallen würde.
Dann kam der vierte Grund. Und damit der vorläufige Höhepunkt des Tages.
Er kam um vier. Meine Mutter stand plötzlich – ohne anzuklopfen – in meinem Zimmer. Sah mich zwischen Papier und Kisten, Krempel und Kram und brüllte sofort los: Chaos, Unordnung und das am Heiligen Abend… Und sie allein mit der ganzen Arbeit!
Da hab ich mir die Ohren zugehalten. Und gesagt: »Wenn du jetzt nicht aufhörst rumzuschreien, dann hau ich ab!«
Aber meine Mutter hörte nicht auf. Sie konnte einfach nicht aufhören. Sagte bloß: »Dann geh doch!«
Und da bin ich gegangen.
Ziemlich blöd eigentlich.
2. SZENE
17.00 Uhr/Vor dem
Ja, und dann stand ich draußen. Ohne Schal und ohne Jacke. Hoffte ein wenig, meine Mutter würde rauskommen und mich zurückholen.
Tat sie aber nicht.
Also bin ich weggegangen. Mit schlechtem Gewissen. Trotz meiner Wut.
Ziemlich blöd. Das alles.
Aber meine Mutter braucht das: Am ersten Weihnachtstag nach Heiligabend muss sie ihre fünf Geschwister um sich haben. Alle Jahre wieder.
Mit dem ganzen Anhang. Meinen Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins. Ungefähr zwanzig Leute.
Deshalb kocht und backt sie seit Tagen wie eine Wahnsinnige. Bis zum Durchdrehen. Am Heiligen Abend.
3. SZENE
18.00 Uhr/Auf dem Marktplatz
Die Holzbuden des Weihnachtsmarkts sind verschlossen. Kein Gedränge, Geschiebe. Keine Gerüche. Nichts.
Kein Mensch unterwegs.
Alles zugedeckt unter weißer Schneedecke. Friedlich und schön. Irgendwie weihnachtlich.
Die Glocken des Doms rufen zum Gottesdienst. Die Menschen drängen in Massen durchs Eingangsportal. In Sonntagsklamotten. Die Haare frisch gewaschen. Alle sehen irgendwie weihnachtlich aus.
Nein, nicht alle.
Außer mir gibt es noch jemanden, der so verloren herumläuft wie ich. Und überhaupt nicht weihnachtlich aussieht. Im Gegenteil.
Ziemlich abgerissen. Aber auch ziemlich bunt. Nicht nur die Klamotten und der Rucksack. Auch die Haare.
Alles sieht irgendwie nach Regenbogen aus. Aufregend und schön.
Ich nähere mich vorsichtig. Verstecke mich hinter einer Glühweinbude. Uns trennen noch zehn Meter.
Ein Mädchen. Ein paar Jahre älter als ich.
Jetzt geht sie auf eine ältere Frau zu. Streckt ihre Hand aus. Lächelt, sagt ein paar Sätze.
Die Frau öffnet ihre Handtasche, zieht ein Portmone heraus und legt eine Münze in die ausgestreckte Hand. Das Mädchen lächelt wieder, sagt ein paar Sätze und geht auf einen jungen Mann zu. Der greift in seine Hosentasche…
Und das geht immer so weiter, so lange, bis niemand mehr kommt.
Aus der Kirche jetzt feierliche Orgelmusik. Und »Oh, du fröhliche!«
Das Mädchen setzt sich auf die Treppenstufen, wühlt im Rucksack.
Dann dreht sie sich eine Zigarette, Zündet sie an. Und blast weißen Rauch in die Luft.
Ich muss plötzlich husten. Sie schaut in meine Richtung. Hat mich entdeckt. Total peinlich irgendwie. Aber sie nickt mir zu. Ziemlich freundlich. Und ich – keine Ahnung warum – gehe langsam auf sie zu.
Sie lächelt mich an. Und ich finde es einfach schön, dieses Lächeln.
So schön, dass ich mich neben sie auf die kalten Stufen setzen muss.
Sie reicht mir ihre Hand. Breite Silberringe an jedem Finger. Die Handgelenke umwickelt mit Lederbändern. Vorsichtig greife ich zu. »Ich bin Mary und wer bist du?«
»Klara!«, sage ich.
Sie entzieht mir ihre Hand. Dreht sich eine neue Zigarette. Und sagt: »Abgehauen?«
Ich nicke. »Und du?«, sage ich.
»Ich bin unterwegs!«, sagt sie. »Mal hier, mal da!«
»Und wo verbringst du den Abend?«
Sie zuckt mit den Schultern. Dreht sich eine neue Zigarette. »Mal sehn!«, sagt sie.
Das Lächeln ist verschwunden. Jetzt sieht sie traurig aus.
Bei der dritten Zigarette spüre ich die Kälte. Erfrieren will ich nicht. Ich springe auf. »Ich muss jetzt los!«, sage ich.
»Schade!«, sagt sie.
»Komm doch mit!«, sage ich.
Dieser Satz ist mir einfach so herausgerutscht.
Aber ich finde ihn gut, den Satz. Total gut. Obwohl ich weiß, dass er auch ziemlich verrückt ist. Sie starrt mich an. Dann schüttelt sie den Kopf.
»Und warum nicht?«
»Deine Eltern!«, sagt sie. »Glaubst du, die finden das gut, wenn du mich so einfach anschleppst? Und das am Heiligen Abend?«
»Klar!«, sage ich. »Gerade am Heiligen Abend!«
»Sicher?«
Sie schaut skeptisch.
»Ganz sicher!«, sage ich. »Komm, lass uns gehen, bevor wir erfroren sind!«
Und ich denke an die Weihnachtsgeschichte, die mein Vater am Heiligen Abend immer vorliest: Kein Platz in der Herberge…
Genau!
Und wir haben Platz.
4. SZENE
19.00 Uhr/Vor dem Haus
»Bist du wirklich sicher?« Mary guckt ängstlich. Wie ein kleines Mädchen.
»Völlig sicher!«, sage ich.
Und spüre die Angst im Nacken. Meine Eltern werden einen Anfall kriegen. Ein Mädchen von der Straße! Und die auch genauso aussieht… wie man sich die vorstellt! Bunt und abgerissen.
Meine Mutter würde sagen »verwahrlost«! Sie wird mich wahrscheinlich rausschmeißen. Die hält so eine wie Mary nicht aus. Und am Heiligen Abend schon gar nicht!
Aber ich hab keine Wahl. Ich kann Mary doch nicht einfach draußen in der Kälte erfrieren lassen..
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder meine Eltern finden das jetzt gut. Oder eben nicht…
Ich drücke den Klingelknopf. Einmal und noch einmal. Meine Mutter reißt die Tür auf.
Ihr Gesicht ist verheult. Sie fällt mir um den Hals. Dann sieht sie Mary. Und der Schrecken steht in ihrem Gesicht.
»Bloß keine Panik, Mama! Das ist meine Überraschung!«
5. SZENE
20.00 Uhr/Im Wohnzimmer
Endlich ist er da! Der Heilige Abend.
Aus der Küche köstlicher Bratenduft. Auf dem Dreispitzenbaum die brennenden Kerzen aus Bienen¬wachs. Die Weihnachtspyramide dreht sich. Die Räuchermännchen verbreiten eindeutige Düfte: Weihrauch und Fichte. Meine Mutter platziert den Notenständer. Sie holt ihre Geige. Ich hole meine Flöte.
Mein Vater setzt sich ans Klavier.
Und dann – wie jedes Jahr – Weihnachtslieder.
»Alle Jahre wieder!«
Mary hat eine total schöne Stimme. Sie sollte Sängerin werden!
Dann liest mein Vater die Weihnachtsgeschichte…
Bei der Stelle «und es war kein Platz in der Herberge« schaut er meine Mutter an. Die lächelt inzwischen ganz entspannt.
Dann serviert sie den knusprigen Gänsebraten… Wie jedes Jahr. Nur dass in diesem Jahr die wunderbar zarte Gänsebrust vom Biobauern Löwenzahn fehlt.
Und Anton… Der sich wohl nicht reintraut…
Und doch… gerade hab ich was gehört. Ein vorsichtiges Miauen vor der Tür.
»Mach ihm auf, Klara!«, sagt meine Mutter.
Sie legt Mary den saftigen Bollen auf den Teller. Den ersten. Den sie eigentlich am liebsten selber isst. Der zweite Bollen ist für Papa. Ich esse in diesem Jahr die Flügel. Weil Anton sich über meine zarte Gänsebrust hergemacht hat.
„Frohe Weihnachten!« sagt meine Mutter.
Sie strahlt. Der Stress ist auf und davon. Die Anfälle sind verschwunden.
Völlig entspannt säbelt sie an der knusprigen Gänsehaut. Sie lächelt Maiy an. Und sagt: »Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk! Dass Sie unsere Klara gefunden und hergebracht haben. Danke. Tausend Dank!«
Ich spüre einen leichten Tritt gegen mein Schienbein. Das war Marys Fuß. Sie grinst mich an.
Ich verstecke mein Lachen hinter der Serviette. Und bin sehr zufrieden mit diesem Weihnachtsfest. Mehr als zufrieden. Das ist das beste, das ich bisher hatte.
«Danke, Mary!«, sage ich.
Brita Groiß; Gudrun Likar
Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender
Wien: Ueberreuter, 2001